Tom wartete auf den Peitschenschlag, doch nichts geschah. Ein Raunen fuhr durch die Menschenmenge. Tom öffnete die Augen. Alle starrten den Mann mit der Peitsche an. Statt der Lederpeitsche hielt er auf einmal eine sich windende Schlange mit grünen Schuppen in der Hand. Die Schlange rollte sich auf und zischte ihm ins Gesicht. Die Augen des Mannes waren vor Angst geweitet. Er schrie auf und ließ die Schlange fallen, die sich sofort aufrichtete und ihre gespaltene Zunge verärgert vor- und zurückschnellen ließ. Erschrocken wich die Menge vor ihren spitzen Zähnen zurück.
„Der Junge ist ein Hexer!“, schrie jemand.
„Lasst ihn gehen, sonst tötet er uns alle!“, rief ein anderer.
Tom war noch immer benommen und sein Kopf schmerzte. „Wie konnte sich die Peitsche so plötzlich in eine Schlange verwandeln?“, fragte er sich. Die Menschen liefen nun panisch in alle Richtungen davon und verschwanden in den Straßen, die von dem Platz wegführten. Tom blieb mit Elenna, Storm und Silver zurück.
Da entdeckte er Aduros Zauberlehrling, der sich durch die aufgeregte Menge kämpfte. „Marc!“, rief Tom und atmete erleichtert auf.
Er setzte sich auf und bemerkte, dass seine Handfessel verschwunden war. Auch Elenna war nicht mehr gefesselt. Sie führte Storm und Silver lächelnd zu Marc. „Es ist so schön, dich zu sehen! Warst du es, der die Peitsche in eine Schlange verwandelt hat?“
Marc nickte und erwiderte ihr Lächeln. „Ich habe mir auch erlaubt, euch von den lästigen Fesseln zu befreien“, grinste er. Dann streckte er eine Hand nach der Schlange aus, die immer noch zischend und sich windend auf dem Boden lag, und flüsterte ein einzelnes Wort. Ihre grünen Schuppen nahmen nun eine braune Farbe an und die Schlange wurde ganz steif. Im nächsten Moment hatte sie sich in einen langen Holzstab verwandelt. Er flog direkt in Marcs Hände.
„Vielen Dank für deine Hilfe“, sagte Tom und stand auf. Der Schlag auf den Kopf hatte seine bisherigen Kopfschmerzen hundertfach verstärkt und er hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten.
„Das sind keine guten Voraussetzungen für einen Kampf mit einem Biest“, dachte Tom, als er humpelnd auf Marc zukam. Elenna stützte ihn.
„Kayonias schwärzeste Stunde hat begonnen“, erklärte Marc jetzt ernst. „Chaos herrscht in der Stadt. Königin Romaine ist in ihrem Schloss gefangen und wird von Wespen belagert. Ich kann sie noch für eine Weile beschützen, aber Vespix, die Wespenkönigin, wird Meaton bald erobert haben, wenn ihr beide nichts dagegen unternehmt!“
Dank der Worte des Zauberlehrlings rauschte eine neue Welle der Energie durch Tom und er fasste neuen Mut. „Auf was warten wir dann noch?“, rief er entschlossen und straffte die Schultern. „Auf zum Schloss!“
„Dort entlang geht es am schnellsten“, sagte Marc und deutete auf eine breite Straße, die auf der gegenüberliegenden Seite vom Platz wegführte. „Ich werde vorgehen und sehen, was ich tun kann, um euch zu unterstützen.“
Ein helles blaues Licht flammte um den Zauberlehrling auf und als es verschwand, war auch er nicht mehr da.
„Beeilen wir uns“, sagte Tom zu Elenna. „Solange Blut in meinen Adern fließt, werde ich kämpfen, um Kayonia zu retten!“
Sie stiegen auf Storms Rücken und galoppierten die Straße entlang. Silver rannte ihnen hinterher. Tom bemerkte Menschen, die sie durch geschlossene Fensterläden beobachteten, aber niemand versuchte, sie aufzuhalten. Er vermutete, dass die Leute zu verängstigt waren, um erneut auf die Straße zu gehen.
Hie und da summten kleine Wespen zwischen den Häusern herum.
Schließlich führte die Straße auf einen zweiten, größeren Platz. Er war vollkommen leer. Auf einer Seite standen einige verlassene Marktstände. Auf dem Pflaster lag Abfall, der von der leichten Brise hin und her gefegt wurde.
Die Türme des Schlosses ragten über dem Platz empor und hoben sich gegen den lilafarbenen Himmel ab. Die Sonne begann schon wieder zu sinken.
„Das habe ich erwartet“, murmelte Tom und Wut kochte in ihm hoch. „Ausgerechnet dann, wenn wir das Tageslicht dringend brauchen!“
Sie erreichten den Schlossgraben, als die Sonne hinter dem Horizont verschwand. Mondlicht schimmerte jetzt auf dem Wasser.
Die Tore standen offen und von Palastwachen war weit und breit nichts zu sehen.
Als Tom seinen Hengst über die Zugbrücke lenkte, leuchtete auf der Wehrmauer ein dumpfes Licht auf.
„Das ist eine Fackel!“, rief Elenna.
Immer mehr Fackeln flammten nun nacheinander auf, bis schließlich das ganze Schloss in das flackernde Licht des Feuers getaucht war.
„Das war bestimmt Marc“, sagte Tom. „Jetzt sehen wir genug, um gegen das Biest kämpfen zu können.“
Sie stiegen ab und sahen sich um. Das warme Licht der Fackeln brannte auf ihren Gesichtern.
Die Luft war von einem ohrenbetäubenden Summen erfüllt und Tom sah sich suchend um. „Sieh mal, da oben!“, rief Elenna plötzlich. Sie deutete zum höchsten Turm hoch.
Tom keuchte erschrocken auf. Er hatte in seinem ganzen Leben noch nie so viele Wespen gesehen! Sie umkreisten den Turm und hüllten ihn mit Zweigen, Blättern und Lehm ein.
„Was machen sie da?“, wunderte sich Tom.
Da trat Marc aus dem Schatten eines Eingangs heraus auf sie zu. „Sie bauen ein Nest“, antwortete er.
„Aber … es ist riesig!“, rief Elenna mit vor Erstaunen geweiteten Augen.
„Die Wespenkönigin ist sehr mächtig und hat viele treue Helfer“, erklärte Marc beunruhigt. „Die Wespen arbeiten unermüdlich. In ihrem Nest halten sie Königin Romaine gefangen. Ich habe sie mit einem magischen Schutzschild umgeben, damit die Wespen ihr nichts tun können. Doch nun kann sie nicht aus dem Turm hinaus. Sie sitzt in der Falle.“
Durch ein paar Löcher hindurch konnte Tom nun den Schatten der Königin erkennen, die mit ihrem Stab versuchte, die Wand des Nests aufzubrechen, um sich zu befreien. Doch es waren einfach zu viele Wespen. Sie flogen mit Lehm und Blättern herbei und reparierten die offenen Stellen sofort wieder. Obwohl ihn beim Anblick der Wespen ein Schaudern erfasste, konnte Tom nicht anders, als ihre Geschicklichkeit zu bewundern.
„Die Königin wird nicht mehr lange gefangen sein“, schwor er und ballte die Fäuste. „Das Nest wird zerstört werden, dafür sorge ich!“
„Aber wie sollen wir das machen?“, fragte Elenna. „Sie werden uns angreifen, sobald sie uns bemerken.“
„Ich kann einen Schutzschild herbeizaubern, der euch vor ihren Stichen schützt, bis ihr im Schloss und bei der Königin seid“, sagte Marc. „Das Volk braucht sie. Ihr beide seid ihre einzige Hoffnung. Ihr müsst euch beeilen!“
„Vielleicht sollten wir besser zuerst gegen Vespix kämpfen“, schlug Elenna vor. „Es wird leichter sein, die Königin zu befreien, wenn wir das Biest besiegt haben.“
Tom dachte einen Moment lang nach, dann schüttelte er den Kopf. „Ich kann die Königin nicht länger dieser Gefahr aussetzen“, entschied er und blickte zu dem gigantischen Nest hoch. „Das Biest muss warten.“