Als Tom und Elenna sich vorsichtig dem Eingangstor näherten, ertönte plötzlich eine Stimme von weit oben aus dem Turm. „Wenn du glaubst, dass ich kampflos aufgebe, dann irrst du dich, Vespix! Es kann nur eine Königin in Kayonia geben! So leicht wirst du mich nicht besiegen. Ich werde nicht ruhen bis mein Volk sicher vor dir ist!“
Tom sah zum Turm hoch, wo die Wespen Königin Romaine in ihrem Nest gefangen gehalten hatten.
Doch jetzt, da der Schwarm durch den Rauch betäubt war, konnte die Königin die Wände des Nests unbehelligt zerstören. Zweige und Lehm flogen in den Schlossgraben und immer mehr Löcher entstanden. Doch Romaine hatte sich noch nicht vollständig befreit, als die Riesenwespe mit glühenden Augen aus der Halle gesaust kam.
Tom schwang sein Schwert. „Komm her!“, schrie er. „Ich bin bereit!“
Das Biest raste auf Tom und Elenna zu. Schnell wichen sie der Riesenwespe aus und rannten in verschiedene Richtungen. Vespix wirbelte herum und verfolgte schließlich Elenna. Ihre Flügel schwirrten bedrohlich und machten einen ohrenbetäubenden Lärm, der Tom erschaudern ließ.
Angst erfasste ihn, als er sah, wie schnell das Biest war. Mit seinen messerscharfen Klauen holte es nach Elenna aus und der spitze Stachel leuchtete bedrohlich.
„Wie soll ich sie nur besiegen?“, fragte sich Tom.
Elenna duckte sich immer wieder unter Vespix hinweg. Mit ihrem Schwert hieb sie von unten gegen den Bauch des Biests. Die Wespenkönigin kreischte wütend und zuckte zurück.
Tom griff sie gleichzeitig von hinten an und schlug nach einer von Vespix’ Klauen. Aber die Wespenkönigin wich Tom und Elenna immer wieder geschickt aus. Dann wirbelte sie in der Luft herum und richtete ihren tödlichen Stachel direkt auf Tom. „Das Biest muss doch eine Schwäche haben“, überlegte Tom. Er sprang aus dem Weg und verlor beinahe das Gleichgewicht, als die kräftigen Flügel gegen seinen Schild rauschten.
Die Flügel …
Tom wusste, dass die Wespenkönigin im Vorteil war, weil sie fliegen konnte. „Wenn ich ihre Flügel abschneiden könnte …“
Aber er wusste nicht, wie er sich den Flügeln nähern sollte, solange sie über ihm in der Luft schwebte. Sie achtete darauf, Tom und Elenna nicht den Rücken zuzukehren und nutzte ihre Arme wie Adlerklauen.
Noch immer fielen Reste des Nests von oben herunter. Königin Romaine kämpfte sich weiter ins Freie. Einige der Zweige trafen auch Vespix, doch sie schüttelte sie einfach ab. Mit blitzenden Augen stürzte sie sich auf Tom und Elenna und ihr ganzer Körper bebte dabei. Tom duckte sich in einen schmalen Gang zwischen der Schlossmauer und einem Marktstand und zog Elenna mit sich.
„Das wird so nichts“, sagte Elenna keuchend. „Sie ist zu stark! Wir müssen ihre Schwachstelle finden, wenn wir sie besiegen wollen.“
Einen Moment lang konnte Tom keinen klaren Gedanken fassen. Er hörte, wie Vespix gegen den Marktstand donnerte und ihr Brummen sich wieder zu einem hohen Surren steigerte. Unter ihrem Gewicht würde der Stand bald einstürzen.
Vorsichtig linste Tom unter seinem Schild hervor und plötzlich fiel ihm etwas ein. Hoffnung erfüllte ihn.
„Vielleicht gibt es doch eine Möglichkeit …“
„Kannst du das Biest ablenken?“, fragte er seine Freundin.
„Ich versuche es“, antwortete sie.
„Locke sie an die Stelle unterhalb des Turmfensters“, sagte Tom und deutete zu Königin Romaine hoch. Es fielen nun keine Neststücke mehr herunter.
„Konnte sich die Königin schon befreien?“, überlegte Tom. Aber er hatte keine Zeit, länger darüber nachzudenken. „Also los!“, sagte er zu Elenna.
Seine Freundin sprang hinter dem Marktstand hervor und die Riesenwespe stürzte sich sofort auf sie. Elenna rollte sich zur Seite ab, stand flink wieder auf und rannte zum Turm.
Tatsächlich gelang es Elenna, die Wespenkönigin abzulenken. Tom eilte schnell zurück ins Schloss und rannte zu einer Wendeltreppe, die nach oben führte.
„Die muss zum Nordturm führen“, dachte er.
Immer weiter stieg er die Treppe hinauf. Plötzlich glänzte im Dunkeln eine Waffe vor ihm auf. Die Klinge schnitt durch die Luft und Tom hatte kaum Zeit, den Angriff mit seinem Schwert abzuwehren. Metall klirrte gegen Metall und er taumelte zurück. Jetzt sah er den Umriss des Angreifers. In einer Hand hielt er einen knöchernen Stab und in der anderen ein Schwert.
„Wartet!“, keuchte Tom. „Ich bin hier, um zu helfen.“
Der Angreifer trat einen Schritt zurück und im Fackelschein erkannte Tom Königin Romaine von Kayonia. Ihr Gesicht war blass, aber entschlossen und ihr kupferfarbenes Haar fiel ihr über die Schultern. Sie starrte ihn misstrauisch an.
„Wer bist du?“, fragte sie. „Und was machst du in meinem Schloss?“
„Majestät, ich bin ein Freund aus Avantia“, erklärte Tom schnell. „Ich bin gekommen, um Euch zu helfen und Velmal für immer aus Kayonia zu vertreiben!“
„Dann bist du der Held, auf den wir gewartet haben“, sagte die Königin und senkte ihr Schwert. „Ich muss mich jetzt um mein Volk kümmern. Die Menschen fürchten sich. Als ihre Königin muss ich ihnen neue Hoffnung geben. Wer du auch bist, junger Krieger, und was du auch vorhast, ich wünsche dir Glück.“
„Danke“, erwiderte Tom beeindruckt vom Mut der Königin. „Ich verspreche Euch, dass ich nicht ruhen werde, bis das Biest besiegt ist!“
Plötzlich hörte Tom wieder das laute Wespensummen, das immer näher zu kommen schien. Zuerst dachte er, Vespix sei ihm in den Turm gefolgt, aber dann bemerkte er, dass das Geräusch aus allen Richtungen gleichzeitig kam. „Oh, nein!“, rief er entsetzt. „Die Wespen sind aufgewacht!“
Königin Romaine steckte ihr Schwert ein und nahm eine Fackel von der Wand. Sie drängte sich an Tom vorbei die Treppe hinunter. Kurz warf sie ihm noch einen Blick zu. „Ich werde meine Leute mit Fackeln und Rauch umherschicken, um die Wespen zu bändigen. Um das Biest musst du dich kümmern.“
Tom sah der Königin nach, wie sie eilig die Treppe hinunterlief. „Keine Sorge!“, rief er. „Solange Blut in meinen Adern fließt, wird die Wespenkönigin nicht siegen!“