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Himmelskampf

Tom stieg die Treppe hoch, bis er den Raum in der Turmspitze erreichte. Zwischen Lehm, Zweigen und Blättern lagen viele tote Wespen auf dem Boden verstreut.

Tom rannte zum Fenster und quetschte sich hindurch. Er stellte sich auf den schmalen Fenstersims und sah nach unten. Von hier oben sahen der Graben und die Zugbrücke winzig aus. Die Dächer der Stadt breiteten sich in alle Richtungen aus.

Elenna war auf Storms Rücken gestiegen und ritt mit ihm am Ende der Zugbrücke auf und ab. Das Biest verfolgte sie. Vespix flog dicht über dem Boden und holte mit ihren Armen und ihrem Stachel immer wieder nach Elenna aus. Doch das Mädchen wich geschickt aus und hieb immer wieder mit ihrem Schwert nach der Wespenkönigin. Silver raste hinter Vespix her und schnappte nach ihr. Bevor das Biest ihn jedoch mit seinen Klauen erwischen konnte, sprang er schnell zur Seite.

Angst stieg in Tom auf, als er den Wespenschwarm sah, der sich um Elenna sammelte. Sie selbst schien ihn noch nicht bemerkt zu haben. „Sie kann nicht allein gegen das Biest und die Wespen kämpfen!“, dachte Tom. Er wusste, dass er schnell handeln musste, wenn er seiner Freundin helfen wollte.

Tom sah Königin Romaine, die mit einer Fackel in der Hand auf den großen Platz lief. Es war an der Zeit. Er holte tief Luft und hielt seinen Schild über den Kopf. Dann sprang er in die Tiefe. Sein Magen zog sich zusammen, während er in die Tiefe stürzte. Dann bremste Arctas’ Feder seinen Sturz. Sanft schwebte er nun zu der Riesenwespe hinab, die immer noch hinter Elenna herjagte.

Tom hielt den Schild etwas schief und segelte mit dem Wind direkt über ihr. Vespix bemerkte ihn erst, als er mit einem dumpfen Aufschlag auf ihrem Rücken landete. Sie krümmte sich und versuchte, Tom abzuschütteln. Tom schlang die Hände um ihren Hals und war entschlossen, nicht loszulassen. Kurz sah er Elenna, die staunend zu ihm hochstarrte. Da bemerkte sie den Wespenschwarm, der sie einzuhüllen drohte.

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„Pass auf die Wespen auf!“, rief Tom. „Ich erledige das Biest!“ Tom umklammerte sie noch fester, als die Wespenkönigin sich in die Lüfte erhob. Sie wand und schüttelte sich, um ihren Gegner loszuwerden.

„Nur zu“, dachte er. „Flieg nur immer höher, dann wird dein Fall umso tiefer sein.“

Sie stiegen immer weiter nach oben, bis sie wieder an dem Turmfenster vorbeikamen, aus dem Tom gesprungen war. Sie überquerten die Wehrmauer und Vespix versuchte, Tom an den Zinnen abzustreifen. Er biss die Zähne zusammen, als er hart gegen die Steinmauer krachte, aber er hielt sich eisern fest.

Die Wespenkönigin flog in Kreisen immer höher über das Schloss hinaus. Von hier oben sah der Schlossgraben aus wie ein leuchtendes Band, weil er von den Fackeln in orangefarbenes Licht getaucht wurde. Aber Tom hatte keine Zeit, die Aussicht zu genießen. Die Riesenwespe überschlug sich auf einmal und Tom presste die Beine ganz fest an ihren Körper, um nicht abzurutschen. „So leicht wirst du mich nicht los!“, schrie er über das Dröhnen ihrer Flügel hinweg. In seinem Kopf rauschte es, als Schloss und Himmel wirbelnd an ihm vorbeizogen.

Vespix richtete sich wieder auf. Unten auf dem Platz wehrte Elenna, klein wie eine Spielzeugfigur, mit ihrem Schwert den Wespenschwarm ab. Marc war ihr zu Hilfe gekommen und sprach mit ausgestreckten Armen Zaubersprüche, um die Wespen in Schach zu halten.

Vom Schlosstor aus gab Königin Romaine ihren Untertanen Anweisungen. Überall wurden Türen aufgestoßen und Menschen kamen aus den Häusern gerannt. Die Königin befahl ihnen, sich Fackeln zu holen und damit die Wespen abzuwehren.

Toms Herz klopfte vor Aufregung. „Das Blatt wendet sich! Wir werden gewinnen!“

Während er sich mit der einen Hand festhielt, zog Tom mit der anderen sein Schwert. Mit aller Kraft schlug er auf Vespix’ Flügel ein. Obwohl sie sehr dünn aussahen, waren sie hart wie altes Leder. Die Wespenkönigin krümmte sich vor Schmerz, aber sie konnte Tom nicht abwehren. Sie zielte mit ihrem Stachel nach ihm und machte dabei den Rücken ganz rund. Aus dem Stachel tropfte immer noch dickflüssiges gelbes Gift, doch Tom wich ihren Angriffen geschickt aus.

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Hieb um Hieb krachte sein Schwert auf die Flügel der Wespenkönigin. Als sich das Flügelpaar auf der rechten Seite löste, torkelte Vespix heftig zur Seite und der riesige Flügel segelte auf den Platz hinunter.

Mit zusammengebissenen Zähnen hackte Tom auf das zweite Flügelpaar ein. Vespix summte nun nicht mehr so laut und versuchte ein letztes Mal, ihn abzuschütteln. Als das Biest auch die anderen beiden Flügel verlor, schrie es vor Wut auf, während es senkrecht in die Tiefe stürzte.

Tom spürte die Luft, die im Sturz an ihm vorbeirauschte.

„Das ist das Ende der Wespenkönigin!“