image

Freya in Gefahr

Tom sprang vom Rücken der Riesenwespe und hielt seinen Schild mit Arctas’ Feder über den Kopf, um seinen Fall abzubremsen. Vespix stürzte in den Schlossgraben und eine hohe Wasserfontäne spritzte auf. Im selben Augenblick fielen auch all die Wespen, die immer noch wild um Elenna kreisten, zu Boden. Tom landete sicher neben dem Schlossgraben auf dem Pflaster.

„Hoffentlich verschwindet das Biest für immer“, murmelte er, als die Wespenkönigin in den Tiefen des Wassers unterging.

Alles, was von Vespix geblieben war, war der leuchtend grüne Stachel, der nun auf dem Wasser trieb. Elenna kniete sich hin und fischte ihn aus dem Graben. Grinsend lief sie auf Tom zu. Der Stachel war so lang wie ihr Schwert und sah ebenso gefährlich aus. Silver hüpfte um ihre Füße und Storm trottete hinter ihnen her.

„Gut, dass du vorhin aufgetaucht bist“, sagte sie. „Ich war nicht sicher, wie lange ich Vespix noch hätte abwehren können.“

„Lange genug“, antwortete Tom. „Du hast wirklich fabelhaft mit dem Schwert gekämpft.“

Elenna wirbelte das Schwert durch die Luft und lächelte. „Ich glaube, ich behalte es, wenn du mir versprichst, mir ein paar Tricks zu zeigen.“

„Na klar, gerne“, erwiderte Tom. „Sobald wir wieder –“

Ein böses Lachen ertönte und unterbrach ihn. Elenna und Tom erstarrten beim Klang des allzu vertrauten Geräusches.

Sie sahen nach oben. Eine große Gestalt stand auf dem Schlossturm zwischen den Überresten des Wespennests. Velmal! Der böse Magier war von einer magischen Wolke aus rotem Licht umgeben.

„Du bist besiegt!“, rief Tom. „Kayonia ist von deinem Fluch befreit!“

„Besiegt?“, schrie Velmal. „Von dir? Du hast vielleicht meine Biester besiegt, aber vergisst du nicht etwas?“

Der Zauberer breitete die Arme aus und darin erschien Freya. Schlapp baumelten ihre Beine und Arme herab. Ihr Gesicht war Tom zugewandt. Sie war totenbleich und ihre Augen waren geschlossen.

„Mutter!“, stöhnte Tom erschrocken und Wut stieg in ihm auf.

Velmal grinste boshaft. „Wenn du dich so sehr nach deiner Mutter sehnst, kannst du sie gerne haben …“

Velmals Gestalt begann plötzlich zu schimmern und zu verblassen, bis er ganz verschwand. Doch nun hielt Freya nichts mehr fest und sie stürzte in die Tiefe, direkt auf den Schlossgraben zu.

„Nein!“, schrie Tom. Panik erfasste ihn. Er sprintete los, aber er war zu weit weg, um seine Mutter auffangen zu können.

Kurz bevor sie ins Wasser fiel, hüllte eine blaue Lichtkugel ihren Körper ein und ließ sie in der Luft schweben. Tom sah Marc, aus dessen Fingerspitzen das blaue Licht strömte. Er murmelte einen Zauberspruch und bewegte Freya vorsichtig auf Tom und Elenna zu. Sanft legte er sie auf dem Boden ab. Tom fiel neben ihr auf die Knie und nahm sie in seine Arme.

image

Elenna beugte sich zu Tom hinunter. „Wie geht es ihr?“, fragte sie besorgt.

Tom betrachtete das Gesicht seiner Mutter. Freyas Augen waren geschlossen. Sie lag schwer in seinen Armen und auch als Tom sie sanft schüttelte, wachte sie nicht auf. Tom gefror das Blut in den Adern als er bemerkte, dass sie nicht mehr atmete.

„Nein! Du darfst nicht tot sein!“, rief Tom heiser. „Bitte, sei nicht tot!“

Er konnte nicht glauben, dass seine Mission so enden würde! Er war durch zwei Königreiche gereist und hatte sich allen Kämpfen mit Velmals Biestern gestellt. Er hatte sie besiegt und alle Zutaten für den Heiltrank gesammelt und das alles, um seine Mutter zu retten. Freya durfte einfach nicht sterben. Nicht jetzt, so kurz vor ihrer Rettung.

„Wach auf“, bettelte Tom leise. „Bitte, wach auf …“

Marc trat zu ihnen. Auch er sah nun schwach aus, denn die Zaubersprüche hatten ihn viel Kraft gekostet.

„Ist meine Mutter tot?“, fragte Tom mit bebender Stimme. „Können wir denn gar nichts tun?“

Marc betrachtete Freya traurig. „Ich werde mein Bestes geben“, sagte er. „Aber niemand weiß, wie tief Velmals Zauber sie verletzt hat.“

Vor Anstrengung stöhnend breitete Marc die Arme aus und aus dem Nichts tauchte ein großer Eisenkessel auf. In ihm lagen die Zutaten, die Tom in Kayonia gesammelt hatte: der Saft des Schwarzen Kaktus, der Jadering, der rote Edelstein, die Kette aus Sumpfgras und die weiße Blume.

„Hier ist Vespix’ Stachel“, sagte Elenna und reichte ihn Marc.

Der Zauberlehrling legte ihn in den Kessel, dann murmelte er einen Zauberspruch in einer seltsamen Sprache, die Tom nicht verstand.

Blauer Dampf stieg aus dem Kessel auf und Tom blickte hinein. Die Zutaten waren verschwunden. Stattdessen blubberte eine blaue Flüssigkeit darin. Blasen stiegen an die Oberfläche und zerplatzten.

Die Flüssigkeit begann zu schäumen und überzulaufen. Der blaue Dampf wurde violett. Marc machte kreisende Bewegungen mit der Hand und der Dampf schwebte zu Freya hinüber. Er drang in ihre Nase und legte sich auf ihre Haut.

Tom sah gespannt und ängstlich zugleich zu. Doch nichts passierte. Der Heiltrank wirkte nicht! Tränen stiegen ihm in die Augen. Seine letzte Hoffnung war dahin. Seine Mutter war tot!

Da zitterten plötzlich Freyas Augenlider. Tom holte scharf Luft. Er konnte kaum glauben, was er sah. „Mutter?“, flüsterte er.

Freya öffnete die Augen. Farbe kehrte in ihre blassen Wangen zurück. Einen Moment später setzte sie sich langsam auf und lächelte ihn schwach an. „Mein Sohn …“, wisperte sie.

image