Es gab unzählige Fragen, die Tom ihr stellen wollte. Woher kommst du? Wie hast du meinen Vater kennengelernt? Wieso hast du Avantia verlassen?
Aber es gab nur eine Frage, die im Moment zählte. „Mutter, geht es dir gut?“
Freya lächelte. „Ja, denn ich bin geheilt. Das alles habe ich dir zu verdanken, mein Sohn. Du hast mich gerettet!“
Königin Romaine kam mit einer Fackel und ihrem Stab in der anderen Hand zu ihnen. Tom stand auf. Dann half er auch Freya auf die Beine und stützte sie. Beide verneigten sich vor der Königin.
„Gut gemacht“, sagte Romaine und nickte Tom zu. „Ich danke dir, tapferer Krieger. Du und deine Freunde, ihr habt mein Königreich gerettet. Ich stehe für immer tief in eurer Schuld!“
„Ich habe nur getan, was ich tun musste, Eure Majestät“, erwiderte Tom.
„Ich habe noch eine letzte Bitte“, sagte Königin Romaine. „Das Volk wartet auf meine Ansprache und ich möchte, dass ihr mich begleitet. Alle sollen die Helden von Kayonia sehen!“
Tom und Elenna folgten der Königin über die Zugbrücke ins Schloss hinein. Sie führte sie eine Treppe hinauf zu einem Balkon. Zusammen mit Marc und Freya stellten sie sich hinter Romaine auf. Sie trat an das Geländer und wandte sich an die Menschen, die sich bereits auf dem großen Platz versammelt hatten.
Silver hechelte leise. „Sei schön brav“, sagte Elenna zu ihm und legte ihre Hand auf seinen Kopf.
„Volk von Kayonia!“, begann Königin Romaine. „Unser Königreich hat schwere Zeiten durchlebt. Ich weiß, dass manche von euch mir die Schuld dafür geben. Aber ich versichere euch, dass allein der böse Magier Velmal dieses Unheil über uns gebracht hat. Doch mithilfe unserer Freunde aus Avantia haben wir ihn besiegt.“
Die Königin trat zur Seite und deutete auf Tom, Elenna und Marc. Die Menschenmenge brach in Jubelschreie aus. Tom wurde rot und verbeugte sich schüchtern.
Königin Romaine hob die Hand und der Jubel verstummte langsam. „Wir stehen nun vor der Aufgabe, unser Königreich wieder aufzubauen“, verkündete sie. „Niemand, der sich in diesen schweren Zeiten gegen mich gewandt hat, soll dafür bestraft werden. Ihr wurdet geblendet und getäuscht, doch nun kennt ihr die Wahrheit. Zusammen werden wir Kayonia zu neuer Größe führen und es wird stärker sein als je zuvor.“
Die Worte der Königin beeindruckten Tom. Wie König Hugo von Avantia war sie eine weise Herrscherin. Er war sicher, dass sich Kayonia unter ihrer Führung bald erholen würde. Und er war froh, dass er nun endlich nach Hause gehen –
Plötzlich wurde ihm sein Schild von der Schulter gerissen. „Was …?“, begann er überrascht, als seine Mutter den Schild herumschwang.
Bevor Tom reagieren konnte, warf sich Freya vor ihn, hielt den Schild schützend hoch und wehrte damit einen roten Feuerball ab.
„Das ist dunkle Magie!“, rief Marc.
Tom, Elenna und Freya beugten sich über den Balkon und sahen zur Menschenmenge hinunter. Eine Gestalt mit Kapuze stand in der Mitte. Die Leute wichen entsetzt vor ihr zurück.
„Velmal!“, zischte Tom.
Der böse Zauberer schob die Kapuze vom Kopf und grinste fies zu ihnen hoch. „Habt ihr wirklich geglaubt, ihr könnt mich besiegen?“, rief er. „Denkt lieber noch mal nach!“
Er hob seinen Stab, um einen weiteren unheilvollen Zauber auszusprechen. Tom zog sein Schwert, doch Freya nahm es ihm ab. „Nein!“, sagte sie. „Das ist mein Kampf!“
Mit Toms Schild und Schwert bewaffnet, sprang Freya vom Balkon. Geschmeidig wie eine Katze landete sie nur wenige Schritte von Velmal entfernt. Der Zauberer schleuderte ihr einen weiteren Feuerball entgegen, aber sie wehrte ihn geschickt mit dem Schild ab.
Tom hielt das Balkongeländer umklammert und blickte nach unten. Er wagte kaum hinzusehen, aber gleichzeitig konnte er die Augen nicht von seiner Mutter abwenden.
„Ich bin es, der gegen Velmal kämpfen sollte“, murmelte er. „Warum muss sich meine Mutter schon wieder in Gefahr begeben? Sie darf nicht sterben. Wir haben uns doch gerade erst gefunden.“
Elenna legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm. „Sie schafft das schon. Sie muss Velmal für das, was er ihr angetan hat, bestrafen.“
Die Bürger von Meaton drängten sich am Rande des Platzes. Sie jubelten Freya zu, die nun vor Velmal stand. Das magische rote Licht des Zauberers wurde schwächer und verschwand langsam, als ob er erschöpft sei. Er schwang seinen Stab, aber Freya zerschlug ihn mit Toms Schwert und er zersplitterte in tausend Stücke.
Das Grinsen verschwand aus Velmals Gesicht. Der Zauberer wich vor Freya zurück, aber sie folgte ihm entschlossen und holte mit Toms Schwert aus.
Die Klinge traf Velmal mit voller Wucht und er sank zu Boden. Aus seiner Kehle drang ein ersticktes Röcheln und eine Sekunde später explodierte der böse Magier in Tausende rote Funken, die wie ein Feuerwerk in den Himmel zischten.
Tom stieß einen Jubelschrei aus, der von den Menschen auf dem Platz erwidert wurde. „Sie hat es geschafft!“, rief Tom. „Velmal ist für immer besiegt!“
Die Leute umringten Freya und hoben sie auf ihre Schultern. Tom sah stolz zu, wie seine Mutter in einem Triumphzug zum Schloss getragen wurde.
„Es ist vorbei“, seufzte Elenna glücklich. „Jetzt können wir endlich nach Hause gehen!“
Tom fasste sie an der Schulter. „Endlich!“, stimmte er erleichtert zu. „Ich habe mich manchmal schon gefragt, ob wir Avantia jemals wiedersehen werden.“
Am nächsten Morgen standen Tom, Elenna, Marc und Freya in der großen Halle des Schlosses. Tom hielt Storm am Zügel und Silver stand artig neben Elenna.
Am Abend zuvor hatte Königin Romaine ein großes Fest mit Musik und Tanz veranstaltet, um den Sieg über Velmal zu feiern. Endlich hatte Tom Zeit gehabt, sich mit seiner Mutter zu unterhalten. Ihr alle Fragen zu stellen und ihr von seinen Missionen zu erzählen.
Jetzt war die Halle leer. Marc hatte eine magische Pforte aus schimmerndem blauem Licht gezaubert. Durch sie konnte Tom bereits die grünen Hügel und den blauen Himmel von Avantia sehen. Große Sehnsucht nach seiner Heimat packte ihn und er warf Elenna ein glückliches Lächeln zu.
„Ich kann es kaum erwarten, die anderen wiederzusehen“, sagte Elenna. „König Hugo und Zauberer Aduro, deinen Vater, deinen Onkel und deine Tante.“
Bevor Tom etwas erwidern konnte, trat Königin Romaine vor. „Kayonia steht für immer in eurer Schuld“, sagte sie. „Verlangt, was ihr wollt, und ihr werdet es bekommen.“
Tom verbeugte sich und sein Herz schwoll an vor Dankbarkeit. „Vielen Dank, Eure Majestät“, antwortete er. „Aber ich habe alles, was ich mir wünsche. Meine Mutter ist gesund und wir können gemeinsam nach Hause zurückkehren.“
Er tauschte einen Blick mit Freya aus, deren Augen strahlten und ihn liebevoll ansahen.
„Dann sage ich euch auf Wiedersehen“, verabschiedete sich Königin Romaine. „Sollte Avantia jemals Hilfe brauchen, kann es auf Kayonia zählen.“
„Auf Wiedersehen, Majestät.“ Tom verbeugte sich ein letztes Mal, dann führte er Storm zu dem magischen Portal. Elenna war mit Silver an seiner Seite. Hinter ihm gingen Freya und Marc.
Das blaue Licht hüllte sie vollständig ein und bildete einen Tunnel. Bald würden sie zu Hause sein!
Es war eine Ewigkeit her, seit Tom über die vertrauten Straßen von Avantia gelaufen war. Er hatte mit so vielen Biestern gekämpft und so viele Missionen erfüllt.
„Doch dieses Mal kehre ich mit meiner Mutter heim“, dachte er froh. „Die ganze Familie wird wieder vereint sein, zum ersten Mal in meinem Leben.“
Das Schloss von König Hugo erschien am Ende des magischen blauen Tunnels. Tom ging schneller, als er die vertrauten Mauern und Türme sah. Er konnte es kaum erwarten, endlich wieder nach Hause zu kommen.
Doch bevor sie das Tunnelende erreicht hatten, blieb Elenna plötzlich stehen. „Das Schloss sieht irgendwie … anders aus.“ Ihre Stimme klang besorgt.
Tom starrte die Zinnen und Türme an. Zuerst konnte er nicht erkennen, was Elenna meinte. Dann fiel sein Blick auf die Spitze des höchsten Turms.
„Ich sehe es!“, sagte er. „Warum weht eine schwarze Fahne über König Hugos Schloss?“
Er starrte die schwarze Flagge an, die im Wind flatterte und holte tief Luft. „Was ist geschehen, seit wir Avantia verlassen haben?“