Der Weg hinauf war nur spärlich beleuchtet, und Luc war wirklich keiner Menschenseele begegnet, die ganzen zwanzig Minuten steiler Treppen und aufgeweichter Wege bis hier herauf.
Der baskische Polizist war ein Genie. Niemand würde sie unentdeckt verfolgen oder belauschen können, weil sie von der Plattform unter der riesigen Jesusstatue einen freien Blick auf den einzigen Zugang zum Berg hätten, auf der anderen Seite war nur der Abhang hinunter zum offenen Meer. Ein Park auf einem Berg mitten in einer Stadt – San Sebastián war einfach einmalig.
Er sah den Basken sofort, er stand rauchend am Geländer und blickte in die Dunkelheit.
»Dreiundsechzig Minuten, na, ich will mal nicht so sein«, sagte er, kaum dass Luc hinter ihm stand. Umständlich fischte der französische Commissaire die Zigarettenpackung aus seiner Hosentasche. Udaletxea gab ihm Feuer und schirmte die Flamme mit seiner Hand ab. Unten knallten immer noch die Wellen an die Mauern, doch es war nur der weiße Schaum, vom Mond beleuchtet, der von hier oben zu sehen war.
»Was haben Sie am Arm?«, fragte er.
»Kleiner Unfall auf dem Meer«, sagte Luc und atmete den Rauch aus.
»Tut weh?«
»Kann man sagen.«
»Los, Monsieur Verlain, spannen Sie mich nicht auf die Folter: Warum ist die gesamte Polizei des französischen Südwestens hinter Ihnen her – und warum haben Sie dann nichts Besseres zu tun, als hier in Bars nach einer Frau und einem Kind rumzufragen?«
Nun war es an Luc, etwas aus der Innentasche seiner Jacke zu ziehen. Der Baske entfaltete das Papier sorgfältig und las sehr genau, alle zehn Sekunden sah Luc die Kippe aufglühen, die in seinem Mund steckte.
»Dios mio«, sagte er, als er geendet hatte, »Ihre Tochter.«
»Und ich hatte keine Ahnung davon. Gar keine.«
»Nun, Sie werden wohl mit dieser Madame Poulain geschlafen haben, da passiert derlei …«
Luc fühlte sich für einen Moment ertappt.
»Hat Sie Ihnen den Brief geschickt?«
Luc betrachtete das Gesicht im Schatten mit ernster Miene. »Nein, es ist eine Aneinanderreihung von Dingen, mit denen ich hierhergelockt wurde. Es begann vor einem Jahr, als ich mich ins Aquitaine habe versetzen lassen. Ich habe vorher in Paris gearbeitet, wissen Sie? Aber mein Vater, er ist schwer krank, und ich wollte für ihn da sein. Als ich gerade meinen ersten Fall gelöst hatte, kam eine Karte. Eine Ansichtskarte … aus San Sebastián.«
»Eine Postkarte?«
»Ja, jemand gratulierte mir zu dem gelösten Fall. Jemand, der die Handschrift hatte, mit der auch dieser Brief geschrieben wurde.«
»Aber das war nur der erste Streich …«
»Ja, meine Freundin und Partnerin in Bordeaux, sie hat auch so eine Karte bekommen.«
»Mit einem Gruß?«
»Nein, der Verfasser hat sie davor gewarnt, sich mit mir einzulassen. Ich sei ein unehrlicher Betrüger, schrieb er. Ein Mann, der es mit den Gesetzen nicht so ernst nehme.«
»Sie sind sich sicher, dass es ein Mann ist?«
Luc nickte stumm.
»Wenig später ist jemand in meine Cabane eingebrochen, genauer gesagt in die Holzhütte meines Vaters in einem kleinen Strandort an der Küste. Es wurde nichts gestohlen außer Zigaretten … und einer Haarbürste.«
Der Baske betrachtete den Brief in seiner Hand.
»Es war Ihre Haarbürste. Und mit den Haaren darauf hat der Verfasser dann diesen Vaterschaftstest durchführen lassen.«
»Wenn es nicht so ernst wäre, würde ich Ihnen jetzt zu Ihren kriminalistischen Fertigkeiten gratulieren.«
»Sie sind und bleiben ein Franzose.«
»Im Ernst: Haben Sie eine Idee, wo die beiden stecken?«
»Oh ja, das habe ich.«
Der Mann sah aufs Meer, und erst wirkte es, als schaute er ziellos in die Dunkelheit, doch dann bemerkte Luc, dass seine Augen ein Ziel fixierten.
»Sagen Sie es mir«, sagte er drängend und trat einen Schritt auf den Polizisten zu.
Der drehte sich abrupt zu ihm um, und jetzt erst fiel Luc auf, wie groß und massiv dieser Mann war. Seine Miene hatte sich verändert, sie war nun misstrauisch, wie von einer alten inneren Kraft getrieben.
»Ich kann das nicht, Monsieur Verlain.« Er schwieg einen Moment, in dem Luc sich zur Ruhe mahnte. »Wenn alles stimmt, was Sie sagen, dann können Sie das nicht verstehen, weil Sie persönlich betroffen sind, aber glauben Sie mir: Ich bin auch persönlich betroffen. Ich würde Ihnen das alles gerne glauben, diese ganze Räuberpistole. Aber als Polizist im Baskenland fehlt mir vor allem eines: Vertrauen. Vertrauen in jegliche Obrigkeit – ob sie nun eine Trikolore oder rot-gelbe Streifen trägt. Hören Sie, ich werde das überprüfen. Ich werde alles überprüfen, was Sie mir erzählt haben. Vielleicht sind Sie das letzte Puzzleteil, das mir gefehlt hat, um jemanden für immer dort verschwinden zu lassen, wo er hingehört. Ich sehe an Ihrem Blick, dass Sie nicht warten können, weil Sie ein Getriebener sind, aber Sie werden warten müssen. Bis morgen Abend. Ich treffe Sie um neun, da ist es in der Altstadt am belebtesten. Wir treffen uns im A Fuego Negro. Wenn Sie da sind, werden Sie verstehen, warum dort.«
Luc entschied, dass es keinen Sinn ergab, diesen prinzipientreuen und erfahrenen Mann zu drängen.
»Gut. Lassen Sie mich Ihnen noch ein Detail erzählen.«
Der Baske sah auf die Uhr.
»Machen Sie schnell.«
»Wir haben viele Drogenpakete im Aquitaine gefunden, sie wurden an die Strände gespült, bis heute fast eine Tonne. Ein Junge ist ins Koma gefallen, weil er von dem Kokain probiert hat, ein kleiner Junge. Der Verfasser der Briefe hat geschrieben, dass ihm Lucien, so heißt der Kleine, leidtue.«
Der Baske nickte. »Ja, die Geschichte könnte passen. Obwohl ich nicht glauben kann, dass es ihm leidtut, wenn es der ist, um den sich hier alles dreht. Bis morgen, Monsieur Verlain.«
Er wandte sich um und schlug den Pfad ein, der den Berg hinabführte.
Luc rief ihm nach und hoffte, dass seine Stimme nicht zu weit trug. »Commissaire?«
Der Mann blieb stehen.
»Ich sage Ihnen noch zwei Namen. Gilen Etxeberria. Er ist mein Kollege – und er ist ein Freund geworden. Ich denke, Sie kennen ihn.«
»Ich kenne ihn gut«, sagte der Baske leise. »Und der andere Name?«
»Ich habe den Mann, den Sie sehr wahrscheinlich meinen, heute Nacht auf einem Boot gesehen. Einem Boot, das für Drogentransporte genutzt wird. Ich kenne diesen Mann schon lange. Er heißt …«
Als Luc den Namen genannt hatte, glaubte er zu erkennen, dass der Baske leicht nickte. Dann verschwand er endgültig in der Dunkelheit.