Kapitel Vier

Derek blickte grinsend auf, als Jason endlich zum Abendessen erschien. Sein Körper hatte sich beruhigt, aber seine Gedanken rasten noch immer vor Versuchung.

„Da bist du ja, Mann. Ich dachte schon, dass Remy dich um die Ecke gebracht und deine Leiche irgendwo verscharrt hat.“

Jasons Augen richteten sich unwillkürlich und ohne sein bewusstes Zutun auf Remy. Remy grinste belustigt. „Hört sich verlockend an, aber ich bin zu langweilig, um jemanden zu ermorden.“

Scheinbar war er noch immer aufgebracht darüber, angeblich langweilig zu sein  – ein Wort, das Jason nicht einmal benutzt hatte. Interessant.

„Nun ja, diese Art von Mord, von der ihr sprecht, setzt Vorsatz voraus“, sagte Courtney. Jason erinnerte sich daran, dass sie als Anwaltsgehilfin arbeitete. „Vielleicht ist es ein Verbrechen aus Leidenschaft.“

Alle lachten. „Ich kann verstehen, warum du sie magst, Derek“, bemerkte Remy.

„Na ja, sie ist schon in Ordnung“, sagte Derek, aber seine Augen funkelten, als sie ihn auf die Schulter boxte.

„Na, vielen Dank auch“, erwiderte sie mit einem Lachen. „Ich fühle mich so geehrt.“

Er hielt ihrem Blick stand. „Du weißt, dass du etwas ganz Besonderes bist, sonst wärst du nicht hier.“

Sie lehnte sich zu ihm hinüber und küsste ihn auf die Wange.

„Oooohh“, krähte Marjory Wells verzückt. „Sind sie nicht niedlich?“

„Mom“, stöhnte Derek, während Courtney die Röte in die porzellanfarbenen Wangen stieg. „Bitte blamier mich nicht.“

„Dann halte dich eben mit dem Süßholzraspeln zurück“, schlug Jason vor. „Einige von uns versuchen zu essen. Bäh.“

Derek zeigte ihm den Mittelfinger und Marjory schimpfte. „Derek, muss das denn sein –“

„Nur so lernt er es, Mom“, sagte Derek und Remy lachte. „Habe ich recht?“, fragte Derek, der nach Bestätigung suchte.

Remy warf Jason einen amüsierten Blick zu. „Ja, ich glaube, da hast du recht, Derek. JJ braucht hin und wieder mal einen Klaps mit einer zusammengerollten Zeitung auf die Nase.“

„Hey, hey“, sagte er. „Zwing mich nicht, in dein Bett zu pinkeln.“

„Wenn du das machst, wirst du den morgigen Tag nicht erleben.“

„Warum nennt er dich JJ?“, fragte Courtney.

Jason zog eine Grimasse. „Ist bloß ein alter Spitzname.“

Remy grinste. „Das sind seine Initialen. Er hasst seinen zweiten Vornamen, also nenne ich ihn netterweise JJ, anstelle von Jason J–

Jason gab ein lautes, summendes Geräusch von sich. „Nee, nee, nee. Verletze nicht mein Vertrauen.“ Er sah Remy mit seinem besten, treuen Hundeblick an.

Remy zögerte. Er schien zu überlegen. Nach ein paar Sekunden grunzte er und rollte mit den Augen. „Na gut, JJ. Dein Geheimnis ist bei mir in Sicherheit.“ Er zwinkerte. „Aber du benimmst dich besser.“

„Jungs“, Marjory lachte. „Sie sind alle drei zusammen aufgewachsen. Es war, als hätten wir drei Söhne im Haus, und nicht nur zwei. Sie gehen sich ständig an die Gurgel, aber in Wahrheit lieben sie sich.“

Es war schwer, Remy danach anzusehen. Jason konzentrierte sich auf die dampfende, bis zum Rand gefüllte Schale mit Nudelsuppe, die vor ihm stand. Es entfuhr ihm ein zufriedenes Stöhnen, so toll schmeckte sie. „Das ist total lecker, Marge“, lobte er.

„Das ist Remys Lieblingsessen“, antwortete sie mit liebevoller Stimme. „Er hat das letzte Thanksgiving verpasst, weil er mit Trey bei seiner Familie zu Besuch war und … Oh, sorry. Ich hätte ihn nicht erwähnen sollen.“

Remy verzog das Gesicht und hielt die Augen fest auf sein Abendessen gerichtet, während er murmelte: „Es ist schon in Ordnung.“

Was hatte er da gehört? Benahm sich der Scheißkerl von dem Bild etwa extra scheiße? Vielleicht konnte Jason ihm anbieten, dem Mann in den Hintern zu treten. Remy verdiente nur das Allerbeste und er brauchte Trey nicht persönlich kennenzulernen, um zu wissen, dass der Typ nicht mal ansatzweise gut genug für ihn war.

„Streitet ihr Turteltäubchen euch etwa?“, fragte Jason. „Ich habe bloß angenommen, dass er die Feiertage mit seiner eigenen Familie verbringt.“

Remy schüttelte den Kopf. Als sich ihre Blicke trafen, fühlte er sich schuldig dafür, dass er Jason aufgezogen hatte. In Remys Augen konnte Jason erkennen, dass dieser verletzt war. „Es ist aus mit uns.“

Aus. Das bedeutete, dass es zwischen Remy und dem Arschloch von dem Bild vorbei war. Und es bedeutete, dass Remy Single war. Frei wie ein Vogel. Frei und bereit wie eine reife Frucht gepflückt zu werden. Wenn da jedoch nicht die Tatsache wäre, dass er immer noch Dereks Bruder war. Und ein Teil von Jasons Ersatz-Familie. Unantastbar.

Dabei würde er ihn doch so gerne anfassen.

Er biss sich auf die Lippe, um jegliche Worte zurückzuhalten, die möglicherweise herausrutschen könnten. Doch Remys Mutter tat das Gegenteil: „Du bist ohne ihn besser dran. Er hat dich ausgenutzt und dein Vertrauen missbraucht –“

„Mom.“

„Ich kann es nicht glauben, dass wir ihn in unser Haus eingeladen und ihn wie einen Teil der Familie behandelt haben“, fuhr sie fort. „Ich habe ihm sogar seine eigene Weihnachtssocke gemacht, mit einem kleinen, mit der Hand eingestickten Walross, das seine Band repräsentieren sollte.“

Jason gelang es, ein Schnaufen zurückzuhalten, aber Derek hatte sich nicht so sehr im Griff wie er. „Verdammter Idiot“, murmelte er, „mit einem bekloppten Namen für eine Band. The Whalruse ? Wer zur Hölle würde freiwillig Geld bezahlen, um die spielen zu sehen?“

„Walrosse sind süß“, sagte Courtney diplomatisch.

„Es tut mir leid, Mom. Es tut mir leid, dass ich ihn nicht sofort durchschaut habe“ flüsterte Remy fast, wobei er sich so niedergeschlagen anhörte, dass Jason seinen Mund nicht länger halten konnte und hervorstieß: „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Wenn er dich sitzengelassen hat, dann ist er ein verdammt wertloses Stück Scheiße.“

Alle am Tisch sitzenden Personen starrten ihn an und Jason spürte, wie ihm das Feuer in die Wangen schoss. Er schaufelte einen weiteren Bissen in den Mund. „Ich meine ja nur.“

„Jason hat recht, Bruderherz“, fügte Derek hinzu. „Du hast jemanden verdient, der dich besser behandelt.“

Ich würde ihn besser behandeln. Ihn zu schätzen wissen. Aber das wird nie passieren.

Remy rang sich ein Lächeln ab. „Lasst uns über etwas anderes sprechen.“

Die Unterhaltung wendete sich dem Wetter, Sport und dem Klatsch aus der Nachbarschaft zu, und Jason beobachtete Remy heimlich, während er seinen Teller leer aß. Er dachte wieder an die glatte Haut unter seinen Fingern. Remy war für einen Mann recht unbehaart, aber sein muskulöser Hintern hatte sich anders angefühlt als die weiche Zartheit, die er sonst von seinen Freundinnen gewöhnt war.

Natürlich war er nicht der erste Mann, den Jason berührt hatte, aber er hatte bisher nur flüchtige One-Night-Stands gehabt. Er hatte sich noch nie die Zeit genommen, den Körper eines Mannes ausführlich zu erkunden, und Gott, wie gerne würde er jedes Tal und jede Erhebung von Remys Körper genauer kennenlernen.

Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her, während er sich bemühte, den Gedanken daran, wie kurz davor er gewesen war, ihn zu küssen, zu unterdrücken. Remy so traurig und in sich gekehrt zu sehen, bedrückte ihn zutiefst. Er wollte ihn trösten, anstatt ihn zu ärgern. Er wollte seine Lippen mit den seinen anbeten und mit den Händen seinen Arsch massieren, aber was er noch viel mehr wollte, war ihn in den Arm zu nehmen und ihn davon zu überzeugen, dass er Besseres verdiente als seinen Ex.

Fuck. Nun da er erfahren hatte, dass Remy solo war, würde seine Anziehung zu ihm nur noch wachsen. Wie zur Hölle sollte es ihm gelingen, mit dem Kerl ein Zimmer zu teilen, ohne sich an ihn ranzumachen? Andererseits, wie konnte er überhaupt mit dem Gedanken spielen, etwas mit dem Mann anzufangen, der jahrelang ein kleiner Bruder für ihn gewesen war? Trey musste Remy betrogen haben, aber wenn Jason mit ihm ins Bett gehen sollte, dann würde er genau dasselbe mit der gesamten Familie Wells tun.

Das war etwas, das er auf keinen Fall zulassen durfte.

Es schien, als würde er sich auf ein paar harte Tage gefasst machen müssen. Das Gleiche galt für seinen Schwanz. Er würde sich heimlich in der Dusche einen runterholen müssen. Er rutschte erneut unruhig auf seinem Sitz hin und her und bemerkte, dass Remy ihn aufmerksam betrachtete. Er sah misstrauisch aus. Dachte er womöglich an Jasons Geständnis, bisexuell zu sein? Wurde ihm vielleicht langsam klar, dass es kein Scherz gewesen war?

Jason öffnete den Mund und zeigte den Inhalt halb gekauter Nudeln und Hühnchenstücke. Er machte ein nerviges ahhhh-Geräusch bis Remy eine Grimasse schnitt und in Gelächter ausbrach.

„Du bist widerlich.“

„Es ist, als habe sich nichts geändert“, sagte Marge lachend zu Courtney. „Sie werden eben nie erwachsen.“

* * *

Remy überlegte sich eine Entschuldigung, um früh zu Bett zu gehen. Er konnte die mitleidigen Blicke seiner Mutter nicht länger ertragen, genauso wenig wie die unbeholfenen Unterhaltungsversuche seines Vaters, die wiederum dessen Art waren, Mitleid zu zeigen. Aber ganz besonders Jasons Verhalten, das zwischen Faszination und Wut hin und her wechselte, verwirrte ihn. Er wusste nicht, ob Jason sauer wegen ihrer Begegnung im Flur war oder darüber, dass Remy solch einen schlechten Geschmack hatte, was Männer betraf. Mit jeder weiteren Minute, die verging, zweifelte er mehr daran, dass die Sache mit Jasons Bisexualität tatsächlich ein Scherz gewesen war. Was, wenn es wirklich der Wahrheit entsprach? Remy würde sich wie ein Arschloch fühlen, weil er ihn ausgelacht hatte. Aber es war wahrscheinlicher, dass Jason seine üblichen Spielchen mit Remys Kopf trieb. Schließlich hatte er seine Tage in der Highschool damit verbracht, ausschließlich Röcken hinterherzujagen.

Bisexuell, Remy. Das heißt, dass er sowohl auf Mädchen als auch auf Jungs steht. So schwierig ist es doch nicht zu verstehen.

Er kramte eine Luftmatratze aus dem Schrank hervor und hatte gerade damit begonnen sie aufzupumpen, als Jason in der Tür erschien. Er blieb einige Sekunden auf der Schwelle stehen und starrte Remy einen langen Moment lang an, bevor er die Tür hinter sich schloss.

Jason bückte sich zu ihm hinunter und nahm Remy die Luftpumpe aus der Hand. Ein Zittern jagte über Remys Haut, als Jasons Finger über seine hinwegstreiften. „Ich kann die Matratze selbst aufblasen.“

„Okay“, entgegnete Remy, nicht ohne dass es ihm schwerfiel. Es handelte sich um zwei Silben, die ihm nicht so schwer hätten über die Lippen kommen sollen, doch konnte er seinen Mund kaum dazu bewegen, die Worte zu formulieren. Seine Stimme klang merkwürdig, fast schon krächzend, und sein Herz klopfte zu schnell.

„Bist du okay?“, wollte Jason wissen, der versuchte, sich über das Summen der automatischen Pumpe hinweg Gehör zu verschaffen. Remy sah der Matratze dabei zu, wie sie sich langsam ausdehnte, wenn auch nur, um sich nicht auf Jasons Gesicht konzentrieren zu müssen.

„Jep.“

„Sorry wegen der Sache, die ich im Flur zu dir gesagt habe.“

Remy blickte auf. „Sprichst du von deiner Lüge, bisexuell zu sein?“

„Nein. Es tut mir leid, dass ich deinen Ex erwähnt habe. Ich wusste nicht, dass ihr Schluss gemacht habt. Und ich bin bisexuell. Das war keine Lüge.“ Jasons Augen hielten seinem Blick stand und in ihnen lag nichts als Wahrheit.

„Dann tut es mir leid, dass ich gelacht habe. Ich war fest davon überzeugt, dass du mir einen Bären aufbindest.“

Jason schlug die Augen nieder und hielt den Blick auf die Luftpumpe gerichtet. Mit schnellen Bewegungen zog er die Spitze des Schlauches heraus und beeilte sich, die Kappe des Luftventils der Matratze zu verschließen. Eine Röte stieg über seinen Hals in seine Wangen hinauf. „Ich habe lange gebraucht, es mir einzugestehen. Ich bin eben nicht so wie du.“

„Was soll das denn heißen?“, fragte Remy in scharfem Ton.

Jason ließ seine Schultern hängen und setzte sich auf. „Ich meine bloß, dass du es bereits seit deiner Jugend gewusst hast. Bei mir war das anders. Ich habe eine Weile gebraucht, bis es mir klar geworden ist. Vielleicht war es einfacher, die Verwirrung zu ignorieren, die ich beim Anblick eines Mannes verspürt habe, weil ich mich eben auch zu Mädchen hingezogen gefühlt habe.“

Remy leckte sich über die Lippen. „Und was genau fühlst du beim Anblick eines Mannes?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich finde sie eben auf eine ganz andere Art und Weise attraktiv. Frauen sind so lieb und sanft, verstehst du? Männer dagegen …“

„Ja?“, flüsterte Remy atemlos, an Jasons Lippen hängend.

„Sie sind stark und ungehemmt und werden von ihren Instinkten geleitet.“

„Von ihren Instinkten geleitet?“

„Ja, genau“, sagte er. „Sie stecken voller Kraft und Leidenschaft und sind hart zu bändigen, verstehst du, was ich meine?“

Remy schüttelte langsam mit dem Kopf. Der Sauerstoff im Raum schien sich auf einmal verflüchtigt zu haben, und er starrte den Mann an, der in seinen Jugendtagen der Stoff seiner sexuellen Fantasien gewesen war. Ein Mann, der nicht hetero und unnahbar war, wie er es immer angenommen hatte, sondern bisexuell. Er stand auf Männer. Vielleicht stand er sogar auf Remy.

Die Worte, die aus ihm hervorbrachen, schockierten ihn zutiefst: „Warum zeigst du mir nicht, was du damit meinst?“

Jason sah ruckartig auf und starrte Remy fassungslos an. Ein Zittern durchfuhr seinen Körper und er ballte die Hände zu Fäusten. „Das meinst du nicht ernst.“

Remy wurde bewusst, dass er das sehr wohl tat. Wenn sein allererster Schwarm sich nun zu Männern hingezogen fühlte, womöglich sogar zu Remy , warum sollte er sich dann nicht erlauben, ein wenig Spaß mit ihm zu haben? Treys Worte, dass er angeblich so langweilig und berechenbar war, klangen ihm noch immer im Ohr. Er würde beweisen, dass dies nicht der Wahrheit entsprach. Er konnte impulsiv sein und Risiken eingehen. „Doch, das tue ich. Warum denn nicht?“

Jason lachte und schüttelte den Kopf. „Zum Himmel, Remy. Dein Bruder würde mich dafür aufknüpfen.“

Diese Worte erstickten die Flamme von Remys Leidenschaft im Keim. Natürlich wollte Jason nichts von ihm. Der Moment im Flur, in dem Jason ihm die Hand auf den nackten Arsch gelegt hatte, hatte ihn die Realität der Situation nicht erkennen lassen. Es war eine unabsichtliche Berührung gewesen. Jason hätte mit Sicherheit den ersten Schritt getan – oder ihn zumindest weniger wie ein Arschloch behandelt – wenn er die ganzen Jahre über ebenfalls auf ihn gestanden hätte. Alles, was er jemals getan hatte, war ihn zu necken, ihn zu ärgern und ihm Streiche zu spielen. Und es handelte sich nicht um die Art von Necken, die ein Junge mit jemandem trieb, den er mochte, wie er eine Zeit lang gehofft hatte. Nein, es hatte sich eher um Kabbeleien gehandelt, die zwischen Brüdern üblich waren.

Remy rang sich den Anschein eines Lächelns ab. „Ich kann nicht für Derek sprechen, aber ich bin jetzt ein großer Junge, JJ.“

„Aber trotzdem, er ist mein bester Freund und du bist sein Bruder. Und deine Eltern –“

„Sind eben meine Eltern. Ich verstehe schon“, sagte er, obwohl er das nicht wirklich tat. Es kam ihm so vor, als benutze Jason eine fadenscheinige Entschuldigung nach der anderen. Wenn Jason ihn wirklich wollte, dann gäbe es nichts, was zwei willige Erwachsene voneinander abhalten könnte.

Er stand auf und ging zum Schrank hinüber, um daraus einen Schlafsack hervorzuziehen. Das Herz zog sich ihm in der Brust zusammen und er unterdrückte die Emotionen in dem verzweifelten Versuch, Jason nicht sehen zu lassen, wie sehr die Ablehnung schmerzte. Er hatte ihm ein bisschen unverbindlichen Spaß angeboten, nicht mehr, nicht weniger.

„Außerdem wäre es mit mir sowieso zu langweilig“, sagte Remy und schockierte sich selbst mit den unaufhaltsam aus seinem Mund strömenden Worten: „Warum solltest du deine Zeit mit jemandem verschwenden, der wie ein kleiner Bruder für dich ist, stimmt’s?“

Er drehte sich um und warf Jason den Schlafsack mit etwas zu viel Kraft zu. Jason starrte ihn überrascht mit hab geöffnetem Mund an.

„Ich habe dich nie als langweilig bezeichnet“, konterte Jason endlich.

Nein, bloß verantwortungsvoll und vernünftig. Diese beiden Adjektive waren ein klares Zeichen dafür, dass Jason ihm an die Hose wollte. Oder auch nicht.

„Was immer du sagst“, antwortete er, noch immer unverhältnismäßig wütend.

Er zog das langärmlige Shirt über den Kopf nach oben und ließ es auf den Boden neben sich fallen. Dann hakte er die Daumen in den Bund seiner Jogginghose und streifte sie hinunter. Er war sich nicht sicher, warum er sich vor dem Mann entkleidete, der ihn soeben zurückgewiesen hatte. Vielleicht musste er mit eigenen Augen sehen, dass Jason ihn nicht wollte. Oder vielleicht hoffte er auf das Gegenteil, damit er sich nach einer Zurückweisung zu viel wieder sexy in seiner Haut fühlen konnte. Er wusste, dass er einen schönen Körper hatte, und er war normalerweise selbstbewusster, aber die Trennung und die Vergangenheit, die er mit Jason teilte, hatten ihn wieder zurück in die unsicheren Teenager-Jahre katapultiert.

Er zog die Hose herunter und ließ sie zu Boden fallen. „Ich schlafe ohne Kleidung. Hoffe, das macht dir nichts aus.“

Jasons Augen hafteten fest auf ihm und seine Blicke wanderten über jeden Zentimeter seines Körpers. Remy stand bloß da und erlaubte ihm sich sattzusehen, während er der Versuchung standhielt, zum Bett zu eilen und sich unter der Decke zu verstecken. Die Tatsache, dass sein Schwanz unter Jasons intensivem Starren halb stramm stand, war peinlich. Es wäre ihm lieber gewesen, den Eindruck zu erwecken, dass Jason ihn kaltließ. Aber zu sehen, wie Jason sich die Lippen leckte und sein Adamsapfel dabei auf- und ab wippte, sorgte dafür, dass er sich verletzlich fühlte.

„Du bist tätowiert“, sagte Jason überrascht.

Remy kicherte. „Ja.“

Ein Tribal-Motiv schlang sich um seinen rechten Bizeps. Genau genommen handelte es sich dabei um eine dumme Entscheidung, die er in College-Zeiten getroffen hatte, und er hatte keine Ahnung, wofür das Zeichen stand, falls es überhaupt irgendeine Bedeutung hatte. Auf seiner linken Brust befand sich ein weiteres Tattoo eines großen Kompasses, den er sich nach seinem Collegeabschluss hatte stechen lassen, um seine Verbindung zu seiner Familie zu ehren. Anstelle der Zeichen für die vier Himmelsrichtungen war der Kompass mit den Buchstaben H, O, M, E geschmückt. In seiner Mitte standen in kleiner, schwungvoller Schrift die Namen seiner Eltern und seines Bruders und sogar die Initialen JJ.

„Das ist sexy“, sagte Jason. „Du bist sexy. Aber wenn du dir erhoffst, mich zu verführen –“

Remy lachte schallend. Verführen war ein Wort, das er mit Jungfrauen aus dem Mittelalter in Verbindung brachte, und nicht mit muskelbepackten Feuerwehrmännern.

„Verführen klingt aber gar nicht nach dem verantwortungsvollen und vernünftigen Typen, für den du mich hältst, JJ. Ich glaube, du irrst dich.“

Er stieg über die Luftmatratze hinweg und kam Jason dabei so nahe, dass seine nackte Hüfte Jasons von seinem T-Shirt bedeckte Schulter streifte. Er legte sich auf das Bett und warf Jason ein nicht benötigtes Kissen zu. „Schlaf gut.“

„Natürlich“, murmelte Jason, während er den Schlafsack mit mehr Schwung als nötig ausrollte. „Er schläft nackt. War ja klar.“ Jason lachte glucksend in sich hinein. „Als ob ich dagegen eine Chance hätte.“