Am nächsten Morgen kletterte Remy aus dem Bett, während es draußen noch dunkel war. Jason lag flach auf dem Rücken und schnarchte. Der Bastard hatte es nicht sonderlich bereut, Remy zurückgewiesen zu haben. Er war binnen fünf Minuten eingeschlafen, nachdem er in den Schlafsack geschlüpft war, anstatt Remys Angebot, sich an einem warmen Körper zu wärmen, anzunehmen.
Er schlich auf leichten Sohlen im Zimmer hin und her und suchte sich seine Kleidung und Waschsachen zusammen, ohne das Licht einzuschalten. Das Letzte, was er wollte, war Jason nun gegenübertreten zu müssen. Er konnte es noch immer nicht glauben, dass er sich ihm derart angebiedert hatte. Sofort nachdem du erfahren hast, dass er nicht hetero ist, da hast du dich ihm an den Hals geworfen. Erbärmlich.
Remy wusch sich, zog sich ein Paar Skinny-Jeans und einen gemütlichen, weinroten Pullover an und gesellte sich zu seiner Mutter in die Küche.
„Kann ich dir irgendwie behilflich sein?“
Sie lächelte strahlend. „Hey, Frühaufsteher! Du bist doch normalerweise meine Schlafmütze.“
Das setzte jedoch voraus, dass er überhaupt geschlafen hätte. Remy hatte aber in der Nacht kein Auge zu gemacht. Er lächelte. „Habe ich mir als Frühaufsteher vielleicht eine Truthahn-Keule verdient?“
Sie lachte und überreichte ihm einen Sack Kartoffeln. „Dann fang an zu schälen, wenn du unbedingt helfen willst. Ich habe den Vogel bereits in den Ofen geschoben.“
„Na, da liegst du ja gut in der Zeit“, sagte Remy.
„Darauf kannst du wetten. Das wird das beste Thanksgiving aller Zeiten werden. Wir haben all unsere Jungs schon seit wie vielen Jahren nicht mehr zusammen hier gehabt? Zwei? Nicht zu sprechen von all den Cousins und Cousinen, die heute ebenfalls kommen werden!“
„Seit drei Jahren“, verbesserte Remy sie automatisch.
Drei Jahre waren vergangen, seit er und Jason sich zusammen im selben Raum wiedergefunden hatten. Jason hatte eine Feuerwehrausbildung gemacht und Remy war aufs College gegangen, und bei den Besuchen zwischen ihren eigenen Verpflichtungen hatten sie sich irgendwie immer gegenseitig verpasst. Dennoch hatte diese nervige Flamme trotz all der Zeit und der zwischen ihnen liegenden Distanz immer weitergebrannt. Seine erste Schwärmerei ließ sich einfach nicht auslöschen. Vielleicht war Jasons Zurückweisung zu seinem Besten und Remy konnte endlich mit seinen lästigen romantischen Gefühlen für den Freund seines Bruders abschließen.
„Es ist eine Schande“, sagte seine Mutter und warf ihm einen scharfen, prüfenden Blick zu. „Ich weiß, dass zwischen Jason und dir eine Art Hassliebe herrscht, aber hast du gemerkt, wie er gestern Abend zu deiner Verteidigung gekommen ist? Vielleicht solltet ihr euch aussprechen und das Kriegsbeil vergraben.“
Remy schnaubte. „Mom, ich glaube kaum, dass Jason und ich jemals Frieden schließen werden. Dann wüssten wir ja gar nicht, wie wir miteinander umgehen sollten.“
„Mmh hmm“, sagte sie. „Wie dem auch sei, ich bin bloß froh, euch alle hier zu haben, auch wenn ihr euch hin und wieder in die Haare bekommt.“
Remy lachte glucksend. „Da hast du recht.“
Unter der Spüle fand er eine Schüssel, die er mit den Kartoffeln füllte, dann griff er nach einer Bürste und begann damit, eine nach der anderen damit abzubürsten. Er zögerte. Was er gestern erfahren hatte, wollte ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen.
„Du weißt aber schon, dass ich JJ mag, richtig? Er ist ein Teil unserer Familie, auch wenn wir nicht immer gut miteinander klarkommen. Dad hat mir von der Sache mit seiner Mutter erzählt, und ich hatte keine Ahnung, dass die Situation mit ihr sich derart verschlimmert hat. Manchmal denke ich, dass ihr mich nicht auf dem Laufenden haltet, was ihn betrifft, weil ihr denkt, dass ich ihn nicht leiden kann. Das stimmt nicht. Es ist bloß … Er ist so … Und ich will …“ Er verstummte und hielt hilflos seine Hand in die Höhe.
Seine Mutter lachte. „Wir wissen, dass er dich wahnsinnig macht, Remy. Der Kerl hat schon immer gewusst, wie er dich auf die Palme bringen kann. Ich glaube manchmal, dass er das absichtlich tut, bloß um deine Reaktion zu sehen. Dir ist es noch nie gelungen, deine Gefühle zu verbergen, so wie andere es können.“
„Ja.“
Er öffnete eine Schublade und wühlte darin herum, um einen Kartoffelschäler zu finden. Es mangelte ihm so sehr an Geschicklichkeit, dass er sich beim Schälen mit einem Messer mindestens einen Finger abhacken würde. Außerdem war das Herumwühlen in der Besteckschublade ein willkommenes Ablenkungsmanöver. Denn seine Mutter hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, es fiel ihm tatsächlich unglaublich schwer, seine Gefühle zu verstecken.
Sie legte ihm die Hand auf den Arm und zog den Kartoffelschäler hervor. „Es tut mir leid, dass es mit dir und Trey nicht geklappt hat. Ich sehe dir an, wie verletzt du bist, und es tut mir weh, dich so zu sehen.“
„Mom, das haben wir gestern Abend bereits durchgekaut. Das ist bereits Geschichte.“ Remy setzte den Schäler an der Kartoffel an und ließ mit schnellen, gezielten Bewegungen seine Frustration daran aus. „Ich bin ohne ihn besser dran. Ich werde jemanden finden, der mich so liebt, wie ich bin. Bla, bla, bla.“
„Du glaubst etwa nicht, dass das stimmt?“, fragte sie.
Er hielt inne und warf ihr einen Blick zu. „Ich weiß es nicht. Im Moment fühlt es sich zumindest nicht so an.“
Vor allem weil Jasons Zurückweisung noch immer so frisch in seinem Gedächtnis war. Jedoch schien es klüger zu sein, sie in dem Glauben zu lassen, dass er wegen seiner Trennung mit Trey traurig war. Lieber würde er sterben, als zuzugeben, dass Jason seine Gefühle verletzt hatte.
* * *
Jason hatte gehofft, an diesem Morgen die Wogen mit Remy etwas zu glätten, aber das jüngste Mitglied der Familie Wells ging ihm auf Schritt und Tritt aus dem Weg. Er fühlte sich zu einer unmöglichen Wahl gezwungen: Entweder Remy abzulehnen und den Zorn des Mannes zu ertragen, oder sich mit ihm einzulassen und den gesamten Rest der Familie zu enttäuschen.
Wenn man es rein aus der Zahlenperspektive betrachtete, war die Antwort offensichtlich. Ein wütendes Familienmitglied war besser als mehrere. Er wollte es nicht riskieren, seine Ersatz-Familie zu verlieren. Wen hatte er schon ohne die Wells-Familie? Seinen Vater, der nur seine Arbeit im Kopf hatte? Oder seine verwirrte, alkoholabhängige Mutter? Er musste sich viel öfter um sie kümmern als andersherum. Wenn er seine Ersatzfamilie verlieren würde, dann wäre das ein furchtbarer Schlag für ihn.
Aber das Problem mit reiner Logik anzugehen, fiel ihm fürchterlich schwer. Remys Arsch sah dafür einfach zu gut aus in den Skinny-Jeans, die er mit seinem Pulli kombiniert hatte. Verdammt, wie sollte er dem bloß widerstehen? Jason hatte bereits von ihm geträumt, bevor er sich überhaupt seiner Bisexualität bewusst gewesen war. Er war der Grund, warum Jason damit begonnen hatte, seine Sexualität infrage zu stellen. Es erschien ihm als nicht richtig, die magnetische Anziehungskraft zwischen ihnen nicht weiter zu erforschen. Sie machten einander oft ganz schön die Hölle heiß. Was war, wenn all diese negative Energie in sexuelle Energie umgewandelt werden konnte? Das würde phänomenaler Sex bedeuten.
„Jason, sei ein Schatz und schneide den Truthahn für mich“, rief Marge von der Küche aus, wobei sie sich bemühte, den Lärm der spielenden Kinder zu übertönen. Weitere Familienmitglieder waren am späten Morgen im Blockhaus eingefallen, und die Atmosphäre summte mit eifrigen Gesprächen und lautem Gelächter. Es war eine willkommene Abwechslung vom sterilen Zuhause seiner Eltern.
Jason schlängelte sich durch den engen, mit zu vielen Körpern gefüllten Raum. Derek saß mit Courtney auf dem Schoss auf einem Hocker in der Ecke. Anstatt sich nützlich zu machen, stahl er Oliven von einem Vorspeisenteller, mit denen er seine Freundin fütterte.
„Olive you “, sagte er in säuselndem Ton. Kichernd schnappte sie mit dem Mund nach einer Olive aus seiner Hand.
Marge stand über dem Ofen gebeugt in der Küche und zog ihren berühmten Süßkartoffelauflauf heraus, der mit braunem Zucker und Pekannüssen bestreut war. Lecker.
Die riesige Ofenform mit dem Truthahn stand oben auf dem Herd, also wartete Jason, bis sie ihm den Weg freimachte, damit er beginnen konnte. Offenbar war ihr ältester Sohn zu sehr damit beschäftigt, mit seiner Freundin zu flirten, um zu helfen.
Remy stand in der Nähe der Spüle, direkt gegenüber dem Herd, und schnitt Gemüse klein für einen gemischten Salat. Zum ersten Mal an diesem Tag gelang es Jason, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und er verdrehte die Augen über Dereks Verhalten.
„Okay, ich bin dir nicht länger im Weg“, sagte Marge fröhlich. „Der Vogel gehört ganz dir.“
Jason machte sich an die Arbeit. Mit der gezackten Klinge des großen Tranchiermessers schnitt er den Truthahn mühselig in Stücke. Während des Schneidens erinnerte er sich daran, mit welch erbärmlichen Resultat Derek letztes Jahr diese Aufgabe erledigt hatte. Vielleicht hatte sie ihn deshalb absichtlich nicht um Hilfe gebeten.
„Kann ich Ihnen mit etwas behilflich sein, Mrs. Wells?“, fragte Courtney etwas verspätet.
Marge scheuchte sie mit einer Handbewegung davon. „Amüsiert ihr euch nur, ihr zwei Turteltauben. Sobald Jason mit dem Tranchieren fertig ist, werden wir den Truthahn auf einer Platte anrichten und zum Tisch bringen.“
Jason tat einen Schritt nach rechts und erstarrte, als ihm etwas über den Hintern strich. Er sah über die Schulter zurück und sein Blick fiel auf Remy, der es ihm gleichtat. In der kleinen Küche war nicht genügend Platz, sodass zwei erwachsene Männer ungestört Seite an Seite arbeiten konnten. Man stieß unweigerlich miteinander zusammen, ohne es zu wollen.
„Ich weiß, dass du meinem Arsch nicht widerstehen kannst“, neckte Jason ihn, „aber wie wäre es, wenn du mich warnst, bevor du vor Publikum mit mir auf Tuchfühlung gehst.“
Remys Wangen färbten sich niedlicherweise in ein an Kirschen erinnerndes Rot, während Derek und Courtney kicherten.
„Sorry“, murmelte er und machte ihm Platz. Das Feuer vom vorherigen Tag schien heute zu fehlen. Wo waren die sarkastischen Antworten oder scharfzüngigen Kommentare, die er ihm gewöhnlich an den Kopf warf? Diese Version von Remy glich dem unsicheren Teenager von damals und hatte nichts mit dem selbstbewussten, sexy Mann von gestern Abend gemein.
Jason hatte den Sex verweigert, weil er sich dem Rest der Familie gegenüber dazu verpflichtet gefühlt hatte. Aber es war schwer mit anzusehen, wie Remy sich deswegen nun ihm gegenüber verschloss. Mit der Absicht, Remy aus der Reserve zu locken, näherte er sich dem anderen Mann, indem er sich zu ihm beugte.
„Dein Arsch ist auch nicht zu verachten“, murmelte er in sein Ohr.
Remys Kopf schnellte nach oben. Mit weit aufgerissenen Augen sagte er: „Ähm, danke?“ Er leckte sich über die Lippen und erweckte den Eindruck, um seine Fassung zu ringen. Seine Augen verengten sich und Jason beobachtete, wie etwas von seinem üblichen Feuer in seinen Augen aufflammte. „Nicht, dass du mir das sagen müsstet. In dieser Hinsicht kriege ich genügend Komplimente.“
„Daran habe ich keine Zweifel“, zog Jason ihn auf.
Er begab sich wieder auf seinen Platz vor dem Herd, wobei er einen kurzen Blick auf Courtney erhaschte, die ihn mit einem wissenden Lächeln betrachtete. Jason ignorierte sie und widerstand der Versuchung, Dereks Gesichtsausdruck abzuwägen. Selbst wenn Courtney vermutete, dass er auf Remy stand, so kannte sie sie beide nicht gut genug, um es mit Sicherheit zu wissen. Und er hatte keine Absicht, Öl auf dieses Feuer zu gießen. Er wollte sich nicht einmal vorstellen, was für eine Katastrophe sich abspielen würde, sollte Derek sich darüber klar werden, dass Jason auf seinen kleinen Bruder stand.
* * *
Ganz wie immer herrschte um die dampfenden Schüsseln und Servierteller herum absolutes Chaos. Der Tisch war ausgezogen und dadurch für das Festmahl verlängert worden. Da das Blockhaus nicht gerade groß war, nahm der Tisch den gesamten Platz von einer Wand zur anderen ein, und die bunt zusammengewürfelten Stühle fanden kaum genügend Platz darum. Klappstühle aus Metall waren herangeschafft worden, um die sechs zum Tisch gehörenden Stühle zu ergänzen, und sogar ein kleiner Schaukelstuhl war an eines der Tischenden gestellt worden.
Marge verbrachte ihre Zeit damit, ihre Söhne – und Jason – hin- und herzuscheuchen und ihnen verständlich zu machen, wo sie die einzelnen Gerichte absetzen sollten. Wie ein General, der über seine Truppen herrschte, hatte sie sich eine genaue Kampfstrategie bereitgelegt und es war klar, dass sie Ungehorsam nicht tolerierte. Zwischendurch klopfte sie auf ungezogene Finger, die versuchten Oliven oder kleine Gürkchen zu erhaschen, bevor sich die Hauptspeisen überhaupt auf dem Tisch befanden.
„Du wirst dir den Appetit verderben!“, schimpfte sie, wobei sie jedoch ein Lächeln auf den Lippen hatte. Marge war bei Familienzusammenkünften ganz in ihrem Element. Als weibliches Familienoberhaupt liebte sie es, ihre Familie alle unter einem Dach zu wissen. Nicht nur ihre eigenen Kinder, sondern auch entferntere Familienmitglieder kamen jedes Jahr in dem kleinen Blockhaus zusammen, und alle waren willkommen. Falls sie keinen Schlafplatz hatten, fand Marge ihnen einen, selbst wenn es ein kleiner Fleck auf dem Wohnzimmerfußboden war.
Eine dieser Nichten, Teresa, war von der nicht allzu weit entfernten Northwestern University mit ihrem ‚Freund‘ Bryce angereist. In der vorherigen Nacht hatten sie beide auf der Couch geschlafen: Einer oben im Wohnzimmer und der andere unten in dem kleinen Aufenthaltsraum im Keller. Und außerdem war Remys und Dereks Cousin Nathan mit seiner Frau Tanya zum Thanksgiving-Dinner eingetroffen, in Begleitung ihrer drei Kinder: Kara, 14, Joey, 12, und Carrie, 9. Jason hatte sie noch nie zuvor getroffen. Sie waren erst vor Kurzem von Florida nach Missouri umgezogen und die Wells waren ihre engsten Familienangehörigen in der Gegend.
Kara benahm sich bereits wie eine von den Erwachsenen. Höflich begrüßte sie Familienangehörige, die ihr völlig fremd waren, und sie versuchte außerdem, ihre jüngeren Geschwister davon abzuhalten, zu sehr über die Stränge zu schlagen. Auffälliger Nagellack glitzerte auf ihren Nägeln und ihre Lippen glänzten vom Lipgloss. Zu Jasons Belustigung fiel ihm auf, dass sie den Blick kaum von Remy nehmen konnte.
Remy hatte seinen Morgen in der Küche verbracht und seiner Mutter beim Zubereiten des Essens geholfen. Infolgedessen waren seine Haare durch die Feuchtigkeit lockig geworden und seine Wangen waren von der Hitze gerötet. Mit anderen Worten: Er war ein wandelnder, feuchter Traum für einen bisexuellen Mann, der schon immer etwas für ihn übrig gehabt hatte.
„Mann, ich bin so hungrig, ich könnte ein ganzes Pferd verdrücken“, meinte Derek, während er sich eine Gurke schnappte, sobald seine Mutter ihm den Rücken zudrehte.
„Ich melde mich als erster für die Truthahnschenkel an“, sagte Jason mit einem breiten Grinsen. Er stieß Derek in die Seite. „Lass mal ein paar Cracker und ein paar Käsestücke rüberwachsen, sonst gehe ich vor Hunger noch ein!“
Derek streckte die Hand aus, woraufhin Courtney ihr sogleich einen Klaps verpasste. „Hör auf deine Mama, Junge!“
Jason lachte, während Derek seine Freundin entgeistert anblickte. „Das war ja nicht einmal für mich! Mein Gott, Mädel, jetzt hast du aber ganz schön Arsch in der Hose.“
„Du willst mir damit hoffentlich nicht sagen, dass mein Hintern zu dick ist.“
„Ähm …“
Jason kamen vor Lachen die Tränen und er hielt die Hand zu einem High Five in die Höhe, worauf Courtney ihn nicht lange warten ließ. „Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Tag einmal erleben würde. Du hast ihn echt gut trainiert.“
Derek warf ihm einen finsteren Blick zu. „Oh, ha ha. Ich bin doch kein Hund. Dieser Mann hier lässt sich nicht so ohne Weiteres an die Leine legen.“
Jason beugte sich zu ihr hinüber, damit er Courtney gespielt laut etwas zuflüstern konnte: „Triff mich um Mitternacht draußen an der Feuerstelle. Ich werde dir alle von Dereks schmutzigen Geheimnissen offenbaren. Offensichtlich wird er etwas mehr Gehorsamkeitstraining brauchen.“
„Das lässt du besser bleiben“, knurrte Derek.
Ein spitzer Schrei des Protests unterbrach ihr Geplänkel. Courtney lachte glucksend. „Schau mal, die Kleine zeigt ihrem Bruder ganz schön, wo’s langgeht.“
Jason sah in die Richtung ihres Blickes auf die zwei jüngeren Geschwister, die auf dem Boden miteinander rangen. Das kleinere Mädchen benutzte ihre Knie, um die Arme ihres Bruders damit auf den Boden zu drücken, während sie auf seinem Bauch saß. Sie hüpfte auf und ab, während er sich bemühte, sie von sich zu stoßen.
„Hey, hey, so geht das nicht ihr zwei!“, rief Jason, als er das Mädchen von ihrem älteren Bruder herunterhob. „Das ist nicht in Ordnung.“
Remy ging mit einer abgedeckten Auflaufform an ihnen vorbei und warf ihm einen düsteren Blick zu. „Erinnert dich das nicht an alte Zeiten?“
„Häh?“
Remy ignorierte ihn und stellte den schweren Behälter auf dem Tisch ab, bevor er ohne zu antworten wieder in der Küche verschwand. Jason sah zu Derek hinüber, der grinste.
„Erinnerst du dich noch an den Zwischenfall, als du dich auf Remy gesetzt und ihn gekitzelt hast, bis er kotzen musste?“
Oh Scheiße. Das hatte er wohl verdrängt. Er sah auf die beiden noch immer streitenden Kinder hinunter, wobei er einen Stich der Reue verspürte. Remy hatte sich bereits ein ganzes Leben lang mit Jasons Folter herumärgern müssen. Tatsächlich war es ein Wunder, dass Remy sich überhaupt sexuell zu Jason hingezogen fühlte.
Es war jedoch ein verdammt heißer Gedanke, diesen zornigen jungen Mann ins Bett zu kriegen. Nicht, dass er das tun würde. Die Wells waren Jason viel zu wichtig, als dass er seine Beziehung mit ihnen zugunsten einer schnellen Nummer riskieren würde. Aber verdammt noch mal, der Sex würde fantastisch sein. Dessen war er sich sicher.
„Lasst uns setzen und ein Tischgebet sprechen“, verkündete Marge endlich.
Sobald er sich gesetzt hatte, nahm Remy einen Platz am anderen Ende des Tisches ein. Kara beeilte sich, sich direkt neben ihm niederzulassen und begann sofort damit, aufgeregt auf ihn einzuschnattern. Remy sah sie gelegentlich nickend mit einem abgelenkten Lächeln an, während sie es sich alle bequem machten, um die üppige Mahlzeit einzunehmen.
Jason beobachtete ihn unverhohlen, während er mit halbem Ohr Derek und Courtney bei ihrem Geplänkel zuhörte. Hin und wieder gab er seinen Senf hinzu, während die Schüsseln ihre Runden um den Tisch machten. Sobald alle ihre Teller voll hatten, bat Marge um Ruhe und sie fassten sich bei den Händen und senkten die Köpfe.
„Lieber Gott, wir sind unendlich dankbar dafür, heute alle hier zusammen zu sein …“
Jason, der selbst nicht sehr religiös war, schenkte den Worten keine große Beachtung, jedoch respektierte er Marges Glauben. Sobald ein einvernehmliches ‚Amen‘ im Raum zu hören war, blickte er auf und erhaschte den scharfen Blick, der ihm von Remy zugeworfen wurde.
Er lächelte breit und zwinkerte ihm zu. Offensichtlich konnte er der Versuchung, den kleinen Bruder seines besten Freundes unter die Haut zu gehen, nicht widerstehen. Selbst wenn es ihm leidtat, wie schlecht er ihn all die Jahre über behandelt hatte.
Remy rollte mit den Augen und wandte sich ab.
„Sorry“, rief er zum anderen Ende des Tisches hinüber.
„Wofür?“, fragte Remy.
Es gab viele Dinge, für die er sich entschuldigen könnte, aber Angesicht der Tatsache, dass sie sich in Gesellschaft ihrer Familie am Thanksgiving-Tisch befanden, entschied er sich für die jugendfreie Version.
„Dafür, dass ich mich wie ein Arsch verhalten habe. Dafür, dass ich auf dir gesessen habe, während dein Bruder dich gequält hat.“
Remy zuckte die Schultern. „Wir waren eben Kinder.“
„Aber jetzt sind wir das nicht mehr“, sagte er, wobei er fast die gleichen Worte benutzte wie an gestrigen Tag von Remys Ankunft.
„Das stimmt.“
„Also werde ich mich nicht mehr auf dich setzen“, sagte Jason grinsend.
Derek ließ neben ihm ein Schnauben vernehmen und Remy zog eine Augenbraue hoch. „Wow, JJ. Du bist wirklich ein Paradoxon der Reife.“
Was zur Hölle war ein Paradoxon?
Derek lachte still in sich hinein, wobei seine Schultern auf und ab hüpften, während leises Gelächter im Raum zu hören war. Okay, wie dem auch sei. Vielleicht war es keine große Leistung, nicht auf einem Kerl zu sitzen, aber verdammt, er versuchte Frieden zu schließen, und das war die Reaktion, die er erhielt?
„Ja, ja, lach nur über den dummen Kerl.“
„Ach, Schätzchen“, begann Marge.
„Fall da nicht drauf rein“, unterbrach Derek sie. „Jason hat die dummer-Kerl-Masche bereits vor Jahren perfektioniert, um auf das Mitleid der Frauen abzuzielen. Er ist schlauer, als du denkst.“
Jason rang sich ein Lächeln ab, während die Unterhaltung sich anderen Dingen zuwendete, und es nicht länger um seine Intelligenz, oder genauer gesagt um das Fehlen davon ging. Er teilte Dereks Ansicht nicht gerade, dass er übermäßig klug war, aber dumm war er nicht. Es fiel ihm bloß schwer, sich mit einer Gruppe intellektuell veranlagter Leute zu messen. Körperliche Stärke war schon immer mehr sein Ding gewesen als geistige Stärke, und im Großen und Ganzen war er damit in seinem Leben bisher gut gefahren. Doch nun hatte er das Gefühl, dass Remy seinem Verstand eine ganz neue Art von Herausforderung bieten würde.