In den Tagen, die Dereks alkoholvernebelten Beschuldigungen folgten, hatte Jason versucht mit ihm zu reden, aber Derek hatte sich wieder völlig verschlossen. Er war erneut dazu übergegangen, seine Telefonanrufe und Textmitteilungen zu ignorieren.
Jason war in den Sinn gekommen, dass Derek ihn zum Teil deshalb verdächtigte, weil er sich über den Feiertag etliche Male davongeschlichen hatte, um mit Remy zusammen zu sein, ganz zu schweigen von den Textnachrichten. Derek hatte ihn mehr als nur einmal gefragt, was es mit dem idiotischen Grinsen auf sich hatte, dass er jedes Mal aufsetzte, sobald eine neue Nachricht auf seinem Handy erschien. Und er hatte unglaublich misstrauisch gewirkt, als Jason sich in der Kneipe auf sein Handy konzentriert hatte.
Er konnte Derek auf keinen Fall sagen, was los war, nicht ohne Remys Einverständnis, und die meiste Zeit wusste er ja selbst nicht mal genau, was zwischen ihnen überhaupt vor sich ging. Nur dass Remys Textnachrichten und seltene Videoanrufe zu seinem ganzen Lebensinhalt geworden waren.
Jason hatte darüber nachgedacht, Remys Hilfe in Anspruch zu nehmen, um Dereks Feindseligkeit näher auf den Zahn zu fühlen, aber er wollte nicht, dass Remy ein falsches Bild von ihm erhielt. Jason war niemand, der durch die Betten hüpfte, wie Remy damals angedeutet hatte. Er lachte sich nicht andauernd One-Night-Stands an und ihm würde niemals auch nur im Traum einfallen, etwas mit der Freundin eines Freundes anzufangen. Auch nicht mit einer Ex-Freundin.
Es war ihm wichtig, ihre Freundschaft wieder auf den richtigen Weg zu bringen und er wollte herausfinden, was Derek ihm gegenüber so misstrauisch gemacht hatte. Und es schien, als gäbe es nur eine Möglichkeit, dies herauszufinden, und zwar musste er direkt zur Quelle gehen. Zu der anderen Quelle – Courtney.
Er scrollte in seinem Handy herum und fand die Nachricht, die Derek ihm einmal von Courtneys Telefon geschickt hatte, als sein Akku leer gewesen war. Er dachte darüber nach, anzurufen, aber sie würde bei einer unbekannten Nummer vielleicht nicht abnehmen.
Stattdessen schrieb er eine Nachricht:
Jason : Courtney, hier ist Jason. Kann ich mit dir über Derek sprechen?
Er starrte auf sein Telefon, aber es kam keine sofortige Antwort. Jason steckte sein Handy zurück in die Tasche und räumte sein Frühstücksgeschirr weg, bevor er sich für eine weitere Schicht in der Feuerwache fertigmachte. Als er endlich beim Pokerspielen mit seinen Kollegen vier Stunden später eine Antwort bekam, war diese alles andere als befriedigend:
Courtney : Ich glaube, ich passe lieber
Jason dachte über ihre Antwort nach. Er musste die richtige Balance zwischen Besorgnis und Dringlichkeit finden. Er wollte nicht, dass sie ihn als Feind betrachtete, aber er brauchte mehr Informationen.
Jason : Es hat mir sehr leidgetan von eurer Trennung zu hören. Bist du okay? Derek ist total neben der Spur
Courtney : Er tut mir ganz bestimmt nicht leid. Das hat er sich selbstzuzuschreiben
Jason : Was genau hat er denn gemacht? Ich würde gerne helfen
Courtney : Da gibt es nichts zu helfen
Frustriert von der Texterei, warf Jason die Karten, die er kaum angeschaut hatte, auf den Tisch und entschuldigte sich. Als er sich entfernte, war Murren und gutmütiger Spott aus der Runde seiner Kollegen zu hören.
„Er und dieses verdammte Telefon. Sie sollten inzwischen verlobt sein!“, rief Louis.
Keith kicherte. „Sie muss wahnsinnig heiß sein, sonst stünde er nicht so unter dem Pantoffel.“
Jason zeigte ihnen beim Weggehen seinen Mittelfinger, was noch mehr Gelächter auslöste. Er verzog sich ins Bad, wo er für das Telefonat etwas Privatsphäre finden konnte. All ihre Scherze machten ihm mehr denn je bewusst, dass er mit seiner Bisexualität noch immer nicht offen umging und dass Remy nie mehr als eine Affäre mit ihm wollen würde, wenn er nicht bereit dazu wäre, endlich reinen Tisch zu machen. Und selbst dann würde es nicht einfach sein, sein Vertrauen zu gewinnen. Sie hatten eine Vergangenheit, und die war nicht immer einfach gewesen. Remy dazu zu bringen, Jason sein Herz anzuvertrauen, war ein schwieriges Unterfangen.
Aber im Moment musste er sich auf Dereks Herzensangelegenheiten konzentrieren.
Jason drückte auf den Anrufknopf und hoffte, dass Courtney ihn nicht ignorieren würde. Sie hob nach dem zweiten Klingelton ab, aber glücklich hörte sie sich nicht an.
„Was willst du von mir?“
„Ich möchte bloß wissen, was passiert ist. Es schien, als hättet ihr eine glänzende Zukunft vor euch.“
„Offensichtlich ist nicht alles Gold, was glänzt“ , sagte sie trocken. Sie und Derek waren sich so ähnlich, dass es fast schon unheimlich war.
„Was genau meinst du damit?“
Sie seufzte. „Eine Beziehung kann ohne Vertrauen nicht funktionieren. Und er hat mir nicht vertraut.“
„Du sagst also, er hatte keinen Grund, dir zu misstrauen?“
„Oh, fick dich! Ich hab die Schnauze voll –“
„Es ist nicht meine Absicht, dich irgendwie zu beschuldigen!“, unterbrach Jason sie schnell, weil er Angst hatte, dass sie auflegen könnte. „Ich versuche zu verstehen, was passiert ist. Erst hat er mir gesagt, dass ihr beiden nicht die gleichen Vorstellungen einer gemeinsamen Zukunft habt, und dann hat er mich beschuldigt, ich wolle hinter seinem Rücken etwas mit dir anfangen. Ich habe keine Ahnung, was ich von all dem halten soll.“
Sie lachte verbittert. „Warum überrascht mich das nicht? Er hat mich beschuldigt, ihn betrogen zu haben. Jedes Mal, wenn ich einen Anruf oder eine Nachricht erhalten habe, war er misstrauisch und er schien sogar eifersüchtig auf dich zu sein.“
„Nur auf mich?“, wollte Jason wissen. Er hasste den Gedanken daran, dass die Trennung auf Dereks Misstrauen in Jason zurückzuführen war und nicht auf seine Probleme mit Courtney.
„Auf dich und auf jeden anderen Kerl, mit dem ich gesprochen habe. An Thanksgiving gab es sogar eine Situation, in der er auf seinen eigenen Bruder eifersüchtig zu sein schien, und der ist schwul! Ich habe keine Ahnung, was ihm durch den Kopf geht. Ich bin nicht der Typ dazu, meinen Freund zu betrügen. Und ich finde nicht, dass ich viel flirte.“
Jason dachte zurück an ihr glockenhelles Lachen und die Art und Weise, wie sie ihm den Arm um die Taille gelegt hatte oder die Berührungen seiner Schulter. Er hatte das nicht als Flirten empfunden und er glaubte auch nicht, dass sie es so gemeint hatte. Aber vielleicht hatte Derek es anders gesehen. Vor allem, wenn sie so mit anderen Männern umging, die Derek weder kannte noch denen er vertraute. Nicht, dass sein Vertrauen in Jason so übermäßig groß war.
Jason hatte ursprünglich angenommen, dass Derek ihn beschuldigte, mit seiner Ex anzubändeln. Aber nach dem Gespräch mit Courtney wurde ihm langsam klar, dass er glaubte, Jason hatte etwas mit Courtney angefangen, noch bevor sie miteinander Schluss gemacht hatten. Das verletzte ihn noch mehr.
„Tut mir echt leid, wie alles gelaufen ist. Ist ein Scheißgefühl, dass er keinem von uns beiden vertraut“, sagte Jason.
„Ja, aber nimm es nicht allzu persönlich. Ich bin diejenige, der er nicht vertraut hat. Er war auf alle eifersüchtig. Du bist wahrscheinlich nur der Blitzableiter, weil ich nicht mehr da bin.“
Das war nicht gerade ein Trost.
„Ich muss auflegen“ , fügte Courtney mit leicht bebender Stimme hinzu. „Derek ist wirklich nicht mehr mein Problem.“
„Es tut mir leid, Court. Ich glaube, dass er dich immer noch liebt. Vielleicht könntet ihr –“
„Mach’s gut, Jason.“
Sie legte auf und Jason fragte sich, was zum Teufel in seinen besten Freund gefahren war. Bevor Courtney hatte er es seit seiner Highschool-Freundin nicht mehr mit irgendjemandem so ernst gemeint, und sie hatten sich damals nur getrennt, als er aufs College gegangen war und sich die Distanz als zu schwierig erwiesen hatte.
War er aus Angst vor einer festen Bindung in den Selbstsabotagemodus verfallen? Oder vertraute er ihr wirklich nicht? Jason konnte nur weiter versuchen, zu ihm durchzudringen. So wütend Dereks mangelndes Vertrauen ihn auch machte, er war nicht bereit, so viele Jahre der Freundschaft einfach wegzuwerfen.