In dieser Nacht musste Jason einfach mit Remy zusammen sein. Er musste ihn küssen, ihn im Arm halten und mit allen Sinnen ihre enge Bindung spüren.
Die Gewissheit, dass er Remy liebte und die Erkenntnis, dass er , Jason, der Grund war, warum ihre Beziehung nicht die nächste Stufe erreichen konnte, machten ihm schwer zu schaffen. Remy wollte nicht, dass er sich outete, bevor er dazu bereit war, aber Jason wusste, dass es keine Option war, es nicht zu tun, wenn es ihn sonst den Mann kosten würde, den er liebte.
Die Mitglieder der Wells-Familie würden es verstehen. Seine Eltern wahrscheinlich auch, aber wenn Jason ehrlich war, dann waren sie vermutlich zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie es ernsthaft interessieren würde. Und was die Jungs auf der Feuerwache betraf … Nun ja, das war eine schwierigere Situation. Er würde mit mehr Feingefühl vorgehen müssen. Aber es war machbar. Es war eine Entscheidung, bei der es galt, das Risiko gegen die Belohnung abzuwägen, und Remy würde das Risiko immer wert sein.
Ungeduldig brachte Jason das Abendessen und einem Film hinter sich und wartete dann darauf, dass Derek einschlief.
Als er schließlich in Remys Zimmer schlüpfte, fand er ihn lesend im Bett vor, mit einem EReader in der Hand, der sanft in der Dunkelheit leuchtete.
„Hey“, sagte Remy und hielt inne, um zu gähnen, während Jason die Tür hinter sich schloss. „Wenn wir diese späten Treffen zur Gewohnheit werden lassen, dann brauchen wir bald Nachmittags-Nickerchen wie alte Männer.“
Jason grinste und sprang auf das Bett. „Sprich für dich selbst“, sagte er, und bedeckte Remy mit seinem Körper. „Ich bin in meinen besten Jahren, gesund und voller Leben!“
Er presste seinen Schwanz gegen Remys Hüften.
„Mmm. Ich spüre da etwas, das ebenfalls gesund und voller Leben ist“, kommentierte Remy, als er seinen E-Reader zur Seite legte und seine Finger in Jasons Haaren vergrub. „Aber ich glaube, du vergisst heute Abend etwas.“
„Was denn?“
Remy schob und drehte sich, bis sie die Position gewechselt hatten und er sich oben befand. Überrascht ließ Jason es zu, dass Remy seine Schultern in die Matratze drückte. „Du bist heute damit an der Reihe, der Bottom zu sein.“
Jasons Bauch flatterte vor Nervosität, aber er wollte Remy mit einer solchen Verzweiflung, als dass er sich davon hätte abhalten lassen. Er ließ seine Hände über Remys nackten Oberkörper gleiten und folgte dabei den Konturen der Muskeln. „Ich habe es nicht vergessen.“
„Glaubst du, dass du bereit bist?“
Jason sah auf und traf Remys Blick. „Mit dir bin ich für alles bereit.“
* * *
Remys Herz hämmerte in seiner Brust, als sie sich voneinander trennten, um sich vollständig auszuziehen. Er war nur in Unterwäsche zu Bett gegangen, aber Jason musste sein T-Shirt, seine Jeans und seine Boxershorts ausziehen.
Er glaubte, tatsächlich nervöser zu sein als Jason. Zwar war er derjenige gewesen, der am vorigen Abend vorgeschlagen hatte, die Rollen zu tauschen, aber er hatte bis jetzt nicht ganz geglaubt, dass es wirklich passieren würde.
„Bist du nervös?“, fragte er, teilweise um sich von seinem eigenen schnellen Puls abzulenken.
„Ein bisschen“, sagte Jason, als sie in der Mitte des Bettes wieder zusammenkamen. „Aber ich weiß, dass du dich gut um mich kümmern wirst.“
Sie küssten sich, zuerst langsam und zärtlich, und dann mit mehr Dringlichkeit. Remy nahm sich ausreichend Zeit, jeden Zentimeter von Jasons Körper zu erkunden. Er war sich der Tatsache bewusst, dass die Zeit, die sie miteinander hatten, begrenzt war. Schon bald würden sie sich wieder in Chicago in ihren getrennten Wohnungen wiederfinden. Und zu ihren getrennten Leben zurückkehren. Oder vielleicht auch nicht. Er wusste, es gab Entscheidungen zu treffen, was ihre Zukunft betraf, aber heute wollte er nur für den Moment leben und mit Jason all das erleben, was möglich war.
Er glitt mit seiner Zunge über die Krümmung eines Brustmuskels, knabberte an den Rundungen von Jasons beeindruckendem Waschbrettbauch und ließ eine Spur sanfter Küsse von einer Hüfte zur anderen wandern. Jasons Körper bebte unter seinen Lippen. Sein Zittern verriet die Nervosität, die er verleugnete, aber als Remy ihn in seinen Mund saugte, entspannte er sich mit einem leisen Seufzer.
Remy fuhr mit der Zunge über Jasons Schaft, während er eine Tube Gleitgel öffnete, die er sich beim Ausziehen geschnappt hatte. Er setzte einen eingeschmierten Finger an Jasons Öffnung an und hielt inne, als Jason sich anspannte. Er umkreiste weiterhin Jasons Rosette, lutschte kräftig an seinem Schwanz, um ihn abzulenken, und drückte seinen Finger erst dann langsam hinein, als Jason sich ausreichend entspannt hatte.
Sogar für nur einen Finger fühlte es sich unheimlich eng an und Remy wusste, dass er behutsam vorgehen musste. Er hob den Kopf und ließ seine Zunge einige Male Jasons Eichel umkreisen, dann fragte er, „Alles klar?“
„Ja“, hauchte JJ atemlos. „Ich kann noch mehr vertragen.“
Als Vorbereitung auf das, was folgen sollte, dehnte Remy Jason vorsichtig vor, wobei er sich bemühte, die Balance zwischen Schmerz und Lust zu halten. Es dauerte nicht lange, da stemmte Jason sich seiner Hand entgegen, als suche er die Fülle seiner Finger. Da wusste Remy, dass er bereit war.
Er ließ seine Finger aus ihm herausgleiten und griff nach einem Kondom, um es sich überzuziehen. Jason beobachtete ihn mit intensiv starrenden blauen Augen.
„Beeil dich“, sagte er durch zusammengebissene Zähne hindurch. „Ich fühle mich so leer.“
Remy fuhr mit einer Hand durch sein Haar und küsste ihn noch einmal. „Mach dir keine Sorgen, JJ. Ich werde dir nicht wehtun.“
„Ich mache mir keine Sorgen.“
Er tätschelte Jasons Seite. „Dann dreh dich um. Das wird fürs erste Mal einfacher sein, glaub mir.“
Jason gehorchte. Als er vor Remy auf Hände und Knie ging, da hätte Remy von dem Anblick allein kommen können. Jasons großer, muskulöser Körper ließ das Einzelbett wie ein Spielzeugmöbelstück erscheinen. Die Muskeln in seinem breiten Rücken spannten sich an, als er das Gesäß anhob und Remy seinen wohlgeformten Arsch darbot.
Remy grunzte. Er spreizte seine Pobacken auseinander und sagte, „Du bist so sexy.“
„Fick mich, Remy. Ich brauche dich so sehr“, antwortete Jason. Er hörte sich völlig verzweifelt an.
Remy ließ ihn nicht lange warten. Er brachte sich hinter Jason in Position und drückte mit stetigem Druck zu, bis Jasons Körper ihn in sich aufnahm. Er wollte langsam vorgehen, aber Jason, dieser verrückte, impulsive Mann, ließ seine Hüften mit einem Ruck zurückschnellen, um Remy bis zum Anschlag in sich hineinzurammen.
„Oh Gott!“, rief Remy, als er von der Enge von Jasons Arsch völlig umhüllt wurde. „Fuck, du bist so eng. Wie fühlt es sich für dich an?“
Er strich beruhigend mit der Hand über Jasons Wirbelsäule. Sein Körper zitterte, diesmal nicht aus Nervosität, sondern wegen des Adrenalinschubs.
„Es brennt“, antwortete er mit rauer Stimme.
„Tut mir leid“, sagte Remy und er begann damit, sich behutsam aus ihm herausgleiten zu lassen. „Ich wollte langsam machen, aber –“
„Nein!“, japste Jason. Er griff nach hinten, bekam Remys Schenkel zu fassen und drückte ihn fester an sich. „Nicht aufhören.“
„Okay.“
„Nicht aufhören“, wiederholte er mit belegter Stimme. „Bitte. Gib mir nur kurz etwas Zeit.“
Remy spürte, dass es bei den Worten um mehr als nur um diesen einen Moment ging. Ohne zu fragen, wusste er, dass Jason nicht nur Zeit für seinen Körper, sondern auch für sein Herz brauchte. Und Remy konnte ihm nur eine Antwort geben.
Langsam arbeitete er sich wieder vorwärts, wobei er sich über Jasons Rücken beugte und ihn mit seinem Körper bedeckte. Jasons Innerstes hatte eine enge Barriere um seinen Schwanz gebildet und er fühlte sich mehr mit ihm verbunden, als jemals zuvor. „Ich gehe nirgendwo hin“, versicherte er ihm. „Ich gehöre dir.“
„Du gehörst mir“, wiederholte Jason, als Remy sich halb herausgleiten ließ, nur um erneut zuzustoßen.
„Ich gehöre dir“, wiederholte er mit jedem langsamen Stoß.
Sie bewegten ihre sich hebenden und senkenden Körper im gleichen Takt, bis Remy es nicht mehr ertragen konnte. Die aufgestaute Lust endete in einer gewaltigen Explosion und er zuckte und keuchte, als ihn der Orgasmus überkam. Er kniff die Augen zusammen und dämpfte seinen Schrei an Jasons Schulter, während sein pulsierender Schwanz eine beträchtliche Menge seines Samens in das Kondom pumpte.
Als er wieder zu sich kam, lag er auf Jasons Körper und sein Schwanz war noch immer tief in ihm verankert.
„Sorry“, sagte er atemlos. „Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten.“
„Ist schon okay“, sagte Jason, aber Remy konnte die Anstrengung in seiner Stimme hören. Er löste seine schweißbedeckte Brust von Jasons Rücken und glitt vorsichtig aus seinem Körper heraus. Jason drehte sich um und ließ sich auf den Rücken fallen, als Remy das Kondom wegwarf.
Jason atmete schwer. Seine Augen waren geschlossen und Schweiß verdunkelte sein goldenes Haar an den Schläfen. Sein Schwanz war halbhart, aber er war nicht gekommen und Remy hatte deswegen ein schlechtes Gewissen. Aber als Bottom passierte das eben manchmal. Manche Männer konnten auf diese Weise überhaupt nicht kommen, andere erreichten einen Orgasmus, wenn sie mit der Hand nachhalfen, wieder anderen gelang es, freihändig zum Höhepunkt kommen. Und dann gab es auch noch diejenigen, die es hassten, Bottom zu sein, und die es nie wieder tun wollten. Es war Remy egal, in welche Kategorie Jason fiel. Er war in dieser Hinsicht flexibel.
Aber er konnte es nicht zulassen, dass Jason das Glücksgefühl eines Höhepunkts verwehrt blieb. Also beugte er sich nach unten und saugte seinen Schwanz in seinen Mund hinein.
Jason zog aus Überraschung scharf die Luft ein und riss die Augen auf. Remy hielt seinem Blick stand und sorgte mit seiner Zunge dafür, dass Jasons Erektion schon bald in voller Härte zurückkehrte. Er bearbeitete seinen Schwanz erbarmungslos, bis Jason ihn mit einem Laut zu verstehen gab, dass er kurz vor dem Höhepunkt stand, und dann benutzte Remy seine Hand, um ihm den Rest zu geben.
Danach kuschelte er sich neben Jason auf das Bett und küsste ihn sanft auf die Wange. „Nicht so, wie du es dir vorgestellt hast, hm?“
Jason kicherte. „Ach, ich weiß nicht. Es hat seine guten Seiten. Es war anders, aber nicht unbedingt schlecht“, sagte er. „Dich tief in mir zu spüren …“
Remy richtete sich auf seinen Ellbogen auf und blickte Jason ins Gesicht. „Ja?“
„Ich habe mich dir so nah gefühlt. So verbunden. Diese Art von Intimität habe ich noch nie erlebt. Ich glaube nicht, dass ich das jemals mit jemandem machen könnte, der mir nichts bedeutet, aber –“
Er beendete seinen Satz nicht, weil ihm klar wurde, was er soeben gesagt hatte. Er räusperte sich. „Ich meine, mit einem Fremden würde ich mich nicht wohlfühlen. Ich weiß nicht, wie du das machst.“
Remys Mundwinkel zuckten. Er konnte sich nicht entscheiden, ob er sich von dieser Aussage beleidigt fühlen sollte, oder nicht. „Warum glaubst du, dass ich es tue?“
„Ähm, ich habe es bloß angenommen, weil du bei unserem Sex gestern Bottom gespielt hast“, sagte er. „Und du schienst es zu mögen. Liege ich da etwa falsch? Scheiße, gefällt es dir etwa gar nicht?“
Remy lachte leise und erlöste ihn aus seinem Elend. „Mein Gott, JJ, du warst früher so locker und selbstbewusst drauf. Verunsichere ich dich etwa?“
„Vielleicht“, grummelte er.
Remy rieb seine Lippen über Jasons Stoppeln, bevor er ihn küsste. „Ich bin gerne ein Bottom und der Sex letzte Nacht war großartig. Du bist immer noch ein Sexgott.“
„Das ist eine Erleichterung.“
„Ich meinte nur, dass Bottom sein für mich bei One-Night-Stands nicht infrage kommt.“
Jason hob eine Augenbraue und forderte Remy offensichtlich dazu heraus, die Wahrheit anzuerkennen. Remy hatte immer wieder darauf bestanden, dass es bei ihrer Affäre lediglich um belanglosen Sex ging, aber vielleicht war es an der Zeit, ehrlich zu sein und JJ sein Herz anzuvertrauen.
Er zeigte auf das Tattoo auf seiner Brust. „Wie genau hast du dir das eigentlich angeschaut?“
„Was meinst du?“ Jason kam näher und betrachtete den Kompass. „Ich habe es an Thanksgiving gesehen, als du mich mit deinem nackten Körper verhöhnt hast. Und seitdem habe ich es offensichtlich noch einige andere Male zu Gesicht bekommen.“
Remy grinste. „Daran erinnere ich mich gerne zurück, aber hast du es wirklich im Detail betrachtet?“ Er zeigte auf die Namen, die sich in geschwungenen Buchstaben im Mittelpunkt des Kompasses befanden.
„Mein Name“, sagte Jason überrascht. „Ich bin ein Teil deines Tattoos.“
Remy nickte. „Das Tattoo repräsentiert mein Zuhause und meine Familie. Ich habe es mir stechen lassen, als ich gerade frisch von daheim ausgezogen war. Damals habe ich mich allein in der großen Stadt etwas verloren gefühlt, schätze ich. Es ist eine Erinnerung daran, dass ich immer ein zu Hause haben werde, an das ich zurückkehren kann, sollte das Leben mir mal zu übel mitspielen. Und du, JJ, warst immer ein Teil davon.“
Jason starrte auf das Tattoo und zeichnete mit den Augen immer wieder seine Initialen nach. „Wow, das ist …“ Er blickte auf, seine blauen Augen strahlten hell. „Das bedeutet mir sehr viel. Obwohl du mich manchmal gehasst hast, so hast du mich trotzdem –“
„So habe ich dich trotzdem geliebt?“ Remy lachte, als Jason ihm einen ungläubigen Blick zuwarf. „Okay, manchmal habe ich es geliebt, dich zu hassen, das stimmt. Aber du warst schon immer ein Teil meiner Familie und kein Fremder oder nur ein One-Night-Stand. Egal, wie oft ich dir erzählt habe, dass es nur belangloser Sex ist, das stimmt nicht. Nicht für mich.“
„Für mich auch nicht.“
* * *
Jason schlich auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer und stopfte Remys Geschenk oben in seinen Weihnachtsstrumpf. Sein Körper war dank des großartigen Sex mit Remy warm und gesättigt, aber seine Stimmung war in der Sekunde in den Keller gerutscht, in der er das Zimmer verlassen hatte. Er wollte die Nacht mit Remy verbringen. Am Anfang waren ihre geheimen Treffen noch aufregend gewesen, aber was er jetzt wirklich wollte, war, Remy im Arm zu halten und mit dem Wissen einzuschlafen, dass Remy das Erste sein würde, dass seine Augen am nächsten Morgen erblicken würden. Kitschig? Ja. Es stellt sich heraus, dass er mit der richtigen Person ein sentimentaler Typ war.
Ein langer Seufzer entfuhr ihm. Er war noch nicht bereit dazu, zu der auf dem Boden liegenden Luftmatratze in Dereks Schlafzimmer zurückzukehren. Er dachte sehnsüchtig an das weiche Bett und den warmen Körper in Remys Zimmer. Wenn er doch nur dort übernachten könnte. Dafür war aber zunächst ein ernstes Gespräch mit der Familie Wells nötig.
Jason hatte vorgehabt, mit Remy darüber zu reden. Er wollte reinen Tisch machen, und sich seiner Ersatzfamilie gegenüber outen, wollte dabei aber auch seine Beziehung mit Remy offenbaren. Ohne Remys Segen konnte er das jedoch nicht tun. Aber anstatt es anzusprechen, hatte er sich von den Bedürfnissen seines Körpers ablenken lassen, die offensichtlich noch nicht genug befriedigt gewesen waren. Beim zweiten Mal hatten sie die Hände und Münder benutzt, um sich gegenseitig zum Höhepunkt zu bringen. Danach war Remy eingeschlafen und Jason hatte sich aus dem Bett geschlichen.
Ein Licht ging an und blendete ihn. „Wo warst du?“
Jason blinzelte gegen das gleißende Licht. „Verdammt, das ist grell.“
„Dies ist das dritte Mal, dass du verschwunden bist. Ich weiß, dass du nicht in meinem Zimmer warst.“
Derek saß im Sessel seines Vaters, eine Flasche Bier in der Hand. Die in einer Reihe aufgestellten leeren Flaschen auf dem Couchtisch verrieten Jason, dass es sich nicht um sein erstes Bier handelte. Ihr Gespräch im Auto auf dem Weg zum Blockhaus hatte Dereks düstere Stimmung ein wenig aufgehellt, aber nun schien sie in voller Kraft zurückgekehrt zu sein.
„Du feierst im Dunkeln ganz alleine eine Party?“, fragte Jason.
„Jepp. Und du weichst meiner Frage aus. Sag mir gefälligst, was zur Hölle vor sich geht.“
„Was meinst du?“
„Was ich meine?“, äffte Derek ihn nach. „Ich spreche davon, dass du mir ein Messer in den Rücken gestochen hast. Wie lange läuft das schon, hm?“
„Verdammt, Derek. Ich habe nichts mit Courtney!“
„Und was ist mit meinem kleinen Bruder?“
Fuck. Er wusste Bescheid? Wie hatte er davon erfahren? Vermutlich waren sie zu laut gewesen. Oder vielleicht hatte Jason nicht genug Vorsicht walten lassen und Derek hatte noch nicht fest genug geschlafen, als er sich aus dem Zimmer geschlichen hatte. Es gab Dutzende von Möglichkeiten, wie er es herausgefunden haben könnte.
Derek hielt ein Handy in die Höhe und Jason wurde klar, dass es sich dabei um sein Telefon handelte. Er dachte an ihr Flirten, die sexy Nachrichten sowie die erotischen Fotos und sein Magen zog sich zusammen.
„Du Arschloch“, fauchte er und versuchte, nach seinem Handy zu greifen.
Derek sprang auf die Füße und plötzlich standen sie sich Brust an Brust gegenüber. „Ehrlich? Ich bin das Arschloch?“
Jason riss ihm das Telefon aus der Hand. „Das geht dich nichts an. Du bist in meine Privatsphäre eingedrungen –“
„Und du bist in den Arsch meines Bruders eingedrungen!“
Jason sah den Schlag nicht kommen. Derek erwischte ihn am Jochbein unter dem Auge und Jason stürzte mit einem lauten Geräusch zu Boden. Beinahe hätte er beim Fallen den Weihnachtsbaum umgerissen. Marjory Wells würde sie beide umbringen, wenn sie ihre Weihnachtsdekoration zerstören würden.
Bevor Jason sich aufrappeln konnte, war Derek bereits auf ihn gesprungen. Er schlug erneut zu, dieses Mal auf Jasons Mund. Jason konnte den eisenhaltigen Geschmack des Blutes schmecken, als seine Lippe aufplatzte. Er bekam Dereks Handgelenke zu fassen und es gelang ihm, ihn auf den Rücken zu werfen und ihn gegen den Boden zu drücken.
„Was zur Hölle ist denn hier los?“, fragte Remy von der Tür aus.
Jason blickte auf und hätte beinahe einen weiteren Schlag einstecken müssen, als Derek es schaffte, eine Hand freizubekommen. Er ergriff seine Hand erneut und zwang sie zurück auf den Boden.
„Verdammt, hör endlich auf“, knurrte er.
Derek funkelte ihn wütend an. „Du steckst deinen Schwanz wirklich überall rein. War es so schwer, einen verdammten Feiertag hinter dich zu bringen, ohne mit jemandem ins Bett zu hüpfen? Erst meine Freundinnen, und nun auch noch mein Bruder? Du bist wirklich widerlich!“
Remy zuckte zusammen und Jason versuchte mit aller Macht, die Beherrschung nicht zu verlieren. „Fick dich, Derek! Ich habe Courtney niemals angerührt. Nur Remy! Ich habe nur mit Remy geschlafen, okay? Ich liebe deinen Bruder. Das ist mein großes Geheimnis, du Arschloch.“
Jason hörte, wie Remy von dort, wo er stand, scharf die Luft einzog. Ihre Blicke begegneten sich. Obwohl Remy gestanden hatte, dass er Jason immer schon geliebt hatte, war das die Art von Liebe, die man für ein Familienmitglied empfand. Jasons Geständnis ging in eine völlig andere Richtung.
„Es tut mir leid. Ich kann es nicht länger verbergen“, sagte Jason. „Ich bin Hals über Kopf in dich verliebt.“
Remys Lippen verzogen sich zu einem zittrigen Lächeln und seine Augen waren voller Emotionen, aber er hob nur locker eine Schulter und sagte beiläufig: „Ich schätze, damit komme ich zurecht.“
Jason lachte und Derek hörte endlich auf, sich unter ihm zu wehren. Seine Wut machte absoluter Verwirrung Platz.
„Du liebst ihn? Aber warum ausgerechnet Remy ?“
Remy trat Derek gegen den Knöchel. „Hey, was ist verkehrt daran? Ich bin ein guter Fang. Nicht wie du, wenn du dich betrinkst und einen Streit anfängst. Herrgott, Derek, er blutet ja!“
Remy packte Jason am Arm und zog ihn hoch. „Komm mit in die Küche. Ich werde dich verarzten und dir Eis gegen die Schwellung geben.“
* * *
Derek sah dabei zu, wie Remy Jason auf einen Küchenstuhl drückte. „Wann hat das angefangen?“
Remy antwortete, während er mit einer feuchten Serviette die Schnittwunde an Jasons Lippe abtupfte. „Es begann an Thanksgiving. Als wir uns ein Zimmer geteilt haben.“
Jason schob Remys Hand zur Seite und starrte Derek ungläubig an. „Deswegen warst du dir so sicher, dass sie dich betrogen hat?“
„Wow, das hast du ja mächtig in den Sand gesetzt“, sagte Remy. „Ich habe mir schon gedacht, dass du einen Grund hattest, sie zu verdächtigen.“
„Wie hätte ich das denn wissen sollen?“, sagte er abwehrend. „Jason hat sich total suspekt verhalten. Und nach Thanksgiving ist er ständig mit einem riesigen Grinsen auf dem Gesicht herumgelaufen, wenn er eine Nachricht gekriegt hat. Und die Geheimniskrämerei hat mich noch misstrauischer gemacht.“ Derek verzog das Gesicht. „Jetzt, wo ich weiß, warum er so glücklich war, wünschte ich mir, dass ich keine Ahnung hätte.“
„Was meinst du damit?“, wollte Remy wissen.
„Er hat in meinem Handy rumgeschnüffelt“, murmelte JJ. „Sorry.“
Remy schloss die Augen und schüttelte den Kopf. „Es gibt Dinge, die ein Bruder nicht sehen sollte“, sagte er.
„Ja, ich bin davon total traumatisiert“, sagte Derek, der sich beim Gedanken daran vor Ekel schüttelte. „Das habe ich nicht erwartet. Ich meine, Jason hat fast jede Woche eine neue Frau angeschleppt. Einmal haben wir uns sogar ein Mädel geteilt …“ Er führte seinen Satz nicht zu Ende. „Fuck, du warst doch nicht etwa von mir angetörnt, oder etwa doch?“
„Auf keinen Fall“, erwiderte Jason mit einem wütenden Blick. „Ich wusste, dass du das denken würdest.“
„Nee“, stimmte Derek zu. „Ich meine, wie könnte ich mit dieser Blondine konkurrieren? Sie war superheiß. Erinnerst du dich noch daran, wie groß –“
Remy gab ein lautes, summendes Geräusch von sich, das Derek das Wort abschneiden sollte. „Ich will nichts von euren Eskapaden mit Frauen hören“, sagte Remy. Er nahm Jasons Gesicht in beide Hände. „Er gehört jetzt mir. Unsere Beziehung ist ein Neuanfang.“
Remys Widerstand war in dem Moment wie ein Kartenhaus zusammengefallen, als Jason gesagt hatte, dass er ihn liebte. Da Derek Jason geoutet hatte – und JJ es nicht geleugnet, sondern offen seine Gefühle für Remy zum Ausdruck gebracht hatte – konnte er nach Weihnachten unmöglich zulassen, dass sie getrennte Wege gingen. Er hatte noch immer Angst davor, verletzt zu werden, aber sein Herz gehörte Jason bereits. Sich jetzt zu zwingen ihn aufzugeben, wäre Selbstverstümmelung.
Jason versuchte es mit einem Lächeln, das sich jedoch schnell in eine schmerzerfüllte Grimasse verwandelte. „Du meinst es ernst? Ich bin mehr als ein Rebound?“
„Das warst du schon immer. Ich habe bloß wegen der Sache mit Trey Angst gehabt, aber ich weiß, dass du mir das nicht antun würdest. Ich glaube, tief in meinem Inneren habe ich das schon immer irgendwie gewusst.“
„Du hast recht. Ich würde dein Vertrauen niemals so missbrauchen.“
„Es ist also echt?“, fragte Derek. „Richtige Liebe und all der Scheiß?“
Remy brach in Gelächter aus. „Genau so, Derek.“
Derek schien zu begreifen, was er gesagt hatte und stöhnte. „Ich verstehe das Schwulen-Ding nicht. Ich meine, Remy, ich liebe dich, Mann. Du bist schwul und stehst auf Schwänze. Aber Jason? Er ist …“
„Bisexuell“, vervollständigte Jason den Satz.
„Warum seid ihr denn alle wach? Der Weihnachtsmann hat Arbeit zu erledigen!“
Sie erschraken alle und drehten sich abrupt zur Tür um. Dort stand Marjorie Wells, gekleidet in einem langen Nachthemd, und blickte die Drei stirnrunzelnd an. Ihr Blick fiel auf Jasons Gesicht, wo noch immer Blut aus seiner aufgeplatzten Lippe sickerte und ein dunkelroter Fleck seine Wange verunstaltete.
„Habt ihr euch etwas geprügelt?“ Ihre Lippen pressten sich zu einer dünnen Linie zusammen und ihre Hände stemmten sich in die Hüften. Das bedeutete Ärger. „Es ist Weihnachten!“
„Entschuldigung“, sagten Jason und Derek im Chor.
Remy versuchte, Jasons Gesicht abzutupfen, um ihn unter den kritischen Blicken seiner Mutter ansehnlicher zu machen. Jason ergriff seine Hand und küsste seine Fingerspitzen. „Mir geht es gut.“
Er legte seinen anderen Arm fester um Remys Taille und Remy wurde sich dessen bewusst, dass seine Mutter sie prüfend musterte. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass Jason einen Arm um ihn gelegt hatte und ihn festhielt, während er sein Gesicht verarztete.
„Hat diese Schlägerei etwas damit zu tun, dass Jason und Remy sich nähergekommen sind?“
„Ähm …“
„Du wusstest Bescheid?“, fragte Remy mit quietschender Stimme.
Sie lächelte liebevoll. „Ihr zwei seid nicht so raffiniert, wie ihr denkt. All die Blicke, die ihr ausgetauscht habt. Jedes Mal, wenn ich mich umdrehte, habt ihr euch irgendwohin abgeseilt.“ Sie lachte und schüttelte den Kopf. „Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass es höchste Zeit war.“
Remy schlug die Hände vor seinem heißen Gesicht zusammen. Er hatte gedacht, dass sie so vorsichtig gewesen waren, dabei hatte die Hälfte der Familie Bescheid gewusst. „Das ist peinlich.“
Seine Mutter lachte und wuschelte ihm durchs Haar. „Dann lass ich euch mal wieder allein, Jungs. Keine Schlägereien mehr, es sei denn, ihr wollt Kohle in euren Weihnachtsstrümpfen finden.“ Sie zeigte auf Derek. „Besonders du.“
Als sie das Zimmer verlassen hatte, wandte Remy sich an Jason. „Sieht so aus, als ob du dich geoutet hast.“
„So sieht es aus.“
„Ist das für dich in Ordnung?“, fragte er.
Jason nickte. „Ja, ich hatte sowieso vor, es ihnen bald zu sagen. Ich wollte nur sichergehen, dass es für dich in Ordnung ist, dass deine Familie von uns erfährt. Und dass du ebenfalls eine richtige Beziehung mit mir eingehen möchtest.“
„Das möchte ich sehr gerne“, sagte Remy. „Aber ich mache mir ein wenig Sorgen, denn bevor die Sache mit uns angefangen hat, konntest du mich nicht einmal leiden.“ Er senkte die Stimme, damit Derek ihn nicht hinzufügen hörte: „Was ist, wenn dir der Sex langweilig wird?“
„Da hat er nicht ganz unrecht“, sagte Derek. „Ich für meinen Teil habe das nicht kommen sehen.“
„Ich konnte dich immer schon leiden“, widersprach Jason. „Ich wusste bloß nicht, wie ich mich verhalten sollte, weil ich mich, als du älter wurdest, zu dir hingezogen fühlte. Das war alles. Aber ich stand immer fest hinter dir.“
Remy schnaubte. „Das entspricht nicht ganz meiner Erinnerung. Weißt du noch, als du mich beim Zelten in den See geworfen hast?“
„Du wolltest mit uns spielen, aber hattest Angst davor, ins Wasser zu springen. Wir waren stundenlang da draußen, erinnerst du dich? So lang, dass wir uns in der Sonne total verbrannt haben.“
Es war eine schöne Interpretation der Ereignisse, aber Remy war nicht davon überzeugt, dass Jason so altruistisch war. „Du hast gelacht, als ich aus dem Baumhaus gefallen bin und mir den Knöchel verdreht habe.“
„Ich fand es lustig, dass du mit acht Jahren einen solch umfangreichen Wortschatz an Schimpfwörtern hattest, aber nicht, dass du verletzt warst. Ich habe dich den ganzen Weg zurück zum Haus getragen.“
Jason stellte alle seine Handlungen so dar, als ob ihm Remy die ganze Zeit über am Herzen gelegen hatte, aber das konnte unmöglich stimmen. Er spielte in seinem Kopf die Erinnerungen an all die Streiche durch, die Jason ihm jemals gespielt hatte: die Schlange, die er in Remys Bett gelegt hatte; der lächerliche Schnurrbart, den er ihm im Schlaf mit Edding-Stift aufgemalt hatte und der sich drei Tage lang nicht abwaschen ließ; das Zusammenbinden seiner Schnürsenkel, die Hot Sauce in seinem Essen und all die anderen nervigen Dinge dazwischen. Schließlich erinnerte er sich an etwas, das nicht auf unschuldige Albernheiten zurückgeführt werden konnte.
„Du hast mein Schließfach in der Schule mit Eiern beschmissen. Ich weiß, dass du es gewesen bist, weil ich gesehen habe, wie du an dem Morgen Eier aus dem Kühlschrank genommen und sie in deinen Rucksack geschmuggelt hast.“
Jason nickte. „Brady Crawford hat dich jedes Mal belästigt, wenn du zu deinem Schließfach gegangen bist.“
„Und deswegen hast du meinen Spind mit Eiern beschmiert?“, fragte er ungläubig.
„Danach haben sie dir ein anderes Schließfach zugewiesen, oder etwa nicht?“
Auf keinen Fall war Jason ihm wirklich zu Hilfe gekommen wie ein verdammter Ritter in glänzender Rüstung. Remy kniff die Augen zusammen. „Warum hast du seinen Spind nicht mit Eiern beschmissen?“
Jason blinzelte. „Ich weiß nicht. Ich schätze, daran habe ich nicht gedacht.“
Derek lachte. „Oh mein Gott, ich kann nicht glauben, dass du in meinen kleinen Bruder verknallt warst. Das ist so lahm.“
„Halt die Schnauze“, blafften Remy und Jason ihn beide an.
„Ich weiß nicht, ob ich überzeugt bin“, sagte Remy. „Weißt du noch, als du allen gesagt hast, dass ich versucht habe, dir ein Sexspielzeug zu geben? Das war mir ultra-peinlich.“
„Streng genommen hast du das aber getan. Du hast einen Dildo in meine Schultasche geschmuggelt, um mich zu verunsichern, erinnerst du dich?“
Remy lachte. „Ja, das war lustig.“
Jason beugte sich vor, um ihm ins Ohr zu sprechen. „Damit hast du mich echt umgehauen. Weißt du, wie oft ich mir einen runterholen musste, nachdem ich daran gedacht habe, wie du dir diesen Dildo in deinen engen kleinen Arsch schiebst?“
Remy verschluckte sich an seinem Speichel und begann laut zu husten. Seine Wangen glühten und er starrte Jason entgeistert an. Schließlich beobachtete Derek sie, verdammt noch mal.
Derek schien die gleiche Reaktion zu haben. Er ging zur Tür. „Ich denke, ich mache mich dann mal ins Bett. Du brauchst nicht in mein Zimmer zurückzukommen, Jason.“
„Was? Bist du immer noch sauer auf mich?“
Derek warf ihm einen Blick zu. „Ich finde es eher merkwürdig, schätze ich. Du und Remy … es wird eine Weile dauern, bis ich mich daran gewöhnt habe. Du hättest wenigstens mit mir reden können, bevor du dich an meinen kleinen Bruder rangemacht hast. Hätte mich vielleicht sogar davon abgehalten, es mit Courtney zu vermasseln.“
„Das kannst du ihm nicht anhängen“, sagte Remy. „Er muss dir nicht die Details seines Sexlebens erzählen. Und du schuldest Courtney eine Entschuldigung dafür, dass du mit solchen Anschuldigungen um dich geworfen hast!“
Derek hob beschwichtigend die Hände. „Glaub mir, ich weiß. Ich war ein verdammter Idiot. Es ist nicht nötig, das ganze Haus aufzuwecken. Ich habe vor, sie anzurufen und zu Kreuze zu kriechen.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich schätze, ich bin eher überrascht als wütend. Aber du kannst genauso gut in Remys Bett bleiben, jetzt, wo alles ans Tageslicht gekommen ist.“
Jason sah schuldbewusst drein. „Es tut mir leid, dass ich die Angelegenheit so lange geheim gehalten habe.“
„Aber du spielst nicht nur mit ihm, richtig?“, fragte Derek. „Du meinst es ernst?“
„Sehr ernst“, sagte Jason bestimmt. „Es ist mehr als nur Sex. Ich liebe Remy.“
Remy küsste JJ seitlich auf den Mund, um die verletzte Stelle zu meiden. „Liebe und Hass liegen nah beieinander. Versuch dir zu merken, auf welcher Seite der Linie du dich bewegen musst.“
„Ich werde es nicht vergessen.“
„Gut. Ich liebe dich auch.“
„Aber ich kann dir nicht versprechen, dass du keine Schlange mehr in deinem Bett vorfinden wirst.“ Er wackelte anzüglich mit den Augenbrauen und Remy lachte laut.
„Darauf freue ich mich schon.“