Kapitel Zwei­und­zwanzig

Remy wachte langsam auf und genoss die Wärme, die ihn in dem normalerweise kühlen Raum zu umhüllen schien. Das Ertönen eines leisen Lachens ließ ihn erschrocken seine Augen aufreißen.

„JJ! Was machst du hier … Oh Mist, du musst eingeschlafen sein. Warte, nein …“ Er blinzelte verwirrt, als Jason ihn auslachte. „Oh mein Gott, Derek hat dich geschlagen. Ich erinnere mich jetzt.“

Remy fasste Jason am Kinn und drehte sein Gesicht zu sich, um den geschwollenen blauen Fleck direkt unter seinem Auge zu untersuchen, während die Erinnerungen zu ihm zurückkehrten. Jason hatte sich zu seiner Bisexualität bekannt. Er hatte gesagt, dass er Remy liebte. Aber … es war nicht seine eigene Entscheidung gewesen, sich zu outen.

„Es tut mir so leid, dass du geoutet wurdest“, sagte Remy. „Ich weiß, dass du noch nicht so weit warst.“

„Doch, das war ich“, beharrte Jason. „Ich hatte wirklich vor, mich vor dem Ende dieses Aufenthalts vor der Familie zu outen, Remy. Ich will mit dir zusammen sein, wie ich dir schon oft gesagt habe. Ich musste nur darüber nachdenken, wie ich es am besten anstellen sollte. Dein Bruder, der in meinem Handy rumgeschnüffelt hat, war nicht unbedingt Teil meines Plans, aber im Nachhinein muss ich zugeben, dass das Ergebnis das gleiche ist.“

„Was ist mit Chicago? Wirst du deiner Familie davon erzählen? Und deinen Freunden?“

Jason biss sich auf die Lippe. „Ja, aber ich brauche etwas Zeit. Ich fange mit meinen Eltern an, dann mit meinen Freunden. Aber es wird nicht einfach sein, es der Feuerwehrcrew zu sagen.“

„Du machst dir Sorgen darüber, wie sie reagieren werden?“

Jason schluckte und nickte. „Aber ich würde alles für dich in Kauf nehmen. Bitte gib mir die Chance, das zu beweisen.“

Remy küsste ihn. „Hey, ich gehöre zu dir. Du musst dich vor niemand anderem outen, wenn du es nicht willst. Ich möchte einfach mein Leben offen leben können. Jetzt, wo meine Familie es weiß, haben wir das Gröbste bereits hinter uns.“

„Ich möchte mich komplett outen. Mir ist das auch wichtig. Denn irgendwann möchte ich, dass wir zusammenziehen. Und dann will ich dich heiraten. Die Wells werden mich nie loswerden. Es ist alles ein Teil meines teuflischen Plans.“

„Das erklärt einiges“, sagte Remy leichthin, obwohl sein Herz einen Hüpfer machte. „Aber es ist erst einen Monat her …“

„Deshalb sollten wir erst einmal mit Dating beginnen“, beruhigte Jason. „Der Rest wird sich von selbst ergeben. Und wenn wir bereit sind, den nächsten Schritt zu tun, dann möchte ich, dass meine Familie und Freunde dich genauso kennen und lieben lernen wie ich. Das heißt, wenn du es ertragen kannst, mit einem dummen Muskelprotz zusammen zu sein.“

Remy ließ seine Lippen über Jasons Mund fahren. „Du bist nicht dumm, JJ. Du musst damit aufhören, solch einen Mist zu reden. Ich bin viel zu klug dafür, mich einem doofen Mann an den Hals zu schmeißen.“

Jason lachte schief. „Du hast dich also wirklich verknallt, hm?“

„Das werde ich dich entscheiden lassen, nachdem du mein Weihnachtsgeschenk bekommen hast“, sagte er, wobei er Jason rücklings auf die Matratze drückte und es sich zwischen seinen Schenkel gemütlich machte.

„Dachte, es gibt keine Geschenke“, keuchte Jason, der scharf die Luft einzog, sobald er Remys nasse Zunge auf seinen Hoden spürte. „Oh Gott. Du bist viel zu gut, um wahr zu sein.“

Remy antwortete nicht. Er war viel zu beschäftigt damit, jeden Zentimeter von Jasons Körper zu verwöhnen, bis er mit einem gedämpften Schrei ins Kissen seinen Höhepunkt erreichte. Jasons Körper zitterte noch immer, als Remys Mutter laut an der Tür klopfte und rief:

„Frohe Weihnachten! Nun bewegt eure Hintern aus dem Bett!“

* * *

Alle waren im Wohnzimmer versammelt, als Jason und Remy, beide in Jogginghosen gekleidet, hereinkamen. Remy trug außerdem ein langärmeliges Hemd und Jason hatte sein Feuerwehr-T-Shirt mit der Stationsnummer auf der Rückseite an. Es spannte sich über seine breite Brust und legte seinen beeindruckenden Bizeps frei. Das war etwas, das Remy früher unbehaglich gemacht hätte, weil er den Drang hätte bekämpfen müssen, nicht zu glotzen. Nun konnte er so viel ungeniert starren, wie er wollte, also tat er genau das. Jason war heiß wie Feuer: Er hatte sich durch hartes Training und einen anspruchsvollen Job einen muskelbepackten Körper angeeignet, verfügte über ein jungenhaftes Grinsen, das einen Raum erhellte, und war mit diesen durchdringenden, hellblauen Augen ausgestattet, die Remy schon immer fasziniert hatten, selbst als sie noch Kinder waren.

Es war schwer zu glauben, dass er nun die Möglichkeit hatte, den Mann zu küssen und ihn zu lieben.

Seine Eltern und Teresa trugen ihre Schlafanzüge und hatten es sich gemütlich gemacht. Der Weihnachtsmorgen war dafür da, sich auf der Couch zu entspannen, Kaffee zu trinken und den Inhalt der Weihnachtsstrümpfe zu erforschen. Danach gab es ein offizielles Frühstück und dann wurde ein großer Hehl aus dem Geschenke-Aufmachen gemacht.

Als sie das Zimmer betraten, ruhten drei Augenpaaren auf ihnen. Offensichtlich hatte die Neuigkeit von letzter Nacht schon die Runde gemacht.

„Hey, Jungs. Gut geschlafen?“

Die Wangen seines Vaters wurden rot, während er sprach, und Remy spürte, wie auch sein Gesicht heiß wurde. Okay, das war peinlich. Er hatte Trey mit nach Hause gebracht, um seine Eltern kennenzulernen, aber die Situation mit Jason war anders, weil er zur Familie gehörte.

„Es ist ein kleines Bett“, sagte Jason, „aber es ging schon.“

Das war eine Untertreibung. Remy hatte halb auf Jason liegend schlafen müssen, aber er wollte nicht unbedingt, dass seine Eltern sich dies bildlich vorstellen mussten.

Er stieß Jason mit dem Ellbogen in den Bauch und traf dabei auf nichts als Muskeln. Jason schien es nicht einmal bemerkt zu haben, aber Remys Ellbogen schmerzte. Typisch .

Seine Mutter lachte. „Oh Gott. Wir sind alle erwachsen. Kein Grund, sich zu schämen, Remy. Oder du, Theo.“

Sein Vater räusperte sich lautstark. „Richtig. Es ist eine Umstellung, dass ihr beide miteinander auskommt. Aber es wird eine schöne Abwechslung sein.“

Remy sah sich um und bemerkte, dass Derek noch nicht anwesend war. Wenn man bedachte, wie viel er am Abend zuvor getrunken hatte, war das nicht überraschend.

„Jason, bitte sei ein Schatz und zerre meinen anderen faulen Sohn aus dem Bett“, bat seine Mutter. „Das heißt, wenn du denkst, dass du das hinkriegst, ohne eine weitere Schlägerei anzuzetteln.“

Jason nickte. „Tut mir leid, dass wir dich letzte Nacht aufgeweckt haben.“

Sie winkte ab. „Schon vergessen.“

Remy entging nicht, wie seine Eltern Blicke austauschten. Seine Mutter war diejenige, die zuerst sprach. „Remy, wir freuen uns für dich, aber wir machen uns Sorgen.“

„Okay?“

„Jason ist ein Teil unserer Familie, aber soweit wir wissen, hatte er noch nie einen Freund. Oder sogar eine feste Freundin. Wir wollen nur … Wir wollen nicht, dass du noch einmal verletzt wirst.“

„Mom, ich verspreche, dass ich selbst darüber ausreichend nachgedacht habe. Ich habe lange versucht, mein Herz unter Verschluss zu halten, um es zu schützen, aber …“

„Es ist zu spät, oder?“, sagte sie mit einem wissenden Lächeln.

„Ja.“

„Wie dem auch sei, wenn er dich ansieht, dann hat er diesen Ausdruck auf dem Gesicht, als wärst du das faszinierendste Geschöpf, das er je gesehen hat. Und das beobachte ich schon recht lange“, sagte sie. „In seiner Jugend gab es einen kurzen Moment, an dem ich mich gefragt habe, ob er womöglich ebenfalls schwul sein könnte. Aber dann hat er damit angefangen, eine Freundin nach der anderen zu haben, und das schien ihm zu gefallen. Ich schätze, er hat uns alle hinters Licht geführt.“

„Ich bin bisexuell“, sagte Jason, der wieder ins Zimmer gekommen war und nur die letzten paar Sätze ihres Gesprächs gehört hatte. „Ich fühle mich sowohl zu Männern als auch zu Frauen hingezogen, aber es gibt nur eine Person, die ich liebe.“ Er legte einen Arm um Remys Schultern. Es fühlte sich unglaublich seltsam an, dass sie offen ihre Zuneigung zueinander ausdrücken konnten. „Ehrlich gesagt war es nie meine Absicht, jemanden zu täuschen. Es hat bloß eine Weile gedauert, bis ich herausgefunden habe, wer ich bin und was ich wirklich will.“

„Lahm. All diese wunderschönen Frauen auf der Welt, und du entscheidest dich für meinen kleinen Bruder.“

Remy warf einen giftigen Blick in Dereks Richtung und seine Eltern wandten ihre Aufmerksamkeit seinem Bruder zu.

„Du und ich werden uns später noch unter vier Augen unterhalten“, versprach sein Vater. „Wir lösen Probleme nicht dadurch, dass wir das ganze Bier im Haus trinken und uns prügeln, Derek.“

„Tschuldigung“, murmelte Derek und seine Mutter strubbelte ihm durch das Haar.

„Ich glaube, du schuldest auch Jason und deinem Bruder ein paar Entschuldigungen“, sagte sie.

Derek nickte. „Ja. Ich hätte dir mehr vertrauen sollen, Jason. Es tut mir leid, dass ich mit Vorwürfen um mich geworfen und in deinem Handy herumgeschnüffelt habe. Und Remy … Bei dir tut mir nicht wirklich etwas leid, abgesehen von den Bildern, die mir nie mehr aus dem Kopf gehen werden. Du solltest keine sexy Nachrichten und Fotos senden, wenn du nicht willst, dass sie gesehen werden.“

Remy vergrub sein Gesicht an Jasons Schulter. Am liebsten wäre er im Boden versunken.

„Auweia“, sagte Remys Mutter in demselben Moment, als Teresa ihr Telefon zur Seite legte.

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass ihr zwei die ganze Zeit über ein Paar wart.“ Sie hielt kurz inne. „Aber es erklärt, warum Jason ständig nachts im Haus herumgeschlichen ist.“

„Wie dem auch sei, ich denke, wir haben für ein Weihnachtsfest genug Offenbarungen gehabt“, sagte sein Vater zu Remys Erleichterung. „Lass uns die Strümpfe runternehmen und sehen, was der Weihnachtsmann uns gebracht hat.“

Sie alle lachten, wohlwissend, dass der Weihnachtsmann Remys Mutter war.

Ihre Weihnachtsstrümpfe hingen in einer Reihe am Kamin. Jedes Familienmitglied, egal wer, bekam einen, komplett mit einem glitzernden Namensschild. Dabei entdeckte Derek einen „Courtney“-Strumpf, der neben seinem hing.

„Ehrlich, Mom? Ich hoffe, da ist Kohle drin.“

Sie wedelte mit den Händen. „Oh, Mist. Die habe ich aufgehängt, bevor ich mitgekriegt habe, was mit euch beiden passiert ist. Tut mir leid!“

Derek trug seinen gefüllten Strumpf kopfschüttelnd zu einem Sessel hinüber und machte es sich dort bequem, um den Inhalt zu durchstöbern.

„Hast du sie schon angerufen?“, fragte Jason.

Derek rieb sich die Augen. „Gestern Nacht schon, um ehrlich zu sein. Beim ersten Anruf hat sie noch nicht abgehoben, aber beim dritten Mal –“

„Um diese Zeit?“, unterbrach ihn seine Mutter. „Jetzt mal ehrlich, Derek!“

„Ja, ein weiterer dummer Zug meinerseits. Aber spielt keine Rolle mehr, denn sie hat mich wissen lassen, dass sie die Entschuldigung zwar zu schätzen wüsste, aber dass sie jemand Neuen kennengelernt hat. Ich habe zu lange gewartet. Meine eigene verdammte Schuld.“

„Tut mir leid, das zu hören, mein Sohn“, sagte sein Vater.

Derek sah völlig am Boden zerstört aus und die festliche Stimmung des Weihnachtsmorgens drohte umzukippen, als Jason glücklicherweise zur Rettung kam, indem er ihre Aufmerksamkeit in andere Bahnen lenkte. Remy begann gerade erst zu begreifen, wie häufig Jason als das Schmiermittel fungierte, dass es den beweglichen Teilen dieser Familie ermöglichte, sich geschmeidig und ohne Störungen zu bewegen.

„Remy, was zur Hölle lugt da aus deinem Strumpf heraus?“, fragte er mit einem Grinsen.

Jasons Taktik war aufgegangen, denn alle Anwesenden drehten sich neugierig nach Remy um.

„Ich schätze, wir werden es herausfinden?“, antwortete er, wobei er an dem durchsichtigen, seidigen Material zupfte. Zu seinem Entsetzen zog er einen mit Mistelzweigen geschmückten Strumpfhalter zum Vorschein. An ihm waren durchsichtige Strapse in sattem purpurrot befestigt.

Er starrte sein Geschenk entgeistert mit großen Augen an, während Derek angewidert schnaubte. „Also, wenn wir noch nicht gewusst hätten, dass ihr zwei miteinander vögelt, dann hätten wir es spätestens jetzt gemerkt. Mein Gott, Jason, du versauter Hund.“

„Sprich nicht so daher“, tadelte sein Vater.

Remy hob mühsam den Blick. Dies musste das Geschenk sein, das Jason ihm unter vier Augen hatte überreichen wollen, was Remy jedoch abgelehnt hatte. Mit einem Verhalten, das für JJ typisch war, hatte er es dann für alle sichtbar in Remys Strumpf gesteckt.

Remy versuchte es herunterzuspielen. „Kann mich nicht erinnern, das in meinem Brief an den Weihnachtsmann erwähnt zu haben.“

„Der Weihnachtsmann muss wohl improvisiert haben“, reagierte Jason mit einem Kichern.

„Der Weihnachtsmann wird draußen mit den Rentieren schlafen, wenn er mich weiterhin so blamiert“, warnte er.

Teresa lachte. „Die zwei sind wirklich niedlich.“

„Das kannst du laut sagen!“

Jason küsste ihn auf die Wange. „Siehst du? Wir sind niedlich.“

Remy bemühte sich, ihn wütend anzufunkeln, aber es gelang ihm nicht. Stattdessen umspielte ein Lächeln seine Lippen. Während seine Familie den Inhalt der Weihnachtsstrümpfe erkundete, ein großes Frühstück zu sich nahm und dann schließlich die unter dem Baum liegenden Geschenke öffnete, kam Remy nicht umhin zu denken, dass er das beste Geschenk von allen bekommen hatte.

Den Mann, den er liebte zu hassen.