»Ich habe eben erst in der Zeitung davon gelesen«, sagte Katja. »Ich meine den Toten in den Babelsberg-Studios. Und dass die Mordkommission in der Sache ermittelt.«
Sie nestelte an ihrer Stola herum. Leichter Schwindel und eine aufsteigende Übelkeit hatten sie kurzzeitig gequält, als sie das Polizeipräsidium am Alex betreten hatte. Seit ihrer abenteuerlichen Flucht aus Russland vor zehn Jahren hatte sie große Probleme, sich für längere Zeit in großen Verwaltungsgebäuden aufzuhalten. Sie und ihre Familie, die zufällig denselben Nachnamen wie die Zarenfamilie getragen hatte, waren zu Beginn der blutigen Revolution tagelang im Hauptquartier der Petersburger Polizei verhört und gequält worden. Seither lösten der Anblick der monotonen, langen Gänge und der Geruch des gebohnerten Linoleumbodens starke Beklemmungsgefühle in ihr aus.
»Meine Güte!«, meinte Konter. »Du bist nicht auf die Idee gekommen, mir von diesem nächtlichen Gespräch schon vorher zu berichten?«
»Weshalb?«, rief sie aufgebracht. »Ich hatte das Gespräch zweier Männer belauscht. Was ist dabei? Ich konnte doch nicht ahnen, dass es wichtig ist.«
Konter murmelte etwas Unverständliches. Seine Reaktion war nicht in Ordnung. Hier waren ganz klar die Pferde mit ihm durchgegangen. In der Tat musste Katja das Treffen zunächst für ein harmloses Gespräch gehalten haben.
»Und dann habe ich in einem anderen Artikel noch sein Bild gesehen.« Sie legte eine herausgerissene Seite aus dem Feuilleton-Teil der Vossischen Zeitung vor Konter auf den Tisch. Dort war das Bild eines Mannes zu sehen, der seine Augen weit aufgerissen hatte. Fast so, als wollte er den Betrachter in seinen Bann ziehen oder in Hypnose versetzen. »Es war Eisenstein, der mit einem anderen Mann gesprochen hat. Ich bin mir ziemlich sicher. Und vielleicht ist der Unbekannte euer Toter.«
»Moment, ganz langsam, Katja«, sagte der Kripobeamte und bot ihr nacheinander eine Zigarette, Kaffee und einen Klaren an. »Weshalb bist du denn überhaupt aufs Präsidium gekommen? Du hättest anrufen können. Ich weiß, dass du diese Orte nicht magst.«
»Ich dachte, es war nur ein Streit zwischen zwei Männern«, unterbrach sie ihn.
Sie wirkte aufgelöst, fast den Tränen nahe. Konter fühlte sich in diesen Momenten hilflos. Wie sollte er eine Frau trösten, die sonst selbstbestimmt und resolut auftrat?
»Ich konnte nicht ahnen, dass so etwas geschieht«, fuhr sie fort. »Es hätte auch mich in dieser Nacht erwischen können, Paul! Eisenstein ist ein seltsamer Vogel, aber dass er ein Mörder sein soll, kann ich nicht glauben. Ich musste einfach sofort kommen, als ich den Artikel las. Außerdem möchte ich diese dämliche Angst vor der Polizei irgendwann einmal ablegen.«
Konter kannte das Phänomen. Unzählige Zeugenbefragungen hatten ihn gelehrt, Vermutungen und falsche Schlüsse von den Fakten zu trennen. Es gelang ihm schließlich, seine Bekannte zu beruhigen. Und nach einer weiteren Viertelstunde hatte er schließlich eine halbwegs brauchbare Geschichte aus ihr herausbekommen. Er schlug seine Kladde auf, in der er alle Fakten notierte, die mit seinen Fällen zu tun hatten.
»Du hast Eisenstein gesehen?« Irgendwo in Konters Verstand läutete ein Glöckchen. Sein Wissen über die Welt des Kintopp war begrenzt. Hin und wieder ging er mit Toni in den Ufa-Palast am Zoo. Viel lieber jedoch amüsierte er sich in Varietés und bei Tanzabenden. Er nahm den Zeitungsartikel, den Katja ihm gezeigt hatte, und überflog ihn.
»Wie ich schon sagte, ich habe die beiden belauscht. Ich war zufällig noch in den Studios, weil ich etwas vergessen hatte.« Katja besann sich auf Konters Frage und schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe ihn nur gehört. Du weißt, dass ich die Nebenrolle bei Lang ergattert habe. Eisenstein ist mir ein paarmal über den Weg gelaufen. Seine Stimme ist markant. Er war es.«
»Kam es zu einer Auseinandersetzung? Hast du mitbekommen, dass er den anderen Mann angegriffen hat?«
»Sie haben sich gestritten.« Katja überlegte und schüttelte erneut den Kopf. »Nein, eigentlich war es kein richtiger Streit. Der andere Mann wollte den Regisseur dazu bewegen, umgehend nach Moskau zurückzukehren. Es hörte sich nach einem vehement vorgebrachten Ratschlag an, den Eisenstein ebenso kategorisch abgelehnt hat. Er wurde dann bockig und begann über das Wesen eines Künstlers zu schwadronieren.«
»Also kein Kampf, noch nicht einmal ein richtiger Streit. Und du hast nichts gesehen.« Konter wirkte ratlos.
»Glaubst du mir etwa nicht?« In Katjas Stimme lag jetzt eine Mischung aus Verunsicherung und beginnendem Unmut.
»Unsinn! Natürlich glaube ich dir. Aber ich kann mir keinen Reim darauf machen.« Er schrieb ein paar Einzelheiten in sein Notizbuch. Später würde er die Angaben auf einen großen Bogen Papier übertragen. So machte er es bei jedem Fall. Und mit der Zeit ergab sich – manchmal im wahrsten Sinn – ein Gesamtbild.
»Da war noch etwas«, meinte die junge Frau plötzlich. »Der andere Mann hat von einem roten Erbe gesprochen.«
»Bobrow? Welches Erbe?«, fragte der Kripobeamte erstaunt, aber Katja zuckte nur mit den Schultern. »Der Mann hat doch für die Botschaft gearbeitet.« Dann erinnerte er sich daran, dass sie sowohl den Namen des Toten als auch dessen Arbeit als Diplomat vor der Presse verschwiegen hatten. »Diese Informationen bleiben bitte unter uns, Katja.«
»Vielleicht war der Mann Anwalt, und es ging um den Nachlass eines Landsmanns«, meinte sie. »Könnte doch sein, dass sich die Botschaft um so etwas kümmert.«
»Rotes Erbe. Die Sache wird immer undurchschaubarer. Aber dank dir haben wir jetzt eine weitere Spur.« Konter lächelte. »Es wird mir ein Vergnügen sein, diesem Eisenstein persönlich auf den Zahn zu fühlen.«
»Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass es sich um ein echtes Erbe handelt«, entgegnete Katja. »Der Mann sagte, dass Eisenstein den Genossen Stalin besänftigen könnte, wenn er Erfolg in der Sache Rotes Erbe hätte. So oder ähnlich. Klingt nicht nach einem verstorbenen Großvater, der ihm eine goldene Taschenuhr vermacht hat.«
»Josef Stalin?« Konter überlegte und versuchte, sich die verworrenen Machtverhältnisse in der Sowjetunion in sein Gedächtnis zu rufen. »Hast du noch andere Namen gehört?«, fragte er weiter.
»Russische Vornamen.« Sie nickte. »Jewgenij Maximowitsch und Sergej Michailowitsch.«
»Die Namen des Opfers und des Filmemachers.«
»Und es wurde noch jemand erwähnt. Ein gewisser Felix Edmundowitsch soll wohl im Auftrag Stalins sicherstellen, dass Eisenstein den Weisungen Folge leistet. Dieser Bobrow hat in diesem Zusammenhang auch die WTSCHK erwähnt.«
Stalin, die Tscheka und ein Felix Edmundowitsch. Konter war beeindruckt, dass Katja sich alles hatte merken können. Er selbst mochte zwar ein guter Polizist sein, gäbe jedoch als Zeuge eine traurige Figur ab. Er war froh, wenn er seine Hauswirtin auf der Straße wiedererkannte und sich an ihren Namen erinnerte. Sorgfältig notierte er Katjas Angaben.
»Felix? Sagt dir der Name etwas?«, fragte er. »Vielleicht ein Schauspieler?«
»Nein.« Katja drehte unbeholfen und zum wiederholten Mal die Tasse, die vor ihr stand, als suchte sie den Zugang zu deren Inhalt. Konter hatte ihr erneut Kaffee eingeschenkt. Ihm war klar, dass sie in eine Sackgasse geraten waren. Katja hatte ein Gespräch belauscht zwischen dem russischen Regisseur und dem späteren Opfer. Sie war Zeugin dieses Gesprächs. Mehr nicht. Der Polizist ärgerte sich ein wenig darüber, dass er sich von ihrem – menschlich sehr verständlichen – ersten Übereifer und den damit verbundenen Fehlschlüssen hatte beeinflussen lassen. Er musste unbedingt seine Übersicht ergänzen, sonst verlor er völlig den Durchblick. Sofern er ihn überhaupt schon gehabt hatte.
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Als Katja Romanowa gegangen war, schlug Konter mit der flachen Hand auf den Tisch. Nicht besonders kräftig, aber es reichte, dass die Tassen klirrten. Die Sache lief nicht gut. Natürlich hatte sich die sowjetische Botschaft sofort beim Außenamt und dem Polizeipräsidenten gemeldet, als dort der Name des Toten bekannt wurde. Ein Attaché hatte sich im Auftrag des Botschafters nach der Identität des toten Russen erkundigt. Nachdem er den Namen erfahren hatte, hatte er prompt eine politische Erklärung seines Dienstherrn aus der Tasche gezogen. Und Konter war am Vormittag vom Leiter der Politischen Polizei ins Gebet genommen worden.
»Die UdSSR betrachtet das Ableben dieses Herrn Bobrow als ihre interne Angelegenheit«, hatte Weiß gesagt. »Ein Mitarbeiter des diplomatischen Korps stirbt in Berlin. Im Ministerium ist man sehr ungehalten darüber, dass wir den russischen Botschafter nicht sofort informiert haben.«
»Sehr unglücklich, in der Tat.« Konter war ruhig geblieben. »Leider hatten einige Mitarbeiter der Ufa die Brieftasche bereits am Tatort durchgesehen. Und dabei muss wohl das Dokument der Akkreditierung des Opfers herausgefallen sein. Wer konnte das ahnen?«
»Ich bin ja auf Ihrer Seite«, hatte Weiß erwidert und sich ein wissendes Lächeln nicht verkniffen. »Aber ich muss auch an die Folgen denken.«
»Und was bedeutet das für uns?«
»Im Moment noch gar nichts, Paul. Immerhin handelt es sich um ein Tötungsdelikt auf deutschem Boden. Vor allem, da es sich höchstwahrscheinlich um Vorsatz, also Mord handelt, wie sie versichern. Also ist natürlich unsere Mordkommission zuständig. Da können die Sowjets betrachten, was und wen sie wollen.« Er hatte den Zeigefinger gehoben, um einen Einwand Konters abzuwürgen. »Aber wir müssen vorsichtig sein, Paul. Alle Ermittlungen müssen so diskret wie möglich erfolgen. Keine Weitergabe von Einzelheiten an die Presse. Und die Sache bekommt eine Klassifikation.«
Konter stöhnte leise auf. Klassifikation. Ab jetzt durften also nur noch ausdrücklich ermächtigte Kripobeamte an der Sache arbeiten. Konter und Druwe konnten sich nicht mehr ohne Weiteres mit den Kollegen austauschen. Und selbst eine Besprechung mit Gennat musste protokolliert werden.
Der Kommissar schlug jetzt noch einmal auf die Tischplatte, ging dann zum Aktenschrank und zog den Ordner Bobrow, J. M. heraus. Darin befanden sich nur wenige Papiere. Jetzt käme noch Katjas Zeugenbericht hinzu, den er allerdings selbst abtippen musste. Seufzend ging Konter zum Schreibtisch und griff nach dem Stempel mit dem Aufdruck VS-NfD. Alle Ergebnisse der Untersuchung waren bis auf Weiteres Verschlusssache und nur für den Dienstgebrauch vorgesehen. Danach suchte er das rote Stempelkissen in seiner Schublade. Fortan musste jeder Mitarbeiter, der an dem Fall arbeitete, gelistet werden, und die Akte kam in den Panzerschrank.
»Alles klar, Chef?«, fragte Druwe, der in diesem Moment aus der Mittagspause zurückkehrte. »Ich glaube, es reicht, wenn Sie die Akte ein oder zwei Mal stempeln.« Er grinste.
Erst jetzt bemerkte Konter, dass er geistesabwesend und reichlich frustriert bereits ein gutes Dutzend rote Vermerke auf den Aktendeckel gesetzt hatte. Immerhin hatte seine innere Spannung dadurch etwas nachgelassen.
»Die Russen haben Wind gekriegt von der Sache«, sagte er.
»War zu befürchten. Dürfen wir noch dran arbeiten?«, hakte Druwe nach.
»Sieht so aus. Weiß will klären, inwieweit wir mit der Botschaft zusammenarbeiten können. Aber leichter wird es nicht. Arbeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Jede Zeugenbefragung muss begründet nachvollziehbar sein. Der übliche Mist eben, wenn es um Geheimhaltung geht.«
»Da habe ich vielleicht etwas Positives.« Druwe legte drei eng beschriebene Seiten auf Konters Schreibtisch. »Ein Geständnis. Wir haben die Täterin. Also, eigentlich waren es eine Drahtzieherin und zwei männliche Komplizen.«
Sein Vorgesetzter sah ihn fragend an.
»Haben sich alle dazu verschworen, mich um den Verstand zu bringen?« Konter wurde etwas zu laut. »Reden heute alle nur wirres Zeug? Oder werde ich bereits senil? Könnten Sie bitte deutlicher werden, Jens? Welche Täterin? In welcher Sache?«
»Ich meine die Tempelhof-Leiche«, entgegnete der Assistent leicht eingeschnappt. »Das Ganze sollte eine groß angelegte Werbekampagne für diesen Film Metropolis werden. Jemand aus der Presseabteilung der Ufa hat sich gedacht, dass ein paar Schlagzeilen vorab nicht schlecht wären. Die Leute hatten bereits ein paar Erklärungen für die Reporter vorbereitet. Netter Stoff für die Schmuddelblätter. Maschinenmensch der Ufa derart echt, dass sogar die Polizei darauf hereinfällt. In der Art eben.«
»Die Dreckskerle wollten uns vorführen?« Der Tag schien für Konter eindeutig zu einem der schlechteren zu werden.
»Ganz genau. Ich bin ein wenig aktiv geworden, Chef. Die dämliche Angelegenheit musste vom Tisch. Da wir ja jetzt am Fall Bobrow dran sind. Bei den Befragungen habe ich daher durchblicken lassen, dass wir bei einem schnellen Geständnis Gnade vor Recht ergehen lassen. Und ich habe gedroht, dass andernfalls Schadenersatz, Vortäuschen einer Straftat und Leichenschändung die kleinsten Probleme der Schuldigen wären.«
»Sie haben denen gedroht? Wir können gegen die Leute kaum vorgehen«, meinte Konter ungläubig. »Der Justiziar hat doch erklärt, dass wir uns ziemlich lächerlich machen.«
»Ich spiele manchmal ein wenig Poker. Bei dem Spiel kann man auch dann gewinnen, wenn man gar kein Siegerblatt auf der Hand hat. Die Amerikaner nennen es einen Bluff.« Druwe fühlte sich jetzt sichtlich wohl und goss sich von Konters Kaffee ein, ohne zu fragen. »Und es hat geklappt. Eine Pressereferentin, ein Bühnenbauer und ein Mitarbeiter der Werkstatt, in der die Puppen hergestellt werden, haben zugegeben, die Sache durchgezogen zu haben. Der Fall ist demnach gelöst.«
»Sie haben den Leuten Gnade vor Recht versprochen? Sie haben also Richter gespielt, Jens? Sie können doch noch gar nicht wissen, wie der Reichsanwalt die Sache sieht.«
»Niemand will doch eine Blamage. Hohn und Spott hatten wir beide bereits genug. Nicht auszudenken, wenn so etwas in die Presse kommt. Und wir können das vermeiden. Die Sache wird von den drei Tätern nur unnötig hochgekocht, wenn wir ihnen doch noch mit einer Strafe drohen. Dann gehen sie damit an die Öffentlichkeit. Aber im besten Fall bleibt der dumme Streich unter uns Pfarrerstöchtern. Da kann Gennat doch mal seine Beziehungen spielen lassen. Einstellung des Verfahrens und gut. Und die Pressedame von der Ufa ist sogar bereit, der Toten nach Rückgabe an das Virchow-Institut eine ordentliche Bestattung zu bezahlen. Als eine Art späte Wiedergutmachung.«
Konter schwieg für eine Zigarettenlänge. Es gefiel ihm nicht, dass solche Wirrköpfe die Polizei an der Nase herumgeführt hatten und ungeschoren davonkamen. Andererseits war er Pragmatiker.
»Wahrscheinlich die beste Lösung«, murmelte er schließlich. »Und wir haben den Kopf frei für die Bobrow-Sache. Gute Arbeit, Jens.«
Stehlen die Leute einen Leichnam, um Aufmerksamkeit für ihren Film zu erregen, dachte er. Seltsame Zeiten. Aber der Irrsinn schien seit dem Krieg nicht die Ausnahme, sondern eher der Normalzustand in dieser Stadt zu sein. Er zeichnete Druwes Bericht gegen. Es war immerhin ein Achtungserfolg. Allerdings ohne sein Zutun.
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»Es hat sich heute eine Zeugin gemeldet«, begann er eine halbe Stunde später, seinen Assistenten von der neuesten Entwicklung im Fall Bobrow in Kenntnis zu setzen.
Druwe hörte aufmerksam zu, befand er sich doch in der vorteilhaften Lage, von seinem Vorgesetzten eine deutlich verständlichere Zusammenfassung der Kernpunkte von Katjas Aussage zu erhalten. Aber auch Konter beruhigte es, auf diese Weise seine Gedanken zu ordnen.
»Also ist Eisenstein ein Zeuge«, sagte Druwe, als Konter geendet und sich zum wiederholten Mal eine Zigarette angesteckt hatte. »Ich werde ein paar Erkundigungen einholen. Oder glauben Sie, er ist unser Mann? Könnte er auch der Täter sein?«
»Schwer zu sagen«, erwiderte der Kommissar. »Die Zeugin hat eine Meinungsverschiedenheit mitbekommen. Es war aber eher kein Streit. Und wenn ich es richtig verstehe, war es nicht Bobrow, der die eigentliche Drohung ausgesprochen hat. Er hat sie nur überbracht. Dieser Felix käme schon eher in Betracht. Er handelt offenbar auf Geheiß Stalins. Geben Sie doch mal im Archiv Bescheid, die sollen nach einem Felix Edmundowitsch forschen.«
Druwe nickte. Paul Konter ging zur Tür. Auf der Innenseite hatte er in den letzten Minuten mit Heftzwecken einen DIN-A3-Papierbogen und seine Notizzettel angebracht. Er schrieb die neuen Namen dazu und kreiste sie ein.
»Stalin«, meinte Druwe. »Er hat doch Lenin als starker Mann in Moskau abgelöst.«
Die Mitarbeiter des Präsidiums bekamen alle drei Monate eine Schulung durch die Politische Abteilung, damit auch die Nicht-Zeitungsleser einigermaßen auf dem Laufenden blieben und wussten, was in der Welt vor sich ging. Die »Schulbank«, wie die Fortbildung allgemein hieß, war nicht gerade sehr beliebt. Konter nickte stumm.
»Was macht Eisenstein denn hier überhaupt?«, hakte Druwe nach. »Dreht er in den Studios ebenfalls einen Film?«
»Die Zeugin meint, dass er bei dem Regisseur Fritz Lang zu Gast ist. Allerdings scheint es eher eine Art Besuch unter Kollegen zu sein. Wir müssen Eisenstein schnell befragen.« Konter schrieb auch den Namen des deutschen Regisseurs seitlich auf das Papier. Bobrow, Eisenstein, Stalin, Felix Edmundowitsch, Lang. Die Liste wurde umfangreicher.
»Und wie?«, fragte Druwe. »Sollen wir alle Meldezettel der besseren Hotels durchsehen, ob dort ein Herr Eisenstein logiert? Wenn er bei Bekannten oder Landsleuten wohnt, finden wir ihn erst in zwei Monaten.«
Sein Assistent hatte recht. Die neu eingeführte Meldepflicht für Übernachtungsgäste wurde nur schleppend umgesetzt, und das Register wurde schlampig und nicht zentral geführt. Es würde also wenigstens zwei Tage dauern, alle guten Adressen der Stadt abzuklappern. Und wenn der Russe privat bei Landsleuten untergekommen war, dann blieb die Suche ergebnislos. Sie verloren wertvolle Zeit, die sie nicht hatten. Sicherlich arbeitete die sowjetische Botschaft bereits an einer Beurteilung der Rechtsfrage. Seine Landsleute konnten Eisenstein auch zu sich zitieren und ihm untersagen, der deutschen Polizei Auskünfte zu erteilen. Und weshalb sollten sich deutsche Politik und Verwaltung querstellen, wenn jemand anderes ihnen die Arbeit abnehmen wollte? Zudem waren die Russen im Moment so ziemlich die einzigen, die auf Augenhöhe mit dem Reich verhandelten. Es schien, als wären beide Länder die ungeliebten Schmuddelkinder der Geschichte. Niemand im Reich würde die guten Beziehungen für ein unschönes Kompetenzgerangel wegen eines toten Diplomaten aufs Spiels setzen.
»Fragen Sie bei der Ufa-Verwaltung nach, Jens. Vielleicht wissen die etwas. Und wir melden uns bei diesem Lang an. Er wird hoffentlich ein paar Informationen über seinen Kollegen haben.«
»Ich kümmere mich darum. Der Mann soll schwierig sein«, meinte Druwe.
»Was ist mit dem Hotel Fürstenhof?«, fragte Konter in der Hoffnung, dass sich dort eine weitere Spur finden ließ.
»Bobrow war dort tatsächlich zu Gast. Der Schlüssel gehörte zu seinem Zimmer. Der Hoteldirektor war sehr zuvorkommend, als ich ihm anbot, die Sache diskret zu regeln. Keine offizielle Durchsuchung, keine Kollegen vom ED, keine Presse, kein Aufsehen. Als ich ihm schilderte, welches Chaos die Berliner Polizei üblicherweise anrichtet, hat er mich für ein paar Minuten ins Zimmer gelassen. Sie verstehen?«
»Sie sind ein abgebrühtes Schlitzohr, Jens«, meinte Konter anerkennend und nicht ohne Stolz. Immerhin war er seit fast zwei Jahren der Vorgesetzte dieses vielversprechenden Kripo-Assistenten.
»Ich habe mich im Zimmer umgesehen«, fuhr Druwe fort. »Und dabei zwei interessante Dinge gefunden. Sie erinnern sich, dass ein Schlüssel am Bund des Opfers fehlte? In einem Koffer lag ein tragbares, geöffnetes Tresorfach. Ein Teil, wie es oft in den größeren Bankschließfächern gelagert wird. Man kann die Dinger in den dafür vorgesehenen Schubladen verstauen.«
»Sicherlich leer, nicht wahr?« Konter seufzte kaum hörbar. Er war zu lange Polizist, um sich falschen Hoffnungen hinzugeben.
»Ja, so schien es zunächst.« Druwe öffnete lächelnd einen Asservatenbeutel und stülpte ihn über Konters lederner Schreibtischauflage um. Ein winziges, leicht gelblich schimmerndes Stück Glas fiel heraus.
»Ein Glassplitter?«
»Ein Rohdiamant. Besser gesagt, eine sogenannte Abplatzung.« Druwe schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn in unserem Labor prüfen lassen. Minderer Reinheitsgrad, unverarbeitet und in dieser Größe praktisch wertlos. Größere Diamanten dieser Klasse haben jedoch durchaus ihren Preis. Die Kollegen sagten, dass in einem Tresorfach dieser Größe Steine im Wert von zehn- bis zwanzigtausend Mark gelegen haben könnten.«
»Nicht übel. Und der Täter hat sie wahrscheinlich entwendet, nachdem er Bobrow den Schlüssel abgenommen hatte. Doch ein Raubmord?« Konter rieb sich das Kinn. Der Diebstahl ließ nur einen Schluss zu. »Er muss gewusst haben, dass Bobrow im Besitz der Diamanten war.«
»Dann haben wir ein Motiv«, stellte Druwe zufrieden fest.
»Nicht so voreilig, Jens. Warum dann dieser Tatort in Babelsberg? Der Täter hätte den Mann doch im Hotelzimmer aufsuchen können. Eine Seitengasse am Kanal hätte es auch getan, die Toilettenräume eines Restaurants. Es gibt hundert Orte, die unauffälliger wären. Warum bei der Ufa?«
»Ist was dran.« Konters Assistent nickte. »Wir können im Moment wahrscheinlich nur mit Sicherheit davon ausgehen, dass der Mörder von den Diamanten und dem Versteck wusste. Der Rest ist unklar. Und natürlich bleibt die Frage bestehen, weshalb Bobrow überhaupt das Risiko einging, das Zeug in einem Koffertresor in seinem Zimmer aufzubewahren. Drei Straßen weiter hätte er ein Schließfach bei der Commerzbank mieten können.«
»Da steckt irgendeine Sauerei dahinter, vermute ich«, sagte Konter. »Vielleicht Schmuggel? Verkauf von Hehlerware?«
»Oder die Abwicklung von illegalen Geschäften. Diamanten sind wie Gold auch eine Währung, die überall auf der Welt akzeptiert wird und jede Inflation übersteht.«
»Kann das Labor herausfinden, aus welcher Region die Diamanten kommen?«
»Wird bereits geprüft. Unsere Leute arbeiten mit Fachleuten der Berliner Edelsteinbörse daran.«
Druwe nahm jetzt einen kleinen Holzkasten aus seiner Aktentasche. Darin befand sich eine Rolle, die aussah wie eine übergroße Garnspule.
»Aber nun zur zweiten Überraschung des Tages«, sagte er und hielt das Ding triumphierend in die Höhe.
»Eine Phonographenwalze?«, stellte Konter eher fest, als dass er fragte. Er hatte den Eindruck, dass sein Mitarbeiter eindeutig den interessanteren Vormittag gehabt hatte.
»Eine Goldgusswalze, ganz recht«, bestätigte Druwe.
»Wissen Sie, was drauf ist, Jens?«
»Nein, es ist nicht beschriftet. Aber ich denke, dass Bobrow sicherlich einen Grund hatte, die Walze mit sich zu führen. Wir brauchen einen Edison-Phonographen, um sie abzuspielen.«
»Benutzt doch niemand mehr«, sagte Konter und war wenig überzeugt, dass diese Spielerei ihnen weiterhalf.
Er zuckte mit den Schultern und erinnerte sich, dass vor Jahren öfter Vertreter das Präsidium und die Gendarmerien aufgesucht hatten, um ihre »Sprechapparate« anzupreisen. Man konnte damit Stimmen oder Musik aufnehmen, und eine Firma namens Edison Phonograph Gesellschaft versuchte damals, sie als Revolution anzupreisen, die – so versprachen es kleine Werbetafeln – »Ihre Sekretärin völlig überflüssig macht«. Man konnte jedoch immer nur vier bis fünf Minuten Sprache auf einer Walze aufnehmen. Und die Aufnahmequalität war sehr schlecht, wenn der Redner nicht direkt ins Trichtermikrophon sprach. Folglich hatte sich das Gerät als ungeeignet für die Aufnahme von Sitzungsbeiträgen oder Einsatzbesprechungen erwiesen.
»Versuchen Sie es bei Gennats Sekretärin«, schloss der Kommissar das Thema ab. »Oder im Archiv. Da haben die Kalfakter auch die Wilhelm-Büsten und die Erinnerungstafel an den Sieg von 1871 eingelagert. Vielleicht steht dort auch ein Phonograph herum. Ich denke zwar kaum, dass uns Bobrows Mörder auf dem Ding ein Ständchen singt. Aber klären Sie das.«
Der Tag erwies sich zunehmend als anstrengend. Konter rieb sich die brennenden Augen und klatschte dann geschäftig in die Hände, als wollte er sich selbst aus einer Trance reißen.
»Jetzt zurück zum Tagesgeschäft, Jens. Wir wenden uns einfach an Fritz Lang und das Sekretariat der Ufa. Eisenstein ist zu Gast in der Stadt. Die Filmgesellschaft oder Lang werden doch wohl wissen, wo der Mann untergekommen ist. Rufen Sie in Babelsberg an, und vereinbaren Sie zügig einen Termin. Und lassen Sie sich nicht vertrösten. Alles pronto, wenn ich bitten darf!«