Kutisker war im Gefängnis Moabit mittlerweile in der größten Zelle untergebracht. Sie war eigentlich für vier Gefangene vorgesehen, aber der prominente Unternehmer hatte selbst hier gute Beziehungen, die ihm gegen Bezahlung ein paar Annehmlichkeiten sicherten. Zwei dünne Zwischenwände waren gezogen worden, so, dass der Mann über eine Art Wohnraum verfügte, der vom Schlafbereich abgetrennt war. Zwei bequeme Sessel, ein Tisch und eine Anrichte ergänzten den Eindruck, es handelte sich eher um eine im Rohbau befindliche Wohnung.

»Einen Port?«, fragte der Häftling seinen Besucher gönnerhaft und öffnete die Tür zu einem kleinen Schrank.

»Ich bin dienstlich hier«, war alles, was Konter in seinem Erstaunen hervorbrachte. Er sah, dass der Mann über einen ansehnlichen Vorrat an Spirituosen verfügte.

»Sagen sie alle. Und dann nehmen die meisten trotzdem.« Ein unangenehmes Grollen drang aus seinem mächtigen Brustkorb, das nur entfernt Ähnlichkeit mit einem Lachen hatte.

Paul Konter hatte seinen Assistenten ein paar weitere Erkundigungen über den ehemaligen Unternehmer einholen lassen. In jungen Jahren hatte es ausgesehen, als gehörte Iwan Baruch Kutisker zu jenen Abermillionen Menschen im Osten Europas, die das Schicksal von Geburt an für den Abfallhaufen des Daseins vorgesehen hatte. Seine Mutter war früh am Kindbettfieber gestorben, als sie wieder einmal von einem unbekannten Vater ein Kind erwartet hatte. Seine Tante fütterte ihn ein paar Jahre mehr schlecht als recht durch, bis sie sich mit ihrem Mann entschied, über Riga und Hamburg nach Amerika auszuwandern. Die zwei Koffer waren schwer genug, die Billets mit Balg nur noch teurer. Der kleine Iwan wäre nur eine Last gewesen. Und so wurde er eben ein Waldkind, wie es sie damals angeblich auf dem Baltikum zu Tausenden gegeben hatte. Seine Pflegeeltern verließen das Dorf im Norden Litauens ohne ihn und setzten den kaum Zehnjährigen – wie in einem bösen Grimmschen Märchen – auf einer Lichtung aus. Mal hatten die Leute mit diesen Ausgestoßenen Mitleid und überließen ihnen ein paar Essensreste. Mal wurden sie mit Flinten wieder ins dichtere Unterholz getrieben, wenn die Bauern fürchteten, sie könnten ein Ei oder gleich das Huhn stehlen. Nein, gesegnet schien dieser Iwan Baruch wahrlich nicht zu sein.

Konter hatte sich die Gerichtsakte des Mannes vorgenommen, bevor er den Besuch plante. Es war klar erkennbar, welche Strategie Kutiskers Anwälte ihrem Mandanten empfohlen hatten. Niemand wusste, ob die rührseligen Geschichten, die sie über den Verdächtigen in der Presse verbreiteten, auch stimmten. Kutisker, das bedauernswerte Waldkind. Kutisker, der mitleidige Ausgestoßene, der sich doch ein Herz für Schwächere bewahrt hatte. Kutisker, der nie den Glauben an ein besseres Leben verloren hatte. Ein Mann, der zuhauf Armenspeisungen organisiert hatte. Der Unternehmer, der sich für die Rechte der deutsch-jüdischen Versehrten des Weltkriegs einsetzte. Wer mochte da einen Stab darüber brechen, dass er sich offenbar ein paar Millionen ergaunert hatte? In seinem ewigen Ringen um ein bisschen Glück. Paul Konter war hin- und hergerissen, wusste nicht recht, was er von dem Häftling halten sollte.

»Wir haben Ihren Gefährten nach Deutschland überführt«, begann Konter das Gespräch. Er hatte beschlossen, sich langsam vorzutasten.

»Ich weiß. Ich werde Ihren jungen Freund bezahlen, sobald Walter bei mir war. Und Sie erhalten dann natürlich Ihre Informationen, Herr Kommissar.«

Er weiß es also nicht, dachte Konter.

»Ihr Buchhalter ist ein widerspenstiger Zeitgenosse.«

»Wie meinen Sie das?«

»Er war bereits äußerst misstrauisch, als man ihn aus dem polnischen Gefängnis befreit hatte.« Konter hatte sich entschieden, auf den Überraschungseffekt zu setzen. »Und jetzt hat er schon wieder das Weite gesucht.«

»Walter ist verschwunden?« Kutisker büßte offenbar von einer Sekunde zur nächsten seine Selbstsicherheit ein. »Wie konnte das geschehen?«

»Sie hätten uns darauf vorbereiten müssen, dass er derart undankbar reagieren könnte.« Konter versuchte, aus dieser Nullnummer das Beste zu machen. Schließlich hatte er nichts in der Hand. Sein Assistent würde sagen, er versuchte einen Bluff. »Er ist in Gefahr. Ich hoffe für den Mann, dass er sich dessen bewusst ist.«

»Sie müssen ihn finden!« Die Stimme des Mannes überschlug sich.

Er wirkte nicht nur enttäuscht und aufgebracht. Konter registrierte sehr wohl den Hauch von Verzweiflung, der aus Kutiskers Gebaren sprach. Inhaftierte waren in ihren Handlungsmöglichkeiten naturgemäß eingeschränkt, konnten ihr Geschick nicht selbst in die Hand nehmen. Und gerade Kutisker war zwei Jahrzehnte lang gewohnt gewesen, dass geschah, was er wollte.

»Ich brauche ihn! Er ist meine einzige Hoffnung!«

Konter schwieg eine Weile und musterte den Mann. Der Balte sah schlecht aus. Obwohl er sicherlich nur halb so viel wog wie Ernst Gennat, war er krankhaft übergewichtig. Sein Brustkorb wölbte sich stark, und jedes tiefere Einatmen wurde von einem schleimigen Rasseln und Pfeifen aus der Tiefe begleitet. Er hatte alte Pockennarben im Gesicht, die jetzt bläulich schimmerten und fettig glänzten. Vielleicht war es auch eine jugendliche Furunkelakne gewesen. Seine dicke, lange Nase und die Krater seiner Haut waren von unzähligen, roten Blutgefäßen durchzogen, die sich beim Sprechen wie Älchen zu winden schienen.

»Nennen wir mein Kommen einen inoffiziellen Besuch, der für beide Seiten von Nutzen sein kann. Niemand sonst muss davon erfahren«, meinte der Polizist schließlich. »Mit dieser Art von Absprachen kennen Sie sich doch aus.«

Kutisker musterte ihn und schien einen Teil seiner Fassung zurückzuerlangen. Offenbar hatte Konter den Ton getroffen. Absprachen und Vereinbarungen unter der Hand waren lange Zeit Kutiskers Art gewesen, Geschäfte zu machen.

»Sie brauchen Walter Annuscheit, weil sein Wissen den Prozess gegen Sie entscheiden könnte.«

Kutisker rührte sich nicht, aber die zuckenden Äderchen in seinem Gesicht verrieten seine innere Anspannung. Konter nahm eine Fotografie aus seiner Ledertasche und legte sie vor dem Häftling auf einen Tisch. Dann zeigte er ihm die Nickelbrille, die sie am Fundort der Brandleiche gefunden hatten. Auf Kutiskers Oberlippe bildeten sich Schweißperlen, und er zitterte leicht. Obwohl er sich selbst nicht wohl dabei fühlte, zog der Kripobeamte auch noch Annuscheits Brieftasche mit der Kennkarte hervor.

»Nein!«, rief Kutisker. Er wurde blass, und einen Moment lang schien es, er würde das Gleichgewicht verlieren.

»Beruhigen Sie sich«, sagte Konter, den bereits jetzt das schlechte Gewissen plagte. Er schob den Stuhl zu Kutisker, der sich jedoch nur an dessen Lehne klammerte. »Es ist nicht der Leichnam Ihres Freundes! Aber jemand wollte, dass wir – und Sie – das glauben.«

»Er ist nicht tot?« Der Mann flüsterte, und in seiner Stimme schwang Hoffnung. Er wirkte jetzt wie ein Kind, das von Vater oder Mutter getröstet werden wollte.

»Zumindest noch nicht.« Konter schüttelte den Kopf. »Ihr Buchhalter ist offenbar auch für andere wertvoll. Aber sobald diese Leute haben, was sie wollen, werden sie ihn beseitigen. Also arbeiten Sie mit mir zusammen, Kutisker. Wir müssen schnell sein!«

»Welche Sicherheiten habe ich, dass Sie mich nicht hinters Licht führen, Herr Kommissar?«

Einen Moment lang hatte der Häftling Konter leidgetan. Aber gerade jetzt offenbarte sich dessen wahrer Charakter. Das Leben des Buchhalters war zweitrangig. Kutisker wollte vor allem weiterhin seine Ziele erreichen. Es ging immer um ein Quid pro Quo. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, und er musterte seinen Besucher. Er war schlau genug, um zu begreifen, dass Konter etwas im Schilde führte.

»Ich und Herr Sass können jetzt entweder alles daransetzen, Ihren Freund schnell zu finden«, sagte Konter. »Oder wir alle verbuchen die Angelegenheit als Totalverlust. Wobei Herr Annuscheit dann wohl den höchsten Preis zu zahlen hätte. Auch für Sie sähe es schlecht aus. Herr Sass würde hingegen nur etwas Geld verlieren. Und ich müsste einen Fall ungelöst zu den Akten legen. Sagen Sie mir also, wer von uns in Zugzwang ist. Sie oder ich?« Beide Männer sahen sich in die Augen. »Selbst wenn Ihr Freund jetzt plötzlich aus dem Nichts auftaucht, brauchen Sie noch meine Hilfe, Kutisker. Denn der Polizeipräsident ist aus Gründen der Staatsräson gewillt, Annuscheit ganz schnell nach Litauen abzuschieben. Es gibt offenbar genug Leute, die ihren Freund vom Hals haben wollen.«

»Meine Anwälte werden euch in der Luft zerreißen«, schimpfte der Inhaftierte. Ein müder Versuch, das Heft wieder in die Hand zu nehmen.

»Machen Sie sich nicht lächerlich! Frey wird sich nicht mit dem Republikschutz anlegen. Die Angelegenheit betrifft die staatliche Sicherheit. Jene Leute, denen Sie jetzt auf die Füße treten könnten, haben Beziehungen nach ganz oben. Man wird ihren Bekannten abschieben, ohne dass irgendjemand irgendetwas tun kann. Bedenken Sie, Herr Kutisker, offiziell gibt es gar keine Angelegenheit Annuscheit. Nur einen unbekannten Toten. Da werden wir dann die Ermittlungen nach einer Schamfrist wohl einstellen müssen.«

»Also gut.« Kutisker setzte sich schwer atmend auf den Stuhl. Er war offenbar Geschäftsmann genug, um zu wissen, wann die Chancen auf einen guten Handel vertan waren. Er wirkte jetzt eher, als wäre er bereit, um jeden noch so kleinen Vorteil zu kämpfen. Als wollte er wenigstens das Gesicht wahren. »Was wollen Sie wissen?«

»Sie haben bei unserem ersten Gespräch angedeutet, dass Sie Eisenstein und Bobrow von früher kannten.«

»Wir haben ein paar Geschäfte in Riga und Tallinn gemacht. Noch in der späten Zarenzeit. Ich weiß nichts Genaues über Bobrow, aber Eisensteins Vater hat mir geholfen, Kontakte in Finnland aufzubauen. Der Mann war angesehener Architekt und Staatsrat. Kurz vor der Revolution erhielt er sogar die Anerkennung eines Adelstitels. Das machte vieles einfacher.«

»Inwiefern?«

»Zunächst haben wir einigen Petersburger Familien geholfen, sich ein wirtschaftliches Standbein in Finnland aufzubauen. Holzhandel, Fabriken, Pelze, Fischkonserven. Später wollten einige mächtige Männer in sehr kurzer Zeit ihr Vermögen nach Westeuropa transferieren. Da waren Eisensteins und meine Beziehungen äußerst nützlich. Und Eisensteins Titel schuf das nötige Vertrauen. Alle russischen Adligen sehen im einfachen Bürger und Arbeiter einen potenziellen Feind.«

»Das Rote Erbe«, murmelte Konter. Plötzlich schien es, als ergäbe alles einen Sinn. »Die Bolschewisten wollen an das Geld herankommen, weil es ihrer Ansicht nach Besitz des Volkes ist. Könnte Sergej Eisenstein, der Sohn Ihres damaligen Partners etwas darüber wissen?«

»Nicht auszuschließen, dass Michail, also Sergejs Vater, über die Transaktionen ebenfalls Buch geführt hat.« Iwan Kutisker zuckte schwerfällig mit den Schultern. »Wenn Sergej darauf noch Zugriff hat, dann wäre er für die Sowjets wertvoll.«

»Ebenfalls?« Paul Konter war plötzlich hellwach. »Wie Ihr Buchhalter?« Er spürte, dass sich einige Knoten zu lösen begannen. »Habe ich recht? Walter Annuscheit hat nicht nur geheime Bücher über Bestechungszahlungen geführt, die Sie hier in Deutschland an hochrangige Personen gezahlt haben. Er weiß auch von den russischen Geschäftsverbindungen, kennt Namen, Konten und Strohmänner. So ist es doch, Kutisker?«

Der Gefangene nickte.

»Eisenstein sollte nicht nur wegen seines Films zurück nach Moskau.« Der Polizist sprach jetzt eher zu sich selbst, um seine Gedanken zu ordnen. »Stalin wollte sichergehen, dass der Regisseur noch auf seiner Seite war. Deshalb hat er Bobrow geschickt, um ihm die Aufforderung des Komitees zu überbringen.« Konters Finger schmerzten, und er musste seinen Bleistift anspitzen, da er bereits drei Seiten in seinem Notizbuch beschrieben hatte. »Was wissen Sie über Bobrow?«

»Nicht viel. Michail Eisenstein hatte den jungen Mann vor etwa fünfzehn Jahren eingestellt, damit er nicht mehr alles selbst machen musste. Aber die beiden haben sich irgendwann zerstritten. Ich glaube, es war nach der Februarrevolution.«

»War Bobrow überzeugter Kommunist? Ich meine, war er damals bereits Bolschewik? Kam es deshalb zum Zerwürfnis?«

»Woher soll ich das wissen? Der Kerl interessierte mich später nicht mehr.« Iwan Kutisker lachte verächtlich. »Ein bisschen Arbeit müssen Sie schon noch selbst erledigen.«

Konter war nach den Schilderungen sicher, dass Annuscheit sich in den Händen der Sowjets befand. Der Mann war für sie nicht nur im übertragenen Sinn Gold wert. Einerseits konnten sie sein Wissen nutzen, um die Männer im Deutschen Reich, die sich von Kutisker hatten bezahlen lassen, unter Druck zu setzen. Andererseits konnte er bei der Suche nach den beiseite geschafften Millionen der Exilanten von Nutzen sein.

»Kannte tatsächlich nur Annuscheit die Einzelheiten?«, fragte er. »Oder hatten Sie weitere Mitarbeiter, die den Entführern von Nutzen sein könnten?«

»Walter hat eine außergewöhnliche Gabe.« Kutisker schüttelte den Kopf. »Ich habe mich auf ihn verlassen. Zumal wir uns sehr nahestanden.« Er vermied es, Konter anzusehen. »Er hat ein hervorragendes Gedächtnis und die berufstypische Neigung, alles aufzuschreiben. Und hinzu kommen eine Menge Scheinrechnungen, Buchprüfertricks und Zahlungsanweisungen an geheime Konten, deren Besitzer in den hohen Posten bei Verwaltung, Justiz und Polizei wenig erfreut sein werden, dass man sie an ihr zusammengerafftes Vermögen erinnert.«

»Reden wir Klartext, Kutisker.« Konter wechselte jetzt in den Harter-Hund-Tonfall. »Ihr Bekannter kann verhindern, dass jede Menge Dreck auf Sie herabregnet. Und zwar nur auf Sie. Sie haben wahrscheinlich nicht plötzlich Ihr Herz für die Gerechtigkeit entdeckt, sondern wollen nur Ihre Haut retten.«

»Was ist verwerflich daran?«, fragte sein Gegenüber. »Ich möchte eine Vereinbarung mit diesen Herrschaften. Mit einem Urteil von fünf Jahren kann ich mich abfinden. Ein Jahr ist bereits verbüßt. Entlassung nach weiteren zwei Jahren bei guter Führung. Kein Entzug der Ehrenrechte und keine Beschlagnahmung meines Vermögens. Wenn ich draußen bin, gehe ich in die Schweiz. Und schweige für immer.«

»Mit den Millionen, die Sie der Stadtkasse gestohlen haben.«

»Gestohlen«, äffte Kutisker nach. »Unsinn. Meine Angebote an die Stadt und das Land Preußen waren eben die besten. Fragen Sie nur den Bürgermeister! Besser seine Frau. Sie mag ihren Zobel, der übrigens aus meinen Beständen stammt, ungemein. Und der Verdienst vieler Beamter reicht kaum für die Butter auf dem Brot. Da habe ich ausgeholfen, ebenso bei den Salden der Witwenkasse.« Der Gefangene reckte sein Kinn trotzig vor. »Nein, ich werde nicht allein büßen für eine Tat, die viele Dutzende begangen haben.«

»Gibt es Leute im Reich, die die Russen bei deren Suche nach dem Geld unterstützen?«, fragte Konter. Ihm war klar, dass er von den Botschaftsangehörigen nichts erfahren würde. Und die Exilrussen verweigerten ohnehin jede Mitarbeit. Zu tief saß bei ihnen die Angst vor der Macht der Staatsorgane. »Ich meine, jemand muss sich doch möglichst unauffällig nach den Bankkonten, Liegenschaften, Schuldverschreibungen, Anleihen und Aktien erkundigen.«

»Lenin hatte vor der Revolution Kontakt zu Politikern und Industriellen im Reich, die ihn finanziert haben«, sagte Kutisker. »Wussten Sie, dass die Oberste Heeresführung um General Ludendorff Russland schwächen wollte, indem man den Aufstand und die Unruhen unterstützte?«

»Ich kenne die Gerüchte.«

»Keine Gerüchte. Es ist die Wahrheit. Ich kenne die Männer, die die Sache eingefädelt haben.« Kutisker zögerte. »Walter hat die Einzelheiten notiert. Damals floss eine enorme Summe in Gold, und man gewährte Lenin Durchreiserecht von Zürich nach Russland.«

»Kommen Sie mir nicht mit alten Geschichten und diesem abgehalfterten General. Ich brauche frische Namen, Kutisker! Die Namen von Männern, die ich heute noch befragen kann.«

»Klopfen Sie doch beim Vorstand der Deutschen Bank an, mein Lieber. Arthur von Gwinner, Oscar Schlitter. Sie könnten auch Alexander Parvus ausquetschen, sofern Sie ihm in der Hölle begegnen. Oder dessen Sohn. Oder fragen Sie den ewig wetternden Alfred Hugenberg. Sie alle wissen oder wussten von diesen dreckigen Abmachungen.«

»Hugenberg?« Dieser Name überraschte Konter nun doch. Der Montanunternehmer und Verleger war so stockkonservativ und moralinsauer, dass er sich nicht vorzustellen vermochte, der Kerl könnte Lenin und den Bolschewisten vor knapp zehn Jahren in den Sattel geholfen haben.

»Natürlich. Lenin hat ihm zugesagt, dass nach dem Sieg der Revolution Erz und Kohle billig nach Deutschland geliefert würden. Vornehmlich an Hugenbergs Konsortium. Der gewiefte Knochen ist ja nicht nur Verleger. Er verdient sein Geld vor allem als Industrieller und Montanunternehmer. Und er hätte mit der Sache viele Millionen gescheffelt, wenn die Niederlage im Westen und Versailles ihm nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätten. Im Nachhinein haben die Herren wohl bemerkt, dass sie Geister gerufen hatten, die sie nicht mehr loswurden. Natürlich streitet man heute alles ab. Und Parvus wäre der Einzige gewesen, der die Karten auf den Tisch hätte legen könnte.«

Immer dasselbe Spiel, dachte Konter. Auch Kutisker hatte kurze Zeit durchaus als Vorzeigepartner der Stadt gegolten. Neue Ideen, riesige Projekte, Wohlstand für alle. Dann die Pleite und der Bestechungsskandal. Und plötzlich wollte ihn niemand mehr kennen.

»Erzählen Sie mir von Parvus«, forderte er Kutisker auf.

»Eine schillernde Persönlichkeit. Und er war einer dieser Unternehmersozialisten, die es um die Jahrhundertwende zuhauf gab. Leute, die im Salon Zigarre rauchten und ihrer Haushälterin erzählten, dass wir eine gerechtere Welt bräuchten, Sie verstehen?«

Konter überlegte einen Moment. Parvus schien damals eine Schlüsselfigur gewesen zu sein. Vielleicht würde ihm eine Anfrage bei der Politischen Abteilung weiterhelfen. Auch sein Freund Lothar Kunnecke vom Auswärtigen Amt konnte ihm vielleicht etwas über den Mann sagen.

Der Wärter trat plötzlich an ihn heran und bedeutete ihm, dass es Zeit war, zu gehen. Konter ärgerte sich, dass er keine offizielle Anfrage bei der Gefängnisleitung gestellt hatte. Aber wahrscheinlich war es besser, nicht zu viele schlafende Hunde zu wecken.

»Hören Sie, Kutisker. Ich gebe Ihnen eine letzte Chance. Sie verraten mir alles über die Kontakte der Männer, die Sie erwähnt haben. Lenin, die Bankvorstände, Parvus, Eisenstein und wer Ihnen sonst noch einfällt. Schreiben Sie alles auf. Ich lasse Ihnen Papier und Stift bringen.« Er sah Kutisker jetzt direkt an. »Und ich will möglichst viel über die Familien erfahren, die damals aus Russland geflohen sind. Ich komme morgen wieder. Im Gegenzug für Ihre Aussage werde ich versuchen, Ihren Freund zu retten.«

»Eine ungleiche Vereinbarung«, beschwerte sich Kutisker. »Sie tauschen die Trümpfe in meiner Hand gegen ein vages Versprechen.«

»Sie wissen genau, dass Sie das Spiel nicht mehr gewinnen werden, Kutisker. Aber Sie können Ihre Verluste minimieren. Denken Sie an die Schweiz!«

˚˚˚

Lothar Kunnecke war ein Freund aus Schultagen. Er und Konter hatten auf dem Wedding manche krummen Dinger gedreht, über die sie heute zwar lachten, die sie aber damals ebenso gut auf die schiefe Bahn hätten bringen können. Kunnecke arbeitete als Assistent eines Unterstaatssekretärs beim Auswärtigen Amt in der Wilhelmstraße. Die beiden Männer trafen sich in unregelmäßigen Abständen. Paul Konter hatte immer ein schlechtes Gewissen, da meist er es war, der Kunnecke um einen Gefallen bat. Das Außenamt nahm seit jeher unter allen Ministerien eine Sonderrolle ein. Immer noch schlugen die quasi übrig gebliebenen, nicht zu direktem Erbe bestimmten Söhne aus adligen Familien gern die Diplomatenlaufbahn ein. Die Schar der Mitarbeiter glich also eher einem elitären britischen Poloklub als einem dem Reichskanzler untergeordneten Ressort. Und für alles, was außerhalb der Reichsgrenzen lag, sah man sich hier vollkommen unabhängig verantwortlich. Politisch und auch moralisch.

Konter traf den alten Freund wieder einmal im nahe gelegenen Aschinger an der Leipziger Straße. Auch hierfür schämte er sich, hatte er Kunnecke doch schon mehrmals einen Abend im Wintergarten versprochen. Statt Schampus und Austern gab es jetzt wieder ein schnell gezapftes Schultheiss und Bulette mit Brot. Nach einem kurzen Vorgeplänkel kam der Kripobeamte sofort zur Sache.

»Ich nehme an, dass die Russen selbst hinter dem Mord an ihrem Landsmann Bobrow stecken. Zudem haben sie jetzt wohl auch meinen wichtigsten Zeugen entführt.« Konter schilderte seinem Bekannten kurz die Zusammenhänge.

»Vielleicht solltest du die Finger davon lassen, Paul«, riet ihm Kunnecke. »Das Reich ist an guten Beziehungen zur UdSSR interessiert. Erstens wird man niemanden verprellen wollen. Und zweitens führen sich die Russen entsprechend auf. Sie wissen, dass sie sich fast alles herausnehmen können.«

»Es war noch nie meine Art zu kneifen, nur weil ich mir die Finger verbrennen könnte«, erwiderte Konter. »Ich muss wenigstens herausfinden, was passiert ist. Und wer es zu verantworten hat. Ich habe mit Iwan Kutisker gesprochen, und er hatte ein paar interessante Informationen aus seiner Zeit im Baltikum. Er erwähnte Alexander Parvus und ein paar Vorstandsmitglieder aus Bankenkreisen.«

»Parvus.« Kunnecke hielt kurz inne und dachte nach. »Eine seltsame Figur. Er verehrte Lenin und glaubte an die Ideale der russischen Revolution. Als er merkte, dass auch die Bolschewiki nur mit Wasser kochen und letztlich wieder Politik machen, wandte er sich enttäuscht ab. Bei uns war er zur Persona non grata geworden, da man ihm vorwarf, er habe die Revolution zu verantworten. Was natürlich blanker Unsinn ist.«

»Kutisker meinte, dass Parvus alle Zusammenhänge gekannt hätte. Ich brauche dieses Wissen.«

»Mag sein. Es gibt Stimmen, die behaupten, dass er sogar zu viel gewusst hat.« Kunnecke sah sich um, bevor er leise weitersprach. »Sein Tod vor anderthalb Jahren kam recht überraschend. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.«

»Hatte er einen engen Vertrauten? Gibt es jemanden, den ich befragen könnte?«

Kunnecke nickte, wandte sich jedoch zunächst seinem Essen zu. Dabei sah er sich unauffällig um und schien sichergehen zu wollen, dass kein Kollege aus dem Amt in der Nähe war.

»Ich denke, Graf von Kessler ist dein Mann«, meinte er schließlich. »Er weiß über Parvus und dessen Kontakte sicherlich Bescheid.«

Konter sah seinen Bekannten fragend an. Zwar hatte er den Namen bereits gehört, konnte ihn jedoch nicht einordnen.

»Kessler sieht sich gern als Lebemann und Menschenfreund«, klärte ihn Kunnecke auf. »Er arbeitet an verschiedenen Projekten des Außenamts mit, ohne dass man ihn darum gebeten hätte. In gewisser Weise wie Parvus. Auch Kessler träumt von einer besseren, gerechteren Welt. Allerdings ist er kein Unternehmer, sondern der Erbe eines bedeutenden Vermögens. Man nennt ihn auch den Roten Grafen, weil er es mit den Sozis hat.«

»Kannst du einen Kontakt zu ihm herstellen?«

»Ich kenne ihn nicht. Und ich spiele nicht in seiner Liga.« Kunnecke schüttelte den Kopf. »Graf Kessler ist gerade in der Weltgeschichte unterwegs und nervt den Außenminister, weil er sich als eine Art Graue Eminenz bei Verhandlungen mit den Siegermächten etablieren möchte. Hansdampf in allen Gassen.«

»Ich habe gelesen, dass er für die Aufnahme des Reichs im Völkerbund wirbt«, meinte Konter.

»Er wäre gern der Drahtzieher eines großen Coups. Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund auf Vermittlung von Graf Kessler. Von einer derartigen Schlagzeile träumt er.« Der Mitarbeiter des Außenministeriums nahm den letzten Schluck aus seinem Bierglas. »Aber ich bin ungerecht. Er hat schon etwas drauf. Wer mit dem englischen Premierminister speist, kann kein Volltrottel sein. Kessler kennt Hinz und Kunz in der Welt. Da fällt mir ein, dass ich mit Solf sprechen könnte. Die beiden kennen sich, und du hast einen Stein bei ihm im Brett. Vielleicht kann er ein Treffen einfädeln.«

»Solf? Was hat denn der Botschafter damit zu tun?« Konter wunderte sich aufs Neue, wie klein diese politische Welt war. Manchen Leuten begegnete man immer wieder. Wilhelm Solf war lange Jahre kaiserlicher Gouverneur von Samoa gewesen und jetzt als Botschafter in Tokio tätig. Zusammen mit einem Freund hatte er der Familie Sass vor einiger Zeit geholfen, Antonias Tochter aus den Fängen eines Mädchenhändlerrings zu befreien. Im Gegenzug hatte ihm Konter Beweise geliefert, dass mehrere hochrangige Diplomaten in Veruntreuung und Bestechung verwickelt gewesen waren.

»Kessler ist inoffizielles Mitglied in einem erlauchten Klub, der sich unregelmäßig im Hotel Kaiserhof trifft. Wilhelm Solf, Walter Simons und Hans von Seeckt haben diesen politischen Zirkel vor einigen Jahren ins Leben gerufen. Wenn ich nicht irre, haben sie in zwei Wochen wieder eine Tagung, zu der auch Solf und Kessler erwartet werden. Vielleicht lässt sich da etwas machen.«