Überwältigende Schuldgefühle

»Ich bin eine Mörderin«, klagte Arabelle. Sie verharrte in geduckter Haltung mit einem Dolch in jeder Hand, während ihre Zofe sie sich mit einem eisenbeschlagenen Stab vom Leib hielt.

Miriam bewegte sich nach links und versuchte, ihre Herrin davon abzuhalten, sie anzugreifen. »Prinzessin, du musst aufhören, dich deswegen so zu quälen.«

Arabelle überwand den Abstand zwischen ihnen mit einem Sprung, und der Dolch sprühte Funken, als sie einen Treffer an Miriams Brustpanzer landete.

Miriams Stab pfiff durch die Luft, als sie mit einem wilden Schlag auf Arabelles ausgestreckten Arm zielte. Arabelle sank in eine tiefe Hocke und wich ihm knapp aus.

»Es ist vier Jahre her, und die Tat sucht mich immer noch heim. Es war allein meine Entscheidung, ihnen das Leben zu nehmen.« Schleichend bewegte sich Arabelle hinter ihrer Zofe her und achtete auf eine weitere Gelegenheit zum Angriff, während ihre Gedanken um die Vergangenheit kreisten. »Sie hatten mich nicht mal angegriffen! Das habe ich noch niemandem außer dir erzählt. Wie kann ich zulassen, dass mich Ryan als seine Braut annimmt, wenn ich ihm so etwas vorenthalte?«

Miriam blinzelte sich Schweiß aus den Augen und griff knurrend an, schwang den Stab auf Arabelles Knie. Die Prinzessin sprang zurück, und Miriam setzte den Angriff mit einem durchgehenden Wirbel aus Schlägen, Tritten und Hieben mit dem Stab fort.

»Arabelle, ich kann es wirklich nicht mehr hören. Dein Vater mag der Scheich sein, und du magst meine beste Freundin und die Prinzessin unseres Volks sein, aber ich muss es dir sagen: Du benimmst dich wie ein kleines Mädchen!«

Entschlossen rückte Miriam vor und steigerte sowohl die Geschwindigkeit als auch die Kraft hinter ihren Angriffen. Arabelle wich aus und wehrte die Hiebe ab.

»Du hast mir schon oft erzählt, was passiert ist«, fuhr die Zofe fort. »Du hast diese Männer hingemetzelt, um dich selbst und andere zu schützen. Du gehst viel zu streng mit dir ins Gericht, und ich will keinen Selbsthass von der Prinzessin der Imazighen hören!«

Arabelle duckte sich unter einem von Miriams Angriffen hindurch, bevor sie ihre Gegnerin mit einem mächtigen Tritt gegen die Brust von den Beinen schleuderte. Dann zeigte sie das Ende des Übungskampfs an.

»Du hast wohl recht«, meinte sie seufzend. »Trotzdem, unser Volk verdient eine bessere Prinzessin.«

Miriam setzte sich stöhnend auf. »Nein, es verdient keine bessere Prinzessin, sondern dich. Du hast immer zum Wohl aller gehandelt. Mehr kann man sich als Imazighen nicht wünschen.« Als Arabelle die Stirn runzelte, fügte die Zofe hinzu: »Aber wenn du solche Schuldgefühle wegen der Tat hast, dann solltest du dich vielleicht Ryan anvertrauen ... äh, dem Erzmagier. Tu es vor der Hochzeit, wenn du meinst, es muss sein. Ich bin sicher, er wird sich verständnisvoll zeigen.«

Als Miriam begann, ihre Rüstung abzulegen, bemerkte Arabelle einen blauen Fleck, der sich am Schlüsselbein ihrer Zofe bildete. Behutsam berührte sie die Stelle. Prompt bildeten sich die Schwellung und die Verfärbung zurück.

»Ich denke, ich sage es ihm«, verkündete sie. »Ich wünschte nur, ich könnte es sofort tun. Er soll ja erst am Tag vor der Zeremonie aus Eluanethra zurückkommen, und bis dahin sind es noch fast zwei Wochen.«

Sie stellte sich Ryan so vor, wie sie ihn zuletzt gesehen hatte. Seine freundlichen blauen Augen hatten sie bereits angezogen, als er noch lediglich ein Traum von der Zukunft war. In den Jahren seither war jener blauäugige Junge zu einem stattlichen Erwachsenen geworden. Sie schloss die Lider und tastete nach seinem Geist. Obwohl er sich meilenweit entfernt aufhielt, wusste sie, dass ihre übernatürliche Sicht sie geradewegs zu ihm führen würde, wenn sie ihren Sinnen nach Nordosten folgte.

»Warum benutzt du nicht deinen Ring?«, schlug Miriam vor.

Arabelle schlug die Augen auf und sah, wie Miriam auf ihren persönlichen Ring deutete, über den sie nur mit Ryan Verbindung aufnehmen konnte.

»Ich kann es ihm nicht über den Ring beichten! Ich muss ihn dabei sehen .« Sie lächelte. »Ich habe da so eine Idee.«

»Wenn sie nur ungefährlich ist. Und vergiss nicht, es bringt Unglück, den Verlobten in der Woche vor der Zeremonie zu sehen.«

Arabelle zappelte vor Aufregung. »Dann sage ich ihm wohl besser, dass er sich beeilen soll.«

Sie tippte eine Nachricht in ihren Ring. Womit auch immer Ryan gerade beschäftigt sein mochte, er würde die Vibrationen in seinem Ring sofort spüren und die Nachricht übersetzen.

Ryan, begann sie. Wir müssen reden ...

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* * *

Sobald Ryan den dringenden, geheimnisvollen Aufruf seiner künftigen Gemahlin erhalten hatte, beeilte er sich, alles zu beenden, was er in der Elfenstadt Eluanethra zu erledigen hatte. Und nicht nur er hatte es eilig. Die Schreiber, die in der Bibliothek von Eluanethra mit ihm zusammenarbeiteten, hasteten zwischen den Regalreihen hin und her und spürten Bände für ihn auf, die er ihnen genannt hatte. Gleichzeitig widmeten sich andere bereits der mühseligen Aufgabe, jede einzelne Seite der ausgewählten Wälzer abzuschreiben.

Als Xinthian eintrat, schmunzelte er bei dem Anblick. »Junger Mann, so habe ich meine Schreiber seit Jahren nicht mehr herumeilen gesehen.«

»Sie sind mir eine große Hilfe. Es tut mir leid, dass ich meinen Besuch abkürzen muss, aber Arabelle hätte mich nie gerufen, wenn es nicht wirklich wichtig wäre.«

Xinthian streckte die Hand aus. »Gib mir eine Aufstellung davon, was du brauchst. Du solltest deine Braut nicht warten lassen.«

Ryan sah den Stadtältesten unsicher an. Schließlich nickte er und drückte ihm die Aufstellung in die ausgestreckte Hand.

»Jelian«, sagte Xinthian und reichte das Pergament an einen der Schreiber weiter. »Sorg dafür, dass alles, was auf dieser Liste steht, an die Bibliothek von Burg Riverton geliefert wird, sobald die Abschriften fertig sind.«

Dann legte Xinthian einen Arm um Ryans Schultern und begleitete ihn aus dem Raum.

»Danke, mein Freund«, sagte Ryan, als sie draußen ankamen.

Der Stadtälteste lachte. »Und ich danke dir für die Einladung zur Hochzeit! Ich freue mich schon darauf, daran teilzunehmen. Obwohl ich nicht behaupten kann, ganz so aufgeregt reagiert zu haben wie Königin Labriuteleanan. Sie findet, dass du neuerdings entschieden zu selbstsicher wirkst, und sie freut sich schon sehr darauf, dich wieder so nervös und unsicher sehen wie bei eurer ersten Begegnung.«

Ryan lachte etwas gequält. Zu Beginn seiner Ausbildung in der Elfenstadt waren er und die noch ungekrönte Elfenkönigin die einzigen Schüler Eglerions gewesen, des elfischen Meisters des Wissens. Und Labriuteleanan – Labri – hatte ihn erstmals auf den elfischen Brauch aufmerksam gemacht, öffentlich in gemischter Gesellschaft zu baden. Und wie sie ihn darauf aufmerksam gemacht hatte. Kaum hatte sie gemerkt, wie peinlich es Ryan war, sie anzusehen, als sie sich beim Baden im örtlichen Bach zu ihm gesellte, hatte sie es sich zum Ziel gesetzt, es so oft wie möglich zu wiederholen und beharrlich mit ihm zu plaudern, während sie beide unbekleidet waren.

»Du kannst Labri ausrichten, dass ich mich tatsächlich auf diese Art der Unsicherheit freue«, sagte er.

Als sie an der Koppel mit seinem Reittier ankamen, schlug Ryan mit Xinthian ein. »Danke noch mal für all deine Hilfe.«

»Leb wohl, junger Erzmagier. Und grüß deine Eltern von mir.«

»Mach ich.«

* * *

Nach zwei Tagen hoch zu Ross erspähte Ryan die Wälle von Burg Riverton, die sich aus dem umliegenden Grasland erhoben. Hoch über dem Übungsgelände flogen die beiden Drachen Rubina und Piet, die Teil seiner erweiterten Familie geworden waren.

Kaum zu glauben, dass die beiden vor weniger als drei Jahren noch Eier waren.

Im Schatten der Burg war eine kleine Stadt genauso schnell herangewachsen wie die Drachen. Wo sich vor kurzem noch eine Wiese befunden hatte, lag nun eine befestigte Reihe von zusammenhängenden Gebäuden, die sich über etliche Morgen erstreckten. Und immer noch tummelten sich überall Handwerker, viele davon Zwerge. Wie Ameisen wuselten sie über die Gebäude, um das Mauerwerk und die Metallarbeiten zu begutachten.

Aber Burg Riverton war nicht Ryans Ziel. Stattdessen lenkte er das Pferd in Richtung einer weitläufigen Kolonne von Wagen und Zelten, die einige Meilen entfernt lagerten. Die Karawane, in der er seine Verlobte finden würde.

Am Rande der Karawane kamen ihm zwei Gardisten entgegen. Beide schlugen sich zum Gruß mit der Faust auf die Brust. Ryan neigte zur Erwiderung den Kopf und stieg ab.

Der ältere der beiden Soldaten trat vor. »Seid gegrüßt, junger Herr Riverton, Erzmagier von Trimoria und Verlobter unserer Prinzessin. Willkommen im Hoheitsgebiet von Scheich Honfrion der Imazighen. Ich bin Tabor, Leiter der Garde. Der Mann hinter mir ist mein Stellvertreter Khalid.«

Ryan reichte die Zügel einem herbeigeeilten Stallknecht. »Ihr beide seht euch ähnlich. Ist das bei allen Gardisten von Honfrion so?«

Tabor lachte. »Nein, Erzmagier. Ich bin stolz, dass Khalid zugleich mein Sohn ist.«

Khalid trat vor. »Wenn es recht ist, Erzmagier, möchte mein Scheich, dass ich Euch gleich bei Eurer Ankunft zu ihm bringe.«

»Ich werde erwartet?«

»Ja, Herr.«

Als die beiden Soldaten Ryan durch das überfüllte Händlerviertel der Karawane führten, verstärkte Ryan seinen Schutzschild mit einer geringen gedanklichen Anpassung. Er wusste, dass nur er das leichte Summen des Schilds hören konnte, das sich wie eine unsichtbare zweite Haut an ihn schmiegte.

Die Leute der Karawane – die Imazighen, Arabelles Volk – murmelten, flüsterten und starrten ihn unverhohlen an, als er vorbeiging.

»Er ist es! Er ist hier!«

»Der Zauberer aus der Prophezeiung!«

»Die Prinzessin hat ja solches Glück.«

Die letzte Bemerkung kam von einem Mädchen mit leuchtend rotem Haar. Als Ryans Blick dem ihren begegnete, zog sie sich hastig einen Schleier vors Gesicht – starrte aber verwegen zurück.

Drei Zwerge kamen mit Krügen in den Händen aus einem Händlerzelt und blieben unvermittelt stehen.

»Ich glaube es nicht!«, entfuhr es einem. »Ist das der Erzmagier? Er leuchtet mit seiner Magie wie ein Glühwürmchen.«

»Norgeon, halt die Klappe!«, warnte ein anderer. »Er verwandelt dich in ein Gebirgspony, wenn du respektlos bist.«

Der dritte Zwerg lachte. »Das wäre eine Verbesserung, sage ich. Ponys sind so hübsche Tiere. Norgeons Gesicht hingegen erinnert mich eher an das behaarte Hinterteil eines Ogers ...«

Sie ließen das Händlerviertel hinter sich. Tabor und Khalid führten Ryan zu einem großen Zelt, vor dem mehrere ernst wirkende Gardisten Wache hielten. Alle salutierten zackig vor Tabor.

Der Leiter der Garde wandte sich an Ryan. »Erzmagier, bestimmt wollt Ihr nach der Besprechung mit dem Scheich die Prinzessin besuchen. Ich warte hier und begleite Euch zu ihr.«

»Und nebenbei spielst du auch den Anstandswächter, vermute ich, richtig?«

Tabor konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Erzmagier, Ihr kennt unsere Bräuche. Wann immer es möglich ist, muss unsere Prinzessin von einem Leibwächter begleitet werden. Nach der Trauung gehört auch Ihr zu den Imazighen und werdet als Leibwächter anerkannt.«

Ryan legte Tabor die Hand auf die Schulter. »Ich würde nichts anderes erwarten. Ist der Scheich bereit für mich?«

Tabor schaute zu den Wachen am Eingang, die nickten. Dann öffnete Tabor die Klappe und kündigte Ryans Ankunft an.

Aus dem Inneren dröhnte eine tiefe Stimme. »Ryan, komm rein, komm rein. Steh da draußen nicht rum wie ein Fremder, mein Sohn.«

Als Ryan eintrat, begrüßte Arabelles Vater, Scheich Honfrion, ihn mit einer Umarmung und einem Schmatz auf jede Wange. Dann setzten sie sich in der Mitte des Zelts einander gegenüber.

Honfrion riss ein Fladenbrot in zwei Hälften und reichte Ryan ein Stück. »Junger Ryan, unser Volk hat lange auf diesen Moment gewartet.«

Ryan kaute das frisch gebackene Brot. »Auf welchen Moment?«

Honfrion krempelte die Ärmel hoch. Muskelbepackte Arme kamen zum Vorschein. Mit einer erstaunlich leichten Berührung ergriff er Ryans Hände. »Ryan, mein Junge. Die Mitglieder meiner Familie haben schon lange Visionen von der Zukunft. Manchmal sind es wünschenswerte Ereignisse, andere Male erschreckende. Arabelles Mutter war eine Seherin mit besonders ausgeprägter Gabe, und auch Arabelle besitzt diese Fähigkeit.«

Er lehnte sich zurück und tupfte sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn. »Auch ich habe Visionen – obwohl ich sie lange absichtlich blockiert habe. Erst in den letzten Jahren sind sie zurückgekehrt.«

Seine Augen zuckten hin und her, als würde er jeden Winkel des Zelts absuchen. »Ryan, ich habe deine Ankunft um einige Augenblicke vorhergesehen und deshalb Tabor und Khalid losgeschickt, um dich herzuholen. Durch diese Vision wusste ich, dass ich dich in dieses Zelt holen muss, damit du jemanden kennenlernen kannst ...«

Honfrion erstarrte mitten im Satz. Seine normalerweise dunkelbraunen Augen wurden leuchtend weiß. Magiefäden – wie Ryan wusste unsichtbar für jeden außer ihm – wirbelten um den Kopf des Scheichs und versprühten Funken durch das gesamte Zelt. Die Energie schwoll an und breitete sich von Honfrion aus, der nichts davon mitbekam.

Dann verdichtete sich der wirbelnde Energiestrom zu einer Säule einen halben Meter rechts von Honfrion. Eine Frau trat aus der Säule hervor, und die funkensprühende Magie verschwand.

Die Frau war uralt. Graue Haut, wirres graues Haar, Wucherungen am Kinn. Sie trug trist-graue Gewänder, allerdings umgaben sie schimmernde Wellen weißer Magie.

»Kind des Schicksals«, sagte sie, »ich bin hier. Für dich bin ich eine Botin.«

Ryan deutete auf Honfrion, der nach wie vor erstarrt verharrte. »Was hast du mit ihm gemacht?«

»Keine Sorge. Ich gebe dir, was du brauchst. Wenn ich weg bin, läuft die Zeit weiter.«

»Die Zeit?«

Die Frau trat vor. »Genug! Hör und sieh zu.«

Die Frau schloss die Augen, und das Zelt verschwand aus Ryans Sicht.

Ein Bild formte sich in seinem Kopf.

Die Nacht ist dunkel. Das einzige Licht stammt von einem entfernten Lagerfeuer. Vier Gestalten kauern um das Lagerfeuer. Alle tragen moderne Kleidung. Mode aus Ryans Vergangenheit.

Ryan schnappte nach Luft. »Das sind meine Familie und ich, als wir ursprünglich in Trimoria angekommen sind!«

Ein paar Hundert Meter entfernt lauern Azazels Männer und beobachten das Lagerfeuer aus der Ferne.

»Jetzt wissen wir, dass sie dumm, betrunken oder ahnungslos sind, in welcher Gefahr sie schweben«, meinte einer. »Wer zündet so nah am Sumpf ein Lagerfeuer an? Doch nur Beute für Sumpfkatzen oder Sklavenhändler. Sie verdienen es, abgeschlachtet zu werden.«

»Kirag hat gesagt, wir sollen versuchen, etwas aus ihnen herauszubekommen.«

»Mir ist egal, was Kirag gesagt hat – tot ist tot. Es macht zu viel Ärger, Leute gefangen zu nehmen und zu verhören.«

Obwohl sich die Ereignisse der Vision vor Jahren ereignet hatten, raste Ryans Herz in seiner Brust. »Schon damals waren Meuchelmörder hinter uns her? Wie konnten sie wissen, dass wir dort sein würden? Wir wussten ja noch nicht mal, dass wir in Trimoria angekommen waren.«

Etwas landet inmitten der beisammen kauernden Meuchler. Eine Rauchwolke wallt ihnen in die Gesichter. Als sich einer der Männer aufrichtet, rast eine Gestalt vorbei, schneidet ihm die Kehle durch und verschwindet in der Nacht.

Die anderen Männer röcheln. Kurz darauf brechen sie zusammen. Vorsichtig kehrt die geheimnisvolle Gestalt zurück.

Eine Frau.

Sie schaut zum fernen Lagerfeuer, dann blickt sie auf die Mörder hinab, bevor sie noch einmal zum Lagerfeuer späht. Dann bewegt sie sich blitzschnell und schlitzt die Kehlen ihrer Opfer auf. Ihr Lebenssaft ergießt sich klebrig ins Gras.

Die geheimnisvolle Gestalt starrt auf ihre in Blut getränkten Hände. Ein Schluchzen schüttelt ihren Körper durch. Vertraute Augen schauen zum Himmel auf ...

»Arabelle!«

Die Vision verblasste, und Ryans Herz hämmerte schneller, als er es für möglich gehalten hatte. Er sah die alte Frau an, deren Gesicht vollkommen ausdruckslos blieb. »Arabelle hat uns alle gerettet?«

Der Schein um die Frau wurde heller. »Du musst wissen, dass sowohl du als auch deine Verlobte Kinder des Schicksals sind. Sie handelt zu Seders Gunsten und somit auch immer zu deinen Gunsten, denn du bist Seders Verfechter.«

Ihre schimmernden Wellen weißer Energie erstrahlten so grell, dass sie Ryan beinah blendeten, bevor sie erloschen und das Zelt in Dunkelheit tauchten. Ryan zapfte etwas von seiner Macht an und ließ eine Kugel aus funkelndem Licht über seinem Kopf entstehen.

Die alte Frau war nicht verschwunden. Nun hielt sie etwas in den Armen. Einen kleinen Jungen, umhüllt von einem strahlend weißen Wickeltuch.

Sie streckte ihm das Kind entgegen. »Seders Verfechter, hier ist ein Geschenk von Seder.«

Ryan nahm das Kind entgegen. Der Junge hatte den leichten Flaum eines Schnurrbarts und die Proportionen eines Zwergs. »Ich ... ich kann mich nicht um einen Säugling kümmern. Was soll ich mit ihm?«

Eine weiß schillernde Aura umgab den Säugling. Rasant wurde er schwerer und größer. Als das Licht trüber wurde, war der Säugling zu einem Zwergenjungen gealtert. Zappelnd befreite sich der Bursche aus Ryans Armen und landete mit den behaarten Beinen auf dem Boden.

Mittlerweile hatte er einen lichten Vollbart und trug wallende weiße Gewänder. Nachdem er eine Reihe versteckter Taschen durchsucht hatte, lachte er und holte eine Handvoll bernsteinfarbener Würfel hervor. Er schaute zu Ryan auf.

»Willst du irgendwas spielen?«, fragte er.

Was um alles in der Welt ist hier los?

Ryan drehte sich der alten Frau zu, doch sie verblasste bereits mit einem verhaltenen Lächeln im Gesicht.

* * *

Als Gardisten der Karawane mit dem jungen Zwerg zu Burg Riverton aufbrachen, pfiff das Kind fröhlich vor sich hin und jonglierte mit Holzkugeln aus einer seiner zahlreichen Taschen. Ryan war immer noch so fassungslos, dass er dem Jungen nur schweigend nachschauen konnte.

Honfrion legte Ryan die Hand auf die Schulter. »Meine Vision hat mir gezeigt, dass du in meinem Zelt einen Fremden treffen würdest. Allerdings war mir nicht klar, dass er so abrupt vor meinen Augen erscheinen würde, als ich dir gerade von ihm erzählen wollte.«

Honfrion hatte nichts davon mitbekommen, was sich sonst noch im Zelt abgespielt hatte. Vermutlich, weil die Zeit stillgestanden hatte. Was hatte die Worte noch mal gesagt?

Wenn ich weg bin, läuft die Zeit weiter.

Darüber würde er Eglerion befragen müssen. Vielleicht würde der Meister des Wissens erklären können, was geschehen war.

Honfrion bemerkte seinen besorgten Blick. »Du tust das Richtige, indem du ihn zur Kinderbetreuung in der Burg schickst. Offensichtlich weiß er über sein plötzliches Erscheinen genauso wenig wie wir. Er scheint nur an Spielen interessiert zu sein.«

Eine Frau stieß einen Ruf aus. »Ryan!«

Als sich Ryan umdrehte, prallte Arabelle gegen ihn, ein Wirbelwind fliegender Haare und schallenden Gelächters, so ungestüm, dass sie ihn von den Beinen riss. Sie landeten beide im Dreck, und Arabelle übersäte sein verblüfftes Gesicht mit Küssen.

»Keine besonders würdevolle Begrüßung, Arabelle.« Ihr Vater schmunzelte. »Und ich dachte, ich hätte dich besser erzogen.«

Arabelles Lächeln wirkte ansteckend. Ryan grinste wie ein Trottel, als sie ihn auf die Beine zog. »Ryan! Du solltest mir doch Bescheid geben, sobald du hier bist!«

Honfrion räusperte sich. »Meine Blume, das war meine Schuld. Ich habe die Gardisten ersucht, ihn zu mir zu bringen, damit wir etwas besprechen konnten.«

Arabelle zog Ryan weg von der Menge, die sich einfand. Wie immer folgten ihnen mehrere Leibwächter, darunter Tabor. Arabelle sah Ryan an und drückte seine Hand. Leichte Röte stieg ihr dabei in die Wangen. Und sie sah umwerfend aus. Ihr weißes, enganliegendes Kleid betonte ihren athletischen Körperbau und ihre Kurven. Außerdem bildete es einen wunderbaren Kontrast zu ihren dunklen Haaren und Augen.

Sie zog Ryan bis zu ihrem Zelt, doch bevor sie es betreten konnten, räusperte sich Tabor. »Prinzessin, es wäre nicht schicklich für euch beide, allein zu sein.«

Arabelle schnaubte. »Aber ich will unter vier Augen mit Ryan sprechen. Zwing mich nicht, mich dafür von der Karawane zu verabschieden, Tabor.«

Der Gardist kratzte sich am Bart. »Ich habe eine Idee. Kommt mit.«

Wenige Augenblicke später saß Ryan in einer leeren Koppel im Schneidersitz vor Arabelle. Das Umfeld ermöglichte es ihnen, von Angesicht zu Angesicht unter vier Augen zu sprechen, während die Leibwächter sie aus der Ferne beobachten konnten.

»Tja, das wird wohl reichen müssen«, meinte Arabelle.

»Das passt schon.« Ryan drückte ihre Hände. »Ich respektiere die Bräuche deines Volks. Ich freu mich einfach, dich zu sehen. Egal, wo wir sind.«

In Arabelles Augen glitzerten unvergossene Tränen. »Ryan, ich muss dir etwas gestehen ...«

* * *

Als sich Arabelles Geschichte entfaltete, wurde Ryan klar, dass Trimorias Prophezeiungen nicht nur die Gebrüder Riverton betrafen. Offenbar hatte Seder – der Geist, der seine Familie aus einem Sommerurlaub in Arizona entführt hatte und Ryan zu einem Erzmagier in einem Land namens Trimoria werden ließ – auch auf Arabelles Seite einige Ereignisse in Gang gesetzt. In ihrem Fall hatte er dafür gesorgt, dass Arabelle von keinem Geringeren als Castien, dem Schwertmeister der Elfen, im Umgang mit Waffen und Giften geschult wurde.

Endlich verstand Ryan, warum sich seine Verlobte vor einigen Jahren bei einem Wettbewerb im Zielwerfen mit ihren Dolchen derart ausgezeichnet hatte.

Ihr fiel vor allem schwer, den letzten Teil der Geschichte zu offenbaren. Als sie ihre Sicht der Umstände schilderte, die Ryan soeben in einer Vision erlebt hatte, flossen ihre Tränen in Strömen. Schuldgefühle und Scham standen ihr ins Gesicht geschrieben.

Ryan ließ sie kaum ausreden, bevor er damit herausplatzte, was er gerade im Zelt ihres Vaters gesehen hatte. Und er erklärte ihr, dass die Tat, die sie gestand, seiner gesamten Familie das Leben gerettet hatte. Und als er ihr versicherte, dass er ihre Handlungen für gerechtfertigt hielt und sie sich nicht dafür schämen müsste, brach eine Flut von Emotionen aus ihr heraus. Sie warf die Arme um ihn und weinte, als jahrelang aufgestaute Schuldgefühle und Unsicherheit aus ihr abflossen.

Während ihres Gesprächs war die Sonne untergegangen. Sie lagen sich noch gegenseitig in den Armen, als sich Arabelles Zofe mit einer Fackel in der Hand näherte. Zweifellos ein Zeichen, dass es für Arabelle an der Zeit war zu gehen.

Bevor Ryan die Gelegenheit verpassen konnte, beugte er sich zu Arabelles Ohr und flüsterte: »Ich liebe dich.«

Sie legte ihm die Hand in den Nacken und zog ihn für einen Kuss zu sich.

Miriam räusperte sich. »Prinzessin, die Nacht bricht an. Ich bin hier, um Euch daran zu erinnern, dass es jetzt noch sieben Tage bis zu Eurer Hochzeit sind. Und wie Ihr wisst, bringt es Unglück, Euren Verlobten in der Woche vor der Hochzeit zu sehen.«

Ryan stand auf und zog Arabelle auf die Beine. »Wir sehen uns in einer Woche, Fräulein Riverton.«

Arabelle stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich kann’s kaum erwarten.«