Ein geheimnisvoller Zwerg

Die Stimme, die in seinem Kopf widerhallte, verstummte mitten im Satz. Malphas schaute zu Sammael, seinem Herrn und Meister, und wartete. Mindere Dämonen gingen in der Höhle ein und aus. Sie erledigten irgendwelche Aufgaben, die den Dämonengeneral nicht kümmerten.

Von dem Dämon, der wie eine Statue auf dem Thron saß, ging wellenartig Wärme aus. Sammael konzentrierte sich auf irgendetwas, das ihn erboste. Der Dämonenfürst bändigte ständig einen wahren Hochofen unvorstellbarer Energie, die unter seinen Schuppen brodelte. Malphas graute vor dem Gedanken, was passieren würde, wenn sein Meister je die Kontrolle über diese gewaltige Kraft verlöre. Trotz aller Zurückhaltung seines Herrn herrschte im Thronsaal drückende Hitze. Malphas wäre lieber an einem kühleren Ort gewesen, aber wenn er von seinem Sammael gerufen wurde, dann gehorchte er.

Malphas nutzte seine Kräfte und fragte Malphas: »Was ist los, Herr?«

Die Flammen zwischen Sammaels Schuppen pulsierten heller und strahlten neue Wellen unvorstellbarer Hitze ab. Die kleineren Dämonen hasteten davon. Die zu Langsamen fingen Feuer und lösten sich in Schwaden aus öligem Schwefelrauch auf.

Nur Malphas blieb davon unbeeinträchtigt. Immerhin war er nach Sammael der Zweitmächtigste. Er fragte sich, ob seine Macht je an die seines Meisters, des größten aller Dämonen, heranreichen würde.

Plötzlich fiel die Temperatur ab, und Sammael rührte sich. Seine raue Stimme dröhnte durch Malphas’ Kopf.

»Ich habe eine Störung in der Nebelbarriere gespürt. Einen flüchtigen Augenblick lang habe ich meinen menschlichen Handlanger wahrgenommen.«

»Welchen Handlanger, Herr?«

»Ich habe den gesehen, den die Oberweltler mittlerweile den ersten Protektor nennen«, antwortete Sammael diesmal laut. »Er ist am Sterben, und mit seinem Tod wird die Barriere fallen, die er aufrechterhält.«

Endlich! Die Rache ist nah.

Zu Malphas’ Überraschung erhob sich der Dämonenfürst und verließ seinen Thron. Die um ihn herum züngelnden Flammen erloschen, und er vollzog eine dramatische Verwandlung. Aus dem vierzig Fuß großen, schwarz geschuppten Dämonenfürsten – die einzige Gestalt, in der Malphas ihn kannte –, wurde ein zwanzig Fuß großer, muskelbepackter Mensch. Verschwunden waren die gepanzerten Schuppen, ersetzt von verwundbarer menschlicher Haut und Haaren.

Unverändert blieben allein Sammaels flammende Augen.

Beim Anblick eines Menschen vor ihm verlangten sämtliche Instinkte in Malphas brüllend danach, ihn anzugreifen. Aber Malphas hatte deshalb so lange überlebt, weil er gelernt hatte, diese Instinkte zu bändigen. Außerdem konnte er fühlen, welch gewaltige Macht sich unter der dünnen Menschenhaut verbarg.

Sammael grinste bösartig. »Malphas, ich breche auf, um mir die Barriere selbst anzusehen. Ich will sehen, ob ich ihren Verfall beschleunigen kann. Geh zur Brutstätte und finde ein paar der Schattenwandler, bevor sie umkommen. Lass sie die Barriere erkunden. Vielleicht entdecken sie eine Öffnung, durch die sie sich zwängen können.«

»Herr, was soll ich sie angreifen lassen? Alles?«

Sammaels feurige Augen blitzten grell auf. »Sie sollen zur Burg des ersten Protektors gehen und die Witterung des Geists aufnehmen, der das Bollwerk schützt. Wenn sie den Geruch haben, sollen sie die Barriere durchqueren und jeden dieser Blutlinie töten. Es ist an der Zeit, dass die Thariginians endgültig in die Geschichte eingehen.«

* * *

Warmer Nebel hing in der Luft, als Malphas über das Aufzuchtgelände ging, die sogenannte Brutstätte – eine Reihe von miteinander verbundenen Kammern, die sich über viele Meilen erstreckten. Hier würde er finden, was sein Meister verlangte.

Die frisch Geschlüpften wuselten umher. Malphas beobachtete, wie einer der Dümmeren geradewegs in einen sengenden Dampfstrahl wankte, der aus einem Riss in der Erde schoss. Mit einem Schmerzensschrei taumelte der kleine Dämon rückwärts in ein Nest, wo er sofort von jüngeren Schlüpflingen darin angegriffen und verschlungen wurde.

Genau, wie es sein sollte, dachte Malphas. Die Schwachen, Dummen oder Unglücklichen waren dazu bestimmt, die Stärkeren, Klügeren und Verschlageneren zu ernähren.

Malphas war all das und mehr.

Ein geflügelter Dämon flatterte vorbei. Malphas schnappte ihn aus der Luft und biss das zappelnde Geschöpf entzwei. Während er den Weg fortsetzte, genoss er den Geschmack des Marks und kaute die Knochen des jungen Dämons.

Nur die Starken überleben.

Wie die Schattenwandler. Im Gegensatz zu anderen Dämonen besaßen die Schattenwandler praktisch durchsichtige Körper – außer wenn sie angegriffen wurden. Sehen konnte man von diesen dämonischen Meuchlern nur einen kleinen, dunklen Stein in der Brust. Und sie waren selten. Nur wenige schlüpften überhaupt, und meist wurden sie gleich darauf von ihren Nestgefährten angegriffen, bevor sie anfangen konnten, über andere Dämonen herzufallen.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal eine der Kreaturen aufziehen würde.

Als sich Malphas unterwegs weiter suchend umsah, bemerkte er ein Nest, um das tote und enthauptete Schlüpflinge verstreut lagen. Und in dem Nest tobte ein kreischender Kampf. Die Kreaturen bewegten sich so schnell, dass er die einzelnen Kämpfenden kaum ausmachen konnte. Ungeachtet dessen stürzte er sich mitten hinein.

Als er sich aufrichtete, lachte er mit rauer Stimme. Die Dämonen flüchteten aus Angst um ihr Leben, aber sie kümmerten ihn gar nicht. In seinen Fäusten zappelten zwei der geheimnisvollen Schattenwandler.

Sie hieben auf seine Klauen ein und kratzten daran. Ihre durchsichtigen Körper funkelten, wenn die Haut gegen seine Schuppen prallte. Ihre Angriffe waren zwar schmerzhaft, aber Malphas war zu mächtig, als dass sie ihm wirklich schaden konnten. Er presste die Krallen zusammen, bis sie den Stein in der Mitte der jungen Körper berührten. Und als er darauf etwas Druck ausübte, zitterten die Kreaturen und hielten dann still.

»Noch ein Angriff, und ich zerquetsche euch. Und jetzt aufgehorcht.«

Die Haut der Kreaturen schimmerte. Beide starrten aufmerksam zu ihm empor. Als er den Griff lockerte, verharrten sie regungslos.

»Ich gebe euch eine Blutspur, der ihr folgen sollt. Unser Herr und Meister will, dass ihr der Fährte folgt und alle vernichtet, die dasselbe Blut in sich tragen.«

Die Schattenwandler erzitterten, was Malphas als Zustimmung auffasste. Dann marschierte er mit seinen beiden neuen Waffen in Richtung der entfernten Burg los.

* * *

Ryan schlief unruhig in dem Zelt, das Arabelles Vater für ihn bereitgestellt hatte. Seine Augen zuckten unter den geschlossenen Lidern hin und her.

Auf einem Feld ist eine gewaltige Armee aus verschiedensten Soldaten versammelt – Menschen, Zwerge und sogar Elfen. Durch ihre Mitte reitet Aaron, Ryans Bruder, mittlerweile ein junger General. Zackig erteilt er den Zugführern Anweisungen. Er ist gutaussehend, besitzt hohe Wangenknochen und funkelnde blaue Augen. Seine Rüstung und sein Schwert strahlen einen feurig-roten Schimmer aus.

Aaron zieht das Schwert aus der Scheide, schwingt es über dem Kopf und zeigt damit auf den Höhenzug vor der Armee. Dahinter hat sich eine schwarze Wolke gebildet, die Verzweiflung ausstrahlt, und darunter befindet sich eine andere Armee – entstanden aus einem Albtraum.

Die Armeen beginnen, gegeneinander vorzurücken.

Grelles Weiß blitzte auf.

Ohaobbok geht über eine natürliche Steinbrücke, die sich über eine Kluft spannt. Ihn peitscht ein Wind, der ihn in den Abgrund zu wehen droht. Der Oger trägt mit einen Harnisch, der in makellosem Weiß leuchtet und bei jeder Bewegung Funken sprüht. Das Schwert in der Scheide an seiner Seite ist ein gewaltiger Beidhänder mit einem roten Knauf.

Hinter Ohaobbok folgt Ryan selbst, nur älter. In einer Hand hält er einen funkelnden Metallstab, in der anderen einen glitzernden Diamanten der Größe einer Melone. Der Diamant pulsiert mit strahlender Kraft.

Von der gegenüberliegenden Seite der Brücke nähert sich ein Unhold aus Schwärze und Feuer, der nach Schwefel stinkt und Hitze abstrahlt. Der Unhold ist genauso groß wie Ohaobbok. Auch er trägt ein riesiges Schwert.

Als sich die beiden hünenhaften Krieger in der Mitte der Brücke begegnen, macht sich eine weitere Präsenz bemerkbar. Hinter dem Unhold am Rand des Abgrunds steht eine dunklere, spürbar böse Erscheinung, so gewaltig, dass sie sowohl den Unhold als auch den Oger in den Schatten stellt.

Schwerter klirren, und Ryan erhebt den Diamanten über den Kopf.

Ryan zitterte, als er erwachte. Es wurde nie leichter, jede Nacht sein zukünftiges Ich in diesen Träumen zu erleben. Tatsächlich wurde es sogar härter, denn die Version seiner selbst aus der Prophezeiung ähnelte mehr und mehr dem Mann, den er jeden Tag im Spiegel sah.

Die große Schlacht rückt näher.

* * *

Es war noch früh, als Ryan die Karawane verließ und zu Burg Riverton aufbrach. Dennoch tummelten sich bereits Tausende Soldaten auf den mittlerweile über mehrere Lager verteilten Übungsplätzen. Als er den Musterungsplatz passierte, erschreckte das Klirren der Waffen sein Pferd und ließ es heftig an den Zügeln zerren. Ryan redete beruhigend auf das Tier ein und tätschelte dessen Hals. »Ganz ruhig. Ist schon gut.«

Als er bei den Stallungen ankam, eilte ihm ein Stallbursche entgegen. »Herr Erzmagier! Ich kümmere mich um ihn.«

Ryan stieg ab und übergab ihm die Zügel. »Er ist kein Schlachtross, deshalb ist er nicht an Kampfgeräusche gewöhnt. Sie scheinen ihn zu erschrecken.«

»Ja, Herr. Ich hab im Stall Ohrenschützer für ihn. Die werden helfen.«

Als der Junge das Pferd zu den Ställen führte, ließ Ryan den Blick über das Übungsfeld wandern – und entdeckte auf Anhieb den Mann, von dem er wusste, dass man ihn immer hier antreffen konnte: Throll Lancaster, König von Trimoria, Nachfahre des legendären ersten Protektors Zenethar Thariginian.

Im Augenblick stand er auf einem Podest inmitten von Hunderten frischer Rekruten und veranschaulichte einige Grundformen des Schwertkampfs.

Ryan schmunzelte. Throll brauchte eigentlich kein Podest, damit die Leute ihn sehen konnten. Er war ein hünenhafter Mann, über zwei Meter groß. Außerdem einer der besten Schwertkämpfer im Land. Obwohl Throll unlängst zugegeben hatte, dass Aaron, sein ehemaliger Schüler, seine Fähigkeiten mittlerweile übertraf.

Throll war nicht Ryans einziger Freund, der hoch über alle anderen aufragte. Ohaobbok, der Oger aus den Prophezeiungen und ein treuer Freund der Familien Riverton und Lancaster, war mittlerweile fast vier Meter groß. Ryan sichtete ihn mühelos auf dem Gelände und stellte fest, dass er gerade mit Ryans Bruder einen Übungsring betrat.

Das dürfte gut werden , dachte Ryan. Trotz seiner Größe war der Oger sehr flink auf den Beinen und nahm es im Kampf so gut wie mit jedem auf. Ryan eilte hinüber, um zuzusehen.

Aaron trug seine leichte Rüstung und hielt zwei Schwerter in den Händen. Aber Ohaobboks Klinge war um die zweieinhalb Meter lang und ließ Aarons Waffen im Vergleich wie bloße Spielzeuge wirken.

Ohaobbok griff zuerst an. Aaron duckte sich unter der durch die Luft pfeifenden Klinge hindurch und bewegte die Spitzen seiner Schwerter in einem hypnotisierenden Muster, schneller und schneller, bis sie schwirrten. Den Trick hatte ihm Castien beigebracht, der Schwertmeister der Elfen. Castien bildete die fortgeschrittensten trimorianischen Soldaten aus. Die Männer, die es erfolgreich durch seine Ausbildung schafften, wurden in der Regel Hauptleute innerhalb der neu aufgestellten Armee.

Obwohl man es Aaron nicht ansah, reichte seine Stärke an die von Ohaobbok heran. Aaron besaß keine Magie im herkömmlichen Sinn – zumindest hatte Ryan nie eine magische Aura um seinen Bruder herum wahrgenommen. Stattdessen verfügte er über eine Art innere Magie, durch die er nicht nur unheimlich stark, sondern auch hart wie ein Fels war. Wie Ryans Vater einmal gemeint hatte: »Seine Knochen scheinen unzerbrechlich zu sein. Mit solchen, wie du und ich sie haben, sollte er nicht in der Lage sein, so viel Kraft auszuüben.«

Auch Aaron hatte so etwas wie einen magischen Speicher, genau wie Ryan. Wenn Ryan seine Magie überstrapazierte, wurde er erschöpft und brauchte gewaltige Mengen an Nahrung, um seine Speicher wiederaufzufüllen. Mit Aarons Stärke verhielt es sich genauso: Wenn er sich überanstrengte, kannte sein Hunger keine Grenzen.

Mit Gebrüll griff Aaron an. Ohaobbok huschte flink beiseite und erfasste dabei um ein Haar einige der Umstehenden.

Castien, der auf einem erhöhten Beobachtungspodest stand, brüllte die Schaulustigen an. »Tretet vom Übungsring zurück, ihr Narren! Oder wollt ihr verletzt werden?«

Ohaobbok griff an, schwang das Schwert in wildem Bogen, als sich Aaron wieder seinem Gegner zudrehte. Ryan wollte gerade einen magischen Schutzschild um seinen Bruder werfen, als Aarons Schwert den Hieb wie durch ein Wunder blockierte und die Klingen aneinander schabten. Aarons Füße zogen zwei lange Furchen, als er sich dem Angriff seines Gegners entgegenstemmte.

Aaron lächelte, ließ die Schwerter fallen, packte die flache Seite von Ohaobboks Klinge und zog mit einem mächtigen Grunzen daran. Ein Knirschen hallte durch den Übungsring, als sich die Klinge vom Griff löste.

Dann zog Aaron einen Dolch von seinem Gürtel und sprang Ohaobbok entgegen. Er landete zwischen den Beinen seines Freunds und tippte behutsam mit der Klinge gegen Ohaobbok.

»Ich hab gewonnen!«, erklärte er.

Ohaobbok blickte auf den Schwertgriff in seiner Hand hinab und runzelte die Stirn. »Schlecht verarbeitet, sage ich.«

Die Menge lachte.

Castien betrat den Übungsring. »Aaron, mach das nie wieder, sonst endest du mit einem Dämonenhorn im Hals. Du darfst dich nie auf die schlampige Verarbeitung von Waffen verlassen, nicht mal bei einem Übungskampf.«

»Tut mir leid, Castien.« Er deutete mit dem Daumen auf Ryan. »Ich hab meinen Bruder gesehen und wollte die Sache schnell beenden. Ich muss mit ihm über sein Kind reden.«

Die Umstehenden drehten die Köpfe und starrten Ryan an.

»Ich habe kein Kind!«, sagte er. Ein Kind zu finden und ein Kind zu bekommen, ist nicht dasselbe.

Aaron trat außerhalb des Übungsrings zu ihm und ließ einen verärgerten Elfen und einen nachdenklichen Oger zurück. »Also, was hat es mit diesem Zwerg auf sich?«, wollte Aaron wissen. »Er scheint ja harmlos zu sein, aber ein kribbelnder sechster Sinn sagt mir jedes Mal in seiner Nähe, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmt. Er ist doch nicht nur irgendein Zwergenkind, oder?«

»Ja und nein.« Ryan legte seinem jüngeren Bruder den Arm um die Schultern. »Komm mit. Ich erklär’s dir unterwegs.«

* * *

Malphas beobachtete, wie die Schattenwandler am Rand des Burggeländes entlanghuschten und nach einem wiedererkennbaren Geruch suchten. Malphas widerstrebte es zutiefst, der Burg des Zauberers so nah zu sein. Obwohl er noch eine gute halbe Meile von den Hauptmauern entfernt befand, spürte er selbst hier die seltsame Kraft, die das Gelände von Burg Thariginian vor Eindringlingen schützte.

Bei mehreren Gelegenheiten im Verlauf der Jahre hatte Malphas versucht, die unsichtbare Grenze zu überwinden. Jeder Anlauf war schmerzhaft erfolglos geblieben – es fühlte sich immer an, als würden tausend Dolche unter seine Schuppen gestoßen. Kein Dämon konnte vorbei. Sogar die Schattenwandler wussten instinktiv, wo die Grenzen des Burggeländes lagen, und blieben davon fern.

Plötzlich hielten die beiden abrupt inne und stimmten ein durchdringendes Geheul an. Malphas zeigte auf die gewaltige graue Nebelwand im Süden.

»Wenn ihr den Geruch erfasst habt, dann geht dorthin und sucht nach einer Lücke.«

Erde spritzte auf, und tiefe Furchen entstanden auf dem Boden, als die praktisch unsichtbaren Dämonen in die Richtung des Nebels rasten.

Malphas peitschte aufgeregt mit dem stacheligen Schwanz, während er ihnen nachschaute.

Wenn sie erfolgreich sind, kann ich endlich zu Ende bringen, was begonnen wurde.

* * *

Ryan hielt an einer Verzweigung an. »Diese Gänge sehen alle gleich aus.«

Aaron lachte und zeigte auf die Wand. »Nicht mehr. Siehst du das da oben? Während du weg warst, habe ich die Steinmetze Markierungen an den Wänden anbringen lassen, damit wir uns leichter zurechtfinden. Die Zwerge mögen großartige Baumeister sein, aber sie berücksichtigen nicht, dass anderen ihr natürlicher Orientierungssinn fehlt.« Er schüttelte den Kopf. »Kannst du glauben, dass wir uns noch vor wenigen Monaten ein Bett in Throlls Bauernhaus geteilt haben? Und jetzt leben wir in einer Burg, in der man die Bevölkerung einer ganzen Stadt unterbringen könnte.«

Sie setzten den Weg durch die Gänge fort. Aaron ging voraus und erklärte die neuen Markierungen. Dann hielten sie an einer großen Tür, vor der zwei Soldaten Wache hielten.

»Henson, sind die Kinder da?«

»Ja, Herr. Befehlshaber Riverton, die junge Fürstin Riverton und Prinz Lancaster sind eben erst von ihrem wöchentlichen Ausflug zum Brunnen des ersten Protektors in Aubgherle zurückgekehrt. Anscheinend haben die Kinder einen Heidenspaß mit ihrem neuen Besucher.«

»Ich hab gehört, dass es da hinten einen Beobachtungsraum gibt«, sagte Ryan. »Wir hatten gehofft, ihnen eine Weile unbemerkt zusehen zu können.«

»Natürlich, Erzmagier. Er ist gleich hinter der Tür da rechts. Ist wirklich erstaunlich – von der Seite kann man durchschauen wie durch ein Fenster, aber die Kinder sehen nur ein Spiegelbild!«

Ryan wusste, dass sein Vater dafür verantwortlich zeichnete. Dad mochte einer der mächtigsten Kampfzauberer sein, die sie hatten, aber am liebsten trieb er sich mit den Zwergen in seiner Schmiede herum oder tüftelte an einem seiner wissenschaftlichen Experimente.

Sie dankten den Wachleuten und gingen den Flur hinunter zum Beobachtungsraum, den ein großes Fenster vom Kinderzimmer trennte, wie es der Wachmann beschrieben hatte. Außerdem hatte man in die Decke Löcher gebohrt, die zum Kinderzimmer verliefen, damit man im Beobachtungsraum auch hören konnte, was gesprochen wurde.

Im Augenblick spielte der Zwerg – den Ryan auf vielleicht fünf Jahre schätzte, obwohl es sich nicht genau sagen ließ – im Kinderzimmer mit Ryans kleiner Schwester, der vierjährigen Rebecca. Sie vergnügten sich mit ihren Puppen. Throlls Sohn, der fünfjährige Zenethar, spielte mit Bauklötzen. In der Ecke dösten zwei junge Sumpfkatzen. Es handelte sich um die Kätzchen von Silver, dem ehemaligen Hauskater der Rivertons, der sich bei der Ankunft der Familie in Trimoria in eine über 100 Kilo schwere Sumpfkatze verwandelt hatte. Das graue Kätzchen hieß Wölkchen, das schwarze Schatten. Obwohl die Katzen noch recht jung waren, hatten sie Rebecca und Zenethar bereits in die Herzen geschlossen.

Eine von Rebeccas Puppen schwebte wie von Geisterhand durch die Luft. Als die Kleine ihr nachjagen wollte, verlor sie das Gleichgewicht und plumpste auf einen Kissenstapel. Das braune Haar schwappte ihr ins Gesicht. Lachend rappelte sie sich wieder auf.

»Wie hast du das gemacht, Ramai?«, fragte sie den Zwerg. »Ich wusste gar nicht, dass du auch ein Zauberer bist.«

Der junge Zwerg drehte den Zeigefinger und ließ die Puppe im Kreis durch den Raum tanzen. »Zauberer? Nein, ich kenne nur Tricks.«

»Keine Tricks!«, widersprach Rebecca und verfolgte wieder ihre Puppe. »Meiner Maggie wird schwindlig!«

»Was weißt du über seine magischen Kräfte?«, wollte Aaron von Ryan wissen.

»Ich weiß, dass er sich in Sekundenschnelle von einem Neugeborenen in Kleinkind verwandelt hat, das laufen und sprechen konnte. Ich hab nicht die leiseste Ahnung, wozu er sonst noch fähig sein könnte. Tatsächlich verstehe ich nicht mal, was ich gerade vor mir habe. Normalerweise sehe ich um einen Zauberer herum magische Fäden, wenn er seine Kräfte einsetzt. Bei Ramai sehe ich nur einen undeutlichen weißen Schleier. Ich hoffe, dass Eglerion mehr weiß.«

Zenethar hielt einen Holzklotz hoch. »Ramai, kannst du den schweben lassen? Ich will Bogenschießen üben.«

»Ist Bogenschießen ein lustiges Spiel?«, fragte Ramai.

Zenethar nickte. »Ryan macht das oft! Lass ihn langsam schweben.«

Ramai hob den Klotz magisch an und ließ ihn durch die Steinkammer fliegen. Maggie fiel zu Boden. Rebecca rannte hin, staubte die Puppe ab und umarmte sie.

Zenethar beobachtete den Holzklotz aufmerksam. Dann schnippte er mit einem Finger, und ein funkelnder Energieblitz schoss auf den Klotz zu und brachte ihn ins Trudeln.

Rebecca lachte und klatschte vergnügt in die Hände. »Getroffen, Zenny! Noch mal!«

Ramai ließ den Klotz weiter schweben, aber schneller. Zenethar feuerte erneut. Diesmal ging der Strahl daneben und hinterließ einen kleinen Brandfleck an der Wand.

»Das ist wirklich ein lustiges Spiel!«, befand Ramai.

Ryan murmelte: »Das könnte schnell aus dem Ruder laufen.«

»Ach, lass sie doch ihren Spaß haben«, wiegelte Aaron ab. »Eine Burg aus Stein können sie ja wohl kaum abfackeln.«

Aber Aaron hatte es verschrien. Als Zenethar das nächste Mal feuerte, zielte der Energieblitz versehentlich auf Ramai. Der Strahl prallte vom weißen Gewand des Zwergs ab und versengte seinen Bart. Ramai klatschte darauf, um die Glut zu löschen, und verkündete: »Das ist kein lustiges Spiel!«

Rebecca ging zu dem Zwerg hinüber, und Ryan sah, wie winzige Fäden ihrer Heilmagie um ihren Kopf wirbelten. Als sie sie Hand nach seinem Bart ausstreckte, strömte die geballte Energie aus ihren Händen. »Besser?«

Ramai grinste die junge Heilerin durch seinen zotteligen jungen Bart an.

Rebecca bedachte Zenethar mit einem finsteren Blick. »Du sollst ein Protektor sein!« Sie stampfte mit dem Fuß auf und zeigte auf den Zwerg. »Tu unserem Freund nicht weh!«

Zenethar ließ den Kopf hängen. »Tut mir leid.«

Aber Ramai hatte den Vorfall bereits vergessen. »Willst du jonglieren lernen?«, fragte er. »Das ist ein lustiges Spiel.« Er holte eine Holzkugel aus seinem Gewand hervor und rollte sie zu Zenethar. Dann brachte er mehrere weitere zum Vorschein.

»Oha«, sagte Rebecca. »Du hast viele Sachen in deinem Gewand.«

Aaron wandte sich an seinen Bruder. »Einen ziemlich einzigartigen Zwerg hast du da gefunden.«

Ryan schüttelte den Kopf. »Das kannst du laut sagen.«

* * *

Sammael konzentrierte sich auf die vor ihm schimmernde Barriere. Unter normalen Umständen wäre er in den kühlen Tiefen der Niederwelt geblieben, aber sogar er konnte aus der Ferne nicht die Magie erfühlen, die bei der Erschaffung der Nebelbarriere benutzt worden war.

Als er schnupperte, entdeckte er die geordneten Fäden der Energie. Das Geflecht erinnerte ihn so sehr an den Geruch seines Bruders Seder, dass er bei der Erinnerung an ihre Auseinandersetzungen erschauderte.

Am Anbeginn der Zeit hatte die Geisterwelt Sammael hervorgebracht, der Chaos liebte, und Seder, den Verfechter der Ordnung. Sie herrschten über ihre jeweiligen Reiche, allerdings mit gegensätzlichen Zielen. Wann immer Sammael auf eine Welt Einfluss nahm, schlug Seder zurück. Es lief immer auf eine Pattsituation hinaus.

Und dann war da noch Lilith.

Sie erschuf der Schöpfer wesentlich später. Erst vor 5.000 Jahren. Damals dachte sich Sammael: Mit ihr kann ich meinen Bruder bezwingen und endlich eine eigene Welt besitzen.

Lilith schien Sammael zu bevorzugen und ließ sich leicht beeinflussen ... anfangs. Aber schon bald nach ihrer Ankunft in der Geisterwelt verschwand sie.

Jahrtausendelang hatte Sammael darüber gerätselt. Wie hat sie die Geisterwelt verlassen?

Schließlich fand er heraus, dass Lilith in eine der niedrigeren Welten des Schöpfers geflohen war – Welten mit minderen Kreaturen, die schwach, aber zahlreich waren. Die Welt, die sie betreten hatte, nannte sich Trimoria.

Er sah sie durch die Augen einiger jener, mit denen sie Umgang hatte.

Sie hat über eine Welt geherrscht, und ich wollte mich ihr anschließen. Mit uns beiden könnte es Seder nicht aufnehmen.

Schon vor langer Zeit hatte er festgestellt, dass Seder Einfluss in bestimmten unbelebten Gegenständen verschiedener Welten aufbaute. Aber erst seit kurzem verstand Sammael die Weisheit dahinter. So konnte er der Geisterwelt entkommen und Lilith folgen.

Noch in der Geisterwelt hatte sich Sammael mit aller Macht in diese Welt gestreckt. Er hatte sich an einen Dämon geheftet, der einen großen Kristall umklammerte, den Sammael mit einem Teil von sich durchwirken konnte. Es war ein Moment schier unerträglicher Schmerzen, wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. Als es erst begonnen hatte, konnte er es nicht mehr beenden. Es fühlte sich an, als würde seine Essenz bis zum Zerreißen gedehnt.

Zum ersten Mal, seit sein Bewusstsein erwacht war, fragte er sich, ob seine Existenz enden könnte.

Und dann erwachte er in einer neuen Welt. Trimoria.

Euphorie erfüllte ihn, als er feststellte, dass Seder in dieser Welt praktisch keinen spürbaren Einfluss hatte. Dann jedoch bemerkte er die eigene Schwäche. Er war nicht mehr allmächtig. Ihm stand nur ein Bruchteil der Kräfte zur Verfügung, die er in der Geisterwelt besessen hatte. Aber selbst damit war er weit mächtiger als jedes der Geschöpfe von Trimoria.

Als er nun vor der Barriere stand, übte er die gesamte Kraft darauf aus, die er hier hatte. Suchend tastete er den Nebel nach einer Schwachstelle ab. Die magischen Fäden bogen sich zwar, jedoch ohne Wirkung. Er strengte die Sinne weiter an. Es muss eine ...

Für einen kurzen Moment teilten sich die Fäden, und er spürte Leben jenseits der Barriere. Und nicht nur Leben – auch Seders Einfluss.

In dem flüchtigen Augenblick zwischen zwei Herzschlägen entsandte er seine Kräfte hindurch. Er tastete Gestalten mit dem weißen Schimmer von Seders Macht ab, prallte jedoch ab. Er konnte nicht in ihre Köpfe sehen. Außer bei einem.

Er entdeckte einen Zauberer von beachtlicher Stärke, der nicht unter Seders Schutz stand. Dann schnappte die Schranke wieder zu wie eine Falle.

Er lachte, als er sah, dass sich die Schattenwandler nicht mehr auf dieser Seite befanden.

Sät Chaos, meine kleinen Schöpfungen.

Als Sammael in die behaglichere Niederwelt zurückkehrte, ging ihm ein einziger Gedanke durch den Kopf.

Wer ist Ryan Riverton?