Ein erforderliches Opfer

Als Ryan erwachte und die bleiernen Lider öffnete, sah er etwas, womit er mitten in der Nacht niemals gerechnet hätte. Eine schweißüberströmte Frau mit einem Dolch in jeder Hand stürzte sich wild auf einen unsichtbaren Gegner.

Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Sie ist meine Ehefrau.

Arabelle setzte die nächtliche Übung fort und stach auf erdachte Ziele ein. Als sie herumwirbelte und ihr das feuchte Haar ins Gesicht klatschte, bemerkte sie, dass Ryan sie beobachtete.

»Tut mir leid«, entschuldigte sie sich. »Ich wollte dich nicht wecken.«

Ryan ließ ein verschmitztes Lächeln aufblitzen. »Ich hätte gedacht, du wärst müde, nachdem ...«

Arabelle griff sich ein Handtuch und trocknete sich ab. »Ich bin durchaus bereit für mehr, wenn du es bist.«

Ryan lief rot an. »Nein – ich meine, ja. Aber ... schläfst du nicht?«

Arabelle steckte die Dolche weg, hüpfte ins Bett und fuhr mit den Fingern durch Ryans Haar. »Ich hab dir doch davon erzählt, wie ich vergiftet war und mir nur das nächtliche Üben ermöglicht hat, zu überleben.«

»Ja, schon ... Ich wusste bloß nicht, dass du das immer noch machst. Das Gift ist doch seit Jahren weg.«

»Tja, jetzt ist es eine Gewohnheit. Ich schlafe selten mehr als ein, zwei Stunden durch. Nur durch reichlich Bewegung kann ich wieder einschlafen. Aber jetzt, da wir verheiratet sind ...« Sie kroch unter die Decke, schmiegte den Körper an seinen und streifte mit den Lippen sein Ohr. »Vielleicht könntest du mir ja bei meinen nächtlichen Übungen helfen.«

* * *

Als Ryan und Arabelle Hand in Hand durch die Waldstadt Eluanethra schlenderten, fiel ihm unwillkürlich das breite Lächeln in Arabelles Gesicht auf.

»Wie ich sehe, gefällt dir Eluanethra«, merkte er an, schlang den Arm um ihre Taille und drückte sie.

Ihr Grinsen wurde breiter. »Ja. Schon seit ich ein kleines Mädchen war, habe ich davon geträumt, einmal hier zu sein.«

Plötzlich stieß eine Frau einen Ruf aus und kam auf sie zugelaufen. Arabelle lächelte und rief einen Gruß zurück. Überrascht stellte Ryan fest, dass es sich um Arabelles Zofe Miriam handelte.

»Oh Prinzessin, ich kann gar nicht sagen, wie aufregend es ist, hier zu sein! Der Älteste Xinthian hat mir den Besuch erlaubt und ... hier nimmt man mich sogar ernst und ... astronomische Berechnungen sind so genau ... brauche eine richtige Blende ...« Sie war so außer Atem, dass sie die Worte kaum vernünftig aneinanderreihen konnte.

Xinthian spazierte wesentlich gemächlicher hinter ihr her. Er legte ihr eine runzlige Hand auf die Schulter. Erschrocken zuckte sie zusammen.

»Oh, Ältester, ich habe dich gar nicht bemerkt. Ich erzähle meiner Prinzessin gerade, worüber wir gesprochen haben ...«

»Ja, meine Liebe, habe ich gehört.« Xinthian ließ sich normalerweise kaum Gefühlsregungen anmerken, Miriam jedoch lächelte er unverhohlen liebevoll an. »Arabelle«, sagte er, »hast du von ihrer Gabe gewusst?«

»Gabe?«

»Oh ja. Diese junge Frau hat eine handfeste Begabung für Berechnungen. Vor allem in Hinblick auf die Betrachtung der Sterne und allem, was über uns ist.«

»Äh ... nein, das wusste ich nicht.«

Miriam platzte heraus: »Es tut mir leid, Prinzessin, aber ich dachte nicht, dass Ihr Euch dafür interessieren könntet, deshalb habe ich nie groß davon gesprochen.«

»Und?«, erkundigte sich Xinthian. »Habt ihr zwei Turteltäubchen schon gefrühstückt?«

Sowohl Ryan als auch Arabelle schüttelte den Kopf.

»Gut! Ich auch nicht. Kommt mit. Essen wir zusammen. Dabei können wir uns unterhalten.«

* * *

Malphas näherte sich erneut der Burg. Er kannte nur eine Möglichkeit, um festzustellen, ob die Schattenwandler ihre Aufgabe erfüllt hatten. Wenn sich der Schutz um Burg Thariginian herum verringert hatte, waren sie erfolgreich.

Als er in Sichtweite gelangte, erspähte er jenen verfluchten Elfen, der sich regelmäßig auf den Mauern der Burg herumtrieb. Ohne nachzudenken, stürmte Malphas vorwärts – mitten hinein in die vernichtende Macht des Schutzwalls der Burg. Er hatte kein bisschen nachgelassen.

Die Schattenwandler hatten versagt.

Malphas’ Schuppen knackten. Die Haut darunter brannte, als er sich aus der Reichweite des verheerenden Gegenangriffs des Geistes zurückzog. Wäre er ein geringerer Dämon gewesen, er wäre gestorben.

Und das könnte mir immer noch blühen. Sobald Sammael von diesem Fehlschlag erfährt.

* * *

Als Malphas den Thronsaal betrat, schossen Flammenstrahlen quer durch die Höhle, und Sammael brüllte zornig.

Malphas entsandte seinen Geist. »Herr, was ist los?«

Statt Gedanken zu übermitteln, antwortete Sammael mit grollender Stimme. »Die Schattenwandler haben bei ihrer Aufgabe versagt.«

Malphas rieb sich die angesengten Schuppen. Wenigstens muss ich die Nachricht nicht selbst überbringen.

»Herr«, ergriff er das Wort, »was ist mit dem Hexer, den Ihr entdeckt habt?«

Der Feuerball, als der sich Sammael präsentierte, verdichtete sich langsam zu dem vertrauten, 40 Fuß großen Dämon. Sammaels Antwort erschien in Malphas’ Geist.

»Er bleibt verwundbar. Ich brauche nur Zeit. Er wird mir gehören.«

* * *

Bintas drehte das Elfenschwert in der Hand, während Castien ihn beobachtete. An Castiens Kragen prangte ein Drache, gefolgt von drei goldenen Schwertern. Bintas wusste, dass ein Schwert für einen Soldaten der Armee stand. Zwei überkreuzte Schwerter bedeuteten einen Hauptmann. Drei Schwerter jedoch hatten ausschließlich Generäle, von denen es nur drei gab. Und das goldene Dreifachschwert ... zeigte den Schwertmeister aller Armeen an.

Sogar Bintas kannte Castiens tödlichen Ruf.

»Schwertmeister, ich habe noch nie solche Spannungsbrüche in Elfenstahl gesehen. Ehrlich gesagt hätte ich das nicht für möglich gehalten. Was sollen wir tun?«

Castien ging zu einem Haufen Damantit-Erz, hob einen Brocken auf und warf ihn Bintas zu. »Fürst Riverton sagt, seine Schmiede sind die besten in Trimoria. Ich möchte zwei neue Schwerter derselben Art – ähnliches Gewicht, ähnliche Ausgewogenheit. Aber ich will sie aus diesem Erz.«

»Natürlich, Schwertmeister. Aber es könnte ein Weilchen dauern, sie richtig hinzubekommen. Vor allem, da Fürst Riverton uns derzeit im Akkord Rüstungen für die Truppen anfertigen lässt.«

Die Tür öffnete sich, und Fürst Riverton trat ein. Er trug seine Robe eines Zauberers. Am Kragen wies sie einen Drachen mit einer schimmernden goldenen Krone auf, was ihn als Fürst mit Befehlsgewalt auswies.

Er schlug mit dem Schwertmeister ein. »Wie geht’s, mein Freund?«

»Du kommst zur rechten Zeit. Ich versuche gerade, deine Leute davon zu überzeugen, dass ich verbesserte Schwerter aus Damantit brauche. Meine Elfenklingen hat dieser letzte Dämon schwer beschädigt.«

Fürst Riverton streckte die Hand aus. Eine funkelnde blaue Kugel aus Energie erschein darauf. »Da ich jetzt eure Aufmerksamkeit habe«, wandte er sich an die Zwerge, »möchte ich etwas klarstellen. Wir bekommen ab sofort erheblich mehr zu tun als bisher. Ihr müsst mit Castiens Schwertern anfangen, aber ich helfe euch mit dem Damantit. Und ich habe ein paar Ideen, um die Verarbeitung zu beschleunigen.« Dann klatschte er in die Hände, griff nach einer Schürze und wandte sich wieder an Castien. »Lass deine Schwerter hier, damit wir daraus Formen machen können. Ich bringe dir die Ersatzwaffen, sobald sie fertig sind.«

»Danke, Schulleiter.« Damit wandte sich Castien ab und verließ die Schmiede.

Jared richtete das Wort wieder an die Schmiede. »Wir müssen alle möglichen Rüstungen und Schwerter aus dem Rohmaterial herstellen, und wir fangen gleich damit an. Ihr da, bringt den größten Tiegel, den wir haben. Die anderen holen Schaufeln und die Formen. Wir haben eine Menge zu tun.«

* * *

Als die letzten Brocken Damantit-Erz in den Schmelztiegel gekippt wurden, sandte Jared mächtige Energieströme in die bereits weißglühende Form. Schweiß tropfte ihm von der Stirn, sowohl von der Hitze als auch vor Anstrengung.

»Bintas und ihr anderen«, sagte er. »Halten die Formen bereit. Wir haben nur einen Anlauf, und ich ziehe euch allen das Fell über die Ohren, wenn wir ihn vermasseln!«

Bintas wandte sich an seine Kameraden. »Ihr habt ihn gehört, Jungs. Zeigen wir den Dämonen, dass wir wissen, wie man mit Metall umgeht! Gebt mir ein Zeichen, wenn ihr mit den Formen bereit seid.«

Innerhalb von Minuten bedeckten den Boden der gesamten Schmiede miteinander verbundene Formen für verschiedenste Rüstungsteile und Waffen.

Kaum waren die letzten Formen eingerastet, zeigte Bintas seinen Arbeitern den Daumen hoch, und er brüllte, um den Lärm zu übertönen:

»Herr, die Formen sind bereit zum Gießen. Und Jungs, haltet sie gut fest! Wir wollen nicht, dass sie verrutschen. Und sobald die Masse in die Formen fließt, tretet ihr zurück – sonst röstet euch Fürst Riverton!«

Jared konzentrierte sich auf den Inhalt des fast überlaufenden Schmelztiegels. Als die Färbung des Metalls genau die richtige Schattierung annahm und so auf die richtige Temperatur hinwies, nickte er dem Leiter der Schmiede zu.

Bintas schöpfte schnell sämtliche Reste obenauf treibender Schlacke ab, bevor er rief: »Aufgepasst, Jungs!« Er betätigte einen Hebel. Mit einem knarrenden Geräusch neigte sich der Tiegel langsam und ergoss seinen weißglühenden Inhalt in die erste Form. Während sich das geschmolzene Metall von einer Form in die nächste ausbreitete, wichen die Zwerge wie angewiesen einer nach dem anderen zurück.

Normalerweise konnte man bei großen Rüstungsteilen nur wenige Formen auf einmal gießen. Denn sobald das Metall die zweite oder dritte Form erreichte, kühlte es bereits ab und wurde langsamer. Dadurch staute sich das nachströmende Metall, bis es über die Ränder der Formen quoll. Jared umging das Problem, indem er dem fließenden Metall stetig Energie zuführte. So sorgte er dafür, dass es die richtige Temperatur beibehielt, während es sich über alle in der Schmiede verbundenen Formen ausbreitete.

Erst, als sich die letzten Reste des geschmolzenen Damantits aus dem Tiegel ergossen hatten, ließ Jared den Strom seiner Magie versiegen. Er war froh, als Bintas übernahm.

»Nicht vergessen, Jungs, wenn sich das Metall rot färbt, gießt ihr langsam Wasser darüber. Und nehmt euch vor dem Dampf in Acht! Sonst kocht er euch so sicher, wie es die Drachen könnten, die um die Burg herumfliegen.«

Einer der Zwerge brüllte zurück: »Bintas, ich mache das seit 40 Jahren. Meinst du nicht, dass ich mich mit Dampfverbrennungen auskenne?«

Während die Zwerge umhereilten, das Metall aufmerksam beobachteten und planvoll Wasser auf die abkühlenden Formen gossen, verwandelte sich die Schmiede in eine Dampfkammer. Schon bald waren Dutzende Formen bereit für den Amboss.

Jared stellte den Heiltrank beiseite, mit dem er seine Kräfte aufgefüllt hatte. »Bintas, sag mir, was wir haben.«

Der Schmied griff sich einen Hammer und klopfte auf eine der Formen. Dann goss er Wasser darüber. Als kein Dampf davon aufstieg, hob er einen sehr grob geformten Brustpanzer heraus. Er klopfte mit dem Hammer darauf und lauschte aufmerksam auf das Geräusch. Nach einigen weiteren Schlägen lächelte er und ging zur nächsten Form über.

Wie auf ein Zeichen ahmten die anderen Schmiede den Vorgang bei den restlichen Formen nach – sie holten die Gussteile heraus, klopften darauf und lauschten.

»Und, ihr nichtsnutzigen, bierschlürfenden Hammelreiter? Wie sind die Ergebnisse?«, brüllte Bintas. Er ging umher und holte Berichte der anderen Schmiede ein, bevor er zu Jared zurückkehrte und lächelnd von seiner Tafel ablas.

»Herr, wir haben 119 Teile, die gut klingen. Nur elf Teile weisen Mängel auf, müssen eingeschmolzen und neu gegossen werden.«

Jared kratzte sich am Bart. »Wie lange brauchen wir normalerweise, um ein Dutzend Rüstungsteile aus Damantit herzustellen?«

»Je nach Größe bekommen wir normalerweise vier Teile pro Tag hin – wenn wir Zwerge das Erz in der Schmiede selbst erhitzen müssen. Wir können ja keine magische Hitze erzeugen.«

»Also haben wir es gerade geschafft, an einem Tag die Rüstungsmenge eines Monats anzufertigen?«

Bintas zupfte an seinem Bart und lächelte. »Ja, Herr. Ein sehr ergiebiger Arbeitstag, würde ich meinen. Zeit für ein Bier, findet ihr nicht auch?«

»Wir haben noch viel Arbeit vor uns«, gab Jared zurück. Dann fügte er mit einem Lächeln hinzu: »Umso mehr Grund für ein gutes Bier!«

* * *

Wat schüttelte den Kopf, während er die Überreste der einst so stolzen Stadt Ilonia betrachtete. Früher einmal war sie bekannt für einige der besten Weine von ganz Trimoria. Doch das lag lange zurück. Vor fast einem Jahrhundert hatte Azazel den gesamten Ort bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Nur den Brunnen gab es noch. Alles andere war verkohlt, zerbrochen und überwuchert. Allein der Brunnen hatte irgendwie dem Zahn der Zeit unversehrt getrotzt.

Ohne auf die Männer und Zwerge zu achten, die ringsum gruben, trat er vor und betrachtete die Inschrift.

Bringt eure Kinder zu mir, auf dass sie neugeboren geprüft werden. Denn die Wasser künden sie als Zauberer, und unsere Hoffnung verweilt bei ihnen. Ein wöchentliches Bad feit den Zauberer gegen die Macht des Bösen.

Wat tauchte die Hände in das Wasser des Brunnens. Die Kugel in den Händen der Statue des Brunnens – ein Bildnis des ersten Protektors – leuchtete weiß auf und zeigte an, dass Wat als Zauberer geboren war.

Einer der nahen Arbeiter flüsterte einem Freund zu: »Das ist ja ein verdammt mächtiger Zauberer.«

»Natürlich ist er das«, antwortete der andere. »Siehst du nicht den Drachen an seinem Kragen? Er ist einer unserer Kampfzauberer. Und obendrein ein Zwerg.«

Wat betete leise, während er sich das Gesicht im kühlen Wasser des Brunnens wusch. Dann trat er zurück. Ein hochgewachsener Mensch näherte sich ihm zögerlich.

»Herr Zauberer? Ich bin der Vorarbeiter dieser Mannschaft, und wir erledigen unsere Arbeit gewissenhaft. Aber falls du zusätzliche Anweisungen für uns hast ...«

Wat schüttelte den Kopf. »Tut einfach, was der Erzmagier gesagt hat. Grabt vier Fuß in die Tiefe und hebt ihn in einem Stück heraus. Er darf nicht zerbrechen.«

Der Mann nickte entschlossen. »Ja, Herr. Du kannst dich auf uns verlassen, Herr. Es könnte ein bisschen dauern, aber ich schwöre, wir bringen ihn unversehrt zu Burg Riverton.«

»Und ich setze Vertrauen in eure Bemühungen. Achtet gar nicht auf mich. Ich bin nicht hier, um eure Arbeit zu beaufsichtigen, sondern soll euch nur vor Gefahren beschützen, die durch die Nächte schleichen.«

Der Vorarbeiter ließ den Blick beunruhigt über die ihn umgebende Geisterstadt wandern. »Und dafür sind wir dir sehr dankbar, Herr.«

* * *

»Ryan«, sagte Arabelle, »ich gehe mit einer Gruppe der RAM-Schüler zum Brunnen in Aubgherle. Hast du Lust, mitzukommen?«

Ryan schaute von seinem Schreibtisch auf, auf dem sich Büchern stapelten. »Arabelle, ich kann nicht weg, das weißt du. Nicht, bevor ich das Rätsel gelöst habe, wie wir der Burg Leben einhauchen können.«

Arabelle legte ihm die Hände auf die Schultern und knetete seine Muskeln. Er schloss die Augen und spürte, wie sie weiße Fäden heilender Energie in ihn strömen ließ. Ryan wusste nicht recht, warum, aber er ertappte Arabelle öfter dabei, dass sie ihn heilte, obwohl er sich keinerlei Verletzung bewusst war.

Als sie ihm einen Kuss auf den Kopf drückte, übertrug sie weitere Energie auf ihn. »Du musst auch mal raus aus dieser staubigen Bibliothek. Ich mache mir allmählich Sorgen um dich.«

Ryan ergriff ihre Hand und drückte einen Kuss darauf. »Ich weiß. Und du hast recht. Es ist nur ... Ich habe das Gefühl, ich müsste mehr tun. Und ich weiß gar nicht, worauf ich mich zuerst konzentrieren soll.«

In Wirklichkeit fühlte er sich allmählich ratlos. Was ihm überhaupt nicht gefiel. Kaum war Arabelle gegangen, machte er sich wieder an die Arbeit.

Er rief sich Ramais Worte ins Gedächtnis: »Mit Leben ihr diese Burg erfüllen müsst. Dafür müsst ihr einen Weihespender finden, und er wird in der Nähe sein.«

Brummelnd sprach er laut aus: »Aber was zum Geier ist ein Weihespender?«

Erst Stunden später fand er endlich eine Antwort. Er sah gerade eine Ladung Bücher durch, die Xinthian aus Eluanethra hergeschickt hatte. Viele davon behandelten die Weihe von Burg Thariginian. Darin wurde er letztlich fündig.

Er lächelte, als er laut die Seitenüberschrift las: »Auswahl eines Weihespenders.«

* * *

Aaron kniete neben dem Bett seiner Schwester und schüttelte sie sanft. »Rebecca, wach auf. Wir müssen in die Bibliothek.«

Schatten hob am Fußende des Betts den Kopf, sah Aaron blinzelnd an und ließ den Kopf wieder auf Rebeccas Beine sinken.

Rebecca öffnete die Augen. »Kann Maggie mitkommen? Allein hat sie Angst.« Wie immer lag ihre Puppe auf dem Kissen neben ihr.

»Natürlich kann sie.«

Bald gingen sie Hand in Hand durch die Korridore der Burg. In der freien Hand trug Aarons kleine Schwester ihre Puppe. Schatten trabte lautlos hinterdrein.

»Lesen wir Geschichten? Gehen wir deswegen in die Bibliothek?«

Aaron lachte. »Nein, Rebecca. Weißt du noch, dass wir die Burg erwecken sollen?«

»Ja.«

»Also, Ryan hat herausgefunden, wie es geht. Und gleich erfahren wir es auch.«

Ryan erwartete sie zusammen mit ihren Eltern in der Bibliothek der Burg. Ryan lief vor einem Tisch hin und her, auf dem sich Bücher stapelten, während Ma und Dad gemütlich auf gepolsterten Sesseln saßen. Dad bedeutete Aaron, sich zu setzen. Rebecca kletterte auf den Schoß ihrer Mutter.

Schließlich blieb Ryan stehen und schaute auf. »Tut mir leid, dass ich euch so spät noch hergerufen habe, aber als ich es endlich herausgefunden hatte, konnte ich nicht warten.« Er wirkte gequält, und die dunklen Ringe unter seinen Augen verrieten, wie wenig er in letzter Zeit geschlafen hatte. »Ramai hat angedeutet, wir müssten jemanden finden, den er als einen ›Weihespender‹ bezeichnet hat. Niemand, den ich kannte, hatte eine Ahnung, was das bedeutet. Auch in keinem der Bücher, die ich gelesen hatte, stand etwas darüber. Bis ich auf die hier gestoßen bin.« Er ergriff drei dicke Schmöker vom Tisch. »Xinthian hat mir die Aufzeichnungen über die Weihe von Burg Thariginian geschickt. In diesen drei Bänden ist genau beschreiben, was nötig ist, um diese Burg mit der Welt der Geister zu verbinden.«

»Das also ist eine ›Weihe‹ in Wirklichkeit?«, fragte Jared. »Die Burg und die Geisterwelt werden miteinander verbunden? Und dadurch entstehen die Vorzüge, die Burg Thariginian bietet?«

»Na ja, ich bin mir nicht sicher. Also, ich weiß nicht genau, ob unsere Verbindung die gleichen Ergebnisse erzielt. Ich hab mich hauptsächlich darauf konzentriert, wie man die Verbindung überhaupt herstellt. Aber von einem Vorzug weiß ich mit Sicherheit: Die Verbindung zur Geisterwelt wird die Menschen in der Burg vor Dämonen schützen. Also ist es den Versuch auf jeden Fall wert.«

»Und was müssen wir tun?«, fragte Aubrey.

»Zuerst müssen wir die Versammlung der Zauberer einberufen. Um den Schleier zwischen den Welten zu durchdringen, wird die Kraft aller Zauberer nötig sein.«

Dad schnippte mit den Fingern. »Erledigt. Ich treffe sofort die Vorkehrungen dafür. Was noch?«

»Tja, wie Ramai gesagt hat, brauchen wir einen Weihespender. Das ist der schwierige Teil. Lasst mich euch ein paar Passagen vorlesen.«

Ryan schlug eines der drei Bücher auf und las laut vor.

»Die Wahl des Weihespenders für die Zeremonie gestaltete sich einfach, denn unter den Thariginians gab es ein Kind von großer, aber unbeherrschbarer Magie. Das Kind war zugleich Seher und Zauberer. Leider führten die Albträume, die das Kind plagten, zu Bränden und Verletzungen bei allen, die den unkontrollierten Ausbrüchen von Magie des Kinds ausgesetzt wurden.

Es erschien nur angemessen, die unbeherrschbare Magie der Verbindung zu weihen, denn die Gabe der Hellsicht war in der Tat selten und galt als wertvoller für das Volk.«

Ryan blätterte mehrere Seiten weiter.

»Nach der Vollendung der Verbindung zwischen den Welten behielt der Weihespender seine Gabe der Hellsicht, und der Erzmagier stellte fest, dass dem Kind keine sonstigen Fähigkeiten verblieben.«

Die besorgten Mienen ihrer Eltern bewiesen, dass sie die Auswirkungen verstanden. Dennoch fühlte sich Aaron genötigt, nachzufragen.

»Heißt das, einer von uns muss seine Kräfte aufgeben, damit wir diese Zeremonie durchführen können?«

Ryan nickte düster. »Ich fürchte ja. Jemand von uns muss seine Fähigkeiten opfern. Entweder ich, Ma, Dad oder Rebecca.«

»Oder ich«, sagte Aaron.

Ryan schüttelte den Kopf. »Nein. Du bist zwar eindeutig irgendwie magisch, zugleich jedoch ein Rätsel. Dich umgibt keine Aura von Magie. Ich wüsste gar nicht, wie ich etwas aus dir abziehen und zum Besiegeln der Zeremonie verwenden sollte. Also muss es einer von uns vier sein.«

Er ließ den Blick über alle wandern. »Tut mir leid. Ich weiß nicht, was wir tun sollen.«

Dad holte tief Luft. »Ich schon. Ich mache das. Ich werde der Weihespender.«