Sammael entsandte seine Sinne aus dem Thronsaal und tastete den magischen Nebel ab, der seine Untertanen vom Rest Trimorias trennte. In den vergangenen Wochen hatte er die Barriere wiederholt untersucht und dabei erfreut vereinzelte Augenblicke der Schwäche entdeckt – Augenblicke, in denen die Stärke der Barriere nachließ und sie nur noch von einem hauchdünnen Magiegeflecht zusammengehalten wurde.
Bei solchen Gelegenheiten gelang es Sammael, mit seinem Geist die Barriere zu durchdringen und Geschöpfe zu beeinflussen, die Verbindungen zur Geisterebene besaßen – die Trimorianer bezeichneten sie als »Zauberer«. Vor seinem geistigen Auge pulsierten solche Kinder der Geisterwelt wie winzige Leuchtfeuer.
Im Augenblick bündelte er die Gedanken auf einen dieser Lichtpunkte. Die meisten dieser sogenannten Zauberer waren schwach und praktisch nutzlos, und nur wenige konnten seinem Einfluss widerstehen. Bei diesem schien es sich nicht anders zu verhalten. Aber als er sich in den Verstand des Geschöpfs bohrte, wurde er mit einem weißen Lichtblitz vertrieben.
Er stieß eine Reihe von Flüchen aus. Der Zauberer stand wie so viele unter dem Schutz seines Bruders. Aber wie konnte das sein? Wie konnte Seder so viele in dieser Welt berührt haben, obwohl er selbst in der Geisterebene verblieb?
Frustriert versuchte es Sammael mit einem anderen Ansatz. Sammael suchte nach dem vertrauten Geist Zenethars, des Erzmagiers, der für die Barriere verantwortlich zeichnete. Er war leicht zu finden, da er grell aus den anderen die Landschaft sprenkelnden Lichtpunkten hervorstach.
Er berührte den Geist des Zauberers. Wie erwartet flammte die Verteidigung des Zauberers gegen ihn auf. Dennoch schmunzelte Sammael.
Die Abwehr des Erzmagiers wurde nämlich schwächer.
Es ist nur eine Frage der Zeit.
* * *
Kaum hatte Jared seine Absicht verkündet, schüttelte seine Frau mit feuchten Augen den Kopf. »Nein, Jared! Das lasse ich nicht zu.«
Dad legte ihr sanft die Hand auf den Arm. »Schatz, es geht nicht anders. Wir haben so schon zu wenig Heiler. Deine Fähigkeiten werden im bevorstehenden Krieg dringend gebraucht.«
»Hörst du dir eigentlich zu, Jared? Uns steht ein Kampf bevor. Und du bist ein Kampfzauberer . Glaubst du etwa, deine Fähigkeiten werden nicht gebraucht?«
Bevor sich der Streit weiter zuspitzen konnte, rief Rebecca: »Weg von Maggie, Krabbelvieh!«
Ryan drehte sich um und sah, wie seine kleine Schwester einen Funken auf eine Spinne abfeuerte, die sich ihrer Puppe genähert hatte. Das Insekt huschte unversehrt davon.
Ein Funke? Aber Rebecca war Heilerin ...
»Rebecca«, sagte Ryan leise, »kannst du mir noch mal zeigen, wie du die Spinne erschreckt hast?«
Rebecca umarmte innig ihre Puppe und zeigte hin. »Böse Spinne!«
Der winzige Schimmer eines Funkens blitzte von ihrem Finger und verblasste nach gerade mal einem knappen halben Meter. Und Ryan entdeckte etwas, das er noch nie zuvor in seiner Schwester gesehen hatte. Tief in den pulsierenden Fäden ihrer angeborenen Heilkraft verbarg sich ein hauchdünner Faden Magie. Der Faden, der diese schwachen Funken hervorbrachte.
»Rebecca«, sagte er, »hast du gewusst, dass du Funken auf Dinge abfeuern kannst?«
Ihre Unterlippe bebte. »Ich will das nicht! Ich bin Heilerin, keine Funkensprüherin. Das macht mir zu viel Angst.«
Ryan rieb ihr den Rücken und lächelte. »Rebecca, möchtest du vielleicht die Burg zum Leben erwecken? Nur müsstest du dafür die Sache mit den Funken aufgeben.«
»In echt? Ich kann die Burg erwecken?«
Ma kniete sich neben sie. »Aber du könntest dann keine Funken mehr werfen. Verstehst du das?«
»Ich will gar keine Funken mehr werfen.« Rebecca klatschte in die Hände. »Können wir es jetzt gleich machen? Ich hab noch nie gesehen, wie eine Burg erwacht!«
* * *
Die Versammlung der Zauberer hatte sich in der Kammer tief im Herzen der Burg eingefunden. Es handelte sich tatsächlich um das Herz der Burg. Den schlichten Raum schmückten lediglich die Wandleuchter, und er war kaum groß genug für alle Versammelten. Aber er wies zwei bemerkenswerte Eigenarten auf. Zum einen die Tür, eine Platte aus versteinerter Eiche auf Angeln aus Damantit, praktisch gefeit gegen jegliche Beschädigung. Zum anderen zwei zueinanderpassende Damantit-Quadrate, eines in der Mitte des Bodens, das andere direkt darüber in der Decke.
Ryan ließ den Blick über die versammelten Zauberer wandern. Natürlich befanden sich seine Eltern darunter. Beide hielten Rebeccas Hände. Arabelle schenkte ihm ein Lächeln und zwinkerte ihm zu. Neben ihr standen der Zwergenzauberer Wat und Labriuteleanan, die Königin der Elfen. Auch fünf Schüler waren anwesend, die besten der Akademie – drei Kampfzauberer und zwei Heiler. Die Erkenntnis, dass es sich so gut wie sicher um die mächtigste Ansammlung von Zauberern seit Jahrhunderten handelte, fühlte sich seltsam an.
Nachdem sich Ryan vergewissert hatte, dass alle bereit waren, begann er.
»Herzlich willkommen und vielen Dank, dass ihr alle an der Weihe von Burg Riverton teilnehmt. Der Raum, in dem wir uns versammelt haben, ist einem ähnlichen Raum in Burg Thariginian nachempfunden und liegt auch an derselben Stelle des Bauwerks. Wir befinden uns im Herz von Burg Riverton. Das Leben und das Bewusstsein des Gemäuers werden hier erwachen und sich nicht nur auf den Rest des Gebäudes, sondern auf den gesamten Einflussbereich der Burg ausbreiten.«
Er zeigte auf das Damantit-Quadrat im Boden. »Dieses Quadrat ist die Spitze eines sehr langen, tief ins Land gebohrten Stabs. Über ihn wird die Macht der Geisterwelt in die Burg gelangen. Er ... wird das Herz zum Schlagen bringen.«
Er zeigte auf das Quadrat in der Decke. »Und das ist das Ende eines Metallstabs, der sich mitten durch den höchsten Turm der Burg gen Himmel erstreckt. In meiner alten Welt hätte man ihn als Antenne bezeichnet. Hier ... können wir es einen Geistleiter nennen.«
Langsam drehte sich Ryan im Kreis und sah allen in die Augen. »Um die Erweckung zu beginnen, verbinde ich unsere Kräfte miteinander. Unsere geballte Macht wird nötig sein, um den Schleier zur Geisterwelt zu durchdringen. Ich bündle, was wir als Gruppe erzeugen, und leite es durch das Damantit über uns.«
Schließlich lächelte er Rebecca an. »Meine Schwester hat sich mutig bereiterklärt, dabei die Rolle der Weihespenderin zu übernehmen. Dadurch wird ein Teil ihrer Kräfte für immer dem Leben dieser Burg und die Verbindung zur Geisterwelt aufrechterhalten. Ich verknüpfe die Fäden dieser Macht mit den beiden Stäben und stelle so eine Verbindung zwischen Himmel und Land her.«
Rebecca grinste. »Ich erwecke die Burg.«
Ryan schmunzelte trotz der Schwere des Augenblicks. »Ganz genau.« Dann ließ er noch einmal den Blick in die Runde der Zauberer wandern. »Sind wir bereit?«
Alle nickten.
»Na schön, dann lasst uns anfangen. Bildet einen Kreis und reicht euch die Hände. Leitet eure Energie nach rechts in den Kreis. Steigert sie langsam, aber am Ende wollen wir die gesamte Energie, die ihr aufbringen könnt. Und dann versucht ihr, die Kontrolle über eure Magie zu lösen. Ich forme die Fäden der Magie nach Bedarf.«
Die Versammelten reichten sich die Hände, und Ryan spürte, wie ein steter Strom von Magie durch den Kreis floss.
Als er sich steigerte, nickte er Rebecca zu. Seine Schwester schloss die Augen. Er ging die Fäden ihrer Magie durch und fand jenen, dem die schwachen Funken entsprangen, die sie erzeugen konnte. Konzentriert dehnte er den Faden und verknüpfte ein Ende mit dem Damantit-Stab über ihm, das andere mit jenem am Boden.
Die durch den Kreis der Zauberer rasende Macht beschleunigte sich, und die Kammer erbebte. Dann fasste Ryan tief in sich und steuerte dem schillernden Ring einen Strom der eigenen Kraft bei. Als er schließlich spürte, dass die Energien ihren Höhepunkt erreicht hatte, leitete er den kreisenden Strom in den Stab über ihm.
Licht explodierte im Raum, und die gesamte Burg erzitterte. Obwohl nur Ryan es sehen konnte, war soeben ein Schwall vielfarbiger Energie der anwesenden Zauberer durch den Faden der Magie von Rebecca gefegt und hatte ihn durch reinweißes Licht ersetzt, das die oberen und unteren Stäbe aus Damantit miteinander verband.
Was als Nächstes geschah, konnten alle sehen. Unmittelbar unter der Decke erschien eine Kugel aus violettem Licht und begann, gleichmäßig zu pulsieren.
Sie hatten es geschafft.
Rebecca verkündete ihren Erfolg. Sie zeigte nach oben zu der pulsierenden Kugel. »Es hat geklappt! Das ist der Herzschlag unserer Burg. Sie lebt.«
* * *
Als Ryan mit seiner Frau durch das Bauwerk ging, lehnte sie den Kopf an seine Schulter. »Die Burg wirkt jetzt so anders. Dieser Korridor war immer kalt. Jetzt ist es hier richtig wohlig.«
Das war nur eine von vielen Veränderungen, die den Leuten in den Tagen seit der Weihe aufgefallen waren. Die offensichtlichste war das Licht, das von den Wänden ausging – allerdings nur bei Bedarf. Irgendwie erkannte die Burg, in welchen Gängen und Kammern Licht gebraucht wurde und in welchen nicht. Allmählich gewöhnte man sich daran, durch einen Korridor zu gehen und zu beobachten, wie er vor einem hell und hinter einem dunkel wurde. Die Fackeln in den Wandleuchtern mussten nicht mehr angezündet werden.
Ryan küsste Arabelle auf die Stirn. »Rebecca sagt sogar, dass die Burg zu ihr spricht. Dem muss ich noch genauer nachgehen.«
Als sie ihre Gemächer erreichten, zog Arabelle ihn hinein. »Das kannst du später machen. Du hast mir einen Übungskampf versprochen.«
Ryan schmunzelte. Bis zu ihrer Hochzeit war ihm nie bewusst gewesen, wie sehr Arabelle an körperlicher Ertüchtigung hing. Sie hatte sogar einen gesamten Raum ihrer Gemächer dafür eingerichtet. Und nun wollte sie ihn mit einbeziehen.
Sie zog ihre Jacke aus und warf sie in eine Ecke. Ryan entledigte sich seiner Robe. Stattdessen streifte er einen Kittel über und schlüpfte in eine Hose. »Bist du sicher?«, fragte er. »Ich hatte den schwarzen Gürtel im zweiten Dan in Karate, außerdem bin ich ein Mann. Ich bin stärker und größer. Das ist kein fairer Kampf.«
Arabelle lachte. »Ist mir egal, welche Farbe dein Gürtel hat. Du hast gelacht, als ich gemeint habe, auch Frauen könnten in diesem Krieg kämpfen, wenn sie richtig ausgebildet werden. Ich will dir zeigen, was meine Ausbildung aus mir gemacht hat.«
Ryan beschloss, ihr den Gefallen zu tun. »Na schön, aber tu mir nicht weh.«
Sie bedachte ihn mit einem teuflischen Lächeln. »Keine Sorge. Was ich dir breche, heile ich anschließend wieder.«
Ryan nahm Bereitschaftshaltung ein. »Also gut, lasst uns ...«
Bevor er den Satz beenden konnte, sprang Arabelle auf ihn zu und drehte sich. Ihr Bein schoss vor und traf Ryans Kniekehlen. Als seine Beine einknickten, wirbelte sie herum, packte ihn an den Haaren, zog seinen Kopf zurück und entblößte seinen Hals. Blitzschnell zückte sie aus ihrem Gewand einen Dolch und hielt ihn an seine Haut.
Ryan konnte nur mit Fassungslosigkeit reagieren.
Arabelle grinste. Ohne den Dolch zu entfernen, drückte sie die Lippen auf seine und folgte ihm, als er nach hinten kippte. Sie kauerte sich rittlings auf seinen Bauch, immer noch mit dem Dolch an seinem Hals. »Und jetzt tust du, was immer ich will.«
* * *
Sloane rieb sich noch den Schlaf aus den Augen, als sie Arabelle durch die Korridore folgte. Arabelle hatte sie geweckt, um ihr von Ryans Albträumen zu erzählen. Sie hoffte, Sloane könnte mit ihrer Fähigkeit, Gedanken zu lesen, vielleicht herausfinden, was ihn heimsuchte.
Leise betraten sie Arabelles Schlafzimmer, wo Ryan tief und fest schlafend im Bett lag. Sloane kniete sich neben ihn und tauchte in seinen Geist ein.
Sofort stieg ihr der Geruch von faulen Eiern in die Nase – aber sie empfing weder Bilder noch sonstige Empfindungen. Geduldig wartete sie.
Ein Geräusch – schreiende Kinder. Ein Bestandteil seines Traums?
Dann verstummten die Schreie, und sie schmeckte das Kupferaroma von Blut. So ausgeprägt, dass sie kaum ihren Würgereflex bändigen konnte. Die Temperatur sackte ab, und sie begann, unkontrollierbar zu zittern – während vor ihr Ryans Körper in Schweiß ausbrach.
In dem Moment empfing Sloane ihr erstes Bild – so erschreckend und eindringlich, dass sie unwillkürlich aufstand und zurückwich, um die Verbindung zu unterbrechen.
Sie hatte zwei flammende Augen gesehen, die geradewegs in ihr Innerstes gestarrt hatten.
Arabelle packte sie von hinten an den Schultern und flößte ihr Heilenergie ein, bis ihre Anspannung nachließ. Dann drehte sie Sloane zu sich herum.
»Bitte, Sloane«, sagte sie leise. »Was hast du gesehen?«
* * *
In einer Ecke der Bibliothek der Burg schmökerte Ryan in einem der neuen Bücher von Eluanethra – einem Buch mit dem Titel Verteilung von Energie . Darin wurde erläutert, wie man zwei Objekte miteinander so verbinden konnte, dass sie die Übertragung magischer Energie von einem zum anderen ermöglichten. Dabei führte man einem Objekt Energie zu, die das andere Objekt empfing. Im Wesentlichen diente das erste Objekt dabei nicht als Gefäß für die Energie, sondern als eine Art Schleuse dafür.
Aber eine solche Verbindung konnte nur jemandem mit Ryans besonderer Gabe der Kenntnis über die Funktionsweise von Magie hergestellt werden. Ryan verspürte ein Kribbeln, als ihm klar wurde, dass er ein eigens für Erzmagier verfasstes Buch las.
Als sich Schritte näherten, schaute er auf und erblickte seinen Freund Wat Irrbart vor sich. Wat war ein mächtiger Kampfzauberer und Absolvent der RAM. Für einen Zwerg besaß er eine durchschnittliche Größe von etwa anderthalb Metern, allerdings war er nicht annähernd so stämmig gebaut wie andere Vertreter seiner Art. Am auffälligsten an ihm war der lange, zu Zöpfchen geflochtene Bart. Die Stränge erinnerten Ryan an ein Bündel brauner Schlangen, die von seinem Gesicht hingen.
»Sei gegrüßt, Erzmagier. Darf ich mich setzen und dir von meinen Erkenntnissen berichten?«, fragte Wat.
»Bitte.« Ryan deutete mit dem Kopf auf einen Sitz.
Wat setzte sich mit einem in Leder gebundenen Buch auf dem Schoß. »Worüber möchtest du zuerst etwas hören, Erzmagier?«
»Wat, wir sind allein – nenn mich einfach Ryan. Und erzähl mir deine Neuigkeiten in einer sinnvollen Reihenfolge.«
»Na schön ... Ryan. Ich fange mit Ilonia an. Wir haben den Brunnen unversehrt und in makellosem Zustand vorgefunden. Die Männer konnten ihn ausgraben. Aber es war zu schwer, um ihn mit dem Wagen zu befördern. Wir mussten uns etwas einfallen lassen. Wir haben ihn bewegt, indem wir ihn über eine Reihe von Baumstämmen gerollt haben. So ging es zwar langsam voran, aber ich freue mich, berichten zu können, dass der Brunnen mittlerweile nur noch wenige Tage von der Burg entfernt ist.«
»Funktioniert die Kugel der Statue noch?«
»Einwandfrei. Die seltsamen Eigenschaften des Brunnens waren nicht an das Land gebunden, sondern sind im Brunnen selbst enthalten.«
»Gut. Was noch?«
Wat fuhr sich mit den Fingern durch die Zöpfe, die von seinem Kinn baumelten. »Bestimmt erinnerst du dich, dass ich dir von einem bisher unbekannten Brunnen berichtet habe, den der Steinfaust-Clan in der Nähe des alten Horts des ersten Protektors in den Bergen westlich von hier entdeckt hat. Ich bin hingereist, um ihn mir selbst anzusehen. Leider wollten die Zwerge dort anfangs nicht mal mit mir reden. Weil ich keinem Clan angehöre.«
Ryan verspürte einen Anflug von Mitgefühl. Wat war als Waisenkind in einem menschlichen Waisenhaus in Cammoria aufgewachsen und daher nie Teil eines Clans gewesen. Wodurch er in der zwergischen Gesellschaft als geächtet galt.
»Aber«, fuhr Wat fort, »mit dem alten Donlas Herold habe ich letztlich doch noch eine gute Seele gefunden. Er ist der Hüter der Geschichte der Zwerge, kommt einem Bibliothekar noch am nächsten. Am Ende hat er die Clans der Rotbarts und Steinfausts überredet, mich zum Brunnen zu führen. Er liegt tief in einer sehr schmalen Gebirgsspalte versteckt. Der Weg ist kaum mit einem Pferd bewältigbar. Ich wüsste nicht, wie es uns gelingen könnte, ihn zu befördern.«
»Aber du hast ihn gesehen? Ist es wirklich ein Brunnen des ersten Protektors?«
»Oh ja, es ist einer der Brunnen. Und ich habe die Kugel getestet – sie funktioniert noch.«
»Bist du sicher, dass es keine Möglichkeit gibt, ihn dort wegzuholen?«
»Na ja ... ziemlich sicher. Aber es gibt einen zweiten Weg zum Brunnen aus der entgegengesetzten Richtung. Leider liegt der Brunnen tief im Gebiet der Oger. Auf dem Weg wären wir noch weiter hineingeraten. Tatsächlich hat es Aufmerksamkeit erregt, als ich die Kugel zum Leuchten gebracht habe. Vom Weg in der Richtung ist ein Grollen ertönt, als würde sich etwas Großes und Ogerartiges nähern. Die anderen Zwerge und ich sind nicht geblieben, um dem Geräusch auf dem Grund zu gehen.«
»Ich verstehe. Ist auch nicht nötig, sich auf einen Kampf gegen Oger einzulassen. Hast du sonst noch etwas zu berichten?«
»Nein, aber ... ich muss dich um einen Gefallen bitten. Während ich in den Bergen war, sind Donlas und ich ins Gespräch gekommen. Ich glaube, ihm hat meine Begeisterung für Bücher gefallen, denn er hat mir ein paar mitgegeben. Und das hier ...« Er ergriff das Buch von seinem Schoß. »Also, es ist faszinierend. Es berichtet von einem Clan, über den in der Zwergengesellschaft nicht mehr gesprochen wird. In moderner Sprache würde man ihn als die Wanderer bezeichnen. In der alten Sprache waren sie als die Ta’ah bekannt.«
Aufgeregt beugte sich Wat vor. »Dem Buch zufolge sind die Ta’ah der einzige Zwergenclan, der Magier hervorbringt. Ich würde gern Zeit mit Eglerion verbringen und vielleicht sogar nach Eluanethra reisen, um dem nachzugehen. Wenn ich etwas gut kann, dann Wissen aus den Seiten eines Buchs herauszukitzeln.«
»Natürlich, mein Freund. Glaubst du, dass du von dem Clan abstammst? Gibt es ihn noch irgendwo?«
Wat zuckte mit den Schultern. »Das hoffe ich, herauszufinden.«
Ryan nickte. »Ich setze mich mit Xinthian und Eglerion in Verbindung. Bestimmt helfen sie dir gern.« Prompt tippte er auf einen der Ringe an seinen Fingern. »Nimm unbedingt einen der Verständigungsringe mit. Es lässt sich unmöglich abschätzen, wann wir alle gebraucht werden, und ich vermute, wir werden kaum Vorwarnung erhalten.«
»Danke, Ryan.«
Sie standen auf und fassten sich gegenseitig an den Unterarmen. Dann ging Wat, sichtlich begeistert von seinem neuen Forschungsprojekt.
Als sich Ryan wieder setzen wollte, stieß er versehentlich gegen seinen Damantit-Stab. Rasch fing er ihn auf, bevor er umfallen konnte. Doch kurz, bevor er ihn wieder an den Stuhl lehnte, bemerkte er etwas Ungewöhnliches.
Ich hätte schwören können ...
In das Ende des Stabs hatte er einen Diamanten einbetten lassen, der einst dem ersten Protektor gehört hatte. Diamanten konnten gewaltige Energiemengen speichern. In dem an seinem Stab bewahrte Ryan immer eine magische Ladung auf, damit er im Notfall darauf zurückgreifen könnte. Diese Ladung brachte den Diamanten zum Leuchten, aber ...
Leuchtet er heller als zuvor?
Wie kann das sein?