Die drei Titanen der Macht

Vor 571 Jahren

Lilith hatte ihr geistiges Auge über die Ebenen der Oberwelt entsandt, als ihre Sinne von einer Gegenwart erschüttert wurden, die sie seit Jahrtausenden nicht mehr unmittelbar gespürt hatte.

Sammael.

Offenbar war er der Geisterwelt auf dieselbe Weise entkommen wie sie vor Tausenden von Jahren. Aber warum hierher? Von den Tausenden und Abertausenden möglichen Orten, die er hätte wählen können, warum ausgerechnet in ihre Welt?

Zornig ballte sie die Hände zu Fäusten. Sie weigerte sich, nach ihm zu suchen, und hoffte, er würde umgekehrt nicht nach ihr Ausschau halten. Vielleicht könnten sie nebeneinander bestehen und jeweils über einen Teil dieser Welt herrschen.

Aber damit irrte sie sich. Innerhalb von wenigen Jahren – ein Wimpernschlag für jemanden wie Lilith – gelang es Sammael, eine Heerschar von Anhängern anzulocken. Sie hörte die Schreie der Gewalt, als sich das Land für den Krieg wappnete, und sie fürchtete um ihre eigenen Untertanen. Lilith verlangte von ihnen, sich in die tiefsten Abgründe der Niederwelt zurückziehen und Sammael seinen Kriegen und seiner Zerstörung zu überlassen.

Doch sie wusste, das würde nicht reichen. Letzten Endes würde Sammael sein Augenmerk auf jene richten, an denen Lilith etwas lag.

Es war an der Zeit, einen Plan zu schmieden.

* * *

Lilith streichelte die Wange der blassen Elfin mit dem pechschwarzen Haar und nahm die Wärme der strahlenden grünen Augen dieses Wesens in sich auf.

»Anarane. Ich habe eine heilige Aufgabe für dich.«

Die Elfin hatte einen verträumten Ausdruck im Gesicht. »Was immer Ihr wünscht, Herrin.«

Lilith holte einen eigroßen Diamanten aus ihren Gewändern hervor. Der Stein versprühte ein blau-weißes Licht, das die Düsternis der von Fackeln erhellten Höhle durchdrang. »Liebste, wie lange hast du gebraucht, um diesen Kristall aufzuladen?«

Als Anarane den Diamanten betrachtete, schlich sich eine grünliche Schattierung in ihre blassen Züge. Sie sah aus, als müsste sie sich übergeben. Ohne den Blick von dem leuchtenden Kristall abzuwenden, erklärte sie: »Herrin, ich habe volle drei Jahren dafür gebraucht.« Sie schlug die Augen nieder. »Ich war im Leben noch nie so erschöpft wie beim Aufladen dieses Steins.« Als sie zu Lilith aufschaute, glitzerten Tränen an ihren Wimpern. »Bitte, Herrin. Sagt nicht, ich muss es noch mal tun. Ich glaube, dass ich es ertragen könnte.«

Lilith lächelte und bedeutete ihrer Untertanin, ihr zu folgen.

Mit dem Diamanten in der Hand näherten sie sich einem in das dichte Gestein einer Höhlenwand gehauenen Bogen. Er maß fünfzig Fuß in der Breite und zwanzig in der Höhe. Hunderte runde Ausnehmungen begrenzten ihn, er führte nirgendwohin. Er umschloss lediglich das glatte Gestein der Felswand.

Lilith platzierte den leuchtenden Diamanten in einer der Ausnehmungen, dann drehte sie sich Anarane zu. Sie bückte sich, küsste die Elfin auf die Stirn und übertrug dabei einen Strom von Macht auf sie. Die Elfin taumelte. Sie presste die Lider fest zusammen. Energie überzog funkensprühend ihren Körper.

Dann stand sie still und öffnete die Augen wieder. Sie hatten sich violett verfärbt, und in ihnen blitzten Anzeichen der Macht, die sich in der Elfin verbarg. Ein Lächeln breitete sich in ihren Zügen aus.

Lilith zeigte auf den Diamanten im Bogen. »Meine bedeutendste Anhängerin, du musst noch mehr von diesen Kristallen suchen. Etliche mehr. Ich sehe eine Zeit voraus, in der sie gebraucht werden. Und ich verlasse mich auf deine besonderen Gaben, um sie alle mit Macht zu durchwirken. Du bist jetzt meine Hohepriesterin. Ich habe in dir Fähigkeiten erweckt, von denen du nicht wusstest, dass du sie besitzt. Dazu gehört die Macht, die Lebenskraft anderer in dich aufzunehmen. Sie wird dir es dir gepaart mit deiner eigenen ermöglichen, die Edelsteine aufzuladen, die eines Tages diese Wand füllen werden.

Geh in die Oberwelt. Wirb jede Unterstützung an, die du brauchst, und finde mehr von diesen Kristallen. Ich spüre Ablagerungen davon im Land nördlich von hier. Komm nicht zurück, bevor wir uns einig sind, dass du genug für unser Volk gesammelt hast.«

Als sich Anarane zum Gehen wandte, fügte Lilith eine Warnung hinzu. »Hüte dich vor der Gewalt, die oben tobt. Reise vorsichtig.«

Anarane nickte, bevor sie mit wallenden Gewändern schweigend die Höhle verließ.

* * *

Vor 566 Jahren

Lilith spürte, wie Seders Hand aus der Geisterwelt herabfasste, und ein gewaltiger Energiestoß erstrahlte in der Oberwelt wie ein Leuchtfeuer. Einen Moment lang dachte sie, Seder wäre zu ihnen in diese stoffliche Welt gekommen, um sich direkt gegen Sammael zu stellen.

Dann jedoch erweiterte sie die Sinne und entdeckte eine riesige Energiemenge, die von einer Lebensform irgendwo in der Welt über ihr ausging. Obwohl die Energie nicht stabil zu sein schien, bestand kein Zweifel daran. Gewaltige Wogen von Seder und Sammaels Kräften wurden von einem der kümmerlichen Geschöpfe dieser Welt eingesetzt.

Wie kann das sein?

Eine mächtige Explosion ließ eine vernichtende Schockwelle durch die Welt rasen. Lilith brach vor Schmerz zusammen, als sie den unfassbaren Verlust an Leben in der Oberwelt spürte. Zurück blieb ein neues, vor Energie pulsierendes Objekt: eine undurchdringliche Barriere, die Trimoria spaltete und Seders Einfluss ausstrahlte.

Und Lilith konnte nichts wahrnehmen, was sich dahinter befand.

* * *

Vor 75 Jahren

Lilith fiel auf die Knie, als sich die Welt aus den Angeln neigte. Sie fühlte sich unmöglich schwach, und zum ersten Mal in ihrem Dasein wusste sie, dass sie sich töricht verhalten hatte. In einem verzweifelten Moment unbedachter Anmaßung hatte sie mit dem einen Diamanten, den Anarane aufgeladen hatte, den Versuch unternommen, eine andere Welt zu erreichen.

Sie musste sich an der Felswand festkrallen, um sich abzustützen. Die Welt neigte sich weiter, verschob sich, schaukelte und jagte Wellen von Übelkeit durch sie.

Ich wusste, dass es nicht funktionieren würde. Ich werde nie wieder an meinen Instinkten zweifeln.

Den Diamanten hielt sie noch in der Faust, aber er war geleert, nutzlos. Noch vor wenigen Augenblicken hatte er vor gewaltiger Energie geleuchtet. Mittlerweile war er kalt und dunkel. Unbrauchbar.

Lilith warf das entwertete Artefakt zu Boden und schloss die Augen. Sie spürte immer noch, wie sich die Bösartigkeit ihres Bruders in der Welt ausbreitete.

Irgendwie muss ich Sicherheit für jene schaffen, die mir am Herzen liegen.

Ein metallisches Knarren hallte durch die Höhle. Darauf folgten das Klirren von zerbrechendem Glas und menschliches Husten. Lilith drehte sich in die Richtung der Geräusche.

All die aufgewendete Energie, und statt ein Portal zu einer anderen Welt zu erschaffen, habe ich irgendetwas Erbärmliches von dort zu mir geholt.

* * *

Vor 41 Jahren

Malphas trug einen großen Metallkäfig, von dem ein eigenartiges Summen ausging. Er wusste nicht genau, was Sammael mit dem Metall gemacht hatte. Jedenfalls war die winselnde Kreatur darin der erste je gefangene Zwinkerhund.

Er betrat mit seiner Last Sammaels Thronsaal. Sein Meister winkte ihn zu sich.

Malphas stellte den Käfig vor Sammaels Thron ab und kniete sich daneben. Der Zwinkerhund bellte und winselte, die gelben Augen vor Furcht geweitet.

»Eine erstaunliche Gabe, nicht wahr, Malphas?«, fragte Sammael. »Die Kreaturen sind instinktiv in der Lage, sich wegzublinzeln und woanders wieder zu erscheinen – aber wenn man sie mit leicht von meiner Macht durchwirktem Damantit umgibt, können sie ihm nicht entkommen.«

»Herr, darf ich fragen, warum Ihr wolltet, dass ich einen fange?«

»Nein, darfst du nicht. Aber ... du darfst zusehen.«

Sammael stieg von seinem Thron herab, öffnete den Käfig und zog den Zwinkerhund am pelzigen Kragen heraus. Dann legte er das zitternde Tier hin und drückte eine glühende Hand auf den Bauch des Tiers.

Vibrationen gingen vom Dämonenfürsten aus, und Malphas hatte Mühe, seine plötzlich einsetzenden Magenkrämpfe zu bändigen. Dem Zwinkerhund gelang das nicht – er erbrach seine letzte Mahlzeit, während er sich unter Sammaels Berührung wand.

Sammael stand auf, und die Vibrationen endeten. Dann schwenkte er die Hand zu einer der entfernten Wände des Thronsaals, wo plötzlich ein Ausgang erschien.

Der Zwinkerhund verlor keine Zeit, sprang auf und preschte darauf zu. Und als er den Ausgang passierte, verbog sich die Wand. Eine Schockwelle raste durch den Saal. Malphas wurde von den Beinen gerissen und zurückgeschleudert.

Sammaels rasselndes Lachen dröhnte durch den Raum. »Da qualche fessura sia entrato il fumo di Satana nel tempio di Dio… «

Verwirrt schaute Malphas zu ihm auf. »Herr? Ich verstehe das nicht.«

Sammael lächelte, als er wieder auf seinem Thron Platz nahm. »Durch irgendeinen Spalt ist der Rauch des Satans in den Tempel Gottes eingedrungen ... Ich werde ihnen Rauch zeigen.«

»Herr, soll ich den Zwinkerhund zurückholen?«

Sammael schüttelte den Kopf. »Nein. Mit Hilfe des Hunds selbst habe ich ihn an einen Ort geschickt, an dem er Gutes bewirken wird.«

* * *

Gegenwart

Malphas befand sich auf dem Weg zum Thronsaal, um über den Zustand der Truppen zu berichten, als eine Explosion die Tunnel der Niederwelt erschütterte.

Vielleicht war einer der Schlüpflinge ein Platzer.

Malphas beschleunigte die Schritte, stürmte in Sammaels Thronsaal und traf auf eine Besucherin, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Eine Elfenfrau. Zu seiner Überraschung schleuderte sie ihn mit einer so wuchtigen Rückhand fort, dass es in Malphas’ Ohren klingelte.

Er rappelte sich auf die Beine und richtete sich zu voller Größe auf. Sie maß gerade mal sieben Fuß. Allerdings war offensichtlich, dass sie große Macht besaß.

Vom Thron übermittelte Sammael ihm stumm einen Befehl. »Zeig Respekt, denn du bist der Erste, der meine Schwester Lilith kennenlernt.«

Ein Anflug von Angst breitete sich durch Malphas aus. Er sank vor ihr auf die Knie und schlug als Zeichen des Respekts die Augen nieder.

Lilith streckte die Hand aus und strich mit den Fingern über seine schuppige Wange. Sie beugte sich nah zu ihm und flüsterte: »Ich könnte dich mir unterwerfen, wenn ich wollte.«

Widerstreitende Gefühle rasten durch Malphas’ Kopf. Er spürte, wie sie seinen Verstand beeinflusste ... Erst, als er sich mit Überwindung Sammael zudrehte, dessen Augen vor Macht loderten, verflog ihr Einfluss.

Lachend ging Lilith zu ihrem Bruder. Zu Malphas’ Überraschung hatte Sammael menschenähnliche Gestalt angenommen und seine Körpergröße so angepasst, dass er seine Schwester nur wenig überragte.

»Lileet, ma shlom ech? «

Lilith schwenkte wegwerfend die Hand. »Ich habe die alte Sprache abgelegt, Sammael. Auch du solltest diese neue Welt willkommen heißen und all das, was sie bietet.« Sie deutete mit dem Kopf auf Malphas. »Wie ich sehe, hast du bereits begonnen, dich auf die Kreaturen dieser Welt einzulassen. Vielleicht hast du ja gelernt, dass Zerstörung nicht zwingend der Lauf der Dinge ist.«

Sammael zog eine Augenbraue hoch. »Zerstörung soll nicht der Lauf der Dinge sein? Und das von dir, die gerade die Steinbarriere um unsere Brutstätte herum zerschmettert hat?«

Lilith zuckte mit den Schultern. »Ich habe einen direkteren Weg gebraucht. Bestimmt hast auch du die Veränderungen an der Barriere unseres Bruders gespürt. Ist das dein Werk?«

»Ich arbeite daran, ja. Seder ist gerissen und war schon immer in der Lage, Dinge auf eine Weise zu sehen, die ich nie verstanden habe. Aber er ist nicht unfehlbar. Die Barriere wird bald fallen. Dann kann ich beenden, was ich begonnen habe.«

»Sammael, was ist dein Ziel? Du musst doch erkennen, dass es keinen Grund für Krieg gibt. Ich bin überzeugt davon, dass deine Untertanen auch leben können, ohne andere zu vernichten. Und falls nicht, verändere sie. Selbst mit unseren verminderten Fähigkeiten sind wir dazu in der Lage.«

Sammaels Augen loderten, als er die Lippen verzog. »Nicht schon wieder das . Was willst du? Bist du hier, um deine Untertanen mit meinen zu vereinen? Das würde ich begrüßen, Schwester.«

Liliths Augen erstrahlten violett. »Was versuchst du zu erreichen, Sammael?«

»Was ich schon immer erreichen wollte«, zischte er. »Chaos. Zerstörung. Ich will alle in die Knie zwingen, auf dass ich als einzige Macht in allen Welten anerkannt werde. Wozu sonst sollte ich existieren? Schließt du dich mir an oder nicht? Wenn nicht, dann komm mir nicht in die Quere.«

Lilith trat mit einem Ausdruck des Bedauerns zurück und begann, ihre Macht zu bündeln. Sie erstrahlte vor Energie, bevor eine Lichtexplosion aus ihr hervorbrach – begleitet von einer Schockwelle, die Malphas erneut von den Beinen riss.

Blinzelnd starrte er dorthin, wo Lilith gestanden hatte. An der Stelle befand sich plötzlich ein perfektes Abbild von ihr aus reinweißem Stein.

Sammael knurrte, hob eine zur Faust geballte Hand und zertrümmerte die Statue. Er wandte sich Malphas zu und knurrte.

»Erzähl mir von der Armee.«

* * *

Anarane saß lesend in einer der Nischen des Tempels, den sie selbst vor Jahrhunderten zu Liliths Ehren errichtet hatte. Von Wandleuchtern ging ein lavendelfarbener Schein aus, den die Steinwände des Tempels zurückwarfen und als warmen violetten Schimmer in jeden Raum verteilten. Nicht besonders hell, aber gewöhnliche Fackeln erlaubte Anarane nicht. Schon vor langer Zeit hatte sie festgestellt, dass Flammen Ruß freisetzen, der die makellosen weißen Oberflächen ihrer Zuflucht besudelte. Deshalb hatte sie Feuer innerhalb der Tempelmauern verboten. Zum Glück hatten sich ihre Augen längst daran gewöhnt, nur im schwachen violetten Licht zu lesen.

Nie würde sie den Augenblick vergessen, als sie erkannt hatte, dass sie auf der falschen Seite der Barriere festsaß – und die daraufhin einsetzende, tiefe Trauer darüber, von ihrer Herrin getrennt zu sein. Aber sie wusste schon damals, dass es nicht für immer sein würde und sie einen ruhigen, abgeschiedenen Ort brauchte, um die Befehle ihrer Herrin zu erfüllen. Also hatte sie mit Hilfe ihrer Rekruten und Sklaven den Bau dieses Tempels tief in den längst verlassenen Tunneln der Ta’ah veranlasst. Und seitdem befolgte sie den letzten Befehl ihrer Herrin.

Als sie in dem Buch, in dem sie las, eine Seite umblätterte, nahm sie eine Bewegung in der Höhle vor dem Tempel wahr. Mit einer kurzen Willensanstrengung ließ sie die Eingangstür aufschwingen. Dann erhob sie sich und ging ihrem Besucher entgegen.

Ein 15 Fuß großer Oger stieg die Tempeltreppe herauf. Er schleifte zwei menschliche Sklaven an ihren mit Ketten versehenen Metallkragen hinter sich her. Am Kopf der Treppe trafen sie zusammen. Anarane strich mit den Fingern über die Wangen der Menschen und kostete von ihrer Lebenskraft. Ein Schauder durchlief sie, als sich die Augen der Männer trübten, bevor sie auf den Boden zusammensackten.

Köstlich.

Sie holte einen leuchtenden Diamanten aus ihren Gewändern hervor. Er war fast vollständig aufgeladen. Sie griff auf ihre Macht als Hohepriesterin Liliths zurück und legte die Hand auf die Brust des ersten Sklaven. Es war wie ein tiefer Atemzug – sie spürte, wie die Lebenskraft des Sklaven beim Einatmen in sie strömte und beim Ausatmen weiter in den Diamanten. Dann wiederholte sie den Vorgang beim zweiten Sklaven.

Erst danach wandte sie sich dem Oger zu. »Berichte.«

Der Oger zeigte auf die beiden bewusstlosen Männer. »Sklaven wollen wegrennen. Drei weg. Einer tot. Zwei ich bringe her.« Er reichte ihr einen kleinen Lederbeutel. »Habe ich gefunden noch einen glänzenden Stein.«

»Gut.« Mit einem Fingerzeig bedeutete sie dem Oger, ihr zu folgen. »Komm mit.«

Anarane führte ihn in den Tempel und zeigte auf eine große Granitplatte im Boden mit einem daran befestigten Metallring.

»Heb das für mich an.«

Vergnügt ergriff der Oger den Metallring und zog daran. Langsam hob sich die Platte und offenbarte eine Treppe nach unten.

»Schwerer Stein ist Steinbrecher nicht gewachsen«, prahlte der Oger. »Ich großer Beweger.«

Anarane nickte. Sie sind so schlichte und missverstandene Geschöpfe.

»Das stimmt, Steinbrecher, du bist ein großer Beweger. Aber denk dran, begeh nicht den Fehler, die Sklaven zu töten.« Sie öffnete den Beutel, den er ihr gereicht hatte, und holte den Diamanten darin heraus. »Sonst stecke ich dein Leben in einen davon.«

Der Oger schüttelte den großen Kopf und knurrte. »Ich nicht böse. Bewache ich Menschen und Zwerge. Nix töten. Wenn sie sind böse, ich bringe zu dir. Und ich bringe glänzende Steine. Ja?«

Anarane nickte erneut. »Das ist richtig, Steinbrecher. Jetzt bring die Sklaven zu den Gruben der Megafüßler. Danach kommst du wieder her.«

Als sich der Oger entfernte, stieg Anarane die Treppe hinunter in den verborgenen Lagerraum. Sie entsandte einen Faden ihrer Macht in die Luft und erschuf eine Lichtkugel, deren Schein die Dunkelheit durchdrang. Obwohl sie auch ohne Licht gefunden hätte, wonach sie suchte. Am anderen Ende des Raums stand eine große Truhe aus Damantit ohne Verzierungen, Griffe, Riegel und Schloss.

Sie erinnerte sich noch an den Blick, den ihr der Zwergenschmied zugeworfen hatte, als sie ihn die Truhe vor Jahrhunderten anfertigen ließ. »Bei Seders weißem Bart«, hatte er gesagt, »ohne Schlüsselloch kann man sie nicht abschließen oder aufschließen.« Er hatte sie für verrückt gehalten.

Anarane hielt die Hand über die Truhe und sandte etwas von ihrer Energie in den versteckten inneren Schließmechanismus. Mit einem Klicken sprang die Truhe auf, und blau-weißes Licht flutete den Raum.

Mit einem Lächeln und einem stillen Gebet legte sie den vollständig aufgeladenen Diamanten in die Truhe. Dort würde er bei den Hunderten leuchtenden Edelsteinen, die sich bereits darin befanden, so lange bleiben, bis ihre Herrin ihn brauchte.