Als Ryan die Augen öffnete, erblickte er Arabelle über sich gebeugt. Schwaden ihrer weißen Heilenergie verflüchtigten sich in der Brise.
Sie strich ihm eine verirrte Strähne aus den Augen. »Ich hab gesagt, du sollst dich ducken und durchlaufen.«
Ryan setzte sich auf und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Sein Schädel pochte noch vor Schmerzen. »Was war das für eine Masse? Meine Schilde waren nutzlos dagegen.«
»Sporen davon.« Sie zeigte auf die Lichtung vor ihnen, wo eine riesige Pflanze wuchs. Sie ähnelte dunkelgrünem Kohl, allerdings dem größten Kohl aller Zeiten, außerdem wies sie lange grüne Ranken mit dunklen Dornen auf.
Aber als sich Ryan aufrappelte, stellte er fest, dass es sich nicht um Kohl und tatsächlich nicht mal um eine Pflanze handelte. Es war der Kopf einer riesigen Kreatur mit zwei gigantischen Augen und einem mit Zähnen gespickten Schlund. Aus tiefen Schnittwunden quoll ein dicker grüner Saft – was erklärte, warum Arabelle ihre Dolche gerade mit einer Handvoll Gras säuberte.
»Was ist das?«, fragte er.
Arabelle schüttelte den Kopf. »Dasselbe wollte ich dich gerade fragen.«
In diesem Moment ertönte hysterisches Gelächter von vorn, und dichter Nebel zog sich auf der anderen Seite der Lichtung zusammen. Wind wehte ihnen aus der Richtung ins Gesicht. Der Verwesungsgeruch von etwas seit langer Zeit Totem lag darin.
»Igitt«, murmelte Ryan.
»Igitt trifft es«, bestätigte Arabelle und wedelte mit der Hand vor dem Gesicht. »Aber wir müssen uns damit auseinandersetzen. Meine Sinne sagen mir, dass sie unmittelbar vor uns ist.«
Sie setzten sich über die Lichtung in Bewegung. Kaum hatten sie den riesigen Kopf passiert, hielten sie abrupt inne. Weil es keine Lichtung mehr gab . Stattdessen klaffte eine gewaltige Spalte im Waldboden.
»Was?«, entfuhr es Arabelle. »Wie ist das möglich?«
Sie standen am Rand einer so tiefen Schlucht, dass Schatten den Grund verhüllten – falls sie überhaupt einen hatte. Und sie war breit – mindestens 30 Meter.
Arabelle schloss kurz die Augen und öffnete sie wieder. »Das ist ein Trugbild.«
Ryan runzelte die Stirn. »Ich merke, dass hier Magie am Werk ist, aber ... sie könnte mit dem Nebel oder etwas anderem zusammenhängen. Vielleicht war die Lichtung das Trugbild, und das hier ist echt.«
Arabelle schüttelte den Kopf. »Nein. Ich hab dir doch gesagt, ich kann die Entfernung zu ihr spüren. Die Gabe der Sicht, die Seder mir verliehen hat, war bisher immer zuverlässig. Und sie sagt mir, dass sie unmittelbar vor uns ist. Also schwebt sie entweder über der Schlucht in der Luft ... oder es gibt keine Schlucht.«
Ein blendender weißer Lichtblitz ging einem ohrenbetäubenden Donnerschlag voraus. Die Schlucht verschwand ebenso wie der Nebel, und die Lichtung war wieder da.
Allerdings nicht mehr verwaist.
Eine Frau näherte sich von der anderen Seite. Sie trug keine Kleidung, doch ihre langen blonden Locken bedeckten den Großteil ihres Körpers. Und sie pulsierte vor einer Macht, der Ryan fürchtete, unterlegen zu sein.
»Das ist sie«, flüsterte Arabelle.
Ryan verstärkte seinen Schutzschild und erweiterte ihn um Arabelle herum.
Wer weiß, was die verrückte Elfin macht.
Als Nicnevin vor ihnen stehen blieb, sah sie Ryan an und grinste höhnisch. »Erbärmlich. Du kannst nicht mal deine angewiderten Gedanken über mein Volk abschirmen. Und du hältst dich für würdig, dich einen Zauberer zu nennen? Ich nicht!«
Ryan stieg Hitze ins Gesicht, aber Arabelle berührte ihn am Ellbogen, als wollte sie sagen: Bleib ruhig .
Er räusperte sich und antwortete mit sorgfältig abgewogenen Worten. »Ich habe nichts gegen Elfen. Einige meiner besten Freunde sind Elfen.«
Nicnevins grüne Augen loderten vor Macht. Ihr Schrei erschütterte die Lichtung und ließ einen Schwarm Amseln aus den Bäumen aufstieben. »Lügner! Du hast niemanden, den du als wahren Freund bezeichnen könntest!« Sie zeigte auf Arabelle. »Sie wäre deine Freundin, aber du hast noch nicht akzeptiert, wer sie ist. Sie ist dir in jeder Hinsicht überlegen, die zählt.«
Nicnevin wurde ruhiger, drehte sich Arabelle zu und verneigte sich respektvoll vor ihr. »Du bist Seders Waffe. Du bist die Retterin deines Volks.« Sie trat näher und flüsterte halblaut: »Tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber du brauchst ihn, um dein Ziel zu erreichen. Sammael hat seine guten Momente, aber meist sind sie in Chaos gehüllt. Natürlich muss ich dir, Seder, nicht sagen, dass sich die Fäden des Schicksals verweben und wieder aufdröseln. Aber so sehe ich es derzeit nun mal.«
Arabelle wechselte einen Blick mit Ryan, der mit den Schultern zuckte. Die Elfenkönigin schien mehr als nur ein bisschen durcheinander zu sein. Ihre Worte ergaben keinen Sinn, und sie schien nicht mal vollständig anwesend zu sein. Ihre Augen zuckten wild hin und her. Manchmal wirkten sie mehrere Atemzüge lang trüb, dann starrten sie wieder konzentriert.
Arabelle sprach mit sanfter Stimme. »Nicnevin, wir wurden aufgefordert, dich aufzusuchen.« Sie zeigte auf Ryan. »Ihm wurde gesagt, dass er an einem Abgrund steht. Er leidet unter Albträumen, die ihm schaden. Uns wurde gesagt, du könntest ihn anleiten.«
Nicnevin schnaubte abfällig. »Ja ... Sammael und seine nächtlichen Besuche. Er hat oft an meine Tür geklopft, aber wie eine anständige Maid habe ich die Tür nie geöffnet.« Sie lachte hämisch gackernd und zeigte mit einem zittrigen Finger auf Ryan. »Das hast du dir selbst zuzuschreiben, junger Zauberer. Ich sehe, dass du etwas berührt hast, das ihm gehört hat.«
Ryan runzelte die Stirn. »Etwas, das Sammael gehört hat? Ich glaube nicht.«
Arabelles Augen wurden groß, als sie begriff. »Ryan, am Altar – den Labris Großmutter errichtet hat. Du hast die geschwärzte Kugel in die Barriere geworfen.«
Nicnevin trat unangenehm nah an Ryan heran. »Ja, es ist so, wie Seder sagt. Du bist von etwas besudelt, das mit Sammaels Essenz durchwirkt war.« Sie schnupperte an ihm. Ihre Nase wanderte von seinem Hals über seinen Arm zu seiner Hand. »Aha!« Sie hob seine rechte Hand. »Vergiftet ist sie.«
Dann wurde ihr Blick wieder abwesend, und sie ließ sein Handgelenk los. Ihre Stimme klang entfernt, als sie fortfuhr.
»Jetzt besucht dich Sammael nachts. Bald wird er dich auch tagsüber besuchen. Du wirst ihm gehören. Es sei denn ...«
Ryan wartete, doch die einstige Elfenkönigin sprach nicht weiter. Sie schien sich in ihren Gedanken zu verlieren.
»Es sei denn was?«, hakte er nach. »Bitte. Sag mir, was ich tun kann, um das zu verhindern.«
Die Königin schien aus ihrem Dämmerzustand zu erwachen. Sie schüttelte den Kopf und trat erschrocken zwei Schritte zurück. »Ich bringe Sammael nicht meine Tricks bei. Er ist schlicht, aber brillant. Verschwinde!«
Behutsam ergriff Arabelle die Hände der Elfin. »Bitte, Nicnevin. Bitte zeig ihm, wie er Sammaels Einfluss abschütteln kann. Tust du es für mich?«
Nicnevin starrte verblüfft auf ihre vereinten Hände, als wäre ihr die Vorstellung einer körperlichen Berührung völlig fremd. Dann schaute sie zu Arabelle auf und lächelte. »Für dich, Seder, tue ich das.«
Sie löste sich aus Arabelles Griff, trat zu Ryan hinüber und lehnte die Stirn so an seine, dass sie sich gegenseitig in die Augen sahen. Dann schloss Nicnevin die Lider – und Ryan ereilte das unangenehme Gefühl von Fingern unter seiner Kopfhaut. Nach einigen Herzschlägen dämmerte ihm, was sie tat.
Sie manipuliert meine Kräfte.
Etwas Ähnliches hatte er selbst schon einmal gemacht – bevor er festgestellt hatte, wie gefährlich es war. Durch Verbinden des einen losen Fadens der Magie, den er damals in Sloane entdeckte, hatte er ihr die Fähigkeit des Gedankenlesens geschenkt. Was Nicnevin gerade tat, war ähnlich, aber wesentlich komplexer. Ryan war überzeugt davon, dass er bei Sloane lediglich etwas wiederhergestellt hatte, das ihr vorbestimmt war. Nicnevin hingegen manipulierte Bereiche seiner Magie, die ursprünglich nie aktiv gewesen waren.
Dann ertönte ihre Stimme in seinem Geist.
»Ja, ich verleihe dir eine Macht, die du nicht verdienst. Wenn ich fertig bin, wirst du deinen Geist so abschirmen können, wie du gelernt hast, deinen Körper abzuschirmen. Bist du bereit?«
Ryan antwortete laut. »Ja. Ich bin bereit.«
Nicnevin arbeitete noch kurz weiter, dann zog sie sich zurück und grinste.
»Benutz die Gabe jetzt, denn ich suche dich gleich mit einem Albtraum heim, von dem du dich nie erholen wirst. Du hast fünf Herzschläge.«
Ryan verdrängte seine Angst und Unsicherheit und errichtete einen zweiten Schutzschild. Er wusste nicht genau, wie er es tat, und es fühlte sich völlig unnatürlich an, als würde er mit einem zweiten Paar Lidern blinzeln.
Nicnevin lachte. »Du bist nicht umgekippt und hast dir brüllend den Tod herbeigesehnt wie all die anderen ... also hast du den Test bestanden.« Sie setzte ein gehässiges Grinsen auf. »Schade, dass es dir nachts nicht nützt. Dafür ...« – sie deutete mit dem Daumen in Arabelles Richtung – »brauchst du seinen Segen.«
Ohne weitere Erklärung ging Nicnevin zum Kopf des riesigen, pflanzenähnlichen Wesens und streckte eine Hand hoch in die Luft. Mit einem tiefen Stöhnen und knirschenden Lauten erhob sich der tote Kohlkopf aus dem Boden. Ein von Erde verkrusteter Körper kam zum Vorschein. Als sich das Geschöpf vollständig aufgerichtet hatte, schnippte die einstige Elfenkönigin mit den Fingern, und die Kreatur ging schlagartig in einem Feuerball auf.
Mit einer Schmollmiene drehte sich Nicnevin zu Arabelle um. »Es war nicht nötig, meine Schöpfung zu töten. Dich hätte sie nicht gefressen – nur ihn.« Dann bedachte sie Ryan mit einem finsteren Blick. »Junger Zauberer, du schuldest mir einen neuen Zwerg! Geh los, finde einen und schick ihn zu mir!«
»Einen ... einen Zwerg?«
Nicnevins grüne Augen blitzten gefährlich auf. »Geh!«
Arabelle packte Ryan am Arm und rang sich ein Lächeln ab. »Ja, ich fürchte, wir müssen aufbrechen. Danke für deine Hilfe, Nicnevin.«
Als sie von der Lichtung flohen, folgte ihnen Nicnevins Stimme, die ungewohnt freundlich klang. »Es war schön, dass ihr mich besucht habt. Lebt wohl!«
* * *
In den sechs Nächten nach ihrer Begegnung mit der verrückten Königin wurden Ryans Albträume zunehmend schlimmer. Arabelle tat, was sie konnte, aber ihre Heilkräfte schienen keine Wirkung mehr zu erzielen. Und die letzten beiden Nächte waren schier unerträglich gewesen – für sie beide. Ryan wälzte sich im Schlaf hin und her, schrie dabei vor Schmerzen, und Arabelle hatte das Gefühl, ihr Ehemann würde vor ihren Augen gefoltert.
Die Tage verliefen kaum besser. Arabelle merkte Ryan an, dass er nur durch schiere Willenskraft durchhielt. Sie musste ihn stützen, während sie wanderten. Und obwohl sie es ihm gegenüber nicht erwähnte, begann er, unnatürlich zu riechen. Wie die heißen Quellen im Ödland, die Schwefelgestank verbreiteten.
Deshalb war es unheimlich erleichternd, als am siebten Tag der Reise Burg Riverton in Sicht geriet – und Sloane ihnen mit einem zusätzlichen Pferd im Schlepptau entgegenritt.
»Arabelle, wir haben deine Nachricht bekommen!« Bei Ryans Anblick schnappte sie nach Luft. »Oh! Es ist ja noch schlimmer, als du es beschrieben hast!«
Gemeinsam hievten sie Ryan auf das zusätzliche Pferd. Arabelle stieg hinter ihm auf.
»Bringen wir ihn sofort zu den Heilerinnen«, schlug Sloane vor.
»Nein«, widersprach Arabelle. »Der einzige Weg, ihm zu helfen, ist Seders Segen.« Sie trieb ihr Ross in den Galopp. »Zum Brunnen!«
* * *
Sloane übernahm die Führung und rief allen zu, aus dem Weg zu gehen. Zauberer und Schüler standen Schlange, um sich Gesicht und Hände zu waschen, doch bei Sloanes Ruf wichen sie alle zur Seite.
Arabelle sprang vom Pferd, zog Ryan aus dem Sattel und trug ihn praktisch zum Brunnen, stieg mit ihm hinein. Sie ließ sich ins Wasser plumpsen und bettete sich seinen Kopf auf den Schoß.
Die Umstehenden schnappten nach Luft – denn die Kugel der Statue leuchtete nicht in reinem Weiß wie sonst bei einem magisch Begabten, es wirbelten rote und weiße Schlieren darin.
Arabelle zog Ryan so hoch, dass er sich mit dem Rücken an sie lehnen konnte, dann schlang sie die Arme schützend um ihn und flößte ihm das bisschen Energie ein, das sie noch hatte. »Es wird alles gut, Liebster«, flüsterte sie. »Ich bin bei dir.«
Sloane setzte sich auf den Rand des Brunnens und las die Inschrift laut vor. »Ein wöchentliches Bad feit den Zauberer gegen die Macht des Bösen. Glaubst du, das bedeutet Seders Segen?«
»Ich hoffe es.« Ryan zitterte in Arabelles Armen. Sie schaute zu Sloane auf und versuchte, die Panik aus ihrer Stimme herauszuhalten – vergeblich. »Kannst du ... kannst du in seinen Geist schauen, ob ...«
Sloane nickte. »Ich sehe nach.«
Sie schloss die Augen für eine gefühlte Ewigkeit. Aber als sich Sloane konzentrierte, ließ Ryans Zittern nach, und sein Körper entspannte sich an Arabelle.
Schließlich öffnete Sloane die Lider und stieß gedehnt den Atem aus. »Er kommt jetzt zurück. Tatsächlich ...« Röte kroch ihr in die Wangen. »... träumt er von dir.«
Arabelle hob den Blick. Beinah wäre ihr ein Freudenschrei herausgerutscht, als sie sah, dass die Kugel der Statue strahlend weiß pulsierte – jede Spur von Rot war verschwunden.