Arabelle fuhr mit Grisham hinten im vordersten Wagen. Obwohl Tage vergangen waren, seit sie ihren alten Freund wiedergefunden hatte, wirkte er immer noch bekümmert.
»Grisham, keine Sorge. Wir sind bald da.«
Der mürrisch dreinschauende Zwerg zuckte mit den Schultern. Sein ungepflegter schwarzer Bart hing über die zu große Kleidung, die er sich von Ryan geliehen hatte. »Ich wüsste nicht, wie sie helfen könnten. Hätte mich dein Ehemann nicht irgendwie aus meiner Sumpfkatzengestalt zurückgeholt, hätte ich mich nie daran erinnert, wer ich mal war.« Er deutete mit dem Kopf in Richtung der Katzenfamilie, die dem Wagen in Richtung Eluanethra folgte. »Ich werde meine Familie nicht verlassen, Arabelle. Bestimmt nicht. Ich bin nicht geschaffen für die Welt der Zweibeiner.«
Ryan ergriff vorn das Wort. »Das würde ich auch nie verlangen, Grisham. Aber in Eluanethra gibt es Leute, die mehr über deine Fähigkeit wissen. Sogar ich habe schon darüber gelesen. Angeblich ist sie sehr selten.«
»Und du glaubst, mehr Wissen würde irgendwie helfen? Denn wenn ich vor die Wahl gestellt werde, würde ich lieber zurück in die Sümpfe zurückkehren und vergessen, wer ich bin.«
Ryan blickte auf den Ring an seinem Finger. »Ich bekomme gerade die Bestätigung von Labri ...«
»Sie ist die Königin der Elfen«, merkte Arabelle an.
»Sowohl Eglerion als auch sein Meister glauben, sie können dir helfen, bei der Verwandlung du selbst zu bleiben. Tatsächlich behauptet der einstige Lehrer des neuen Meisters des Wissens, er hätte schon mal jemandem in deiner Lage geholfen.«
Arabelle berührte ihren Freund sanft an der Schulter. Erschrocken zuckte er zurück. »Grisham. Als wir uns kennengelernt haben, warst du noch sehr jung, erst zwölf oder so. Weißt du noch, was du damals zu mir gesagt hast? Du hast zu mir gemeint, du hättest eine Aufgabe zu erfüllen, dich aber mit dem Scheitern abgefunden.«
Grisham runzelte die Stirn. Sein Blick wurde abwesend. »Ich erinnere mich, gewusst zu haben, dass meine Aufgabe keine Rolle mehr gespielt hat.«
»Nein, Grisham! Ich weigere mich zu glauben, dass unsere Begegnung und Seders wiederholte Visionen von deiner Rettung umsonst gewesen sind.«
Plötzlich klappte Grishams Mund auf, und seine Atmung beschleunigte sich. Seine Augen wurden weiß, und er kippte nach hinten.
»Was ist los? Geht es ihm gut?«, fragte Ryan.
Arabelle beschwor etwas von ihrer Heilkraft herauf und streckte die Hand nach dem Zwerg aus. »Ich glaube, er hat eine Vision.« Als sie ihn gerade berühren wollte, um zu überprüfen, ob er ein körperliches Gebrechen hatte, riss er jäh die Lider auf.
»Ich erinnere mich!«
* * *
Bryan neigte Grishams Kopf nach oben und sah ihm in die Augen. »Fürchte dich nicht, junger Zwerg. Du besitzt eine äußerst seltene und nützliche Gabe. Und obwohl man in anderer Gestalt sehr leicht aus den Augen verlieren kann, wer man in Wirklichkeit ist, lässt sich das mit einer einfachen Anleitung genauso leicht vermeiden.«
»Ich hatte nie eine Anleitung, Herr. Ich wurde zum Waisen, bevor mir irgendjemand, den ich kannte, etwas beibringen konnte.«
Ryan betrachtete die Sumpfkatzen, die sich um den Kamin eingerollt hatten. Sie schien nicht zu stören, dass Grisham gerade wie ein »Zweibeiner« aussah. Sie fühlten sich wohl und wirkten nicht bedrohlich, solange er sich in ihrer Nähe aufhielt.
»Meister des Wissens«, sagte Ryan, »er behauptet, ein Ta’ah zu sein.«
Bryan runzelte die Stirn. »Ein Ta’ah? Wie ist das auf dieser Seite der Barriere möglich?«
Grisham strich sich fahrig mit den Fingern durch den Bart. »Herr, ich bin nicht auf dieser Seite der Barriere geboren. Ich weiß nicht genau, wie es gemacht wurde, aber mein Vater und ich wurden von unseren Ältesten hierhergeschickt. Bis zu dem Tag, an dem wir durch das Portal mit den blitzenden Kristallen gegangen sind, war ich noch nie in der Oberwelt gewesen.«
Langsam nickte Bryan. »Faszinierend. Ich habe schon von derlei Dingen gehört, aber sie nie selbst bezeugt.« Er wandte sich an Ryan und Eglerion. »Mit zehn oder mehr voll aufgeladenen Diamanten, die einen Ring bilden, ist es durchaus möglich, ein Portal zwischen zwei beliebigen bekannten Orten zu erschaffen. Ich kenne die Theorie, allerdings hatte unser Volk nie einen Erzmagier. Und auch nicht die erforderlichen Diamanten.«
»Erzmagier?«, fragte Grisham. »Reicht nicht ein gewöhnlicher Zauberer?«
Bryan schüttelte den Kopf. »Nein, junger Ta’ah. Nur ein Erzmagier kann Energie in einen Gegenstand übertragen.« Er zeigte auf den leuchtenden Diamanten am Ende von Ryans Stab. »Siehst du, wie der Diamant durch die gespeicherte Energie unseres Erzmagiers leuchtet? Ich vermute, die blitzenden Lichter, zwischen die du geschritten bist, waren Diamanten – Diamanten mit genug Energie, um das Gefüge unserer Welt zu verformen, zu dehnen und schließlich zu zerreißen, um einen Durchgang zu schaffen. Deine Aufgabe ... muss ziemlich wichtig gewesen sein.«
Grishams Züge verfinsterten sich. »Ja, sie war sehr wichtig. Mein Volk kennt Geschichten, die von Zenethar Thariginian in der Zeit vor der Ankunft der Dämonen und der Errichtung der großen Barriere erzählen. Und unser Volk wusste, dass es die Linie des Königs noch gab, weil seine Burg bestehen geblieben ist. Als mein Vater und ich die Barriere durchquert haben, bestand unsere Aufgabe darin, den Erben des Königs zu finden – und ihm zu helfen, die Völker auf beiden Seiten wieder zu vereinen.«
»Grisham«, sagte Ryan, »du musst bei König Throll vorsprechen und ihm das sagen.«
»Meinst du, er würde mich empfangen? Ich bin nur eine Waise.«
Ryan lachte. »Nur eine Waise? Nein. Du bist ein Gesandter von Zwergen, die unser Volk seit vielen Jahrhunderten nicht mehr gesehen hat. Dadurch bist du überaus bedeutsam.«
Arabelle legte Grisham den Arm um die Schultern. »Komm. Kleiden wir dich ein, wie es sich für einen Botschafter geziemt.«
Grisham blickte auf seine geliehenen Sachen hinab. »Ich hätte tatsächlich nichts gegen Kleidung, die mir passt.«
Arabelle lachte. »Mal sehen, was sich machen lässt.«
Als sich alle erhoben, fiel Ryan auf, dass sich Bryan Schweiß von der Stirn wischte und sein sonst so gebräuntes Gesicht blass wirkte. »Geht es dir gut, Meister des Wissens?«
Bryan lächelte. »Ja. Es liegt am Essen. Anscheinend haben die Jahrhunderte mit Moos aus der Burg meinen Magen etwas empfindlich für alles andere gemacht.«
* * *
Throll bedeutete Grisham, sich zu erheben und vorzutreten. »Sag mir, Botschafter Grisham, was hat dich auf einen so tragischen Weg gebracht? Die Ta’ah müssen für ein solches Opfer große Not vorhergesehen haben.«
Grisham verlagerte nervös das Gewicht von einem Bein aufs andere. Er stand im Audienzsaal von Burg Riverton nicht nur dem König, sondern der gesamten königlichen Familie gegenüber. Auch die Rivertons sowie einige der ranghöchsten Hauptmänner des Königs waren anwesend. Arabelle konnte nachvollziehen, wie einschüchternd sich das anfühlen musste. Sie war froh, dass seine Sumpfkatzenfamilie an seiner Seite geblieben war – und keinen Ärger verursachte.
Als hätte Ryan ihre Gedanken gelesen, flüsterte er ihr ins Ohr. »Er macht das schon, Belle. Sein Volk hat von ihm erwartet, dass er es schafft, ohne dass ihn jemand bemuttert.«
Grisham räusperte sich und atmete aus. »Hoheit, mein Volk ist seit Langem abgeschottet von seinen Vettern, die in den Bergen der Oberwelt von Trimoria leben. Ich sollte wohl von meinem Volk erzählen, um etwas Hintergrund zu liefern.
Seit fast einem Jahrtausend sendet Seder Visionen, um mein Volk zu warnen. Er hat uns großes Unheil gezeigt, das uns alle befallen wird, wenn wir nicht dabei helfen, es zu verhindern. Damals hat mein Volk noch nach den Diamanten gesucht, die von unseren Erzmagiern überaus geschätzt wurden. Wir haben tief danach gegraben, sind dem Versprechen immer größerer Kristalle gefolgt. Dabei sind wir auf die Kammer gestoßen ...«
Grisham atmete tief durch und spähte zu Arabelle, die ihm ein beruhigendes Lächeln schenkte.
»Wir fürchten, das war der Beginn des Grauens, das auf diese Welt entfesselt wurde.«
»Die Abgründe?«, fragte Ryan.
Grisham nickte. »Aufzeichnungen zeigen, dass unsere Bergleute den tiefsten Teil der 33. Ebene der Diamantminen vollständig erschlossen hatten, und wir hatten gerade weitere 50 Fuß tief in den Fels gegraben, um die 34. Ebene zu öffnen. Dabei sind wir auf eine unterirdische Kammer gestoßen, in der es nach Schwefel roch. Im Gegensatz zu den beengten Verhältnissen der Tunnel darüber war sie riesig. Von der Decke bis zum Boden über 100 Fuß. Und laut Aufzeichnungen haben die Wände so weit voneinander entfernt gelegen, dass man sie nicht mal sehen konnte.«
Sloane schnappte nach Luft. »Ich sehe ... zwei leuchtende Kristalle. Und du hast Angst vor ihnen. Was sind sie?«
Aaron lächelte. »Du musst meine Frau entschuldigen. Sie kann Gedanken lesen und lässt sich dabei manchmal mitreißen.«
Ein Lächeln breitete sich in Grishams bärtigem Gesicht aus. »Ja, ich kann die rosa Aura sehen, die sich von ihren geröteten Wangen erstreckt.«
Ryan beugte sich Arabelle zu und flüsterte: »Dein Freund kann die Aura von Leuten sehen? Ich frage mich, ob das bei den Ta’ah verbreitet ist.«
»Ja, Prinzessin«, bestätigte Grisham, »meine Vorfahren sind auf zwei Kristalle gestoßen. Ich habe sie nie selbst gesehen, aber mein Vater hat mir in Gedanken ein Bild davon gezeigt.«
Der junge Zwerg kniff konzentriert die Augen zusammen, und in Arabelles Kopf erschienen Bilder. Und offenbar nicht nur in ihrem, denn sie hörte mehrfach, wie scharf eingeatmet wurde. Zuerst sah sie nur Nebel und nahm den grässlichen Gestank von faulen Eiern wahr. Dann teilte sich der Schleier und enthülle zwei leuchtende Kugeln auf einem Haufen wesentlich kleinerer Kristalle. Die kleineren Steine schimmerten nicht, die beiden obenauf jedoch pulsierten mit schier unglaublicher Energie.
Dann verflüchtigte sich die Vision, und Arabelles Wahrnehmung kehrte in den Audienzsaal zurück.
»Der auf der linken Seite!«, rief Ryan. »Ich habe ihn erkannt! Das ist der Keim.«
Grisham nickte. »Der Erzmagier hat recht. Wir haben den Makel der Kugel sofort bemerkt. Nach Beratschlagung mit den Ältesten haben wir eine Kammer geschaffen, um sie für immer auf der 34. Ebene zu versiegeln.«
»Das hat nicht geklappt«, brummte Ryan.
»Was ist der andere Kristall? Ein Zwilling?«, fragte Aaron.
Grisham schüttelte den Kopf. »Der zweite Kristall hat nicht den Makel des ersten. Und kurz nach der Entdeckung der Kammer erhielt mein Volk eine Prophezeiung von Seder. Er hat darin von dem zweiten Kristall gesprochen und uns damit beauftragt, ihn sicher zu verwahren.« Grisham drehte sich Ryan zu. »Darin geht es unter anderem um eine Zeit, in der die Kraft dieses Kristalls genutzt werden soll.«
»Wie genau lautet diese Prophezeiung?«, fragte Throll.
Grisham zitierte sie.
»Die Zeit wird kommen, da der Gegenstand, den ich euch anvertraue, von meinem Verfechter benutzt werden muss. Dass die Zeit gekommen ist, wisst ihr, wenn alles verloren ist, wenn die Völker über der Erde nicht mehr sind und die kleinsten Kristalle unverhofft zum Leben erwachen.
Wenn die Weihkristalle zu leuchten beginnen, wisst ihr, dass die Fäden des Schicksals geknüpft wurden. Erst dann ist der Kristall, der für die Macht des Volks von Trimoria steht, bereit zum Einsatz.
An jenem Tag müsst ihr den König der Menschen aufsuchen. Denn in seiner Gesellschaft findet ihr den blauäugigen Erzmagier, der von den Sternen gekommen ist. Nur er kann diese Waffe gegen das einsetzen, was alles Leben vernichten will.«
Throll lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, sah Ryan an und schmunzelte. »Na, wenn das mal nicht interessant ist.«
Grisham nickte. »Hoheit, ich wurde damit beauftragt, herauszufinden, ob es den Verfechter Seders tatsächlich gibt. Und am Strahlen der Macht, die Euren Erzmagier umgibt – und an seinen blauen Augen – erkenne ich, dass er in der Tat der aus der Prophezeiung ist. Ich bitte um Erlaubnis, ihn zu meinem Volk zu geleiten, um aus den Gewölben zu holen, was nur er zu beherrschen vermag.«
»Auf keinen Fall!«, entfuhr es Aaron. »Es ist viel zu gefährlich für irgendjemanden, sich auf der anderen Seite der Barriere herumzutreiben.« Er zeigte auf das schwarze Trauerband, das er am Handgelenk trug. »Ich bin mit einer schlagkräftigen Truppe von Soldaten und Zauberern dort gewesen. Trotzdem haben wir nur wenige Augenblicke nach unserer Ankunft einen Todesfall erlitten.«
Throll kratzte sich am ordentlich gestutzten Bart, dann sah er Grisham an und schüttelte den Kopf. »Grisham, ich neige dazu, unserem General zuzustimmen. Ich denke, es wäre zu gefährlich für dich. Du bist nicht in der Verfassung zu kämpfen, falls Schwierigkeiten auftreten.«
Arabelle meldete sich zu Wort. »Hoheit, ich finde, das ist eine Aufgabe für eine sehr kleine, in Verstohlenheit geübte Gruppe.«
»Unsinn,« widersprach Aaron. »Das ruft nach Leuten, die kämpfen können ...«
Mit einer schnippenden Bewegung aus den Handgelenken jagte Arabelle zwei leuchtende Dolche aus Damantit in die Armlehne seines Stuhls. Aarons Augen wurden groß.
»Sag du mir nicht, ich könnte nicht kämpfen.« Sie wandte sich wieder dem König zu. »König Throll, ich denke, Ryan und ich könnten die Barriere durchqueren und den Weg dorthin finden. Ich bin mehr als ausreichend geübt in Tarnung, und er kann sich mit seinem magischen Schild unsichtbar machen.«
Throll drehte sich Castien zu. Der Elf bejahte stumm mit einem Nicken.
»Aber wie wollt ihr den Weg finden?«, gab Grisham zu bedenken. »Ihr wart noch nie dort.«
»Grisham«, sagte Arabelle, »weißt du noch, wie ich Ryans Richtung spüren konnte, noch bevor ich ihm zum ersten Mal begegnet war? Dasselbe könnte ich mit einem der Ältesten der Ta’ah. Wenn du mir ein Bild von einem übermittelst, kann ich meine Fähigkeit nutzen, um den Weg zu ihm zu finden.«
Grisham konzentrierte sich, und Arabelle empfing das Bild eines weißbärtigen Zwerges mit einer Narbe quer über der Stirn. Dann benutzte sie ihre besondere Sicht und suchte den Zwerg, den sie sah.
Sie zeigte nach Süden und leicht nach unten. »Ja. Da ist er. Ich kann ihn mühelos finden.«
Throll sah Jared an und zog eine Augenbraue hoch. »Was meinst du, Fürst Riverton?«
Jared ergriff die Hand seiner Frau. »Mein Sohn und seine Gemahlin brauchen unsere Erlaubnis nicht.«
Lächelnd drehte sich Ryan zu Arabelle um. »Soll ich packen, oder willst du?«
Arabelle verdrehte die Augen. »Ich packe. Außer Proviant würdest du alles vergessen.«
Throll ging zu ihnen und legte ihnen die Hände auf die Schultern. »Ich weiß, es ist eigentlich unnötig zu erwähnen, aber bitte seid vorsichtig. Von eurer sicheren Rückkehr hängt so viel ab.«
Aaron brummte: »Ach, nur die gesamte Zukunft Trimorias.«