Leise versuchte Arabelle, einen Weg in die tiefere Ebene zu finden, auf die ihr Ehemann gefallen war. Sie hatte versucht, ihm über ihre persönlichen Ringe eine Nachricht zu schicken, aber er hatte nicht geantwortet. Und ihr graute beim Gedanken daran, was das bedeuten konnte. Wenigstens wusste sie, dass er noch am Leben sein musste. Sonst hätte sie ihn nicht mehr orten können. Und er bewegte sich, auch dass verrieten Arabelle ihre besonderen Sinne. Nur half ihr nicht weiter, zu wissen, wo er sich aufhielt, wenn sie keinen Weg dorthin finden konnte. Und mittlerweile irrte sie seit Stunden durch die verwinkelten Gänge der Niederwelt.
Bisher hatte sie gezögert, den Verständigungsring der Familie zu benutzen, weil sie wusste, dass sie mit einer Botschaft alle aufschrecken würde. Aber es ließ sich nicht länger aufschieben. Sie musste es tun.
Also tippte sie eine Nachricht.
Arabelle. Ryan und ich wurden in den Tunneln getrennt. Er antwortet nicht über unsere persönlichen Ringe.
Fast sofort ging eine Rückmeldung ein.
Aubrey. Spürst du ihn noch?
Ja. Ich weiß, dass er am Leben und in Bewegung ist. Ich verstehe nicht, warum er sich nicht bei mir meldet.
Sie erklärte, was passiert war, und versicherte Ryans Mutter, dass sie Ryan um jeden Preis finden würde.
Nichts wird mich von ihm fernhalten.
* * *
Jared befand sich in seinem Arbeitszimmer, als Grisham eintrat.
»Herr, du hast nach mir verlangt?«
»Ja, Grisham. Ich werde die bitteren Worte nicht schönfärben. Mein Sohn und seine Frau sind in den Tunneln der Niederwelt verschollen. Bei einem Einsturz ist mein Sohn in irgendeinem vermaledeiten Loch im Boden verschwunden. Arabelle geht es gut, aber sie findet keinen Weg zu ihm nach unten. Glaubst du, du könntest ...«
»Auf jeden Fall!«, fiel Grisham ihm ins Wort. »Ich bin sicher, dass ich sie finden kann.«
Jared lächelte. »Was macht dich so zuversichtlich? Du warst noch ein Kind, als du dort gelebt hast.«
Grisham tippte sich an die große Nase und grinste. »Ich erkenne Gerüche besser als jeder, den du kennst. Außerdem bin ich auch eine Sumpfkatze, die sich mit Gerüchen und Fährten auskennt. Wenn sie eine Witterung hinterlassen haben, kann ich ihr folgen.«
Jared legte dem Zwerg die Hand auf die Schulter. »Mein Freund, wenn du meinen Sohn und meine Schwiegertochter finden und zu uns zurückbringen kannst, stehe ich tief in deiner Schuld.« Er schaute aus dem Fenster und sah in der Ferne die Drachen. »Ihre Witterung zu finden, dürfte kein Problem sein. Wir können dich nur wenige Schritte von der Stelle entfernt absetzen, an der sie deine unterirdische Welt betreten haben.«
* * *
Grisham genoss das berauschende Gefühl, auf allen vieren über die Felder zu rasen, gefolgt von seiner Gefährtin und seinen Jungen. An diesem Tag jedoch fühlte sich das Erlebnis anders an. Er war nicht mehr Mitternacht, der Anführer eines Rudels von Sumpfkatzen, sondern Grisham, ein gestaltwandelnder Ta’ah, Oberhaupt einer recht ungewöhnlichen Familie von Halbblütern.
Schon lang, bevor Grisham die Höhle der Drachen erreichte, nahm er ihren Moschusgeruch wahr. Seine Gefährtin auch. »Bist du sicher, dass die Zweibeiner die Wahrheit gesagt haben?«, fragte sie. »Fressen die Echsenherren Katzen nicht?«
Grisham drehte sich dem wunderschönen, schwarzpelzigen Gesicht zu, das er seit fünf Jahren liebte. »Ich vertraue den Menschen. Außerdem haben wir schon oft erlebt, wie die Drachen in unserem Gebiet gejagt haben, und noch nie haben sie eine Sumpfkatze angegriffen.«
Am Eingang zur Höhle achtete er darauf, selbstbewusst hineinzustolzieren. Er stimmte sogar stolzes Gebrüll an, um sich anzukündigen.
Das Kratzen von Klauen auf Stein und die Erschütterungen schwerer Schritte antworteten darauf. Seine Familie zischte vor Furcht und wich mit gesträubtem Fell zurück.
Dann erschien einer der Drachen. Die Drachendame namens Rubina.
Eine raue Stimme ertönte tief aus ihrer Brust. »Wechselbalg, du bist wie versprochen eingetroffen. Das ist gut. Nun müssen wir auf meinen Bruder warten. Er verspätet sich – wie immer.«
Das dumpfe Pochen einer schweren Landung vor der Höhle kündigte Piets Ankunft an. Seine blutverschmierte Schnauze schob sich durch die Öffnung. »Das habe ich gehört, Schwester. Kann ich etwas dafür, dass ich hungrig war?«
Rubina knurrte verärgert und wandte sich wieder an die Katzen. »Du weißt, dass es keine Möglichkeit gibt, dich zurückzuholen, sobald mein Bruder und ich die Barriere durchbrechen und du sie durchquerst. Du wirst festsitzen.«
Grisham miaute bestätigend.
Rubina wandte sich an ihren Bruder. »Dann lass uns anfangen.«
* * *
Arabelle schlug mit der Faust gegen die Steinwand.
Schon wieder eine Sackgasse!
Sie kehrte um und suchte die Wände nach Seitengängen ab, die sie vielleicht übersehen hatte. Allerdings neigte sich ihre Geduld dem Ende zu. Schlimmer noch, ihr Ortungssinn sagte ihr, dass sich Ryan seit etlichen Stunden nicht mehr bewegt hatte.
Das konnte bedeuten, dass er sich schlafen gelegt hatte.
Es konnte aber auch bedeuten, dass er verletzt war.
Oder Schlimmeres.
Im Tunnel herrschte Totenstille. Arabelle achtete aufmerksam auf ein Geräusch. Sie wusste, dass sie sich nur auf ihre Sinne als Werkzeuge verlassen konnte. Als sie das entfernte Platschen eines Wassertropfens hörte, erstarrte sie.
Eine lange Weile folgte kein weiteres Geräusch. Ihre Sinne verharrten in höchster Bereitschaft. Dann ertönte es erneut.
Platsch .
Sie bewegte sich in die Richtung. Irgendwie war der Laut von der Wand zu ihrer Rechten gekommen. Arabelle bewegte sich daran entlang und betrachtete aufmerksam das grünlich-weiße Moos. Dann lächelte sie und kratzte das Gewächs weg.
Hinter dem Moos verbarg sich ein schmaler Durchgang.
Sie riss mehr von dem Geflecht beiseite und konnte kaum ein Lachen unterdrücken, als sie sah, dass der versteckte Tunnel schräg nach unten verlief.
Halt durch, Ryan. Ich bin gleich bei dir.
* * *
In einer dunklen Steinhöhle las ein milchweißer Elf mit dunklem Haar die in leuchtenden Glyphen geschriebene Botschaft über einer Tür aus Stein. Allerdings fiel es ihm schwer, sich auf die Zeichen zu konzentrieren, da unmittelbar vor der Tür eine riesige eingerollte Schlange lag.
Man hatte ihm gesagt, er sollte die Botschaft lesen, nur hatte niemand die Schlange erwähnt.
Leise rückte er mit wild in der Brust pochendem Herzen näher, um die dünnen Buchstaben erkennen zu können.
Eines der feurigen Augen der Schlange öffnete sich.
Jeder Gedanke an die Botschaft verpuffte, als der Elf hastig zurückwich. Aber es war zu spät.
Knochen knirschten, und Dunkelheit hielt Einzug.
* * *
Wat musste zugeben, dass es in der Bibliothek von Eluanethra hervorragende Nachschlagewerke über Dämonen gab. Er blätterte gerade durch den neuesten Wälzer, den Bryan Grünmandl trotz dessen offensichtlicher Krankheit für ihn gefunden hatte, als er hinter der geschlossenen Tür des zugangsbeschränkten Bereichs erhobene Stimmen hörte.
Er musste nicht überlegen, wer sich zankte – Eglerion und Bryan, die sich für eigene Nachforschungen dorthin zurückgezogen hatten. Und obwohl ihn verblüffte, dass der so ruhige Eglerion überhaupt die Stimme zornig erhob, fand er es bei Bryan weniger überraschend. Der greise Meister des Wissens wirkte für einen Elfen ungewöhnlich fahrig. Eglerion hatte gemeint, sein Meister hätte sehr unter der jahrhundertelangen Abschottung von seinem Volk gelitten.
Wat versuchte, nicht auf die gedämpften Stimmen zu achten und sich wieder in sein Buch zu vertiefen – bis ein gellender Schrei ertönte.
Wat sprang vom Stuhl auf, rannte nach nebenan – und erstarrte.
Eglerions lebloser Körper fiel aus Bryan Grünmandls Armen. Ein Dolch steckte tief in der Brust des jüngeren Meisters des Wissens.
Wat verdrängte sein Entsetzen und ballte seine Macht. »Mörder«, stieß er knurrend hervor. »Ich lasse nicht zu, dass du ungestraft davonkommst.«
Bryans Augen zuckten hin und her. Schaum quoll über seine Lippen, bevor er den Kopf zurückwarf und zur Decke heulte. Sein Bauch wölbte sich widernatürlich, und er fiel auf die Knie.
Die Ausbuchtung schwoll an. Das Geräusch von reißendem Fleisch ertönte, gefolgt vom ... vom Schrei eines Säuglings. Und während sich Blut auf dem Boden unter dem älteren Meister sammelte, kroch etwas unter seinen Gewändern hervor.
Es handelte sich tatsächlich um einen Säugling, allerdings keiner Art, die Wat kannte. Das Geschöpf blinzelte mit grünen Augen, entblößte nadelartige Reißzähne und kreischte Wat bedrohlich entgegen.
Mit einem angewiderten Knurren feuerte Wat einen Energieblitz auf das Ungeheuer ab. Der Gestank von verbranntem Haar und versengter Haut breitete sich aus. Er hatte gerade den Arm erhoben, um mehr Macht zu sammeln, um die Überreste der kleinen Bestie vollständig zu verbrennen, da landete eine Hand auf seiner Schulter. Wat wirbelte herum und erblickte Xinthian, der hinter ihm stand und voll Entsetzen auf die grausige Szene starrte.
»Eglerion?«, sagte er. Dann blickte er auf den Zwerg hinab. »Wat, was ist passiert?«