Stundenlang irrte Arabelle durch das Labyrinth der Tunnel und kämpfte sich stetig tiefer in die Dunkelheit hinab. Sie schöpfte neue Kraft, als sie wieder eine Bewegung von Ryan wahrnahm. Und dann stieß sie endlich auf Anzeichen von Leben.
Sie hatte gerade eine Höhle betreten, die eine Art Nabe bildete – Dutzende Tunnel mündeten in sie –, als sie eine zierliche, dunkelhaarige Gestalt entdeckte. Das Wesen drückte sich am anderen Ende herum und trug einen großen Sack über der Schulter.
Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, das war ein Elf.
Die Elfin betrat einen Tunnel in der Nähe der Stelle, wo Arabelle ihren Ehemann spürte. Zufall? Möglich. Unabhängig davon beschloss Arabelle, der Elfin zu folgen. Also verschmolz sie mit den Schatten und durchquerte die Höhle in Richtung der Unbekannten.
Doch als sie ihrer Beute um eine Ecke in einen Verbindungsgang folgte, erstarrte sie. Ein großes Tor versperrte den Tunnel, bewacht von sechs weiteren Frauen.
Auch sie waren Elfen – aber wie die erste gehörten sie nicht zu denen, die Arabelle kennengelernt hatte. Diese Elfinnen hatten beinah weiße Haut und sehr dunkles Haar, fast das Gegenteil des Volks von Eluanethra. Und es waren ausschließlich Frauen.
Eine krank wirkende Elfin kam wankend von der anderen Seite aus dem Tunnel. Sie wandte sich an eine der Wächterinnen. Arabelle konnte Fetzen ihrer Worte aufschnappen.
»... Ersatz ... brauchen mehr ...«
Die Wächterin reichte der ausgelaugten Elfin ihren Speer, die sich schwer darauf stützen musste, um sich auf den Beinen zu halten.
Das arme Ding.
Arabelle bändigte ihr natürliches Bestreben, Leidenden zu helfen. Sie durfte nicht das Wagnis eingehen, sich diesen unbekannten Wesen zu offenbaren. Und in diesem Tunnel kam sie eindeutig nicht weiter. Sie musste einen anderen Weg finden.
Sie verließ sich auf ihren Ortungssinn und folgte einem anderen, angrenzenden Tunnel, der zumindest in die ungefähre Richtung verlief, in die sie wollte. Den Boden bedeckten Tausende biegsame, dornenartige Vorsprünge, alle in die Richtung geneigt, in die sie sich bewegte. Arabelle hielt inne und überlegte, ob sie umkehren sollte – doch in dem Moment neigte sich der Boden plötzlich. Ihre Füße rutschten unter ihr weg, und sie schlitterte auf dem rutschigen Untergrund in die Dunkelheit vor ihr.
* * *
Umgeben von seinen lichtbrechenden Schilden rannte Ryan durch die Hallen von Liliths Reich und stieß gelegentlich mit verwirrten Passanten zusammen. Beinah mühelos sprengte er das Tor, das ihm den Weg versperrte. Und während eine Handvoll der Elfinnen erschrocken aufschrie, raste er aus dem violett erhellten Tunnel in die Dunkelheit der Niederwelt.
An einer Kreuzung mehrerer Tunnel beschwor Ryan ein winziges Licht herauf, das er über der Karte schweben ließ. Dann bog er nach rechts ab und rannte einen Tunnel entlang, der zum Symbol des Dolchs führte. Seine Stiefel bewegten sich schmatzend über einen schleimbedeckten Boden, den biegsame, dornenartige Vorsprünge bedeckten.
Plötzlich erzitterte der gesamte Tunnel, wölbte und wellte sich. Ryans Augen wurden groß, als er sah, wie sich die Dornen kräuselten. Sie befanden sich nicht nur auf dem Boden, sondern auch an den Wänden und der Decke.
Bin ich in ...
Irgendwo vor ihm ertönte ein Schmerzensschrei.
Arabelle!
Er bezog Energie aus dem Speicher des Diamanten und verstärkte seine Schilde. Sie knisterten unsichtbar, während er vorwärts hastete.
Er betrat eine Kammer, die von einem Ende zum anderen vielleicht sechs Meter maß. Die gewellten Wände wiesen faustgroße Löchern auf. Aus manchen erstreckten sich dornige Ranken in den Raum. Vor ihm lag Arabelle auf dem Boden und hieb nach den Ranken, von denen sich einige um ihre Beine wickelten.
Ryan entfesselte einen weißglühenden Energieblitz auf die Wurzeln der Ranken, die Arabelle festhielten. Als er das Ziel traf, bewegte sich die gesamte Kammer.
Arabelle riss sich die leblosen Ranken von den Beinen und rappelte sich auf. Als sie Ryan ansah, lächelte sie trotz der Wunden in ihrem Gesicht.
Schwere Aufpralle erschütterten Ryans Schilde – etwa ein Dutzend Ranken griff ihn an. Er entsandte eine feurige Schockwelle in alle Richtungen und verwandelte sie in Asche.
Dann lief er zu Arabelle. »Bleib dicht bei mir«, forderte er sie auf und erweiterte seinen Schild um sie herum. »Wir müssen hier rausklettern.«
Sie gingen den Weg zurück, den Ryan gekommen war. Mittlerweile jedoch waren die Dornen erstarrt. Aus ihren Spitzen sickerte eine gelbliche Flüssigkeit, vermutlich Gift oder Schlimmeres.
»Was ist das hier?«, fragte Arabelle.
»Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, wir sind im Inneren irgendeiner riesigen Kreatur.«
Ryan jagte eine Flutwelle schimmernder Energie über die Dornen – aber statt sie zu verletzen, stieg lediglich grüner Rauch von ihnen auf.
»Ryan! Das hat mich vorhin erwischt! Von dem Rauch wird einem schwindlig.«
Er erinnerte sich an den Angriff der Sporen von ihrer Suche nach Nicnevin und zog die Maschen des Geflechts seines Schilds enger – so eng, dass nichts mehr hindurchkonnte.
»Was hast du gemacht? Ich kann nichts hören«, sagte Arabelle.
»Um das Gas abzuwehren, musste ich alles aussperren, was durch den Schild konnte. Auch den Schall.«
»Was ist mit Luft?«
Ryan stöhnte. »Ja, auch Luft. Versuch, nicht zu viel zu atmen.«
Grüner Rauch umhüllte den Schild, auf den zudem weiterhin Ranken eindroschen. Ryan hob seinen Stab und sammelte Macht für einen weiteren Schlag gegen die Dornen, als Arabelle plötzlich rief: »Schau!«
Eine Wand wölbte sich, und ein halbes Dutzend Messerklingen durchdrangen sie. Dutzende weitere Klingen tauchten auf, zerfetzten zusammen die Wand und ließen Flüssigkeit in alle Richtungen spritzen.
Ein pelziger Kopf spähte in die Kammer, brüllte leise und verschwand wieder.
Arabelle zog an Ryan. »Das war eine Sumpfkatze!«
Immer noch prügelten Ranken auf den Schild ein. Ryan umhüllte sie mit Feuer. Dann ergriff er Arabelles Hand, preschte zu dem Loch in der Wand und hechtete mit dem Kopf voraus hindurch.
Arabelle landete schwer auf ihm, bevor sich beide auf die Beine rappelten. Draußen erwartete sie tatsächlich ein Rudel schwarzer Sumpfkatzen.
Ryan entfernte die Lichtbrechung seines Schilds und lockerte das Geflecht. Die unnatürliche Stille wurde sofort vom Gestank des Bluts des Ungetüms und vom unruhigen Knurren einer der Sumpfkatzen abgelöst.
Das größte Tier trug einen funkelnden Ring aus Damantit an einer Kette um den Hals. Es jaulte, als ein weißes Licht um seinen Körper herum aufleuchtete. Ein knackender Laut ertönte, und an der Stelle des schwarzen Katers befand sich ein bärtiger – nackter – Zwerg.
»Grisham!«, rief Arabelle.
»Einen Moment«, sagte Grisham und wandte sich ab. Der Zwerg ging zu einer anderen Katze, die einen Rucksack umgeschnallt hatte, aus dem er Kleidung hervorholte.
Während sich Grisham anzog, drehte Ryan das Kinn seiner Gemahlin zu sich und küsste sie. »Was bin ich froh, dich wiederzusehen. Ich freue mich auch sehr über unseren Retter, auch wenn er nackt ist.«
Grisham schlüpfte mit den Füßen in ein Paar Stiefel. »Was um alles in der Welt hat euch zwei dazu bewogen, einen Höhlenkraken zu besuchen?«
Ryan zuckte mit den Schultern. »Ich bin ihr nur gefolgt.«
Arabelle verdrehte die Augen. »Ich wollte ihn finden und mich nicht an diese seltsamen dunkelhaarigen Elfinnen wenden, die ich unterwegs gesehen habe.«
»Gute Entscheidung«, sagten Grisham und Ryan gleichzeitig.
Dann hob sich Grisham die Kette über den Kopf und reichte sie Ryan. »Deine Mutter hat mich gebeten, dir das zu geben, damit du ihr Bescheid geben kannst, ob alles in Ordnung ist.«
Ryan grinste, als er das Drachenabzeichen auf dem Ring erkannte.
»Nun denn«, sagte Grisham. »Ich schlage vor, wir gehen weiter zu meiner Heimat. Wir sind nicht weit entfernt. Nur etwa zwei Stunden Fußmarsch.«
Er bedeutete ihnen allen, ihm zu folgen, als er sich den Tunnel entlang in Bewegung setzte. Eine der Katzen gab einen kehligen Laut von sich. Grisham antwortete mit einer Reihe von knurrenden und tschilpenden Lauten. Dann wandte er sich an die Rivertons.
»Ich habe ihnen gesagt, sie sollen sich nicht die Pfoten lecken. Wir können sie abwaschen, wenn wir in Eer Ha’Ta’ah sind.«
»Eer Ha’Ta’ah?«, hakte Arabelle nach.
Grisham lächelte breit. »Wörtlich übersetzt bedeutet das ›die Stadt der Wanderer‹. Aber für mich bedeutet es Heimat .« Er winkte sie weiter. »Kommt mit. Wenn wir rechtzeitig ankommen, hat meine Mutter vielleicht noch ihren berühmten Pilzeintopf auf dem Feuer.«
* * *
In Eer Ha’Ta’ah wurden sie von vier weiß gewandeten Wächtern begrüßt, die Macht ausstrahlten – Zauberer. Die Wächter musterten die Besucher. Mit besonderem Augenmerk jedoch bedachten sie Ryan. Er fragte sich, ob auch sie ihn als Zauberer erkannten. Vielleicht war es durch seinen Stab offensichtlich.
Nach einer kurzen Unterredung mit Grisham führte ein Wächter sie in einen Wartebereich, während ein anderer losging, um die Ältesten des Clans zu holen. Auf dem Weg durch die Gänge spürte Ryan, wie sich Wärme durch ihn ausbreitete. Was nicht an der angenehmen Temperatur lag, sondern an einem allgemeinen Gefühl der Ordnung. Als wäre alles so, wie es sein sollte.
»Bitte wartet hier«, sagte der Wächter am Eingang zum Warteraum. »Es gibt Met, Tee, Wasser und Pilze zum Naschen.«
Es handelte sich nicht bloß um einen Warteraum für Besucher, eher um eine Bibliothek. Viele der weiß gekleideten Ta’ah waren anwesend, saßen an langen Tischen, lasen Schriftrollen und nippten irgendetwas aus großen Bechern. Ryan ließ sich auf einem gepolsterten Stuhl nieder. Arabelle kauerte sich vor ihn hin und entfernte die Schienen von seinen geschwollenen Fingern.
Als sie die violetten und gelben Verfärbungen entdeckte, die sich über seine gesamte Hand ausgebreitet hatten, verzog sie gequält das Gesicht. »Oh, du Armer. Aber wenigstens waren die Finger gut eingewickelt.« Sie schaute zu ihm auf. »Wer hat das getan? Ich weiß, dass du nicht mal ein Geschenk einwickeln kannst, geschweige denn eine gebrochene Hand.«
»Ich war sehr krank und bin in einem der Tunnel zusammengebrochen. Einige von Liliths Anhängerinnen haben mich gefunden und versorgt ...«
»Nein!«, rief ein grauhaariger Zwerg, sprang von seinem Stuhl auf und verschüttete seinen Met. Hilferufend stürmte er in den Gang hinaus.
»Was ist denn hier los?«, fragte Ryan.
Eine mütterlich wirkende, ältere Zwergin betrat den Raum. Ihr Blick folgte dem Fingerzeig des Zwergs, der aufgeschrien hatte. Sie marschierte geradewegs auf Ryan zu.
»Bist du der, den diese dunkelhaarigen Elfendämoninnen gefangen genommen haben?«
»Na ja ... ich wurde nicht wirklich ›gefangen genommen‹.«
»Heb dein Hemd hoch. Ich muss dich untersuchen.«
Ryan hob die geschwollene Hand und protestierte. »Meine Frau wollte sich gerade um meine gebrochene Hand kümmern.«
»Pah! Wen kümmern schon ein, zwei gebrochene Knochen. Dir bleiben nur wenige Tage, bevor ich die Auswirkungen dieser Dämoninnen nicht mehr rückgängig machen kann. Willst du in einem Anfall von Raserei sterben, während deine Eingeweide aus deiner Brust hervorbrechen?«
Die Zwergin hob Ryans Hemd an und legte ein Ohr an seinen nackten Bauch. »Ich höre nichts. Aber das schließt die Möglichkeit einer Einpflanzung nicht aus.«
Sie legte die kalten Hände auf seinen Bauch. Weiße Energie waberte dort, wo sie ihn berührte, und er spürte, wie wärmende Energie durch seinen Körper floss. Die blauen Flecken an seinen Armen verblassten, und er fühlte ein Knacken, als sich die Knochen seiner Hand einrenkten. Sein gesamter Körper begann zu glühen, und er schwitzte heftig. Drei weitere Knackgeräusche ertönten von seinen Fingern, dann zog sich die Zwergin zurück und sah Arabelle an.
»Bitte zieh ihm die Stiefel und Socken aus. Wenn ich schon mal hier bin, kann ich mich gleich vergewissern, dass alles so ist, wie es sein sollte.«
Arabelle tat, wie ihr geheißen. Die Zwergin kniete nieder, um seine Füße zu begutachten. Ryan bemerkte, dass ihr Schimmer an seinem rechten Bein ungleichmäßig wirkte – dem Bein, das ihm seit dem Sturz in die Tiefe Unbehagen bereitete.
Die Zwergin fuhr mit der Hand über sein Fußgelenk. Ryan spürte Hitze, wo immer sie ihn berührte. Bald wurde der Schimmer gleichmäßiger, und als die Zwergin die Hände zurückzog, verschwand er.
Sie nickte dem Zwerg zu, der sie gerufen hatte. Auch andere hatten sich eingefunden. »Er hat Glück«, verkündete sie. »Ich habe nur ein paar gebrochene Knochen und eingerissene Bänder festgestellt.« Sie schwenkte einen dicken Zeigefinger auf Ryan. »Aber du solltest schlauer sein, als dich unter diese Dämoninnen zu begeben. Weißt du denn nicht, wozu sie fähig sind?«
Ein älterer Zwerg mit schlohweißem Haar trat vor. Den Bart trug er zu Dutzenden weißen Strängen geflochten. »Frau Schimmerstein, geht es ihm wirklich gut?«
Sie verbeugte sich respektvoll. »Er ist jetzt vollständig geheilt, Ältester Feuerwirker. Er hatte nur ein paar gebrochene Knochen, Reste eines Ausschlags, einen Meniskusriss, einen Riss im ...«
Der Älteste hob die Hand. »Ja, du hast dich löblich um ihn gekümmert und deine Sache gut gemacht. Danke, Frau Schimmerstein. Du kannst jetzt gehen.«
Die zwergische Heilerin nickte und entfernte sich.
Der Älteste Feuerwirker sah aus, als wollte er sich an Ryan wenden, überlegte es sich jedoch anders, als er Grisham bemerkte.
»Grisham Weitwandler? Bist du das?«
Grisham blinzelte. Ein Moment verstrich, bevor er antwortete. »Ja, ich bin es, Ältester Feuerwirker.« Ein mattes Lächeln trat auf seine Lippen. »Es ist lange her, dass zuletzt jemand meinen Familiennamen ausgesprochen hat.«
Der Älteste begrüßte ihn mit einer herzlichen Umarmung und einem Kuss auf jede Wange. »Mein Junge, ich erinnere mich daran, wie dein Vater und du abgereist seid, als wäre es gestern gewesen.« Seine Augen glitzerten vor Tränen. »Ich bin so froh, dass du zurückgekehrt bist. Du bist der Einzige, dem es je gelungen ist.«
Grisham nickte mit ernster Miene. »Es wurde viel geopfert, damit wir unseren Teil der Prophezeiungen erfüllen können. Mein Vater ist kurz nach unserer Ankunft jenseits der Barriere gestorben.«
Eine Träne tropfte in den schlohweißen Bart des Ältesten. »Das hatte ich im Verlauf der Jahre schon befürchtet. Wissen konnte ich es natürlich nicht. Mein Sohn und mein einziger Enkel sind Jahre vor deinem Vater und dir vom Rat auf die Reise geschickt worden. Auch von ihnen haben wir nie wieder etwas gehört.«
Mehrere weiß gewandete Zwerge betraten die Kammer. Sie schimmerten vor Magie. Der Älteste wandte sich ihnen zu.
»Ah, gut, der gesamte Rat. Wurde auch Lydia Weitwandler verständigt? Sie könnte die guten Neuigkeiten gebrauchen.«
Einer der anderen Ältesten nickte. »Ja, ich rechne jeden Augenblick mit ihr.«
Grisham räusperte sich und legte Ryan die Hand auf die Schulter. »Ich möchte euch jemanden vorstellen ...«
»Seders Verfechter«, fiel der Älteste Feuerwirker ihm ins Wort. »Ich erkenne den Menschen aus den Prophezeiungen. Obwohl sie nicht diese Schar pelziger Kreaturen erwähnen.« Er deutete auf die herumlungernden Sumpfkatzen. »Auch dich erkenne ich nicht, junge Frau«, wandte er sich an Arabelle.
Grisham räusperte sich erneut. »Diese junge Dame ist Prinzessin der Imazighen, vermählt mit Seders Verfechter und durch Heirat auch Prinzessin des Throns der Thariginians.«
Bei der Erwähnung des Namens tuschelten mehrere der Ältesten untereinander.
»Noch etwas«, fügte Grisham hinzu. »Vor fast acht Jahren wurden mein Vater und ich damit beauftragt, Neuigkeiten über einen Vertrag zwischen den Menschen und unserem Volk zu überbringen. Ich habe mich mit König Throll Lancaster getroffen, Erbe der Blutlinie der Thariginians. Er ist der Herrscher Trimorias und regiert mit einem Rat Gleichberechtigter aus allen Völkern. Dazu gehören unsere Vettern, die Zwerge aus den Eisenbergen, die Elfen aus ihrer Waldheimat Eluanethra, die Menschen aus den Ebenen Trimorias und die Imazighen, das wahre Volk der Wanderhändler. König Lancaster nimmt das angebotene Bündnis an und ist bereit, sich mit unseren Ältesten als Gleichberechtigten zu treffen.«
Der Älteste Feuerwirker fuhr sich mit den Fingern durch den Bart und verneigte sich tief vor Grisham. »Für hervorragende Arbeit, die alle Erwartungen an einen so jungen Mann übertrifft, ernenne ich, Flint Feuerwirker, hiermit Grisham Weitwandler zum dauerhaften Botschafter unseres Volks am Hof von König Throll Lancaster.«
Mehrere der weißhaarigen Zwerge riefen: »Einverstanden!«
Flint Feuerwirker klatschte in die Hände. »So sei es.« Er zwinkerte Grisham zu. »Dein Vater wäre mindestens genauso stolz auf dich, wie ich es bin, junger Ta’ah.«
Der Älteste wandte sich an Ryan. »Nun ... wir haben eine Menge zu besprechen. Aber zuerst machen wir es euch bequem und füttern euch. Wir können reden, während ihr alle esst.«
Als sie auf den Ausgang zusteuerten, stürmte eine Zwergin herein. Ihr Blick schnellte suchend umher und verharrte schließlich auf Grisham.
»Grisham!«, rief sie.
Mit ausgebreiteten Armen rannte er auf sie zu. »Mama!«
* * *
»Ich hab doch gesagt, sie wird einen Eintopf auf dem Feuer haben!« Grisham lachte.
Seine Mutter schöpfte eine weitere Portion in Ryans Schüssel. Während er auf einem der fleischigen Pilze kaute, sprach der Älteste mit ihm.
»Lang bevor unser Volk in der Niederwelt sesshaft wurde, hatten die dunkelhaarigen Elfinnen in der Abgeschiedenheit der Tunnel Trost gefunden. Die Elfen auf eurer Seite der Barriere nannten sie die Avud. Die Verlorenen. Wir wissen sehr wenig über sie, abgesehen davon, dass ihre Anführerin die Frauen jedes Volks bevorzug und die Männchen meist wie Sklaven behandelt.«
Ryan nickte. Er hatte es selbst erlebt. »Was hat es mit der Angst auf sich, die eure Heilerin hatte, weil ich unter ihnen war? Sie hat etwas davon gesagt, dass meine Brust aufbrechen könnte.«
»Nun ... im Laufe der Jahrhunderte wurden einige unserer Leute von diesen Dämoninnen gefangen. Sie besitzen die Fähigkeit, den Willen anderer zu beugen. So machen sie Gefangene praktisch zu willenlosen Sklaven. Als solche sind nicht in der Lage ... äh ... ihren Mann zu stehen und den Dämoninnen zu helfen, sich zu vermehren. Stattdessen pflanzen diese Frauen ihre Eier durch Magie in den Rumpf ihres jeweiligen Opfers. Der Sklave trägt das Kind dann aus, bis es aus der Brusthöhle hervorbricht, den Sklaven tötet und die Bevölkerung um eine weitere Dämonin ergänzt.«
Unwillkürlich musste Ryan an eine Szene aus einem Film denken, den er in einer anderen Welt und einem anderen Leben gesehen hatte. »Wenn sie hirnlose Sklaven sind, wie habt ihr dann überhaupt davon erfahren?«
Lydia Weitwandler setzte sich neben ihren Sohn. »Mein Vetter Sarnoff Feuerhammer wurde gefangen und konnte entkommen. Anscheinend wurde die, von der er besessen war, irgendwie getötet – hoffentlich auf grausame Art und Weise. Dadurch konnte er sich wohl losreißen. Er hat den Zustand, in den sie ihn versetzt hat, wie den einer Puppe beschrieben, die von jemand anderem an Fäden geführt wird. Er wusste noch alles, was um ihn herum geschehen war, konnte aber nichts tun, was ihm nicht ausdrücklich befohlen wurde.
Und dann eines Tages war es, als hätte jemand die Fäden gekappt. Er ist aus ihren Hallen geflüchtet und brach fast zusammen, als er in Eer Ha’Ta’ah ankam. Aber für ihn war es zu spät. Die Kreatur in ihm stand kurz davor, herauszuplatzen.«
Grisham nahm die Hand seiner Mutter und drückte sie fest.
Ryan fand, es wäre am besten, das Thema zu wechseln. Er drehte sich wieder dem Ältesten zu. »Warum leben die Ta’ah in dieser gefährlichen unterirdischen Welt? Warum nicht bei den Gebirgszwergen?«
»Ah, das ist die große Frage, nicht wahr? Es ist eine einfache Geschichte. Weißt du, was das Wort ›Ta’ah‹ der alten Sprache bedeutet?«
Ryan schaute zu Grisham. »Äh ... ich weiß, dass Grisham es mir gesagt hat, aber ich kann mich nicht erinnern.«
»Es bedeutet ›wandern‹. Ewig lange wurden magisch Begabte von unseren Vettern als seltsam angesehen. So haben sich die Clans im Verlauf der Jahrhunderte schließlich zu zwei getrennten Gesellschaften entwickelt. Eine mit magischen Fähigkeiten, die andere ohne. Vor fast tausend Jahren sandte Seder den magisch Begabten Visionen, und wir verließen die Eisenberge.«
»Seid ihr damals in die Niederwelt gezogen?«, fragte Ryan.
»Nein, aber nicht lang nach unserer Abreise wies Seder unseren Rat an, einen tief unter der Erde verborgenen Gegenstand zu bergen. Wir haben viele Jahre damit verbracht, durch die großen Weiten der Länder zu wandern, um mit unserer Magie nach diesem Gegenstand zu suchen. Und so wurden wir für unsere Brüder die Ta’ah, weil wir ständig auf Wanderschaft waren.«
Die Augen des Ältesten funkelten vor Aufregung. »Dieser Gegenstand hat deine Ankunft vorausgesagt.« Er schloss die Augen und zitierte:
Die Zeit wird kommen, da der Gegenstand, den ich euch anvertraue, von meinem Verfechter benutzt werden muss. Dass die Zeit gekommen ist, wisst ihr, wenn alles verloren ist, wenn die Völker über der Erde nicht mehr sind und die kleinsten Kristalle unverhofft zum Leben erwachen.
Wenn die Weihkristalle zu leuchten beginnen, wisst ihr, dass die Fäden des Schicksals geknüpft wurden. Erst dann ist der Kristall, der für die Macht des Volks von Trimoria steht, bereit zum Einsatz.
»Vor 500 Jahren hat sich mit der Entstehung der großen Barriere der erste Teil der Prophezeiung erfüllt. Wir wussten, dass über uns keine nennenswerten Völker mehr am Leben waren. Jedenfalls nicht auf dieser Seite der Barriere.«
Er hob die Hand und zeigte auf einen goldenen Ring an seinem Finger. Ein Diamant war darin eingelassen. »Siehst du das Glühen des Steins? Dieser Ring wurde von jedem Ratsältesten getragen, seit wir Seders Kugel entdeckt haben. Erst vor 15 Jahren hat der Diamant zu leuchten begonnen. Da wussten wir, dass es an der Zeit war.«
Ryan hob seinen Stab auf und zeigte auf seinen eigenen leuchtenden Diamanten. »Ist die Kugel, von der du sprichst, größer als dieser Stein?«
Der Älteste lachte und schüttelte den Kopf. »Für wie alt hältst du mich denn? Ich habe den Riesenkristall noch nie zu Gesicht bekommen. Du musst schon das Gewölbe betreten und ihn von seinem Aufbewahrungsort holen, wenn du ihn sehen willst.«
Ryan nickte. »Wann fangen wir an?«
Der Älteste holte ein Pergament aus seinem Gewand und reichte es Ryan. »Dabei gibt es eine Schwierigkeit. Eine äußerst gefährliche Bestie hat sich unmittelbar vor dem Eingang des Gewölbes niedergelassen.«
Ryan entrollte das Pergament. Zum Vorschein kam die blutverschmierte Zeichnung einer gepanzerten Schlange mit einigen Runen darunter. Er zeigte auf die Symbole. Der Ältere beugte sich über das Pergament und nickte.
»Eine Kreatur, die lange als ausgestorben gegolten hat. Ein Dämonenwesen, das in unseren Aufzeichnungen als Titan des Gesteins bezeichnet wird.«