Nyra saß mit untergeschlagenen Beinen in der Höhle des ersten Protektors, die Augen geschlossen, den Kopf geneigt. Draußen zankten sich Ohaobbok und einige der Zwerge darüber, dass sie in die heilige Kammer eingedrungen war.
»Zwergenfreund, mir war nicht klar, dass sie die Höhle betreten würde. Was, wenn sie den ersten Protektor verletzt?«
Ohaobbok knurrte gereizt. »Hör zu, Deneb. Sie ist nicht hier, um irgendjemandem zu schaden. Außerdem ist sie seit einer Woche da drin, und es ist nichts passiert. Hat sie nicht ihre Absichten bewiesen, als sie deinen schmerzenden Rücken geheilt hat? Sie verspürt das dringende Bedürfnis, über den ersten Protektor zu wachen. Wer sind wir denn, ihr das zu verweigern?«
»Nur weil sie mir den Rücken gerichtet hat, heißt das noch lange nicht, dass sie unseren Schützling nicht verletzt.«
Nyra blendete das Gezänk aus, während sie sich auf den schimmernden Mann konzentrierte, der vor ihr lag. Seit sie die Höhle zum ersten Mal betreten hatte, spürte sie ein Gefühl von Leiden aus dem Schutzschild. Sie wandte in regelmäßigen Abständen ihre Heilenergie an und war froh, dass sich die Qualen danach jedes Mal zumindest für ein paar Stunden verringerten.
Allerdings wirkte die Heilung nur vorübergehend. Und trotz ihrer Bemühungen ging es dem ersten Protektor zunehmend schlechter.
Ein Knistern ertönte in der Höhle, und Nyra öffnete die Augen. Sie bemerkte nichts Ungewöhnliches – abgesehen von Ohaobboks und Denebs Gesichtern, die neugierig hereinlugten.
Das Knistern wiederholte sich, gefolgt von einer so lauten Stimme, dass sich Nyra die Ohren zuhalten musste.
»Es ist bald so weit.«
An der Stelle bemerkte sie eine über dem Podest schwebende, weiß leuchtende Kugel.
»Paladin Seders, du musst deine Kräfte sammeln und dich mit meinem Verfechter treffen. Viel hängt davon ab, dass die Fäden eures Schicksals so verknüpft bleiben, wie sie es sind. Geh jetzt. Hier kann niemand etwas für den tun, den ich für so viele eurer Jahrhunderte beschützt habe. Sein Dienst ist fast beendet.«
Die weiße Kugel verschwand. Totenstille blieb zurück.
Nyra begegnete Ohaobboks verdattertem Blick.
»Nyra«, sagte er, »ich muss sofort zurück zu Burg Riverton.«
Sie streckte die Hand zu der Plattform aus Stein aus und berührte sie ein letztes Mal. Tränen kullerten ihr dabei über die Wangen. »Leb wohl, Heiliger. Ich schließe dich in meine Gebete ein.« Dann wandte sie sich wieder an Ohaobbok. »Ich begleite dich.«
* * *
»Bleibt hinter mir und lasst eure Schilde oben«, sagte Ryan zu dem Dutzend Zauberer der Ta’ah, die darauf bestanden hatten, ihn zu begleiten. »Wenn stimmt, was man mir über diesen Dämon erzählt hat, werdet ihr sie brauchen.«
An der Stärke des Summens, als sie ihre Schilde errichteten, erkannte er, dass jeder von ihnen in die Ränge der stärksten Kampfzauberer von Trimorias Armee passen würde.
Solche Kräfte brauchen wir dringend.
Er wünschte, er hätte auch Arabelle an seiner Seite. Aber die Ältesten hatten entschieden, es wäre zu gefährlich, weil sie keine Kampfzauberin war. Nicht mal mit vereinten Kräften konnten sie und Ryan den Rat davon überzeugen, dass sie sich ihrer Haut in einem Kampf trotzdem besser zu erwehren wusste als die meisten.
In der tiefen Dunkelheit vor ihnen erschienen zwei flammende Kugeln, begleitet von einem bedrohlichen Zischen. Von Ryans Gruppe schlängelten sich einige Energieranken, und mehrere strahlend weiße Kugeln erschienen und fluteten die riesige Höhle mit Licht.
Die Abbildungen und Beschreibungen wurden der Bestie vor ihnen nicht gerecht.
Die Schlange war gewaltig – ihr Maul hätte mühelos eine Kuh zu verschlingen vermocht. Die Augen bestanden aus reinen, flackernden Flammen. Ihre Schuppen schrammten über den Steinboden, als sie sich in ihrer eingerollten Haltung rührte.
Dann blies sie eine Dampfwolke aus. Ein Zischen ertönte, als der Dampf auf Gestein traf, und einer der Zwerge warnte: »Nimm dich in Acht, Erzmagier. In ihrem Atem ist Säure.«
Na toll.
Ryan brüllte durch die Höhle. »Du hast hier nichts zu suchen! Das ist das Reich der Ta’ah. Verschwinde, oder wir wenden Gewalt an.«
Der Körper der Schlange krümmte und drehte sich. Gleichzeitig spürte Ryan den Druck gedanklicher Kraft an seinem Schutzschild. Der Schild verbog sich, hielt aber.
»Vorsichtig«, rief er über die Schulter. »Ich fühle, wie sie versucht, in meine Gedanken einzudringen.«
»Aye, es ist ein Dämonenfürst«, antwortete jemand. »Was hast du denn erwartet?«
Ryan ballte Macht in seinen Fingerspitzen. Vibrierend warteten sie darauf, dass er sie entfesselte. Mit einem einzigen Gedanken schleuderte Ryan eine weißglühende Lanze reiner Energie auf die Schlange ab. Sie schlug am gepanzerten Schädel der Bestie ein, die sich aufbäumte, bevor sie den Boden der Höhle durchschlug und durch das Loch verschwand.
Ryan blinzelte überrascht und ging langsam vorwärts.
So einfach kann es nicht sein.
War es auch nicht. Nach einem lauten Knirschen wurde er nach oben geschleudert, als die Kreatur direkt unter ihm durch den Boden stieß und ihn in die Luft wirbelte. Er knallte gegen die Decke der Höhle. Die Wucht ließ seine Schilde beinah bersten, bevor er zurück auf die Schlange fiel, von ihr abprallte und auf einen festen Abschnitt des Bodens landete.
Die Ta’ah feuerten ein Dutzend schimmernde Lichtstrahlen auf das Ungetüm ab, aber es schien sie kaum wahrzunehmen. Es schnappte mit seinen Reißzähnen nach dem nächstbesten von ihnen, während es mit dem restlichen Körper durch ihre Reihen fegte. Eine der Lichtkugeln erlosch, die anderen flackerten.
Ryan rappelte sich wackelig auf die Beine. Er zapfte die Energie aus seinem Diamanten an – ein Vorrat vieler Wochen – und entfesselte eine gewaltige Entladung auf den Kopf des Dämons. Die Schlange musste das Zischen gehört haben, denn sie wirbelte zu Ryan herum – und die Energie schoss geradewegs in ihr aufgerissenes Maul.
Schlagartig wurde der Schädel von weißem Feuer umhüllt, und ein schriller Schmerzensschrei erschütterte die Höhle. Eine Zeit lang wälzte sich der Körper hin und her und krachte gegen die Wände, dann sackte er auf den Boden und lag still. Der Geruch von verbranntem Fleisch breitete sich aus.
Stöhnend rappelten sich die Ta’ah vom Boden auf. Ryan lief zu einem verletzten Zwerg und reichte ihm einen Heiltrank.
»Das war unangenehm«, brummte der Zwerg.
Kaum hatten die Worte seinen Mund verlassen, ging ein Schauder durch den Leib der Schlange, und die gepanzerten Lider öffneten sich.
»Sie lebt noch!«, brüllte Ryan, verstärkte seine Schilde und holte sich mehr Energie aus seinen Reserven.
Als die Schlange den Kopf hob, blätterten einige ihrer Schuppen ab. Wunde Haut kam darunter zum Vorschein. Sie drehte sich Ryan zu. In den feurigen Augen loderte spürbare Bösartigkeit. Der Ausdruck darin fühlte sich irgendwie vertraut an. Denselben Blick hatte Dominic, als er besessen war von ...
Sammael!
Ryan griff erneut auf die Energiereserven seines Stabs zurück und entnahm ihnen so viel, dass der Diamant trüber wurde. Er hüllte sich in Energie und bereite sich darauf vor, diesen Kampf ein für alle Mal zu beenden.
Doch bevor er den vernichtenden Schlag ausführen konnte, verblasste das Feuer in den Augen des Monsters. Die Kreatur erzitterte, als würde sie einen inneren Kampf austragen. Sie blinzelte – einmal, zweimal. Dann befanden sich an der Stelle der feurigen Augen nur noch die kalten, schwarzen Augen einer Schlange.
Die gegabelte Zunge schnellte heraus, kostete die Luft, bevor der Schädel den Boden der Höhle durchschlug und in dem Loch verschwand.
Eine lange Weile rührte sich niemand.
Erst dann spürte Ryan seine Erschöpfung – sie rollte in Wellen über ihn hinweg und drohte, ihn zu überwältigen. Er blickte auf das Gerät, das ihm sein Vater geschenkt hatte – die »Uhr« an seinem Handgelenk. Der Diamant leuchtete nicht. Der Smaragd leuchtete nicht. Der Rubin nur schwach.
Kein Wunder, dass er sich ausgelaugt fühlte. Wenn er noch mehr magische Energie aufwendete, würde er die Besinnung verlieren.
Einer der Zwerge spähte in den Spalt, durch den die Schlange verschwunden war. »Da unten ist nichts. Spürt irgendjemand die Kreatur in der Nähe?«
Ein rotbärtiger Zwerg kratzte sich am Hintern. »Mein Pürzel juckt, wenn sie in der Nähe ist. Und das tut er noch. Ich rate zu Vorsicht.«
Einer der Ta’ah lachte. »Chromium, dein Hintern juckt dich schon seit 30 Jahren.«
Ryan lächelte trotz seiner Müdigkeit.
»Na schön«, sagte eine Stimme hinter ihnen. »Genug der Heiterkeit.«
Ryan drehte sich um und erblickte Feuerwirker, der mit einigen der anderen Ältesten die Höhle betrat. Im selben Moment spürte er eine Vibration seines Rings.
Arabelle. Ich bin auch hier. Beobachte aus den Schatten. Der Älteste weiß es nicht. Ich habe mich rausgeschlichen.
Ryan suchte die Höhle ab, doch ohne Arabelles magische Energie hätte er sie nie entdeckt. Sie war zu gut darin, mit der Umgebung zu verschmelzen, besonders bei so vielen Schatten.
Der Älteste Feuerwirker bedeutete Ryan, ihm zu dem großen Portal aus Stein zu folgen, das die Schlange bewacht hatte. »Es wird Zeit, dass du Seders Gewölbe kennenlernst«, sagte er. Er zeigte auf die leuchtenden Buchstaben über der Tür. »Diese Nachricht soll für denjenigen geschrieben sein, der das Gewölbe öffnen soll. Bestimmt hat Grisham dir die Geschichte erzählt. Die beiden Kugeln der Macht wurden vor fast tausend Jahren entdeckt. Wir, die Ta’ah, wurden damit beauftragt, Seders Kugel zu verwahren – und die Prophezeiung spricht von dir, dem blauäugigen Erzmagier von oben.«
Behutsam legte der Älteste die Hand auf das Portal aus Stein. Magie schimmerte davor und erstreckte sich über die Inschrift.
»Wie du siehst, sind sowohl die Inschrift als auch das Tor selbst geschützt. Es wurde nie etwas darüber aufgeschrieben. Oder darüber, woher genau die Inschrift stammt. Aber« – er lächelte Ryan an – »es gibt auch andere Möglichkeiten, Wissen über Generationen weiterzugeben. Wenn ich als Kind auf dem Schoß meines Urgroßvaters gesessen habe, hat er mir mehrfach ein Märchen erzählt, das er von seinem Urgroßvater hatte. Es erzählt von einem menschlichen König, der ein Zauberer war. Unter Seders Anweisung haben wir diesem großen König und Zauberer der Menschen erlaubt, das Gewölbe zu betreten. Und laut der Geschichte hat jener Mensch unter Seders Anleitung für diese Inschrift und für den Schutz gesorgt, den wir vor uns haben.«
Menschlicher Zauberer und König? Ryan überlegte. Könnte das ein Hinweis auf den ersten Protektor sein?
»Also, Erzmagier«, sagte der Älteste Feuerwirker, als sich die anderen um sie versammelten. »Nun bist du gekommen, wie es die Prophezeiungen vorausgesagt haben. Die Inschrift verrät dir, wie sich das Gewölbe öffnen lässt.«
Ryan betrachtete die Worte. Sie wurden eindeutig mit ihm im Hinterkopf geschrieben – nur hatte er keine Ahnung, was das mit dem Öffnen des Eingangs zu tun hatte. Er beschloss, zunächst laut vorzulesen:
»Im Gefolge von Dämonen und kriegerisch Zank
Ein neues Leben traf ein und begann.
Von einem Ort jenseits der Sterne war’s,
Und kennt die Bedeutung des Planeten Mars.«
Ryan runzelte die Stirn. »Die ersten beiden Zeilen ergeben keinen Sinn. Sie könnten sich auf jeden beziehen, der während der Zeit der Dämonen in Trimoria geboren wurde. Aber die dritte Zeile ... die bezieht sich auf mich.«
»Kommst du wirklich von den Sternen?«, fragte einer der Ältesten.
Ryan zuckte mit den Schultern. »In gewisser Weise. Meine Familie wurde hierher versetzt aus ... Nun, von sehr weit weg.«
»Es war Seders Wille.« Der Älteste Feuerwirker nickte feierlich.
Ryan dachte über die letzte Zeile nach, sie klang lächerlich ... geradezu kindlich. »Ich weiß über den Planeten Mars Bescheid. Es ist der vierte Planet von der Sonne aus. Aber ... ich bin mir nicht sicher, was es mit der ›Bedeutung‹ auf sich hat. Er ist nur ein Planet.« Ryan zermarterte sich das Hirn und versuchte, sich alles ins Gedächtnis zu rufen, was er über den Planeten wusste. Er dachte laut nach. »Der Mars ist rot. Er ist kalt. Er ist nach einem römischen Gott benannt. Ich glaube, er war der Gott des Kriegs.«
Ein Knirschen ertönte von der Tür, und Ryan trat einen Schritt zurück. Der schimmernde Schutz verschwand, und die Tür sprang einige Zentimeter weit auf.
»Er hat es geschafft!«, rief einer der Zwerge.
»Habe ich das?« Ryan starrte hin. »Habe ich das Portal geöffnet, indem ich nur die richtigen Worte gesagt habe?«
»Es muss so gewesen sein«, meinte Feuerwirker.
Mehrere Zwerge mussten anpacken, um die Tür vollständig zu öffnen. Sie war riesig, und die ungeschmierten Angeln protestierten lautstark. Dann traten sie alle zurück, wollten eindeutig Ryan den Vortritt überlassen.
Vorsichtig ging Ryan hindurch und schickte eine Lichtkugel voraus. Der Durchgang hinter der Tür führte zu einer wesentlich kleineren Höhle, leer und kahl, abgesehen von einer weiteren Tür auf der gegenüberliegenden Seite. Auch darüber befand sich eine Inschrift, und die schimmernden Runen erhellten die Kammer.
Der Älteste Feuerwirker stellte sich neben ihn. »Bevor wir weitergehen«, sagte er leise, »solltest du vielleicht deine Gemahlin einladen, sich uns anzuschließen, statt sich in den Schatten zu verstecken. Wenn sie sich mir schon unbedingt widersetzen muss, wäre es mir lieber, sie in unserer Nähe zu haben.«
»Woher hast du gewusst, dass sie hier ist?«
Der Älteste stemmte die Hände in die Hüften. »Sie versteckt sich gut, aber ihre Aura folgt ihr selbst in die dunkelsten Winkel.«
Bevor Ryan ihr eine Nachricht schicken konnte, löste sie sich aus den Schatten. »Es tut mir leid, dass ich dir nicht gehorchen kann, Ältester Feuerwirker, aber ich habe Ryans Eltern geschworen, ihren Sohn im Auge zu behalten.«
Der Ältere schüttelte den Kopf und murmelte etwas über eigenwillige Frauenzimmer.
Arabelle begleitete Ryan, als er die staubige Höhle durchquerte. Nur dass es gar keine Höhle war. Ähnlich wie die Unterkünfte der Ta’ah hatte jemand diese Kammer bewusst aus dem Fels gehauen.
Sie hielten vor der hinteren Tür an. Diesmal hatte Ryan Mühe, die Runen zu übersetzen, also übernahm Arabelle es:
»Ich beginne mein Leben als Rebe
Man schätzt mich, weil Genuss ich gebe.
Isst man mich, finden süß mich die meisten,
Aber nur Betuchte können sich mich leisten.«
Sie drehte sich Ryan zu. »Meinst du, es geht um Wein?«
Mit einem Knacken öffnete sich die Tür, und diesmal schwang sie weit auf.
Der Älteste Feuerwirker starrte Arabelle mit offenem Mund an. »Was ist Wein? Eine Besonderheit der Oberweltler?«
Während Arabelle den Zwergen erklärte, was Trauben und Wein waren, ging Ryan durch die offene Tür in eine dritte Kammer. Sie erwies sich als genau wie die davor, nur halb so groß. Und wieder führte sie zu einer anderen Tür – wieder mit einem schimmernden Rätsel.
Diesmal erkannte Ryan die Runen nicht mal, also wartete er auf die anderen. Erneut übersetzte Arabelle und las vor.
»Zerstörung bewirke ich überall,
Durch meine Kraft schmilzt sogar Metall.
Zuhause magst du mich dann und wann,
Obwohl ich leicht dein Ende sein kann.«
Ryan rätselte über die Botschaft. »Das erinnert mich an die Schmiede meines Vaters. Hitze?« Er verstummte kurz und hoffte, die würde sich Tür öffnen, aber nichts geschah.
Einer der Zwerge meldete sich zu Wort. »Hammer?«
Lächelnd schüttelte Ryan den Kopf. »Feuer?«
Lautlos öffnete sich die Tür.
»Also, ich wäre nicht so begeistert, wenn Feuer durch mein Zuhause tobt«, sagte Arabelle.
»Du vergisst den Kamin, vor dem du so gern deine Übungen machst.«
Der nächste Raum erwies sich als winzig – kaum größer als ein Wandschrank. Und die Tür an der gegenüberliegenden Wand maß höchstens einen Meter in der Höhe.
Ryan kauerte sich davor. Ihn beschlich leichte Platzangst, als ein paar der anderen die beengte Kammer betraten. Diesmal las der Älteste Feuerwirker die Inschrift.
»In dunkelsten Höhlen bin ich daheim,
Ein böser Geist, ruchlos, gemein.
Nichts ist von Dauer, denn wenn du mich findest,
bin ich weg, bis du entschwindest.«
Ryan zermarterte sich das Hirn beim Versuch, das Rätsel zu lösen. Einige der anderen murmelten vor sich hin, bemühten sich anscheinend auch.
Dann hellten sich die faltigen Züge des Ältesten Feuerwirker mit einem Lächeln auf. »Einsamkeit!«
Mit einem lauten Knall verschwand die Tür.
Einer der Ta’ah klatschte in die Hände. »Natürlich. Unsere Geschichtsbücher nennen diese Tunnel die Einsamen Höhlen.«
Aber obwohl die Tür verschwunden war, stand der Weg nach vorn nicht offen. Über die Türöffnung erstreckte sich eine durchscheinende Barriere, die vor so viel Energie knisterte und funkelte, dass Ryan die Vibrationen in der Brust spürte.
Er kniete sich hin und spähte hindurch. Auf der anderen Seite befand sich eine kantige Nische, nicht größer als eine Kiste. Und in der Mitte ruhte auf einem kleinen schwarzen Sockel eine leuchtende Kugel von reinstem Weiß.
Seders Kugel.
Mehrere kleinere Sockel umgaben den mittleren. Auf jedem stand dieselbe winzige Statue – ein Bildnis, die Ryan schon viele Male gesehen hatte. Es handelte sich um die Statue von den Brunnen. Sie zeigte den ersten Protektor mit erhobenem Arm mit einem Edelstein in der Hand.
Vor Ryans Augen strömte pulsierende Energie von einer der Statuen zur Kugel auf dem Sockel in der Mitte.
Das würde Dad nur zu gern studieren.
Der Älteste trat hinter ihn. »Das ist die wahre Probe«, sagte er. »Bist du bereit?«
Ryan dachte an das Volk von Trimoria, an die Gesichter seiner Familie und natürlich an Arabelle.
Mein Leben und alles, was mir wichtig ist, hängen davon ab, dass ich diese Verantwortung wahrnehme.
Er drehte sich dem Ältesten zu. »Ich bin bereit.«
Der greise Zwerg nickte. »Bevor wir beginnen, möchte ich alle Ta’ah bitten, sich in die erste Kammer zurückzuziehen. Die Energie dieser Barriere ist gewaltig. Falls sie ausbricht, überlebt niemand in einem Umkreis von 20 Fuß. Es könnte sogar zu einem Einsturz der gesamten Kammer kommen.«
Das sah auch Ryan so. Die Ranken der Magie bebten vor überwältigenden Energiemengen, die Verheerendes anrichten könnten, wenn sie ausgelöst wurden.
Nachdem der letzte Ta’ah gegangen war, wandte sich der Älteste wieder an Ryan. »Diese Schranke ist auf eine bestimmte Person eingestimmt. Hoffen wir, dass du es bist.«
Arabelle legte Ryan die Hand auf die Schulter. »Wir stehen das zusammen durch.«
Ryans Herzschlag pochte laut in seinen Ohren, während er laut betete. »Wenn es je eine Zeit für Glauben gegeben hat, dann wohl diesen Moment. Seder, ich hoffe, dein Vertrauen in mich ist gerechtfertigt. Leite meine Hände.«
Er streckte sie aus und berührte die Barriere. Sie zischte und knisterte zwar laut, leistete aber keinen Widerstand. Er schob die Hand hindurch, achtete nicht auf den zornigen Protest der Barriere, fasste in den winzigen Raum dahinter und legte die Finger auf die weiß strahlende Kugel.
Als er sie von ihrem Sockel hob, wurde ihm bewusst, dass er den Atem anhielt. Er bemühte sich, gleichmäßig zu atmen, als er die Kugel durch die Barriere zurückzog, die knisternd nach ihm schnappte.
Dann hatte er die Kugel auf seine Seite geholt, und die Tür aus Stein erschien wieder vor der Barriere.
»Du hast es geschafft!«, rief Arabelle schrill.
Ryan spürte, wie die Energie der Kugel durch seinen Körper raste. Mit einer hauchzarten Berührung seiner Kräfte zapfte er die Energie an – und schnappte nach Luft. Tausende von einzelnen Energieranken durchströmten ihn, und zu seiner Überraschung stammten sie alle nicht von Seder. Sie gehörten anderen Zauberern, die meisten davon seit Jahrhunderten tot. Alle hatten einen kleinen Teil ihrer eigenen Energie in diese Kugel übertragen. Eine Reihe von Gesichtern zog vor seinem geistigen Auge vorbei und bewegte sich durch die Zeit, von den ältesten Zauberern bis zur Gegenwart. Er sah Leute, die er kannte – Schüler der RAM, Arabelle, seinen Vater, sogar sich selbst.
»Wie ... wie kann das sein ...« Und plötzlich begriff er. Die winzigen Statuen, die Seders Kugel mit Energie versorgt hatten ...
»Die Springbrunnen«, flüsterte er ehrfürchtig. »Der erste Beschützer war ein Genie.«
Arabelle schüttelte den Kopf. »Das verstehe ich nicht.«
Er drehte sich ihr zu. »Die Brunnen des ersten Protektors – sie sind mit den Miniaturstatuen verbunden, die um diese Kugel herum gestanden haben. Bei jedem Eintauchen unserer Hände in einen der Brunnen haben wir nicht nur Seders Segen empfangen, sondern auch ein wenig von unserer eigenen Kraft in die Kugel geleitet. Deshalb ist sie so mächtig. Seit Jahrhunderten war niemand mehr in ihrer Nähe, trotzdem haben wir alle sie die ganze Zeit gespeist.«
Ryan hob die andere Hand und ließ den Ärmel so zurückfallen, dass er seine Energieanzeige sehen konnte. Nicht nur der Rubin und der Smaragd waren aufgefüllt, auch der Diamant, der noch nie zuvor ein Lebenszeichen von sich gegeben hatte, strahlte wie ein Leuchtfeuer.
Mit Arabelle und dem Ältesten Feuerwirker kehrte er zurück nach draußen, um sich wieder dem Rest der Ta’ah anzuschließen. Jedes Mal, wenn sie eine neue Kammer betraten, schloss sich die Tür hinter ihnen knarrend, und die Schutzbarrieren erwachten zum Leben. Aber als sie die erste Vorkammer erreichten, in der die Ta’ah warteten, erschien eine leuchtende weiße Kugel in der Nähe der Decke, und eine dröhnende Stimme sprengte beinah Ryans Trommelfelle.
»Und so beginnt der Zyklus, meine Kinder. Für diejenigen, die sich Ta’ah nennen: Für euch ist es an der Zeit, euch euren Brüdern anzuschließen, die ihr verloren geglaubt habt.«
Der Älteste nickte feierlich.
Aber die körperlose Stimme war noch nicht fertig.
* * *
Mitten in Eluanethra erschien mit einem lauten Knistern eine strahlend weiße Kugel. Viele der Waldhüter der Elfen zückten ihre Bögen, andere hielten sich die Ohren zu.
Xinthian rannte durch die Menge der Umstehenden nach vorn. »Eine Vision von Seder! Es ist eine Vision von Seder!«
Und dann ertönte eine Stimme.
»Volk von Trimoria. Es ist an der Zeit, dass ihr Vertrauen in jene setzt, die von der Prophezeiung vorhergesagt sind. Denn die beiden Brüder, die ihr mittlerweile kennt, sind nun eindeutig die Herren der Prophezeiung. Vertraut ihnen, denn in den dunklen Tagen, die da kommen, verkörpern sie eure größte Hoffnung.«
»Die Gebrüder Riverton«, flüsterte Xinthian bei sich.
Er drehte sich um und rief den Umstehenden zu. »Versammelt die Garde! Wir brechen zu Burg Riverton auf. Die Zeit ist endlich gekommen, und wir lassen Seder nicht im Stich!«
* * *
Barnaby zeigte auf die sprechende Kugel, die über ihnen erschienen war. »Steinfausts, habt ihr das gehört? Das ist unser Ruf. Auf geht’s zu Burg Riverton, wo wir unsere Truppen versammeln.«
Die anderen Mitglieder des Clans jubelten.
Barnaby drehte sich einem Zwerg zu, der feierte, indem er einen Holzklotz zu Anmachholz trat. »Oy, Stampfgut. Renn rüber zu den Rotbarts, den Hammerwerfers, den Bierbauchs und dem ganzen Rest. Sag ihnen, was wir gerade gesehen haben. Das ist der Ruf zu den Waffen für das Volk der Zwerge, ich sag es euch.«
In dem Moment galoppierte ein Gebirgspony auf sie zu. Der Reiter erwies sich als spitzbäuchiger Zwerg, der rief: »Zu den Waffen! Seder ruft, und die Bierbauchs antworten!«
Barnaby rief zurück: »Aye, das tun wir! Unsere Leute versammeln sich bei Burg Riverton!«
Damit wandte er sich an Stampfgut. »Tja, zu den Bierbauchs musst du nicht mehr. Vielleicht auch nicht zu den anderen, aber verbreite die Kunde sicherheitshalber trotzdem. Wir brechen im Morgengrauen auf!«
* * *
Im königlichen Speisesaal wurde die gleiche Botschaft verkündet.
»Throll, mein Freund«, sagte Jared. »Was immer Ryan auf der anderen Seite der Nebelbarriere getan hat, es hat die Erwartungen des Geists erfüllt. Es hat begonnen.«
Der König erhob sich, zog sein leuchtendes Schwert aus Damantit und streckte es in die Luft. »Bis zum letzten Mann!«
Castien trat vor und berührte mit der Spitze seines erhobenen Schwertes die Klinge des Königs. »Bis zum letzten Schwert!«
Jared stand auf und beschwor einen Speer aus Feuer herauf, mit dem er die beiden verbundenen Schwerter berührte. »Bis zur letzten Ranke magischer Macht!«