40

Willow

Ich hatte nicht daran gedacht zu fragen, ob dem zweiten Opfer etwas entnommen worden war. Es schien nicht wichtig gewesen zu sein, als er tot dalag und …

Zur Hölle.

Ich riss meinen Blick von den Organen los, die achtlos auf dem Boden lagen, und zuckte zusammen, als Gray seine Finger unter mein Kinn schob und mich zwang, ihm in die Augen zu sehen.

»Warum?«, fragte ich und suchte in seinem Blick nach einem Anzeichen von Reue. »Du – in der Nacht, als du zu mir ins Bad kamst. Du hast dir Sorgen um mich gemacht.«

»Ich habe jahrhundertelange Erfahrung darin, naive kleine Mädchen wie dich zu belügen«, murmelte er und die Worte trafen mich in der Brust und ließen einen tiefen Schmerz aufblühen.

Juliet betrat den Raum, eine weitere Hülle an ihrer Seite, während sie die zehn verbleibenden neuen Schülerinnen und Schüler in den Raum schoben. Gray bückte sich schnell, schnappte sich die weggeworfenen Organe und legte sie auf den Spiegel im Boden. Die weibliche Hülle trieb die neuen Schüler in einen Kreis um uns herum und verursachte eine Gänsehaut auf meinem ganzen Körper.

»Was machst du da?«, verlangte ich zu wissen und hielt ihrem Blick stand.

Die humorvolle Frau, die ich im Auto auf dem Rückweg vom Haus meiner Mutter kennengelernt hatte, war verschwunden, ihr Mund war zu einer strengen Linie verzogen, während sie ihrer Arbeit nachging und ihren Zwang aufrechterhielt.

Gray trat von mir weg und näherte sich der ersten der Hexen. Als Gray seine Hand ausstreckte, duckte sich das Mädchen und wich zurück, obwohl seine Füße es nicht erlaubten, sich zu bewegen. Juliet drückte ihm fröhlich ein Messer in die Hand und er drehte sich zu mir um, während er es langsam über die Kehle der jungen Hexe zog.

»Nein!«, schrie ich und rannte nach vorne.

Gray hob die Hand, packte mich vorne an der Kehle und hielt mich dort fest, obwohl ich mich dagegen wehrte. Die Kraft, die er besaß, die schiere Macht in diesem Griff … Er hatte mich glauben lassen, ich hätte eine Chance.

Meine Füße verließen den Boden, als er mich hochhob, dann trat er zur Seite, als die Hexe mit einem dumpfen Schlag auf den Boden fiel.

»Gehirn«, sagte er unbarmherzig und zu meinem Entsetzen nickte Juliet und bückte sich neben der gefallenen Hexe, um das Körperteil zu bergen.

»Warum?«, krächzte ich und krallte mich an Grays Hand fest, mit der er mich immer noch festhielt. Ich sah entsetzt zu, wie er seine Klinge über eine weitere Kehle zog, ohne sich um das Leben zu scheren, das er beendete. Ich spürte , wie die Seele verschwand, wie das Leben aufhörte und der Tod es beanspruchte.

Meine Finger kribbelten, Magie, von der ich noch nicht wusste, wie sie funktionierte, durchströmte sie. Gray spürte den Funken auf seiner Haut und grinste mich an, als er zur Seite trat und sich der nächsten Hexe zuwandte.

»Kommst du jetzt raus und spielst mit mir, kleine Totenbeschwörerin?«, murmelte er und lächelte grausam.

Seine gekonnten Schnitte durch die Kehlen spielten keine Rolle mehr. Sie hörten auf zu existieren, als ich mich auf seinen hitzigen Blick konzentrierte und nichts als Hass auf den Mann empfand, der mich betrogen hatte. Auf den Mörder, der meine eigene Art töten würde.

»Deine Tante war eine der wenigen, die nicht gezwungen werden konnten, nicht mit diesen Knochen an ihrer Hüfte. Die Art, wie sie schrie, lebt in meinen Träumen weiter.«

In meinem Kopf herrschte ohrenbetäubende Stille, die das leise Wimmern der wenigen Hexen, die er noch nicht getötet hatte, übertönte. Eine weitere Kehle, ein weiterer Schnitt.

»Was hast du gerade gesagt?«, wollte ich wissen, während sich die Leere in meiner Brust immer weiter ausbreitete.

»Deine Tante hat geschrien, als ich ihr die Kehle durchgeschnitten habe, noch ehe sie Hand an mich legen konnte, um mich unschädlich zu machen«, wiederholte er. Er beobachtete, wie sein Messer die nächste Kehle durchtrennte, und ließ sich für jeden Handgriff viel mehr Zeit. Er ließ den Hexer spüren, wie jedes Stück Haut durchschnitten wurde, bevor der Tod ihn schließlich einholte.

Ich erkannte ihn als einen derjenigen, die mich in jener Nacht angegriffen hatten, und die Tatsache, dass er von Gray eine Sonderbehandlung erhielt, hätte mich eigentlich schockieren müssen.

»Warum? Sie war eine Hecate-Hexe. Wieso hättest du sie töten sollen?«, fragte ich, während der Atem aus mir herausströmte. Nichts davon ergab einen Sinn. Nichts davon passte zusammen.

Gray schnitt der letzten Hexe die Kehle durch und ging mit mir rückwärts auf den Spiegel in der Mitte zu. Er blieb direkt daneben stehen, während Juliet weiter die Organe aus den Leichen entnahm, die in einem Kreis auf dem Boden des Tribunalraums lagen.

Er ließ mich los und ich sank auf die Knie, während ich zu ihm hochstarrte.

»Jeder Moment, den Loralei mit dem Coven verbrachte, war eine Bedrohung für die Existenz ihres Bruders. Ich konnte nicht riskieren, dass der Covenant die Wahrheit über seine Geburt erfuhr. Nicht bevor er deine Mutter kennengelernt und dich gezeugt hatte.«

Er griff nach unten, packte mich und zog mich vor sich auf die Füße. »Lasst sie bluten«, sagte er und zeigte auf die Stelle, an der das Bündnispaar, der Covenant, in der Luft hing. Die beiden hatten kein einziges Wort gesprochen und sahen in unnatürlichem Schweigen zu, was mich zu der Überzeugung brachte, dass sie nicht sprechen konnten.

»Sie sind nichts als Knochen. Man kann sie nicht ausbluten lassen«, antwortete ich und schüttelte den Kopf.

»Dann musst du ihnen wohl erst Fleisch geben«, sagte er und berührte mit dem kleinen Finger den Rand einer der Knochen an meinem Hals. Die dunkle Magie schoss hervor und schnalzte wie eine Peitsche auf Susannah zu. Sie wickelte sich um ihre Knochen und zog sie näher zu uns heran, während Gray seine Finger mit meinen verschränkte. »Nimm dir, was dir zusteht, kleine Hexe.«

»Nein«, sagte ich und schüttelte protestierend den Kopf. »Ich werde nicht so sein wie du. Ich werde nicht wie sie sein.«

Gray strich mir die Haare hinters Ohr und beugte sich vor, um mir etwas zuzuflüstern. »Ich denke, du wirst es herausfinden, ob du möchtest oder nicht. Bitte, ich will dich nicht dazu zwingen müssen. Wir wissen beide, dass du mich dafür hassen wirst, und das will keiner von uns.«

»Sprich nur für dich selbst, Direktor«, fauchte ich und wich seiner Berührung mit einem Ruck aus.

Er seufzte an meine Halsseite. »Du enttäuschst mich, Willow. Erinnere dich an diesen Moment, wenn du es morgen früh nicht erträgst, mich anzuschauen. Ich wollte das nicht tun müssen.« Er berührte mit seinem Mund meine Schläfe, was fast wie Mitleid aussah. »Bring ihn her«, sagte er und drehte sich zu einer der anderen Hüllen um.

Er hatte Loralei wegen der Knochen nicht zwingen können. Ich merkte, dass er auch mich nicht mehr zwingen konnte.

»Wen bringen?«, fragte ich und schaute mich im Raum um. Ich überlegte fieberhaft, wen er haben könnte, um mir wehzutun, wen er vielleicht benutzen könnte, um mich zu zwingen, ein Monster wie er zu werden.

Iban.

Ich starrte auf die Tür, die zu den Fluren führte, und hielt Ausschau nach einem Zeichen des Hexers, der für mich so etwas wie ein Freund geworden war. Obwohl er das, was er zwischen Gray und mir vermutete, nicht guthieß, hatte er mich nicht dafür verurteilt.

Mein Herz rutschte mir in die Kniekehlen, als zwei Gestalten in den Tribunalraum schritten. Das Gesicht meines Vaters verzog sich vor Arroganz, als er die kleine Gestalt an seiner Seite führte. Sein Messer lag direkt an Ashs Kehle. Alles in mir erstarrte.

»Nein.«

»Tu, was ich dir sage, und ich verspreche dir, dass deinem Bruder nichts passieren wird«, sagte Gray und strich mit der Nase über meine Wange.

Ich keuchte und mir stockte der Atem, als mein Vater seinen Platz an der Seite des Raumes einnahm. Ashs Blick hielt meinen fest und der Schrecken in seinen braunen Augen ließ etwas in mir hart werden, von dem ich mir geschworen hatte, es immer weich zu halten.

Es tötete die Glut des Lebens in mir und verwandelte sie in Fäulnis und Verwesung.

»Dafür bringe ich dich um«, knurrte ich meinen Vater an und mein Kiefer verkrampfte sich, während ich den Nacken rollte.

»Keine Sorge, Kleines. Du wirst nicht lange genug leben, um diese Drohung wahr zu machen«, sagte er und sein Lachen legte sich auf meine Haut.

Gray berührte mit einer Hand die Knochenkette, ich keuchte auf und richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf ihn. Er beugte sich vor und flüsterte mir ins Ohr, während er lächelte. »Wenn du tust, was ich dir sage, darfst du ihn so oft töten und wiedererwecken, bis du deine Wut verarbeitet hast.«

»Und was ist mit dem Hass, den ich für dich empfinde? Darf ich dich auch töten?«, fragte ich und zuckte zusammen, als er hinter mich trat und erneut seine Arme um meine Taille schlang.

Er hielt mich fest und die dunkle Magie, die in ihm steckte, lockte meine an die Oberfläche. Er griff nach meiner Hand, hob sie hoch und wandte sich Susannah zu. Ihre Knochen hatten angefangen zu heilen und sich zurück in ihre ursprüngliche Form gebracht, sodass ich das Entsetzen in ihrem Gesicht erkennen konnte.

Ihre Knochen waren mit rohem, blutigem Fleisch bedeckt, als die Magie in dunklen Ranken hervorsprang. Sie wickelte sich um sie, als Gray seine Messerklinge in meine Handfläche drückte und die Haut aufschlitzte. Mein Blut tropfte herunter und die dunklen Ranken verschlangen es, während sie wuchsen.

Susannahs Augenhöhlen füllten sich mit trübem Fleisch, Muskeln wickelten sich um ihre Beinknochen. Gray hob meine andere Hand in Georges Richtung und tat dasselbe, als sich seine Gesichtszüge wieder mit Leben füllten. Die Verwesung eines Körpers rückgängig zu machen, war ein ekelhaftes Unterfangen; ihre Körper waren ein einziges Durcheinander aus Blut, Schleim und Organen.

Als es so aussah, als würde sich Susannah endlich mit Haut überziehen, riss Gray meine Hände herunter und durchtrennte die Magie. Das frisch gewachsene Fleisch schmolz von ihren Körpern und tropfte als Flüssigkeit auf den Boden. Das dicke, zähflüssige Blut glitt über den Boden, sammelte sich in einer Lache direkt über dem Spiegel und füllte die Leere zwischen den Organen.

George schüttelte den Kopf, als der letzte Rest seines Fleisches zerrann und er nur noch aus Knochen bestand. Sie glänzten einen Moment lang, als er sich zu seiner anderen Hälfte umdrehte und die beiden sich gegenseitig die Hände reichten.

Die Spitzen ihrer Fingerknochen streiften sich – die leichteste aller Berührungen – und der Covenant zerfiel zu Knochenstaub. Ich starrte entsetzt auf den Fleck, den sie einst eingenommen hatten, und wandte meine Aufmerksamkeit erst ab, als Gray mich zu sich drehte.

Seine Augen waren auf meine gerichtet, als er seine Hand auf eine meiner Schultern legte und mich gegen die Panik stützte, die ich verspürte. Nicht zu wissen, was er tat, was als Nächstes kam, war fast zu viel, um es zu ertragen. Die Spitze seiner Klinge drückte in meinen Bauch und schob sich langsam vor, während er mich stillhielt.

Ich keuchte, als sie mich aufschnitt und in meine Haut glitt.

»Es tut mir leid«, flüsterte er und berührte mit seiner Stirn meine, während er die Klinge bis zum Anschlag in mich trieb. Ich keuchte und schnappte nach Luft, als diese weißglühende Hitze mich verbrannte. »Es wird bald vorbei sein.«

Der Verrat schmerzte fast so sehr wie das Messer. Es fühlte sich an, als hätte er ein Loch in mein Herz geschnitten, das niemals heilen würde. Ich starrte ihn an, während mir Tränen über die Wangen liefen, und wimmerte vor Schmerz, als er die Klinge nach oben zog und die Wunde vergrößerte.

Ich konnte nicht mehr atmen.

»Gray«, murmelte ich und schwankte, als er das Messer herauszog und es zur Seite warf.

»Ich hatte nicht erwartet, dass ich diesen Teil bereuen würde«, sagte er und ließ seine Finger in das Loch gleiten, das er in meinen Bauch geschnitten hatte.

Ich wehrte mich gegen seinen Griff und Tränen liefen mir über das Gesicht, als Ash von der Seite des Raumes her schrie. Gray hielt meinen Blick fest, während seine Hand in den Spalt drang, den das Messer verursacht hatte, er griff nach etwas und zog es langsam heraus.

Der Stoff, den er aus meinem Bauchraum zog, war blutverschmiert und um etwas Gebogenes und Schmales gewickelt. Er bohrte seine Zähne in sein Handgelenk, presste die Wunden an meinen Mund und bot mir das Blut an, das ich zur Heilung brauchte.

Um die Wunde zu heilen, die er mir zugefügt hatte.

Denn er hatte mich verdammt noch mal abgestochen .

Ich wehrte mich, wollte mich losreißen, während ich mit den Händen meinen Bauch umklammerte und versuchte, die Blutung zu stoppen. »Was ist das?«, fragte ich und starrte entsetzt auf den mit Runen bedeckten Stoff. Die Symbole waren schwarz und hoben sich deutlich von dem hellen Rot meines Blutes ab. Gray drückte sein Handgelenk weiter gegen meinen Mund, zwang mich, mehr zu trinken und wartete, bis mein Bauch geheilt war, bevor er meine Frage beantwortete.

Als er den Stoff auspackte, hielt er einen einzelnen Rippenknochen hoch und lächelte.

»Blut und Knochen«, sagte er und drehte sich wieder zu dem Haufen von Organen und Blut um. Er hielt die Rippe hoch und ich sah entsetzt zu, wie das Blut einen Strudel bildete. Er wirbelte kreisförmig herum, wurde immer größer und größer, blieb aber innerhalb der Grenzen des Spiegels. Gray drehte sich noch einmal zu mir um und holte mit dem Arm aus, als wolle er die Rippe werfen.

»Nein!«, schrie ich und machte einen Schritt auf ihn zu, gerade als er die Rippe in den Strudel warf.

Sie wurde davon verschlungen und ein violettes Licht blitzte durch den Raum. Das Blut sickerte zu Boden, verdampfte und enthüllte die Gestalt einer Frau, die auf der Oberfläche des Spiegels stand. Sie trug ein Kleid aus dunklem Stoff, der so glänzend war, dass er wie eine Flüssigkeit aussah.

Ihr Gesicht sah zur Decke, doch dann neigte sich ihr Kinn nach unten, während ich sie voller Entsetzen anstarrte. Ihr Haar war ebenfalls mahagonifarben mit roten Spitzen.

Langsam öffnete sie ihre Augen, aus denen ein blassvioletter Schimmer hervorblitzte. Sie lächelte und der Ausdruck milderte die harten Züge in ihrem Gesicht.

»Hallo, Willow.«