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Bridge Over Troubled Water
Siggi beugte sich vor und drehte das Radio lauter. Sofort flutete Schlagermusik die Fahrgastzelle von Torstens betagtem Passat Variant. Das Flüstern von Liebe von Lenka. Gut gelaunt summte sie mit.
»Nee, das ist jetzt nicht dein Ernst!«, stöhnte Torsten. »Muss ich mir wirklich dieses Gejaller anhören? Können wir nicht was Anständiges hören?«
»Was du so ‘anständig' nennst. Dieses Gerülpse und Gegröle, das klingt wie Onkel Klaus auf’m Schützenfest nach fuffzehn Bier und Erbsensuppe ausse Gulaschkanone.«
»Na, wenigstens Bon Jovi oder so, die magste doch auch leiden.«
»Jetzt lass mich das doch hören, Törtchen. Bitte. Ich mag Lenka.«
»Das ist aber so ein fürchterlicher Ohrwurm. Das wird man den ganzen Tag nicht los.«
»Siehste? So schlecht kann es dann doch gar nicht sein.«
»Doch. Einen Tripper wird man auch nicht ohne Antibiotika wieder los, und er ist alles andere als angenehm«, konterte Törtchen selbstzufrieden.
»Na, du scheinst dich damit ja auszukennen.« Siggi verdrehte die Augen. »Jedenfalls ist sie mit ihrer Musik extrem erfolgreich. Schwerelos mit dir , Mein Herz schlägt in deinem Takt , Alles anders , das waren alles große Hits und wochenlang auf Platz eins in den Charts.«
»Den Schlager charts«, verbesserte Torsten. »Nicht in den Charts für ganz normale Leute mit Gefühlen und Ohren.«
»Gar nicht wahr. Schwerelos mit dir hat es sogar bis auf Platz drei geschafft«, trumpfte Siggi auf.
»Irgendwas stimmt nicht mit Deutschland«, entgegnete Torsten trocken.
Das Lied endete, und es folgten die Nachrichten, als sich der rote Autozug endlich in Bewegung setzte.
»Schon was komisch, mit dem Auto auf so ‘nem Zug durch die Gegend zu jückeln«, meinte Torsten. »Hab ich noch nie gemacht.«
»Nee, ich auch nicht. Ich bin total aufgeregt«, gab Siggi zu. »Da liegt ein ganz neues Leben vor uns. Was machen wir denn, wenn es uns da überhaupt nicht gefällt, Törtchen?«
»Dann setzen wir uns wieder in den Zug und fahren nach Hause.« Torsten griff nach ihrer Hand. »Mach dir doch nicht immer so ‘nen Kopp.«
»Aber jetzt hab ich den Laden verkauft und alles«, gab Siggi zu bedenken. »Ist schon ein mulmiges Gefühl.«
»Ging ja nun doch alles ziemlich flott. Bestimmt brauchst du einfach nur ‘ne Weile, um dich dran zu gewöhnen. Du bist doch ‘n zähes Gewächs.« Torsten grinste und drückte ihre Hand. »Was soll schiefgehen? Dem Laden brauchste nicht hinterhertrauern, der war eh pleite. Dann musste dich auch nicht immer über den Fritten-Mief vom Europa-Grill ärgern, der dir durchs Fenster reinzieht. Und wenn du es da drüben ganz schrecklich findest, hilft dir die Ingeborg bestimmt, das Haus zu einem guten Preis zu verkaufen. Dann hast du ausgesorgt, Siggi.«
»Da haste auffallend recht. Ich mach mir das immer noch nicht klar, wie viel der olle Kasten wert ist.« Siggi schüttelte den Kopf. »Ist doch verrückt, oder? Nur, weil der da auf der Insel steht und nicht in Scharnhorst, kostet das olle Ding gleich Millionen. Da kriegste doch die Motten, wenn du darüber nachdenkst.«
»Na, da zahlste halt für den Ausblick und die Nachbarschaft.«
»Das muss aber ein mordsmäßiger Ausblick sein.« Siggi lachte. »Meinste, wir haben prominente Nachbarn? Ingeborg wollte ja nicht so raus mit der Sprache. Wobei, ist schon schön hier, bloß ‘n bissken flach.« Draußen zog die weite Landschaft Nordfrieslands vorbei. Grüne Wiesen und Felder streckten sich bis zum Horizont, Kühe und Schafe wie draufgetupft, einzelne Gehöfte und Häuser, von Bäumen umringt, Windräder und Solarpanels. Und dann schließlich der Hindenburgdamm und das Wattenmeer. Das Radio spielte nun Bridge Over Troubled Water von Simon & Garfunkel … oder »Simon und Furunkel«, wie Törtchen zu sagen pflegte. Sie sangen nun beide lauthals mit und hielten Händchen. Oldies waren Konsensmusik, Oldies gingen immer. Es war ein perfekter Moment. Das blöde Gefühl hatte sich verflüchtigt, und Siggi freute sich auf das Abenteuer, das vor ihnen lag.
»Nee, is' dat schön!«, stellte sie mit einem Seufzer fest und lächelte Torsten glücklich zu.
Candy wuffte kurz in ihrem Transportkorb auf dem Rücksitz. Sie mochte Autofahrten nicht sonderlich und war reichlich unzufrieden, obwohl sie vor dem Boarding in Niebüll noch einmal eine ausgiebige Gassirunde gedreht hatten.
»Wir sind ja gleich da, meine Süße. Ich bin sicher, es wird dir gefallen«, sagte Siggi. »Da können wir jeden Abend am Strand Gassi gehen.«
Über ihnen spannte sich endlos blauer Himmel. Weiße Wolken segelten wie Schiffe darüber, rechts und links erstreckte sich das Watt und glitzerte verheißungsvoll in der Sonne.
Schließlich wieder Land. Fast war Siggi enttäuscht, dass die Überfahrt so schnell vorbeigegangen war. Vor allem, weil es zunächst einmal überhaupt nicht viel anders aussah als auf dem Festland. Straßen, Brücken, kleine Bahnhöfe, die auch nicht deutlich romantischer wirkten als manch ein Kleinstadtbahnhof zu Hause, und dann ein großes Gewerbegebiet mit jeder Menge Beton und rostigem Metall.
»Na, also hier ist nicht gerade Monte Carlo«, stellte Torsten lapidar fest und bestätigte damit Siggis Eindruck. Bei der Einfahrt in Westerland dann in der Ferne Hochhäuser, ein hässlicher Funkturm, der mit seiner verblassten blau-weiß-roten Farbe wenigstens annähernd an einen Leuchtturm denken ließ.
Da macht der Florianturm im Westfalenpark aber mehr her, dachte Siggi trotzig. Das ungute Gefühl, einen Fehler begangen zu haben, indem sie spontan alles für diesen Trip ins Ungewisse aufgegeben hatte, legte sich um ihren Hals wie der kratzige Schal von Oma Käthchen. Ein bisschen fühlte sich Siggi wie beim Campen, wenn langsam über Nacht die Luft aus der Luftmatratze entwich, auf der man abends noch so bequem gelegen hatte, und man morgens auf dem kalten, harten Boden der Realität aufwachte. Die Inselromantik hatte gerade einen kleinen Knacks bekommen. Warum hatte sie auch alles so übers Knie brechen müssen?
»Vielleicht hätten wir doch vorher mal herfahren sollen und gucken, ob es uns auch gefällt«, sagte sie zögerlich, als Torsten den Motor startete und die Autoschlange sich auf dem Oberdeck langsam in Bewegung setzte. Augen zu und durch, hatte sie gedacht, damit sie es sich nicht wieder anders überlegte.
»Nu' mach dir mal nicht in die Buxe«, beruhigte Torsten sie. »Wird schon schiefgehen. Ingeborg hat doch Fotos geschickt, die waren alle ganz nett, oder nicht?«
»Schon, aber hier sieht es jetzt so anders aus. So gar nicht nach Strand und Meer und Promis«, machte Siggi ihren Bedenken Luft.
»Was hast du erwartet? Das ist das Terminal vom Autozug«, wehrte Torsten ab. »Der Flughafen in Palma sieht auch scheiße aus, wie so ‘n Flughafen eben aussieht. Und doch hat es dir gefallen, damals auf Malle. Erinnerste dich?«
Siggi grinste. »Nicht an viel, ehrlich gesagt, aber die Momente, an die ich so was wie ‘ne klare Erinnerung habe, waren traumhaft.« Sie legte zärtlich die Hand auf Torstens Bein. Für einen Moment legte er seine Hand darüber.
»Mist. Jetzt hab ich mich verfranzt. Ich hätte da rumgemusst. Jetzt müssen wir da vorne anne Kreuzung wenden. Musst mich mit deinem Liebreiz auch nicht immer so ablenken.« Törtchen lachte.
»Guck mal da, die Laternen stehen ganz schief!«, rief Siggi und deutete auf den Bahnhofsvorplatz. »Und die komischen grünen Männeken. Soll wohl Kunst sein.«
»Vom Winde verweht«, kommentierte Törtchen. »Mit so Riesenmauken fällste wenigstens nicht um.«
Auf einer breiten Straße ging es vorbei an Gewerbegebieten, Autohäusern und großen Supermarktfilialen.
»Na, sieh mal einer guck«, frotzelte Torsten, »Aldi haben die auch. Ich dachte, hier gäbet nur Luis Vuitong, Gutschi, Tüdelüt und Schickimicki.«
»Ach, du nu' wieder.« Siggi verpasste ihm lachend einen Klaps auf den Oberarm. »Wohnen ja auch ganz normale Leute hier. Irgendwo müssen die schließlich einkaufen. So welche wie wir eben. Die Reichen und Promis wohnen doch eh alle in Kampen.«
Nun wurde es langsam wieder ländlicher. Wiesen, Wäldchen und kleine Häuser zogen vorbei. Schließlich erreichten sie Keitum, und Siggi stellte zufrieden fest, dass es hier genau so aussah, wie sie es sich vorgestellt und in Reiseführern gesehen hatte. Niedliche Häuschen, weiß verputzt oder rot geklinkert, mit tief gezogenen Dächern, teilweise reetgedeckt, kleine Cafés und Boutiquen, Plätze, die von alten Bäumen überschattet wurden, und von Friesenwällen eingefriedete, gepflegte Vorgärten, in denen Azaleen, Hortensien und Rosen blühten. Schließlich erreichten sie die Auffahrt zum Haus, das Siggi ja bereits von den Fotos und Grundrisszeichnungen kannte, die Ingeborg ihr zugesandt hatte. Davor hatte sie das Haus nur von außen gesehen, weil Hilde Fotos von Ingeborg und sich im Garten geschickt hatte. Innen war es viel geräumiger, als Siggi gedacht hätte. Aber am meisten hatte sie die moderne Inneneinrichtung überrascht. Auf der Auffahrt parkte bereits ein dunkler BMW.
»Das wird Ingeborg sein. Stell dich ruhig erst mal dahinter«, wies Siggi Torsten ein. »Umparken können wir hinterher immer noch.«
Törtchen hatte noch nicht den Motor ausgemacht, da kam Ingeborg bereits aus dem Haus. Sie sah exakt so aus, wie Siggi sich eine Immobilienmaklerin vorgestellt hätte. Sie trug einen marineblauen Hosenanzug. Unter dem taillierten Kurzblazer blitzte eine weiße Bluse, und ein maritim wirkendes, rot-weißes Nickituch schmückte den Hals und verbarg, so vermutete Siggi wenigstens, die Zeichen des Alters. Das Schwarzbraun der zu einem akkuraten Pagenschnitt frisierten Haare stammte in diesem Alter vermutlich aus der Flasche, wirkte jedoch nicht künstlich. Bestimmt im Salon gemacht, dachte Siggi. Kein Haar schien aus der Reihe zu tanzen. Ingeborgs Gesicht wirkte frisch und gesund, die Haut von Wind und Wetter gebräunt, die Wangen rosig. Auf den Lippen trug sie einen kräftigen, matten Rotweinton, dafür waren die Augen, um die sich bereits zahlreiche kleine Fältchen kräuselten, kaum geschminkt. Die schmal gezupften Augenbrauen gaben ihrem Blick etwas Kritisches, doch das offene, freundliche Lächeln, das auch die blauen Augen zum Strahlen brachte, milderte diesen Eindruck deutlich ab.
»Moin, Sigrid!«, rief sie, als Siggi ausgestiegen war. »Wie schön, dich endlich auch einmal persönlich kennenzulernen!« Sie schüttelte Siggi die Hand, zog sie dann aber in eine herzliche Umarmung. »Und das muss Torsten sein«, wandte sie sich an Törtchen und sah mit anerkennendem Blick an ihm hoch. »Das nenne ich aber mal eine ‘stattliche Erscheinung'. Schön, dich kennenzulernen! Ich bin die Inge.«
Törtchen schien etwas überfordert mit dieser Begrüßung zu sein, grinste nur ein wenig dümmlich und nickte. »Tach, Inge.«
»Na, dann kommt mal rein in euer neues Zuhause.« Sie deutete auf das gedrungene Backsteinhaus mit dem tief gezogenen Reetdach, das wie eine zu groß geratene Mütze wirkte. Mauerwerk und Dach sahen schon etwas verwittert aus, aber die grün-weiß gestrichenen Läden und Rahmen der Fenster wirkten frisch und freundlich. Das kleine Gärtchen war erstaunlich gepflegt. Vermutlich hatte Ingeborg eine Firma beauftragt, die das Unkraut in Schach gehalten, Bäume und Büsche zurückgeschnitten und den Rasen gemäht hatte. Das Haus wirkte ein wenig so, als wäre es aus der Zeit gefallen. Lediglich die Satellitenschüssel, die neben dem gemauerten Schornstein den Dachfirst zierte, verriet, dass sie nicht versehentlich eine Zeitreise unternommen hatten.
Siggi ließ Candy aus dem Korb. Aufgeregt schnüffelnd begann die sofort, die neue Umgebung zu erkunden, und folgte ihnen dann nervös kläffend ins Haus.
Innen bot sich ein ganz anderes Bild. Wie auf den Fotos zu sehen war es hell, freundlich und zeitgemäß mit einer offenen Küche, einer modernen Sitzecke und vielen Finessen.
»Ich hab nach und nach alles renovieren lassen«, erklärte Ingeborg, nicht ganz ohne Stolz in der Stimme. »Hilde meinte ja immer, das lohnt nicht, aber ich finde, gerade im Alter sollte man es doch bequem und schön haben. Wenn man nicht mehr so viel vor die Tür gehen kann, soll es wenigstens zu Hause muckelig sein. Die Bäder sind neu gemacht und bis auf das im Keller barrierefrei. Einen Treppenlift wollte Hilde nicht. Sie hat sich immer noch tapfer die steile Stiege rauf- und runtergeschleppt. Ich muss gestehen, ich hatte oft Angst um sie.«
»Ja, Hilde konnte stur sein«, bestätigte Siggi.
»Das muss bei euch in der Familie liegen«, murmelte Torsten und grinste Siggi frech an.
Siggi ignorierte die Spitze und folgte Ingeborg mit staunenden Augen durch das Haus wie ein Kind an Weihnachten. Sie konnte nicht glauben, dass all das jetzt ihr gehören sollte. Nicht, dass sie in ihrer Dreizimmerwohnung in Dortmund unglücklich gewesen wäre. Sie hatte es sich wohnlich und hübsch gemacht. Seit Nisi nicht mehr bei ihr wohnte, war es ihr direkt leer vorgekommen, auch wenn Törtchen ja noch da war. Aber das hier war der Hammer! Sie konnte sich nur mit Mühe zusammenreißen, nicht vor Begeisterung loszuschreien, als Inge ihr zeigte, dass es oben einen begehbaren Kleiderschrank gab. Der kleine Raum ging vom Schlafzimmer ab und war mit einer Reihe hoher Regale, einer Kleiderstange und einem großen Spiegel ausgestattet. Die Tour endete im Keller.
»Ja, und hier ist die Sauna. Da müsste vielleicht mal ein modernerer Ofen rein; der stammt noch aus den späten Achtzigern. Hanno war da die treibende Kraft. Hilde hat sich nichts aus Sauna gemacht und sie dementsprechend nicht genutzt.«
»Ich bin total geplättet«, stieß Siggi hervor.
»Kommt, ich mache uns erst mal einen anständigen Kaffee.« Inge führte sie in die Küche und bedeutete ihnen, sich zu setzen. Sie stellte den Wasserkocher an und holte einen Filterhalter aus Porzellan aus dem Schrank, den sie auf eine Kaffeekanne setzte. »Vielleicht möchtet ihr euch eine Kaffeemaschine zulegen. Die gibt es hier nämlich nicht. Da war Hilde altmodisch. Ich hab uns noch Butterkuchen geholt. Den werdet ihr lieben.«
»Du, Inge«, sagte Siggi, als sie schließlich bei Kaffee und Kuchen um den großen Esstisch saßen. »Mir brennt das jetzt schon die ganze Zeit auf der Seele, aber ich wollte es nicht am Telefon besprechen, lieber so von Angesicht zu Angesicht.«
»Na, denn mal raus damit.« Inge pikte lächelnd ein Stück Butterkuchen auf ihre Gabel und ließ es im Mund verschwinden.
»Also, ich komm mir so blöd vor. Ich hab die Hilde doch kaum gekannt, nur von ihren Besuchen und weil wir telefoniert und geschrieben haben. Und jetzt vererbt sie mir so ein Haus! Du bist deswegen nicht böse, oder?«
»Nein, wieso sollte ich denn böse sein?« Inges Ausdruck wirkte glaubhaft erstaunt. »Du meinst, weil sie es nicht mir vererbt hat? Aber ich hab doch ein Haus. Mehr als ein Haus brauch ich auch nicht zum Drinwohnen, nicht?«
»Na ja, du hättest es doch verkaufen können. Schließlich bist du Maklerin.«
»Nee, meine Liebe. Mir ist es lieber, es wohnt jemand drin, den Hilde gern hatte«, sagte Inge und rührte in ihrem Kaffee. »Weißt du, ich bin froh, dass du dich entschlossen hast, hier zu leben. Die alten Sylter sterben weg, Wohneigentum wird verkauft, weil sich die wenigsten bei den horrenden Grundstückspreisen leisten könnten, die Miterben auszuzahlen. Außerhalb der Saison gibt es Ecken, die sind wie Geisterstädte. Fast alle Häuser stehen leer, weil alles nur Zweitwohnsitze sind. Und dann wird oft abgerissen und neu gebaut: Ferienwohnungen, Luxusdomizile, alles für Touristen. Wenn ich Häuser verkauft habe, habe ich versucht, vorher sicherzustellen, dass der neue Käufer nicht abreißen wird, aber die können ja viel erzählen, wenn der Tag lang ist. Neues Bauland wird kaum freigegeben, da warten einige Kollegen wie die Geier drauf, dass sie alte Häuser abreißen und neue auf das Grundstück setzen können. Wer weiß, wie lange ich das überhaupt noch mache! Ich bin jetzt neunundsechzig. Ein paar Jahre werde ich das Geschäft noch weiterführen, und dann setze ich mich zur Ruhe. Tja, Hilde und Hanno hatten keine Kinder und Sören und ich auch nicht. Mitnehmen können wir alle nichts, wenn wir mal gehen. Ist schon richtig, dass die Hilde das Haus jemandem aus der Familie vermacht hat.«
»Ja, wenn de meinst …« Siggi war noch immer unsicher, es kam ihr alles so unwirklich vor.
»Nun komm. Mach dir mal nicht solche Gedanken, Sigrid.« Inge lächelte, und Siggi konnte nicht anders, als zurückzulächeln, denn das Lächeln wirkte aufrichtig und offen. Es beruhigte sie, dass Inge offenbar überhaupt keinen Anstoß daran nahm, dass ihre Schwägerin das Haus einer Nichte zweiten Grades hinterlassen hatte. »Ihr richtet euch erst einmal in Ruhe ein, und dann komm ich morgen, und wir regeln gemeinsam den Papierkram, Grundbucheintrag und so weiter. Und wenn ich euch sonst irgendwie helfen kann – bei der Jobsuche oder so …«
»Torsten hat schon eine Arbeit gefunden. Bei einer Firma, die Beleuchtungssysteme macht und installiert. Dafür muss er öfter aufs Festland pendeln, aber das ist ja kein Problem.«
»Nee, in der Richtung weniger. Viele ziehen aufs Festland, weil sie sich die Wohnungen hier nicht mehr leisten können, und pendeln dann nach Sylt zur Arbeit. Da kann es schon mal sein, dass man ein oder zwei Züge abwarten muss, weil die so voll sind, dass man nicht mehr mitkommt. Und du, Siggi? Suchst du noch Arbeit?«
»Na ja, ich bin ja Kosmetikerin, und ich hab da so was aufgetan … Das ist ein bisschen wie Tupperpartys, nur mit etwas … äh, anderen Produkten.« Sie trat Törtchen unter dem Tisch sanft gegen das Schienbein, um zu verhindern, dass der gleich wieder von Dildos anfing. »Also, mehr so Wellness, Kosmetika, Dessous und Erotikprodukte.«
»Ach, wie nett! Du machst Dildo-Partys«, rief Ingeborg und lachte laut. »Das hab ich neulich im Fernsehen gesehen. So was hätte es zu unserer Zeit mal geben sollen! Die jungen Leute sind ja nicht mehr so verklemmt wie wir damals. Da konnte man höchstens mal verschämt zu Beate Uhse reinhuschen. Na ja, auf Sylt konnte man immerhin nackt baden. Heute sind Sören und ich ja jenseits von Gut und Böse, nu' lohnt das auch nicht mehr.«
Siggi entging Torstens triumphierendes Grinsen nicht. Etwas pikiert stellte sie die Sache richtig. »Erotikspielzeug und Massageöle sind nur ein kleiner Teil des Sortiments. Es geht eben um Verwöhnprodukte für Frauen, die sie in vertrautem Umfeld mit ihren Freundinnen bei einem Glas Sekt und Häppchen ganz ungeniert shoppen können.«
»Das klingt fantastisch! Ich wette, das schlägt ein«, rief Inge begeistert. »Ich werde mal die Augen und Ohren offen halten, ob ich dir Interessentinnen vermitteln kann. Hast du vielleicht ein Kärtchen?«
Siggi zog stolz eine der brandneuen pinkfarbenen Visitenkarten mit UV-Lack-Prägung hervor, die sie hatte drucken lassen, und reichte sie Inge. Die betrachtete sie interessiert und steckte sie dann ein.
»Es wird bestimmt eine Weile dauern, bis das richtig anläuft. Bis dahin werde ich mir noch etwas suchen müssen. Ich dachte an einen Minijob, zum Beispiel als Putz- oder Haushaltshilfe. Vielleicht könntest du mir da helfen, etwas zu finden.«
Ingeborg kratzte sich nachdenklich am Kinn und nickte.
»Aber jetzt verrat uns doch mal, Inge …«, mischte sich Törtchen in das Gespräch ein. »Bin ja neugierig. Wohnen wir jetzt Tür an Tür mit irgendwelchen Promis?«
»Der Kerner hat ein Haus in Morsum und der Guido-Maria Kretschmer, aber ansonsten wohnen die Promis fast alle in Kampen. Hier in Keitum leben eher Unternehmer und alter Geldadel – die, die zwar Geld haben, aber nicht gesehen werden wollen. Und drüben in Kampen, da ist es eben umgekehrt.«
»Ach so«, sagte Torsten. »Ich hatte gehört, dass Kloppo sich hier eine Hütte zugelegt hat.«
»Der Jürgen Klopp? Ja, der hat sich tatsächlich ein Haus in Kampen gekauft«, bestätigte Inge. Sie schien über etwas nachzudenken. »Aber mir ist da was eingefallen, gerade als du sagtest, dass du einen Job als Haushaltshilfe suchst, Sigrid. Bitte versprecht mir, dass ihr das jetzt ganz vertraulich behandelt, ja?«
Siggis Neugier war sofort geweckt. »Ja klar, natürlich.«
»Ich schweige wie so ‘n Hügelgrab«, versprach auch Torsten.
»Ich habe neulich einer jungen Dame ein Haus verkauft. Sie ist recht prominent und wünscht nicht, dass bekannt wird, dass sie hier auf Sylt Eigentum erworben hat. Sie möchte einfach ihre Ruhe haben, falls ihr versteht. Jedenfalls sucht sie noch eine vertrauenswürdige Person, die bei ihr saubermacht und sich ein bisschen um den Haushalt kümmert. Sie hat mich gefragt, ob ich nicht jemanden kenne, dem ich in dieser Hinsicht absolut vertraue.«
Siggi hielt die Spannung kaum aus. Warum rückte Inge nicht einfach damit raus, wer diese ominöse junge Dame war?
»Also, auf mich kannst du dich verlassen. Ich kenne hier ja ohnehin keinen, dem ich irgendwat erzählen könnte, ne?«, versicherte Siggi. »Und wer isses denn? Eine Schauspielerin?«
»Nein, eine Schlagersängerin. Magdalena Rybakova.«
»Kenn ich nicht«, sagte Torsten.
Siggi riss die Augen auf und schlug die Hand vor den Mund. »Doch, die kennst sogar du, Törtchen.«
»Wage ich zu bezweifeln. Ich kenn doch diese ganzen Schlagertrullas nicht. Ich hör noch echte Musik«, widersprach er.
»Unter ‘Lenka', das ist nämlich ihr Künstlername, kennst sogar du sie«, konterte Siggi mit einem gewissen Triumph in der Stimme. Dann wandte sie sich an Inge. »Ich kann wirklich für Lenka arbeiten? Du veräppelst mich nicht? Sag ihr, ich fange sofort an, und sie muss mir auch nix bezahlen. Notfalls mach ich das ganz umsonst.«
Inge schüttelte amüsiert den Kopf. »Ich werde ihr deine Nummer geben. Aber bitte erzähle wirklich niemandem davon, ja? Das arme Mädchen wird so belagert. Sie ist froh, wenn sie ein bisschen Ruhe und Frieden hat.«
»Das wird mir verdammt schwerfallen. Meine Mädels zu Hause würden doch vor Neid aus den Latschen kippen, wenn die dat wüssten, aber ich werd' die Klappe halten. Ich möchte schließlich nicht dran schuld sein, wenn da nachher Horden von Fans auftauchen oder so. Wie isse denn so, die Lenka, wenn ich fragen darf?«
»Prima«, sagte Ingeborg erfreut. »Sie wird sich sicher bei dir melden. Eine ganz nette junge Frau ist das. Sie wirkte sehr bodenständig und normal. Ich lasse euch jetzt mal allein, dann könnt ihr in Ruhe ankommen und euch einrichten. Morgen komme ich dann so gegen neun, wenn euch das recht ist.«
»Das klingt gut.« Siggi lächelte. »Vielen Dank für alles, Inge. Ich fühle mich gerade, als hätte ich so ‘n Flaschengeist gefunden, der mir alle meine Wünsche erfüllt.«
»Na, ich tu, was ich kann«, entgegnete Inge lachend. »Euch beiden noch einen schönen Tag! Wir sehen uns morgen.«
Siggi und Torsten holten nach und nach das Gepäck aus dem Auto und richteten sich häuslich ein. Es war nicht viel, was sie mit auf die Insel gebracht hatten. Hauptsächlich handelte es sich um Kleidung, Bücher und Erinnerungsstücke. Hausrat, Möbel und dergleichen hatten sie zum Teil dem Nachmieter überlassen, zum Teil verkauft; einiges würde Denise ihnen noch später nachschicken. Schließlich war das Haus vollständig eingerichtet und möbliert. Es wäre unsinnig gewesen, ihre alten Möbel einmal quer durch Deutschland zu karren. Und doch erfüllte Siggi eine gewisse Wehmut, als sie an das dachte, was sie zurückgelassen hatten.
Die Aussicht allerdings, vielleicht für Lenka arbeiten zu dürfen, sie hautnah und in Farbe persönlich kennenzulernen, machte alles wieder wett.
Am Abend brachen sie auf, um bei einem kleinen Spaziergang gemeinsam mit Candy die Umgebung zu erkunden. Den hinteren Teil des riesigen Grundstücks hatte Inge verkauft, sodass sie von dem Geld die anfallenden Steuern begleichen konnten. Hier würde eine Doppelhaushälfte mit Ferienwohnungen entstehen. An diesem Teil des Grundstücks entlang führte ein schmaler Trampelpfad hinunter zum Meer. Hinter dem Tor in dem Friesenwall, der das Grundstück am unteren Ende abtrennte, stieß er auf den reetgesäumten Fußweg, der nach Munkmarsch führte. Ein schmaler Sandweg, der eine Schneise in die hohen Gräser schnitt, führte zu einem kleinen Strand aus hellem Sand, hinter dem sich endlos weit das Watt erstreckte. Die Abendsonne tauchte alles in warme Orange- und Rosatöne. Die Luft war lau, und hier an der Wasserkante wehte eine angenehme Brise, die den Geruch von Salz, Jod und Algen trug.
»Ist das nicht herrlich?«, rief Siggi und deutete auf die Weite.
»Hm. Weiß nicht. Ich hatte mir da irgendwie mehr Meer vorgestellt«, meinte Törtchen etwas enttäuscht. »Das ist ja nur Matsch und Schlick.«
»Na klar, das ist das Watt, Torsten. Wahrscheinlich ist gerade Niedrigwasser. Guck mal, dahinten, da kannste das Meer sehen.« Sie deutete auf den schmalen, glitzernden Wasserstreifen am Horizont.
»Watt sachste?« Törtchen grinste »Ich mach doch nur Witze. Sicher ist dat schön hier. Schon der Wahnsinn, dass wir jetzt hier sind, oder?« Er schloss Siggi in die Arme und küsste sie ausgiebig.