Schock am Vormittag
Siggi drückte die Klingel ein weiteres Mal. Noch immer tat sich nichts. Sie lauschte, konnte aber nichts hören. Noch einmal klingelte sie und wartete. Eine Weile stand sie noch unschlüssig vor dem Tor, dann zückte sie das Handy und wählte die Nummer, die sie wie gewünscht unter einem unverdächtigen Kürzel gespeichert hatte.
»Der von Ihnen gewünschte Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar. Wenn Sie eine Rückrufbitte …«
Siggi legte auf. Hm. Was nun? Da war guter Rat teuer. Sollte sie einfach wieder nach Hause fahren? Möglicherweise hatte Lenka vergessen, dass sie heute kommen sollte. Dann fiel ihr ein, dass sie ja auch Polinas Nummer hatte, und wählte sie.
»Hallo?«
»Polina! Guten Morgen. Ich hoffe, ich störe nicht. Hier ist Siggi. Ich bin beim Haus Ihrer Schwester, aber es macht niemand auf. Soll ich einfach wieder nach Hause fahren?«
»Eigenartig. Wahrscheinlich hat sie nur vergessen, dass Sie heute kommen. Magda ist in letzter Zeit ein wenig zerstreut. Können Sie noch zehn, fünfzehn Minuten warten? Dann komme ich vorbei und mache Ihnen auf.«
»Kein Problem, ich warte so lange.«
Kurze Zeit später erschien Polina in einem blauen Mini-Cabriolet. Sie hob grüßend die Hand. Das Tor öffnete sich, und sie fuhr die Einfahrt hinauf. Siggi folgte ihr, bevor sich das Tor wieder schloss.
»Hallo, Siggi. Es tut mir leid. Ich sehe unmöglich aus. Ich war gestern noch mit Freunden essen und danach auf einer Party im
Roten Kliff. D
a ging es etwas hoch her, aber ich wollte Sie nicht länger warten lassen.«
»Ach, kein Problem. Für mich müssen Se sich nicht chic machen.« Siggi lachte. »Tut mir jetzt eher leid, dass ich Sie so früh rausklingeln musste, wenn Sie gestern feiern waren.«
»Schon in Ordnung, ich kann mich ja gleich wieder hinlegen. Schließlich habe ich Urlaub.« Polina lächelte und ging zur Haustür. »Magda hat Sie bestimmt vergessen. Wie gesagt, sie ist in letzter Zeit oft etwas erschöpft und abwesend. Na ja, der ganze Rummel fordert so langsam seinen Tribut. Wahrscheinlich ist sie spazieren gegangen.«
»Bestimmt. Sie hat mir erzählt, dass sie gern draußen auf der Heide ist, weil sie da den Kopf frei bekommt von allem. Kann ich auch verstehen.« Siggi stutzte, runzelte die Stirn und lauschte. »Hören Sie das? Scheint, als wäre drinnen irgendwo Musik an.«
»Komisch …« Polina schloss die Haustür auf. »Magda? Magda, bist du zu Hause?«, rief sie, bekam jedoch keine Antwort. Dann öffnete sie den Schaltkasten für die Alarmanlage, der sich hinter einem Strandfoto befand, und tippte etwas ein. »Die Alarmanlage war aktiviert. Ich musste den Code eingeben, damit nicht gleich die Polizei vor der Tür steht«, erklärte Polina.
Das wurde ja immer mysteriöser! Siggi hatte kein gutes Gefühl bei der Sache.
Polina lauschte ins Treppenhaus. »Sie haben recht, oben läuft Musik. Vielleicht hat sie das Radio oder den Fernseher angelassen.«
»Ja, das wird es sein«, entgegnete Siggi. Dennoch war ihr mit einem Mal mulmig zumute.
»Sie kommen zurecht? Dann würde ich jetzt wieder fahren. Ich denke, dass meine Schwester bestimmt gleich zurückkommt.«
»Und falls nicht? Reicht es, wenn ich einfach hinter mir zuziehe?«, fragte Siggi ein wenig verunsichert.
Polina zuckte ein wenig ratlos mit den Schultern und massierte sich die Schläfen. »Ich fürchte, ich bin noch nicht wieder ganz klar. Zu viel Prosecco, zu wenig Schlaf.« Sie lachte kurz. »Ja, ich denke, es ist in Ordnung, wenn Sie nachher einfach zuziehen.«
Sie wandte sich gerade zur Haustür, als es klingelte. Siggi und Polina sahen sich fragend an, dann flackerte das Display auf.
Polina betrachtete stirnrunzelnd das Bild der Überwachungskamera und nahm den Hörer der Gegensprechanlage in die Hand. »Hallo, Udo. Tut mir leid, Magda ist nicht zu Hause.«
»Nicht schlimm, ich brauche nur ein paar Unterlagen aus dem Arbeitszimmer und bin sofort wieder weg.« Die Antwort war laut genug, dass Siggi sie hören konnte.
»Na gut, ich mach dir auf.« Polina drückte den Summer. »Wissen Sie was?«, sagte sie an Siggi gewandt. »Ich gehe jetzt doch eben nach oben und stelle wenigstens die Musik ab.«
»Ach, das kann ich doch machen«, schlug Siggi vor. »Ich muss ohnehin rauf. Ich wollte heute ja die Fenster putzen.«
Siggi nahm im Hauswirtschaftsraum einen kleinen Eimer und zwei Fenstertücher aus dem Putzschrank. Dann ging sie in die Küche, um ein wenig Spülmittel und Essig ins Wasser zu geben.
Udo Karstens, der inzwischen eingetreten war, begrüßte sie. »Ah, Frau Pizolka, nicht wahr? Schön, mal das Gesicht hinter der Stimme zu sehen! Lassen Sie sich nicht stören.«
»Morgen, Herr Karstens. Ich brauch nur ein Tröpfchen Spülmittel und einen Schuss Essig, dann nerv ich Sie hier auch nicht mehr.«
»Ach was, machen Sie nur, Sie nerven uns nicht«, wehrte Polina lachend ab, die gerade eine weitere Tasse Kaffee zapfte.
»Danke, Polina. Das ist nett. Kaffee ist jetzt genau richtig.« Er blies in seine Kaffeetasse und nahm einen Schluck. »Ich bin auch gleich wieder weg, dauert wirklich nicht lange.«
»Ach was, einen Kaffee kann ich jetzt auch gut gebrauchen.« Sie massierte sich den Nacken und gähnte. »Ich hatte nicht besonders viel Schlaf.«
Siggi hatte inzwischen auch den Essig gefunden und gab etwas davon ins Wasser, dann nahm sie den Eimer mit nach oben. Sie stellte ihn auf dem Treppenabsatz ab und legte die Lappen über das Geländer. Dann lauschte sie in den Flur, um die Quelle der Musik zu orten. Sie schien aus dem Badezimmer zu kommen. Siggi erinnerte sich, dass sie dort Lautsprecher in der Decke und ein Bedienpanel an der Wand gesehen hatte. Die Badezimmertür war geschlossen. Zur Vorsicht klopfte Siggi und wartete kurz ab, bevor sie die Klinke herunterdrückte. Abgeschlossen. Siggi runzelte die Stirn, klopfte noch einmal. »Lenka? Hallo? Sind Sie da drin? Ist alles in Ordnung?«
Nichts.
Das mulmige Gefühl, das Siggi vorhin gehabt hatte, kam mit Macht zurück. Sie pochte noch einmal gegen die Tür. »Hallo? Sind Sie da drin, Lenka?«
Schritte kamen die Treppe herauf. Es war Udo Karstens, der offenbar auf dem Weg ins Arbeitszimmer gewesen war, jetzt aber auf Siggi zukam. »Was ist los? Macht sie nicht auf?« Karstens trat neben sie und rüttelte unnötigerweise an der Tür. »LENKA?!«
Wieder polterte es auf der Treppe, und Polina erschien. »Was ist denn hier los?«
»Lenka scheint im Bad zu sein und macht nicht auf.«
»Ich breche die Tür auf, wenn du dich nicht sofort meldest!«, rief Udo, wartete einen Moment und warf sich dann mit der Schulter gegen die massive Holztür, die sich allerdings nicht bewegte.
»Die Tür hat einen Notöffnungsschlitz. Die kann man im Notfall von außen öffnen«, sagte Siggi. »Man braucht nur einen großen Schraubenzieher oder eine Münze. So eine Tür haben wir auch im Bad. Nisi hat sich da mal eingeschlossen, als se klein war, und kam nicht mehr raus.«
Udo Karstens zog sein Portemonnaie heraus und reichte Siggi eine Münze, mit der sie die Tür öffnete.
»Lenka?«, rief sie, bevor sie eintrat und abrupt stehen blieb, sodass Karstens, der ihr gefolgt war, sie unsanft von hinten anrempelte. »O Gott!« Siggi schlug die Hände vor den Mund. Für einen Augenblick war sie wie gelähmt.
Lenka lag in der Wanne, den Kopf halb unter Wasser. Die langen blonden Haare trieben wie Seetang darauf. Die Knie hatte sie leicht angezogen. Die zierliche Gestalt wirkte in der großen Wanne wie eine Puppe.
Nach der ersten Schrecksekunde war es, als hätte ein Notfallprogramm die Steuerung übernommen. Siggi stürzte zur Badewanne. »Kommen Sie, helfen Sie mir! Wir müssen sie da rausholen«, wies sie Karstens an. »Polina, rufen Sie den Notarzt.«
Als sie allerdings ins Wasser griff, um den Kopf der jungen Frau herauszuziehen, ahnte Siggi, dass es zu spät war. »Das Wasser ist kalt … und … sie auch.«