Schwerelos mit dir
Siggi hörte Schritte. Panische Angst ergriff ihren ganzen Körper, ließ ihre Haut prickeln und trieb ihr die Galle in den Mund. Jetzt war alles zu spät. Polina würde ihr irgendetwas einflößen oder injizieren, um sie zu betäuben, und dann … Siggi wollte nicht darüber nachdenken, und doch stellte sie sich vor, wie das Wasser stieg, sie überspülte und den kleinen Raum ausfüllte, wie auch ihre Lungen sich mit eiskaltem Salzwasser füllten. Sie würde vielleicht irgendwann an den Strand gespült werden. Touristen würden kreischen, Blaulicht, Presse …
»Hier! Sie hatten recht, hier liegt sie!«
Siggi war schlagartig vollkommen klar. Sie riss die Augen auf. »Törtchen!« Tränen der Erleichterung schossen ihr in die Augen. »Törtchen! Du bist da! Ich bin ja so froh! Wie um Himmels willen hast du mich gefunden?«
»Gleich, Siggi, gleich. Wir müssen dich erst mal hier rausholen. Wir haben die beiden belauscht. Die werden jeden Moment zurückkommen.« Torsten löste die Fesseln an ihren Händen.
»Die Polizei wird auch gleich hier sein.« Wenn Siggi sich nicht täuschte, war das die Stimme von Gabriel von Gnietschfleth. »Kommen Sie. Wir müssen verhindern, dass sie uns bemerken und fliehen.«
»Leg deine Arme um meinen Hals.« Torsten hob Siggi auf und presste sie an sich. Der Bunker war so niedrig, dass er sich nicht aufrichten konnte.
Kurz darauf konnte Siggi den Wind auf ihrer Haut spüren, noch immer rau und wütend. Eiskalter Regen peitschte sie. Ihr war so entsetzlich kalt, dass ihre Zähne klappernd aufeinanderschlugen. Torsten keuchte und stapfte durch den feuchten Sand. Er trug sie in seinen Armen wie ein Bräutigam, der seine Braut über die Schwelle hob, sicher an seine Brust gedrückt, ihre Arme um seinen Nacken geschlungen.
Siggi schloss die Augen. Jetzt war sie in Sicherheit. Torsten würde niemals zulassen, dass ihr etwas geschah. In seinen Armen fühlte sie sich leicht. Sie spürte plötzlich die Kälte nicht mehr. Ein neuer Lebenswille durchflutete ihren Körper und verlieh ihr die Kraft, wach zu bleiben, nicht abzudriften in die verlockende Schwärze, die nach ihr greifen wollte. In diesem Augenblick wusste Siggi, dass alles gut werden würde. Sie ließ den Kopf gegen Torstens kräftige Brust sinken. Hinter ihrer Stirn hallten einige Zeilen aus Lenkas Hit
Schwerelos mit dir.
Du bist der Anker, der mich sicher hält.
Von meinen Schultern fällt die Schwere der Welt.
Und wir gleiten dahin durch die Nacht
Jetzt und hier, jetzt und hier
Bin ich schwerelos mit dir!
Schwerelos mit dir.