1

Salvia Salina Mercatus schlug die Augen auf und starrte in undurchdringliche Finsternis. Es war tief in der Nacht, und ein Geräusch hatte sie geweckt. Sie horchte. Nichts. Kein Mucks. Ihr Landhaus nahe der Colonia Agrippina lag in völliger Stille.

Erleichtert atmete Salvia aus. Es musste wohl wieder einmal ihr eigenes Schnarchen gewesen sein, das sie hatte aufschrecken lassen. Es war mit den Jahren immer lauter geworden, ihr Schlaf hingegen immer leichter, so dass sie sich immer häufiger selbst um ihre Nachtruhe brachte.

Die Gutsbesitzerin zog die Wolldecke, die etwas verrutscht war, wieder bis an ihre Nasenspitze und wälzte sich seufzend auf die Seite. Wenn doch bloß ihr Gaius noch bei ihr wäre! Doch der war schon vor Jahren in die elysischen Gefilde entschwunden und hatte sie als Witwe zurückgelassen.

Gerade als ihr die Augen wieder zufielen, hörte sie ein Klirren. Laut und deutlich. Das kam nicht aus einem Traum, der sich im Halbschlaf in die Wirklichkeit drängte, sondern tatsächlich aus ihrem eigenen Haus. Mit einem Schlag war Salvia hellwach und setzte sich in ihrem Bett auf.

Plötzlich ein Schrei. Von einer Frau. Einer ihrer Sklavinnen. Hastige, stolpernde Schritte … dann langsame, schwere. Ein Scharren, dann ein Rumpeln, so als würde Mobiliar verrückt. Ein weiterer Schrei drang an Salvias Ohr, durchdringend, fast wie ein Schlachtruf. Er erinnerte an das Heulen eines Wolfes. Salvia hielt den Atem an. Was war hier los?

»Die Germanen! Die Germanen sind hier!«, hörte sie eine zitternde Männerstimme auf Latein mit dakischem Akzent rufen. Es war ihr Koch.

»Hilfe!«, ertönte der Schrei einer jungen Frau von weiter her.

Plötzlich waren aus allen Richtungen Schritte zu hören. Unruhe erfasste das eben noch friedliche Haus. Von überall schienen nun unheimliche Wolfsstimmen zu kommen. Salvia vernahm ein weiteres Klirren, tief und dumpf, so als sei ein großes Tongefäß auf dem Boden zerborsten.

Die Germanen … Sie war wie gelähmt. In den letzten Wochen sollte es schon mehrere Überfälle dieser Art in der Umgebung gegeben haben. Aber womit hatte sie, die fromme, brave Salvia Salina Mercatus, die Götter gegen sich aufgebracht, dass ausgerechnet ihr Landsitz von diesen plündernden Wilden heimgesucht wurde?

Sie bezwang ihre aufsteigende Panik und schlug die Decke zurück. Barfuß schlich sie über den kalten, im Schachbrettmuster verlegten Fliesenboden zu dem dicken Vorhang, der ihr Schlafgemach vom Rest des Hauses trennte. Vorsichtig schob sie den Stoff einen Spaltbreit zur Seite und lugte in den hinteren Korridor des Hauptgebäudes. Er wurde von einer einzelnen Öllampe schwach erhellt, die an einer Kette von der Decke baumelte und nachts brannte, damit man den Weg zur Latrine finden konnte. Eines der sündhaft teuren Glasfenster war eingeschlagen worden, Scherben bedeckten den Boden. Waren diese Barbaren so ins Haus gelangt?

Eine jugendliche Sklavin kam mit angstverzerrtem Gesicht den Korridor entlanggerannt und hielt genau auf das Schlafgemach zu. Salvia machte einen Schritt zurück. Die Sklavin erschrak, als sie den Vorhang beiseitezog und ihre Domina hellwach vor ihr stand.

»Herrin! Hier sind Räuber!«, keuchte sie, nachdem sie sich gefangen hatte. »Wir müssen weg.«

Sie schaute nach links den Korridor hinab und bemerkte etwas, das ihre Herrin noch nicht sehen konnte. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck, und sie rannte davon, bevor Salvia überhaupt reagieren konnte. Schwere Schritte näherten sich, und das Wolfsgeheul, von einer tiefen Männerstimme erzeugt, klang nun ganz nah. Salvia stellten sich die Nackenhaare auf. Sie wusste, dass es zu spät war, um zu fliehen. In ihren jungen Jahren hatte sie nicht nur die Bacchanalien durchtanzen können, sondern wäre auch leicht jedem Verfolger davongesprungen, doch heute … Sie verfluchte ihre altersmüden Beine. Sie sah sich um. Ihr Schlafgemach war klein, kaum neun mal neun Fuß groß, und hatte kein Fenster, damit es im Winter leichter zu heizen war. Sie saß in der Falle.

Das ganze Haus war nun erfüllt von Geschrei und Gerumpel. Umgestoßene Möbel krachten zu Boden, der Inhalt von Kisten und Truhen prasselte auf Fliesen.

Salvia spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Die Schritte im Korridor kamen näher. Eine Waffe , dachte sie, ich brauche eine Waffe . Ihre Augen tasteten die Umgebung ab. Der mannshohe bronzene Kerzenständer neben dem Bett – viel zu schwer. Nein, es hatte keinen Zweck. Verstecken! Sie musste sich verstecken. Panisch blickte sie sich um. Ihr Schlafgemach war karg eingerichtet. Bis auf das schmale Bett mit der blättergefüllten Matratze, den kleinen Tisch, den Korbstuhl und eine große Kleidertruhe war der Raum leer. Die Truhe! Ja! Salvia eilte auf sie zu. Ihre Sklaven hatten gestern Wäsche gewaschen, die noch zum Trocknen im Garten hing. Die mächtige Truhe aus Pinienholz, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, musste also leer sein. Salvia klappte den Deckel hoch und tatsächlich, es war gerade genug Platz darin, dass sie sich hineinzwängen konnte. Vor Angst keuchend kletterte sie in die Kiste. Sie zog den Deckel über sich zu – gerade noch rechtzeitig, denn genau in dem Moment wurde der Vorhang zur Seite gerissen und jemand polterte in ihr Cubiculum. Salvia hoffte, dass der Einbrecher sie nicht gesehen hatte. Sie hielt den Atem an. Darauf bedacht, kein Geräusch zu machen, schob sie ihren Kopf zum Schlüsselloch der Truhe.

Durch die Öffnung erspähte sie den breitschultrigen Mann, der in den Raum getreten war und sich umsah. Salvia konnte ihn im schwachen Licht, das vom Korridor ins Schlafgemach fiel, nicht richtig sehen, aber zumindest erkennen, dass er lange Hosen trug. Unüblich bei den Römern, doch bei den Germanen Sitte. Ihr Koch hatte recht: Germanen! Der Mann trug ein Fell um die Schultern, was seiner Erscheinung etwas Animalisches verlieh. Am erschreckendsten war jedoch sein Gesicht, das einer dämonischen Fratze glich. Es war mit roter Farbe bemalt, darauf weiße und schwarze Kringel. Salvia fiel es immer schwerer zu atmen. Es war warm in der Truhe, Schweiß rann ihr von der Stirn. Sie wollte sich gar nicht ausdenken, was dieser Wilde mit ihr machen würde, wenn er sie fände.

Der Eindringling verschwand aus ihrem Sichtfeld. Salvia hörte, wie ihr Bett durchwühlt, ihr Korbstuhl umgestoßen, ihr tönerner Trinkbecher zertrümmert wurde. Bei jedem Geräusch zuckte sie zusammen. Jetzt hörte sie weitere Schritte, ihr Blick wanderte zurück in Richtung Vorhang. Ein zweiter Mann erschien, größer als der erste, aber ähnlich gewandet. Sein Gesicht war blau bemalt, mit gelben Strichen auf Stirn und Wangen, die an Narben erinnerten. Um seinen Hals hing eine prächtige Perlenkette, die einen merkwürdigen Kontrast zu seiner sonstigen Erscheinung bildete. Salvia erkannte den Schmuck, er gehörte ihr. Der Kerl hatte die Kette wohl nebenan im Ankleidezimmer gefunden. Dazu hielt er bronzene Teller und silberne Kelche in den Händen – das beste Geschirr des Hauses – und schien sichtlich erfreut über seine Beute. Nun fiel sein Blick auf die Truhe und er kam schnurstracks auf sie zu. Seine massige Statur schob sich vor das Schlüsselloch und nahm Salvia die Sicht. Sie unterdrückte einen Schrei, hielt die Luft an und kniff die Augen zusammen. Jeden Augenblick würde der Deckel über ihr hochgerissen und ihr letztes Stündlein hätte geschlagen. Dann wäre sie zumindest wieder mit ihrem Gaius vereint.

Doch die Sekunden verstrichen und es geschah … nichts. Sie blinzelte, wischte sich den Schweiß von der Stirn und lugte wieder durch das Schlüsselloch. Jetzt sah sie, wie der rot bemalte Mann dem blau bemalten etwas ins Ohr flüsterte. Der schaute noch einmal zur Truhe hinüber, nickte, und beide verließen eilig das Schlafgemach. Ihre Schritte entfernten sich. Und auch das tierische Geheul, das die Eindringlinge von sich gegeben hatten, war immer leiser geworden. Im Haus schien wieder Ruhe eingekehrt zu sein.

Doch Salvia wagte es nicht, sich zu rühren. Sie wartete. Minuten, die ihr vorkamen wie eine Ewigkeit. Die Zeit schien stillzustehen. Gerade als sie sich sicher war, dass die Luft nun wirklich rein wäre, wurde mit einem Ruck der Deckel über ihr hochgerissen. Salvia schrie auf, alles schien verloren – doch dann blickte sie in das gutmütige Gesicht ihres Kochs.

»Herrin, hier bist du!«, entfuhr es ihm erleichtert.

Nachdem Salvia den Schock überwunden und durchgeschnauft hatte, ergriff sie seine Hand und kletterte ungelenk aus ihrem Versteck. Sie war froh, dass der Mann, der ihr seit mehr als zehn Jahren diente, unbeschadet war.

»Sind sie weg?«, wisperte sie, und der Koch nickte. An den Gerüchten über die Germanenüberfälle war also tatsächlich etwas dran, dachte sie, während ihr Puls langsam auf eine normale Frequenz zurückfiel und sie tief die saubere, kühle Nachtluft einatmete. Sie hatte Glück im Unglück gehabt, sie war körperlich unversehrt geblieben. Und wie es aussah, galt das auch für ihre Sklaven. Salvia fiel ein Stein vom Herzen. Goldene Ohrringe, Ketten und Juwelen waren ohne weiteres ersetzbar, aber die Sklaven, die für sie wie Familie waren, nicht. Sie würde Minerva im Kapitolstempel der nahen Colonia zum Dank ein Opfer darbringen. Ein Lamm. Mindestens eins.