3

Die Vögel waren aus dem Süden zurückgekehrt, und der Chor ihrer Stimmen wurde von Tag zu Tag lauter. Das allgegenwärtige Zwitschern und Zirpen war Balsam für Lucretias Seele. Auf dem Forum war endlich wieder Leben eingekehrt. Huschten die Agrippinenser im Winter nur kurz ins Herz der Stadt, wo sich die beiden Hauptstraßen kreuzten, um eilig ein paar Einkäufe zu tätigen, so ging es hier nun wieder laut und lebhaft zu. Es war Ende April, und es schien, als habe Sol Invictus einen grauen Schleier nicht nur von den Dächern der Stadt, sondern auch von den Herzen ihrer Bewohner gezogen, die aus ihren kalten Wohnungen zurück auf die Straßen drängten, dorthin, wo sich das eigentliche Leben abspielte.

Lucretia Veturius war gern Teil des Treibens. Sie hatte die letzten zwei Wochen mit Husten und Schnupfen im Bett verbracht. Ihr Vater, ein reicher Händler, war stets im Übermaß besorgt um seine Jüngste und hatte im Heiligtum des Äskulap nahe des Westtores eine kostspielige Opfergabe dargebracht. Ihre Mutter hingegen hatte versucht, sie auf weltlichere Weise mit Zwiebelsuppe und Salbeitee zu heilen – das allerdings im Übermaß –, so dass Lucretia beides niemals wieder sehen, geschweige denn schmecken mochte. Durch die Krankheit war sie etwas abgemagert und für jemanden, der einen mauretanischen Vater und eine italienische Mutter hatte, ungewohnt blass. Sie hatte auffällige große braune Augen, die wachsam die Umgebung betrachteten. Unter ihrer feinen Nase formte sich ein kleiner, voller Mund, und ihre hohen Wangenknochen waren leicht mit Sommersprossen gesprenkelt. Sie war in eine elegante fliederfarbene Palla gehüllt und trug deren Saum wie eine Kapuze über dem gewellten kastanienbraunen Haar, das sich heute etwas störrisch gab. Das hatte gleich zwei Vorteile: Es verbarg die nicht formvollendete Frisur und ließ Lucretia brav und keusch wirken, so wie man es in der konservativen römischen Oberschicht gern sah.

Rauchschwaden von Holzkohlefeuern wälzten sich durch die Luft und verteilten dabei den Geruch von gebratenem Fleisch und fremdländischen Gewürzen. An die zweihundert Stände, manche nur wackelige Holzgerüste, andere mit bunten Stoffbahnen verkleidet, standen kreuz und quer verteilt auf dem riesigen Markt- und Versammlungsplatz. Viele waren zudem mit Blumengirlanden verziert, oder das Personal trug Blüten im Haar – ein Zeichen dafür, dass die einwöchigen Festlichkeiten zu Ehren der Göttin Flora begonnen hatten, bei denen man den Frühling hochleben ließ. Auf dem Forum wurde alles feilgeboten, was das Herz begehrte. Wer spontan Olivenöl, Kosmetik oder einen Sklaven benötigte, wurde hier fündig.

»Kommt her! Schwein, frisch geschlachtet!«, pries ein gallischer Metzger mit buschigem Schnurrbart seine Waren an und schlug mit einem scharfen Beil demonstrativ das untere Stück eines Schweinehinterbeins ab, das vor ihm auf einem Hackklotz lag. »Pfötchen gefällig?«, fragte er Lucretia, als sie an ihm vorbeiging, und hielt ihr den blutigen Huf hin, wobei er das Quieken eines Ferkels imitierte. Lucretia verzog das Gesicht und lehnte kopfschüttelnd ab, der Gallier lachte dröhnend.

»Bei Alfenus gibt es die besten Austern«, sagte ihre Mutter, die an ihrer Seite schritt, und sah sich suchend um. Cäcilia Veturius war eine Frau von vierzig Jahren, die sich eine gewisse Jugendlichkeit bewahrt hatte. Sie hatte ein schmales Gesicht mit einem kleinen spitzen Kinn und einen teuren Puder aus Marmorstaub aufgelegt, der die Haut mattierte und zugleich leicht glitzern ließ. Sie trug über ihrer Tunika eine Stola in der Farbe schweren Rotweins, die von einem hauchdünnen Goldrand gesäumt war – ein Gewand, das nur Verheirateten gestattet und für Wohlhabende erschwinglich war.

Lucretia und Cäcilia drängten sich zwischen den eng stehenden Ständen durch das Gewühl.

»Frische Fisch! Direkt vom batavische Küste!«, hörten sie jemanden in schlechtem Latein rufen, irgendwo weiter vorne, und hielten auf die Stimme zu.

Ihnen folgte die zyprische Sklavin Nephele, einen Weidenkorb in der einen Hand und einen kleinen blechernen Eimer in der anderen. Ihr schulterlanges Haar war unfrisiert, und sie trug eine knöchellange beige Tunika, die in der Taille von einer alten Kordel zusammengehalten wurde.

Der Fischstand von Alfenus, einem rotwangigen Germanen mit struppigem blondem Haar, kam in Sichtweite. Nur einmal im Monat nahm er die zwei Tage dauernde Anreise vom Meer auf sich. Er hatte sich auf Muscheln, Austern und Tintenfische spezialisiert, die seine örtlichen Konkurrenten, die im Süßwasser fischten, nicht bieten konnten. Die Köstlichkeiten aus Neptuns Reich waren immer schnell vergriffen. Beruhigt stellte Lucretias Mutter im Näherkommen fest, dass sich noch einige Austern im Salzwasserbecken auf dem Tisch des Cananefaten befanden.

Doch bevor sie den Stand erreichten, schoben sich zwei ältere Damen davor. Lucretia hatte nicht viel für die beiden übrig. Es waren reiche Nachbarinnen, die sie seit ihrer Kindheit kannten und die sich anmaßten, permanent über ihr Leben zu urteilen. Als Lucretia ein kleines Mädchen gewesen war, hatten die beiden sie an die Tiere erinnert, die sie vom Marktplatz kannte. In ihrem Kopf hatten sich damals die heimlichen Spitznamen »Kuh« und »Ziege« festgesetzt, die sich bis heute gehalten hatten. Denn die eine war groß, rundlich und gutmütig, die andere klein, drahtig und störrisch.

»Die Damen Veturius!«, entfuhr es der Ziege mit theatralischer Freude.

»Salve, ihr Lieben, ich hoffe, es geht euch gut an diesem schönen Tag«, begrüßte Lucretias Mutter die beiden höflich, doch nicht überschwänglich.

Lucretia zwang sich zu einem Lächeln und neigte leicht ihr Haupt zur Begrüßung.

»Deine Tochter ist ein Juwel. Von Venus gesegnet«, machte die Kuh Lucretias Mutter ein Kompliment.

»Sie ist unser ganzer Stolz«, bestätigte diese.

Lucretia hasste es, wenn man über sie redete, als ob sie nicht dabei wäre, obwohl sie direkt danebenstand.

»Und schon achtzehn geworden, wenn ich mich nicht täusche?«, meckerte die Ziege und ließ vernehmlich den Vorwurf mitschwingen, dass Lucretia noch nicht verheiratet war. Ungewöhnlich in einer Gesellschaft, in der das Heiraten für Mädchen mit fünfzehn die Norm war. Immerhin wandten sich die älteren Damen nun direkt an sie.

»Die hellere Haut steht dir gut, Kleines. Was ist dein Geheimnis? Hast du sie mit Schwefelpaste gebleicht?«, wollte die Kuh wissen.

»Ich war krank«, sagte Lucretia trocken. »Aber was tut man nicht alles für den perfekten Teint.«

Die Größere lachte, die Kleinere konnte jedoch mit Lucretias Lakonie wenig anfangen und schaute zu ihrer Mutter hinüber, die ihrerseits einen strafenden Blick in Richtung Tochter schickte. Eine junge Frau, die noch unter der Hausgewalt des Vaters stand und damit über so gut wie keine Rechte verfügte, hatte nicht aufmüpfig zu sein. Doch Lucretia konnte das ständige Urteilen ihrer Umgebung über ihr Äußeres nicht ertragen. Gab es denn nichts anderes, worüber sich eine Frau definieren konnte? Bildung, zum Beispiel. Aber allen schien es egal zu sein, dass sie Plato zitieren konnte. Jenen Philosophen, der behauptet hatte, Liebe sei eine schwere Geisteskrankheit. Und auch den Satz des Pythagoras zu kennen, brachte einer jungen Frau wie ihr offenbar nichts. Wozu hatte sie das alles gelernt, wenn alle nur ihre Erscheinung interessierte? »Du musst ein bisschen was auf die Rippen kriegen, sonst schauen dich die Kerle nicht an«, hatte die Mutter sie erst gestern angestachelt, nicht verstehend, dass ihre Jüngste keinen Wert darauf legte, angeschaut zu werden. Im Gegenteil, kaum etwas war ihr unangenehmer, als gierige Blicke auf sich zu spüren. »Männer stellen sich laufend vor, was unter deiner Tunika ist«, hatte die Mutter ihr erklärt. Auf Lucretias sarkastische Frage, warum Frauen dann überhaupt Kleidung trügen, wo sich doch viel Geld sparen ließe, wenn man diese Angewohnheit einfach aufgäbe, war ihr keine Antwort eingefallen. Die Mater Familias war zwar energisch, aber nicht besonders schlagfertig. Meistens gab sie als Replik auf derlei Provokationen nur ein abschätziges Murmeln von sich.

»Es war schön, euch gesehen zu haben«, sagte Cäcilia, bemüht, einen Schlussstrich unter das Gespräch zu ziehen, weil sie bemerkte, dass eine Frau an Alfenus’ Stand gerade nach einer Handvoll der begehrten Austern verlangte. Doch die Nachbarinnen dachten nicht daran, sie gehen zu lassen.

»Hast du das mit den Germanen gehört?«, fragte die Ziege mit verschwörerisch gesenkter Stimme.

»Sie meint die Überfälle«, ergänzte die Kuh. »Gestern Nacht hat es wieder einen gegeben. Dieses Mal draußen bei der Mercatus. Schon der dritte diesen Monat.«

Seit Wochen wurden im Umland der Metropole Gutshöfe von einer mysteriösen berittenen Bande überfallen und ausgeplündert.

»Schlimm«, erwiderte Lucretias Mutter, obwohl sie das Thema nicht sonderlich interessierte. Vielmehr beschäftigte sie, wie beunruhigend schnell der Bestand an Austern am Fischstand zur Neige ging. Alfenus zählte zufrieden seine Denare – er hatte die richtige Marktlücke in der Colonia gefunden.

»Mein Mann hat immer davon geträumt, auf dem Land zu leben. Jupiter sei Dank konnte ich es ihm ausreden, wo man jetzt doch außerhalb der Stadt Freiwild für die Barbaren ist«, sagte die Ziege.

»Zum Glück ist die Colonia von einer hohen Holzwand umgeben, und die Tore sind gut bewacht. Hier sind wir sicher«, versuchte sich die Kuh selbst zu beruhigen.

»Weiß man denn, wer hinter diesen Überfällen steckt?«, hakte Cäcilia nach, nun doch ein wenig interessiert.

»Manche sagen, es seien Krieger aus Germania Magna. Sie sind den Tieren näher als den Menschen. Können nicht sprechen, sondern heulen sich an wie Wölfe, hat mir ein Sklave von Salvia Salina Mercatus erzählt. Die Unholde haben es wohl besonders auf Metall abgesehen, vor allem Silber und Gold, weil sie so was da drüben nicht haben«, sagte die Ziege.

Das Land rechts des großen Flusses war immer noch fest in der Hand der Einheimischen, und alle Versuche der Römer, es zu erobern, waren bisher gescheitert. Dort erstreckte sich ein einziger, gigantischer Urwald, nass und neblig, bevölkert von ungewaschenen Hünen, die unverständliche Laute von sich gaben und denen Freiheit wichtiger war als jede Segnung der Zivilisation – der Albtraum eines jeden ordnungsliebenden Römers.

»Andere behaupten, es seien Germanen aus den verbündeten Stämmen der Umgebung. Aufständische, die die Pax Romana aufkündigen wollen. Warum auch immer, ihr Leben ist doch nun um so vieles besser als das ihrer Vorfahren«, ergänzte die Kuh.

»Ich habe als frisch verheiratetes Mädchen den Bataveraufstand miterlebt, so eine Erfahrung will ich kein zweites Mal machen, bloß nicht!«, sagte die Ziege. Die Angst, die in ihrer Stimme mitschwang, war echt.

Lucretia folgte dem nervösen Blick ihrer Mutter zwischen den Schultern von Kuh und Ziege hindurch und verstand. Schon wieder hatte Alfenus Kunden, die begierig die Austern begutachteten. Familie Veturius drohte leer auszugehen.

»Mutter, ich will mich nützlich machen. Lass mich die Austern kaufen. Sie sollen doch heute Abend auch mein Gastgeschenk für Claudia sein«, bot Lucretia an.

»Eine hervorragende Idee«, erwiderte die Mutter und drückte der Tochter erleichtert ein paar Sesterze in die Hand. Lucretia hatte drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen – sie bekam Austern, wirkte wie eine fügsame Tochter und konnte vor allem dem Gespräch mit den Nachbarinnen entrinnen. Ein bisschen zu schnell wandte sie sich ab. »Nephele hilft mir tragen«, ergänzte sie noch, und die Sklavin, deren Miene sich merklich aufhellte, folgte ihr eilig.

»Danke, Herrin. Ich bewundere deine Geduld«, raunte Nephele ihr erleichtert zu.

»Wenn ich jemals so werde wie die drei, töte mich bitte«, flüsterte Lucretia.

»So wirst du niemals werden, ganz sicher nicht«, entgegnete Nephele selbstsicher, und die Prognose beruhigte Lucretia. Sie lächelten sich verschwörerisch an. Nephele war nicht nur ihre Leibsklavin, sondern im Laufe der Jahre auch zu ihrer Freundin geworden.

»Was kann ich für der Dame tun?«, fragte Alfenus. Er stand mit der lateinischen Sprache auf Kriegsfuß, was Lucretia sehr charmant fand.

»Austern, bitte. Alle, die noch da sind«, antwortete sie. »Sofort, Holdeste«, freute sich der Fischhändler.

Nephele reichte ihm den mitgebrachten Eimer, und er füllte mit einer Schöpfkelle Salzwasser aus dem Becken hinein, das die Tiere benötigten, um zu überleben.

»Habt ihr schon von der Überfälle gehört?«, fragte Alfenus. Offenbar gab es heute auf dem Forum nur dieses eine Thema. »Der Politik tut viel zu wenig dagegen. Den Dekurionen geht es doch nur darum, sich selber der Taschen zu stopfen.«

»Nicht allen«, erwiderte Lucretia und verteidigte damit ihren Vater, der auch ein Ratsherr war, und zwar einer der idealistischen Sorte, »aber es ist tatsächlich beunruhigend, was man hört.«

»Was ist, wenn die Kerlen mir ausrauben? Mein Heimweg zurück an die Küste führt genau durch die betroffene Gebiet«, sagte Alfenus, während er mit einer rostigen Eisenzange eine Auster nach der anderen in Nepheles Eimer hievte.

»Ich habe gehört, sie kommen nur nachts. Beeil dich bei Tag, und sei bei Anbruch der Dunkelheit bei einem Rasthof, dann wird Merkur dafür sorgen, dass du unbehelligt bleibst«, schlug Lucretia vor.

»Eure Schönheit wird nur von eure Klugheit übertroffen«, schmeichelte der Fischhändler.

Das war ein Kompliment, das Lucretia gefiel, und mit diesem niedlichen Akzent ganz besonders. Sie lächelte und drückte dem Mann die Münzen in die Hand: »Behalte den Rest, Alfenus.«

Der Händler neigte dankbar sein Haupt und legte seine schwielige rechte Hand auf seine breite Brust.

»Endlich sind die Klatschbasen fort«, seufzte Cäcilia und rollte mit den Augen, als sie sich neben ihre Tochter drängte.

Dabei bist du doch oft die Schlimmste , dachte sich Lucretia, sprach es aber nicht aus.

»Und jetzt schnell nach Hause, Nephele muss dich noch hübsch machen für das Fest heute Abend!«

Die drei wandten sich zum Gehen. Cäcilia schritt voran, allerdings in die falsche Richtung, denn die Stadtvilla der Familie befand sich in der Nordstadt, nicht im Süden. Doch Lucretia verstand sofort, was der Umweg zu bedeuten hatte, als sie einen jungen Mann in Toga erblickte, der offenbar nicht recht wusste, wohin mit sich, und zu verbergen versuchte, dass er das Trio erwartete.

»Oh, die Familie Veturius!«, sprach der Mann Lucretias Mutter an und wahrte damit die Etikette, obwohl er zugleich die Augen kaum von Lucretia wenden konnte.

»Flavius Antonius, was für ein angenehmer Zufall!«, antwortete Cäcilia in einem leicht überdrehten Ton, der unterstrich, was Lucretia ohnehin schon ahnte – dass hier nämlich in keinster Weise der Zufall im Spiel war. »Hast du schon meine Tochter Lucretia kennengelernt?«

»Ich glaube nicht. An eine solche Schönheit würde man sich doch erinnern«, entgegnete Flavius und nickte Lucretia anerkennend zu.

Lucretia rang sich ein Lächeln ab. Ihr war klar, was hier geschah, und es würde nicht leicht werden, der Falle zu entkommen.

»Flavius entstammt der noblen Linie von Marcus Antonius, Cäsars engstem Vertrauten«, verkündete Cäcilia stolz.

»Was du nicht sagst«, erwiderte Lucretia höflich, während sie Flavius musterte.

Er war recht klein, aber von ebenmäßigem Wuchs. Seine kurz geschnittenen Haare rahmten seinen kantigen Kopf ein. Er war durchaus gut aussehend zu nennen, aber zugleich stand ihm eine Überheblichkeit ins Gesicht geschrieben, die Lucretia abstieß.

»Ich bin sicher, du und Flavius, ihr habt viel gemeinsam«, sagte Cäcilia.

»Oh, dann liebst du es also auch zu lesen?«, fragte Lucretia.

»Ähm, nein. Wenn ich ehrlich bin, finde ich Schriftrollen ziemlich langweilig«, gab Flavius zu und versuchte, sich mit einem Lachen zu retten.

»Ich auch!«, stimmte Cäcilia in sein Lachen ein, um das Eis weiter zu brechen.

Dann heirate du ihn doch , dachte Lucretia. Sie hatte ihre Mutter schon mehrmals gebeten, ihre Verkupplungsversuche einzustellen, aber Cäcilia konnte es einfach nicht bleiben lassen.

»Nun, wenigstens bist du ehrlich«, sagte Lucretia. »Womit vertreibst du dir denn gern die Zeit?«

»Als ich noch in Rom gelebt habe, habe ich leidenschaftlich die Wagenrennen im Circus verfolgt. Ich war ein Unterstützer der Roten.«

»Pferden dabei zuzuschauen, wie sie endlos im Kreis laufen, würde mich ganz traurig machen. Was ist das für ein Leben«, entgegnete Lucretia mit einem Seitenblick auf ihre Mutter.

»Leider gibt es hier in der Provinz keine Rennbahn. Die Colonia kann sich sehen lassen, sie ist viel sauberer und moderner als Rom, aber vom Unterhaltungswert nicht annähernd in derselben Liga«, schnarrte Flavius mit einer Herablassung, die Lucretias Befürchtungen bestätigte. »Ich gehe aber auch gern jagen«, fügte er schnell hinzu, um das Gespräch am Laufen zu halten.

»Was Männer daran finden, hilflosen Tieren nachzustellen, werde ich wohl nie verstehen«, seufzte Lucretia und fing sich dafür einen mahnenden Blick ihrer Mutter ein.

»Nun, wir sind letzte Woche einem Bären nachgestiegen, und er war sehr wohl in der Lage, sich zu verteidigen«, entgegnete Flavius und bemühte sich, höflich zu bleiben.

»Und wovon lebst du?«, fragte Lucretia forsch.

Diese Frage irritierte Flavius. Er blickte drein, als hätte er nicht damit gerechnet, dass sie jemals gestellt werden könnte.

»Aber verehrte Lucretia, wir sind Patrizier.«

Natürlich. Und Adelige arbeiteten nicht. Das war unter ihrer Würde. »Dann lebst du also vom Geld anderer?«, fragte sie. Cäcilias Augen weiteten sich. Ihre Jüngste war auf Konfrontationskurs, das konnte übel enden.

Flavius Antonius sah die Mutter irritiert an.

»Ich … borge mir hin und wieder welches«, gab er zu, und seine Selbstsicherheit begann zu bröckeln, was Lucretia mit Genugtuung wahrnahm. Nephele, die, von Flavius völlig unbeachtet, hinter ihr stand, konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Das klingt so, als glaubtest du, dass das Anhäufen von Schulden ein löbliches Ziel im Leben sei«, reizte Lucretia ihn weiter.

Cäcilia schnappte nach Luft. Das Verhalten ihrer Tochter war impertinent.

»Was verstehst du denn schon davon?«, fragte Flavius mit zorniger Stimme. »Du bist eine Frau!«

Diese Aussage versetzte Lucretia einen Stich. Wenn er glaubte, sie damit in die Schranken gewiesen zu haben, hatte er sich getäuscht.

»Deine Existenz scheint sich nicht sehr von der eines Sklaven zu unterscheiden, nur dass du Gläubiger statt eines Herrn hast.« Sofort bereute Lucretia die Worte, die aus ihrem Mund gekommen waren. Sie hatte den Gipfel der Unhöflichkeit erklommen. Das war beschämend, gab ihr aber zugleich auch ein unerwartet befreiendes Gefühl.

Nephele musste wieder ein Lachen unterdrücken, doch als Lucretias Vertraute hatte sie Übung darin.

»Aufhören!«, zischte Cäcilia ihrer Jüngsten fast tonlos zu.

»Ich, äh, ich …«, stammelte Flavius, der nun vollends aus dem Konzept gekommen war. »Ich muss dich bitten, das zurückzunehmen!«

»Es tut mir leid, aber ich habe leider keine Zeit, dieses interessante Gespräch weiter zu vertiefen«, verkündete Lucretia, die genug von der Unterhaltung hatte, und wandte sich mit einer energischen Drehung ab. »Ich habe Vater versprochen, ihn von der Kurie abzuholen, und als brave Tochter pflege ich, zuverlässig zu sein.«

Mit diesen Worten entschwand sie in Richtung Prätorium. Während Nephele wieder angestrengt ein Grinsen unterdrückte, blickten Flavius und Cäcilia ihr konsterniert hinterher.

»Ach je, meine arme Lucretia ist ganz durcheinander, gar nicht … sie selbst«, versuchte ihre Mutter, die Situation zu retten, »weil … also, diese furchtbaren Germanenüberfälle machen ihr wirklich große, große Angst.«

Flavius kniff die Augen zusammen. Er wirkte wenig überzeugt, doch sagte höflich: »In der Tat furchtbar. Aber nicht überraschend. Ich wusste schon immer, dass diesen Wilden nicht zu trauen ist.« Mit diesen Worten ließ er Cäcilia stehen.