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Gespannt wartete Lucretia auf den Ausgang der Erbstreitigkeit. Sie hatte nicht gelogen, als sie gesagt hatte, dass sie wegen ihres Vaters zum Prätorium müsse, und doch hatte sie nicht ganz die Wahrheit gesagt. Denn was sie an dem gewaltigen Gebäude im Osten des Stadtkerns wirklich reizte, war der Gerichtssaal. Sooft sie konnte, stahl sie sich von den Marktgängen mit ihrer Mutter davon, um den Verhandlungen beizuwohnen, die dort täglich abgehalten wurden. Andere gingen lieber ins Theater, um sich unterhalten zu lassen, aber das gefiel Lucretia nicht, es war ihr viel zu künstlich. Im Gerichtssaal hingegen war das Drama echt. Hier wurde über wirkliche Verbrechen geredet, mit Menschen, die tatsächlich Schlimmes getan oder erlitten hatten. Die Prozesse waren für die Öffentlichkeit zugänglich, und das große Tor zum Gerichtssaal stand immer offen, wenn getagt wurde. Auf den Rängen pflegten sich dann Männer und Frauen, ja ganze Familien zu tummeln. Bis zum Ende der Ratssitzung schien es noch zu dauern, und Lucretia war in die laufende Verhandlung gehuscht.

Der junge Anwalt hatte gerade sein mitreißendes Schlussplädoyer beendet, und vorn im Saal wertete nun Richter Orata die Stimmen der siebzehn Geschworenen aus. Lucretia hatte Quintus Tibur schon mehrmals hier erlebt, er war ihr auch aufgefallen, weil er der einzige germanischstämmige Advokat war. In dieser Position gab der große Mann mit den blauen Augen ein ungewöhnliches Bild ab. Neben seiner Schlagfertigkeit mochte sie besonders, dass er seine Reden, die bei vielen seiner Kollegen manchmal etwas zu pathetisch ausfielen, gern mit etwas Humor würzte. Jetzt saß er neben seiner Mandantin, einer zierlichen Frau um die fünfzig, und redete beruhigend auf sie ein.

Der Anwalt der Gegenseite, Denter Aquilius Varro, ein kleiner, rundlicher Mann Ende dreißig mit Glatze, saß mit betont gleichgültiger Miene neben seinem Mandanten, doch die Finger seiner rechten Hand, die ohne Unterlass mit einem Schreibgriffel spielten, verrieten seine Nervosität.

»Ruhe bitte!«, hallte die Stimme des Richters Sergius Orata durch den Saal, die Zuschauer wurden still, und auch Lucretias Augen richteten sich auf ihn. Sein buschiger brauner Bart und die fast schulterlangen und etwas wirren Haare, in die sich erste graue Strähnen mischten, ließen ihn älter aussehen, als er wahrscheinlich war. Dieses als ungepflegt geltende Auftreten war ungewöhnlich, fast provokant, und erinnerte an das eines griechischen Philosophen.

Beide Anwälte blickten auf. Durch die großen trüben Butzenscheiben in der oberen Hälfte der Mauern fiel weiches Licht in die zwanzig Fuß hohe Gerichtshalle und ließ Quintus Tiburs helles Haar erstrahlen.

»Wir haben ein Urteil erreicht«, verkündete Orata.

 

Wenig später verließ Quintus durch das gewaltige Eingangsportal das Prätorium und trat hinaus in die Arkaden, die die gesamte Front des Rathauses säumten. Die orangefarben gestrichene Decke wölbte sich hoch über ihm wie ein glühender Himmel, und die gewaltigen, fünfzehn Fuß hohen Säulen, von denen es mehr als sechzig brauchte, um das Vordach zu tragen, warfen im Licht der Morgensonne breite Schatten auf den Boden, der mit einem Schachbrettmuster verziert war. Da es Händlern und Prostituierten untersagt war, hier ihren Tätigkeiten nachzugehen, war der Säulengang leer und wirkte dadurch umso größer. Quintus lehnte sich an eine der Säulen und schaute auf die Straße, wo Passanten vorbeizogen. Die Anspannung, die er jedes Mal während einer Verhandlung spürte, baute sich langsam ab und machte einer wohligen Zufriedenheit Platz. Er hatte seiner Mandantin versprochen, dass alles gut werden würde – und so war es auch gekommen. Er hatte ihr zu ihrem Recht verholfen. Zum Erbe, das ihr zustand. Für Momente wie diesen lebte er. Und speziell dieser wurde ihm zusätzlich dadurch versüßt, dass er sich auch noch ein sehr ansehnliches Honorar erarbeitete.

Am Prätorium herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Das riesige Gebäude erinnerte an einen Palast. Nach dem letzten Ausbau vor ein paar Jahren war es jetzt fünfhundert Fuß lang und ebenso breit und damit so groß wie mehrere Häuserblocks. Es war der größte Steinbau nördlich der Alpen, geschaffen, um zu beeindrucken. So etwas hätte auch in Rom stehen können. Aber die Größe war tatsächlich notwendig, denn neben dem Gerichtssaal und der Kurie, der Versammlungshalle des Stadtrates im Nordflügel, beherbergte das Rathaus noch zahlreiche Amtsstuben, die sich über zwei Obergeschosse verteilten. Bürger, die offizielle Dokumente benötigten oder Rechtsstreitigkeiten beilegen wollten, nahmen oft eine Tagesreise und mehr auf sich, um über die gut ausgebauten Straßen aus dem ganzen Umland hierhin zu kommen.

Quintus störte das Treiben nicht, im Gegenteil, er empfand es als belebend. Er beobachtete einen schmächtigen Schreiber, der keuchend eine Holzkiste schleppte, in der unbeschriebene Papyrusrollen ordentlich gestapelt waren – die Bürokratie brauchte Nachschub. Ohne Papyrus lief im Imperium nichts. Als der Mann durch das Eingangsportal im Gebäude verschwunden war, wagten sich zwei sichtlich angeheiterte Halbstarke hinter einer Säule hervor und stürzten zur nächstgelegenen Wand. Mit zwei Stücken Holzkohle schmierten sie mit schnellen Bewegungen einen großen Phallus auf den bis dahin makellosen Putz und rannten dann kichernd davon. Quintus sah sich nicht genötigt einzuschreiten, er grinste in sich hinein. Sollten sie doch ihren Spaß haben, vor allem während der Floralien. Jugendlichen Übermut sollte man nicht ausbremsen, sondern nutzen, fand er, denn das unvermeidliche Phlegma erwachsener Vernunft würde sich noch früh genug einstellen. Für einen Moment schloss er die Augen und genoss die Sonnenstrahlen. Sie waren intensiv genug, um sie nach ein paar Augenblicken auf der Haut zu spüren, aber nicht so stechend und unerbittlich, wie es schon in ein paar Wochen der Fall sein würde. Für ihn war jetzt die schönste Zeit des Jahres, weil Temperaturen herrschten, bei denen es sich gut denken ließ. Wenn er fror oder schwitzte, konnte er sich kaum konzentrieren, was jedoch für seinen Beruf von größter Wichtigkeit war. Der Frühling tarierte die Dinge aus wie Justitias Waagschalen, das gefiel ihm. Nur während der kurzen Zeit, in der Tage und Nächte etwa gleich lang waren, kam ihm die Welt so vor, als sei sie im Gleichgewicht.

In gewisser Weise war sein ganzes Leben auf Balance ausgerichtet. Schon als Kind hatte Quintus lieber Streit geschlichtet, als ihn zu suchen. Lautem Gebrüll, Raufereien und erst recht der Jagd war er immer abgeneigt gewesen. Er half den Kleineren gegen die Größeren und war mildtätig gegenüber den Ärmeren. In den Augen der meisten Gleichaltrigen des germanischen Dorfs, in dem er geboren war, hatte ihn das zum Schwächling gemacht, auch wenn er mit zwölf Jahren schon einen guten Kopf größer gewesen war als die meisten von ihnen. Ein echter Usipeter übergab sich nicht, wenn er zusah, wie ein totes Reh ausgeweidet wurde und die Innereien auf den Boden platschten, sondern schluckte seinen Ekel herunter und freute sich auf die köstliche Mahlzeit, die das Tier aus Wodans Gehölz abgeben würde. Ein echter Usipeter akzeptierte auch das Urteil der Götter über einen mutmaßlichen Verbrecher, wenn er in ein Fass eingesperrt in einen wilden Fluss voller Stromschnellen geworfen wurde, dabei auf einen Felsen prallte und starb – hätte er die Fahrt überlebt, wäre er unschuldig gewesen.

Quintus hatte nie verstanden, was das mit Gerechtigkeit zu tun haben sollte, und war froh, nun an einem Ort zu leben, an dem in Rechtsfragen anders vorgegangen wurde. Als er so vor dem Prätorium in der Sonne stand, konnte er nicht ahnen, dass sich gerade eine Bedrohung zusammenbraute, die dieses Rechtssystem an seine Grenzen bringen und die Stadt in ihren Grundfesten erschüttern würde.