5

Lucretia hatte die Gerichtsverhandlung genossen. Ihre kleinen Abstecher in diese Welt waren für sie das Salz in der Suppe des Lebens, ganz besonders, wenn sie heimlich geschahen. Nun wartete sie in der mächtigen Vorhalle des Prätoriums auf ihren Vater. Die Sitzung dauerte viel länger als geplant, und Lucretia fragte sich, was das zu bedeuten hatte. Alles spielte sich hinter einem schweren Doppeltor links des Eingangs ab. Das dicke Eichenholz dämpfte die Stimmen der Männer dahinter so, dass Lucretia nicht verstehen konnte, worüber gesprochen wurde, aber es schien laut zuzugehen, und eine lebhafte Debatte war zu erahnen.

Die Vorhalle war würfelförmig, dreißig Fuß lang und breit und ebenso hoch. Der Boden war mit teurem, grau-weiß geädertem Marmor aus Carrara ausgelegt – für die größte römische Stadt nördlich der Alpen war das Beste, was die Steinbrüche des Reiches zu bieten hatten, gerade gut genug. Im Zentrum war nur eine Fläche von etwa sechs Quadratfuß ausgespart, die ein Mosaik ausfüllte, das den goldenen römischen Adler mit einem Bündel von Jupiters Blitzen in den Krallen auf scharlachrotem Grund darstellte. Jeder, der die Halle durchquerte, musste über dieses Symbol der Macht laufen, wollte er nicht absichtlich einen Umweg gehen. Die Decke war orangefarben gestrichen wie die des Säulengangs vor dem Gebäude. Das Tor auf der rechten Seite des Eingangs führte in den Gerichtssaal, und über eine große Öffnung ihm gegenüber, die von einem Rundbogen überspannt war, gelangte man tiefer in den weitläufigen Gebäudekomplex hinein.

Die Halle war ehrfurchtgebietend. Lucretia, die oft hier war, erinnerte sich noch gut daran, wie sie sich gefühlt hatte, als sie das Rathaus zum ersten Mal betreten hatte. Vor allem durch die hohe Decke kam man sich klein und unbedeutend vor. Das war beabsichtigt. Nichts war größer als Rom, nichts bedeutender als seine Macht, und das wollte man auch – und gerade – den Bewohnern der eroberten Gebiete deutlich vor Augen führen. Als Aushängeschild der römischen Kultur und Zivilisation konnte auch die Colonia Claudia Ara Agrippinensium nicht hell genug strahlen.

Die eigentliche Attraktion der Eingangshalle war das Wandgemälde, das die römischen Götter abbildete und in das die Aussparungen für die Durchgänge geschickt integriert waren. Diana, Göttin der Jagd, spannte ihren Bogen und schien leicht am Betrachter vorbeizuzielen. Bacchus lag in einer Grotte, mit Weinlaub bekränzt und sich an Trauben labend, den Blick auf einige schlanke, nur als Silhouetten angedeutete Nymphen an einer kleinen Quelle gerichtet. Weiter oben schwebte Götterbote Merkur, nur mit geflügeltem Helm und Schuhen bekleidet, durch die Wolken. Auch die Gottheiten der Einheimischen hatte man nicht vergessen: Den Platz über dem Eingang zum Gerichtssaal, flankiert von Juno und Minerva, gehörte einem Bildnis der Matronae. Lucretia betrachtete das Trio der keltischen Fruchtbarkeitsgöttinnen. Die drei waren in lange Gewänder gehüllt und fielen durch ihren markanten Kopfschmuck auf, große kreisrunde Hauben, die ein typisches Element der hier üblichen Frauentracht waren. Dieser Kult war nur in der Colonia und in der näheren Umgebung verbreitet, im Rest des Reiches war er gänzlich unbekannt. Ihm hier einen solch prominenten Platz einzuräumen, sollte den Unterworfenen das Gefühl geben, dass auch ihre Traditionen und Überzeugungen einen Wert hatten. Die Colonia war nun mal germanischen Ursprungs.

Die Ubier, welche die Matronen über alle Maßen verehrten, hatten die Siedlung gegründet, aus der die spätere Stadt entstanden war, und die Römer zollten dieser Tatsache auf eben jene Weise Respekt. Am größten aber war Jupiter dargestellt, er thronte mit grauem Bart und finsterem Blick über allen anderen, ein Bündel leuchtender Blitze in der ausgestreckten Faust haltend.

Endlich schwangen die schweren Eichentüren quietschend auf. Zwei Wachen mit Speeren und ovalen blauen Schilden traten heraus und bezogen zu beiden Seiten Posten. Die Ratssitzung war beendet, und der Ordo Decurionum strömte aus dem Nordflügel in die Vorhalle. Lucretia trat ein wenig zur Seite, um den meist älteren Herren in den weißen Togen Platz zu machen. Aufgeregte Stimmen schallten durch die bisher ruhige Halle. Lucretia sah etliche nachdenkliche Gesichter, aber die Mehrheit der Stadträte schien erfreut, fast euphorisch. Manche lachten und schlugen einander auf die Schultern. Es musste gute Nachrichten gegeben haben, aber zugleich lag eine gewisse Anspannung in der Luft.

Endlich entdeckte sie in der Menge ihren Vater, der mit zwei anderen Dekurionen diskutierte. Als er seine Tochter erblickte, verabschiedete er sich sofort von ihnen und kam strahlend auf sie zu. Die beiden umarmten einander herzlich.

»Was ist passiert? Alle sind so unruhig«, fragte Lucretia.

»Es wird sich viel verändern, Kind«, antwortete Magnus Veturius. »Ich habe die Neuigkeiten selbst noch nicht ganz verdaut.«

Hinter ihm rief einer der Ratsherren laut: »Das ist ein großer Tag, lasst uns feiern!«, was Applaus hervorrief.

»Du suchst aber auch immer einen Grund zum Saufen, Lucius!«, frotzelte ein anderer, und Gelächter brandete auf.

Die Einzigen, die nicht mit einstimmten und schnell zum Ausgang strebten, waren einige Vertreter des Militärs. Sie waren an ihren blank polierten, bronzenen Brustharnischen zu erkennen, an denen bunte Umhänge befestigt waren, die über ihre Rücken fielen. Grimmig dreinblickend setzten sie im Hinausgehen ihre mit Federn geschmückten Prunkhelme auf.

»Raus mit der Sprache, Vater. Was ist los?«, hakte Lucretia nach. Ihre Neugier war geweckt.

Sie schoben sich ein paar Fuß vor, um Platz für die nachrückenden Dekurionen zu machen, und blieben mitten auf dem Adlermosaik stehen. Lucretias Vater Magnus Veturius stammte aus der Provinz Mauretania Tingitana und war an der nordwestlichsten Spitze Afrikas nahe der kleinen Stadt Septem Fratres aufgewachsen, unweit der Säulen des Herkules, die die Grenze von Mittelmeer und dem endlosen Oceanus markierten. Er war Anfang fünfzig, wirkte aber jünger, und in seinem kurz geschorenen pechschwarzen Schopf fand sich kaum ein graues Haar. Seine Haut war dunkler als die aller anderen im Rat, doch man war den Anblick von Menschen verschiedenster Herkunft in der Colonia gewohnt, da Männer aus allen Winkeln des Imperiums in der Armee dienten. Auch Magnus hatte es auf diese Weise nach Germanien verschlagen. Zwei Jahrzehnte lang hatte er für Rom gekämpft und beim Bau von Straßen und Wasserleitungen mitgewirkt. Die vielen Narben an seinem Körper zeugten von den geschlagenen Schlachten, und zwei Finger seiner linken Hand waren kurz vor Ende seiner Dienstzeit auf einem Schlachtfeld beim zerstörten Kastell Vetera geblieben, wo sich seine Legion den aufständischen Batavern entgegengestellt hatte. Magnus Veturius verbarg diese Verwundung nicht. Jeder sollte ihm seine Vergangenheit als Soldat ansehen. Nach seiner Pensionierung hatte er eine beeindruckende Karriere hingelegt, die ihn bis ins höchste Gremium der Stadt befördert hatte.

»Wie du weißt, gehört das Germanien links des Rhenus offiziell zu Gallien«, hob ihr Vater an, nachdem er kurz Luft geholt hatte. »Zumindest hat es das bis vor ein paar Stunden. Denn Kaiser Domitian hat die Einrichtung zweier neuer, eigenständiger germanischer Provinzen angeordnet. Germania Superior weiter südlich mit der Hauptstadt Mogontiacum, und Germania Inferior …«

»… mit unserer Colonia als Hauptstadt?«, spekulierte Lucretia. Nun verstand sie die gute Laune der Würdenträger, von denen viele noch eifrig diskutierend in der Eingangshalle verblieben waren. Die Grenzstadt hatte aufgrund ihrer Größe und Lage schon zuvor eine große strategische und damit politische Bedeutung gehabt, aber eine Aufwertung zur Provinzhauptstadt bedeutete einen enormen Prestigegewinn. Sie würde damit in einer Reihe mit altehrwürdigen Städten wie Alexandria, Karthago und Athen stehen.

»Die Offiziere, die ich eben gesehen habe, wirkten allerdings weniger begeistert«, schob Lucretia nach.

»Das hast du gut beobachtet«, sagte Magnus und lächelte. Er war stolz darauf, wie politisch interessiert seine Jüngste war – anders als ihre große Schwester Claudia, der selten mehr durch den Kopf ging als Mode und Gastmahle. »Durch die Umstrukturierung verliert das Militär hier etwas an Einfluss«, setzte er seine Erklärung fort.

»Weiß man schon, wer unser erster Statthalter sein wird?«, wollte Lucretia wissen.

»Ja. Sein Name ist Lappius – Aulus Bucius Lappius. Er stammt aus einem altehrwürdigen römischen Geschlecht und ist Senator, wie schon sein Vater vor ihm, der sehr angesehen war. Man sagt, Lappius sei einer mit einem eigenen Kopf, eigenen Ideen«, erklärte Magnus nachdenklich. »Allerdings ist er noch ziemlich jung und verdankt seinen schnellen Aufstieg wohl einer persönlichen Freundschaft mit dem Kaiser. Das ist alles, was wir über ihn in Erfahrung bringen konnten, und ich fürchte, das meiste davon ist nur Gerücht.«

»Und wann nimmt der große Unbekannte seinen neuen Posten ein?«

»Sehr bald. Am letzten Tag der Floralien«, antwortete ihr Vater mit leichter Verwunderung. Das Ausmaß und die Schnelligkeit dieser Umwälzung schien er in diesem Moment erst richtig zu begreifen.

»Das ist ja schon in fünf Tagen«, rechnete Lucretia nach.

Das war in der Tat viel Neues auf einmal, und die Hektik, die sich zunehmend in die Freude des Kollegiums gemischt hatte, war nun umso verständlicher – galt es doch, schnell einen würdigen Empfang für den hohen Herrn aus Rom zu organisieren.

»Lasst mich endlich los, ihr Verrückten!«, brüllte da jemand mit germanischem Akzent aus voller Kehle, und seine tiefe Stimme hallte von den Wänden wider.

»Klappe halten!«, erwiderte eine zweite Männerstimme in etwas besserem Latein nur wenig leiser.

Die Halle hatte sich inzwischen weiter geleert, und die letzten verbliebenen Mitglieder des Kollegiums drehten sich neugierig um. Lucretia folgte ihren Blicken und erblickte vier Männer in einfachen Tuniken, wahrscheinlich Handwerker oder Bauern, die gemeinsam einen fünften Burschen in die Halle schleppten. Einen Germanen, der sich nach Kräften wehrte.

»Ihr habt den Falschen, ihr Idioten!«, fluchte der blonde Mann und versuchte, um sich zu treten, doch die zwei Männer vorn hatten seine Beine fest im Griff, während die zwei hinteren ihn an den Armen hielten.

»Ich werde meiner Freiheit beraubt, steht nicht blöd rum und glotzt!«, fauchte der Germane, als er die entgeisterten Gesichter der Anwesenden sah. Aber keiner der Ratsherren schritt ein, niemand wusste ja, worum es hier ging.

»Beraubt, ha! Der Räuber hier bist du!«, grunzte der verschwitzte Mann, der seinen rechten Arm umklammerte.

Auch Lucretia und ihr Vater gesellten sich zur Traube von Gaffern, die sich schnell um die merkwürdigen Besucher geschart hatte.

»Wo geht’s hier zum Gerichtssaal?«, blaffte der kräftige Mann, der den rechten Unterschenkel des Germanen fest unter seine Achsel geklemmt hielt.

»Dort entlang!«, sagte Lucretias Vater höflich und deutete auf das offen stehende Tor unter dem Matronenbild.

»Ihr macht einen großen Fehler. Einen großen Fehler!«, wütete der Blonde, der es als gewaltige Demütigung empfinden musste, wie ein Sack Rüben einfach weggeschleppt zu werden.

»Lasst ihn los«, war jetzt eine ruhige, entschiedene Stimme zu hören.

Es war die von Quintus, der sich einen Weg durch die Menge der Schaulustigen bahnte.

Lucretia sah den Mann in der beigen Toga, der Schriftrollen unter dem Arm trug, nun zum ersten Mal aus nächster Nähe und war erstaunt, wie groß er war.

»Wenn wir ihn loslassen, rennt er doch weg«, erklärte derjenige, der das linke Bein des Blonden festhielt.

»Er muss verurteilt werden für seine Untaten«, fügte einer seiner Mitstreiter hinzu.

Offenbar wurden die Mitglieder der Kurie hier Zeugen einer Festnahme. Dem widerspenstigen Germanen wurde ein Verbrechen vorgeworfen, und die Männer wollten ihn vor Gericht stellen. Ein solcher Vorgang war nicht ungewöhnlich. Denn einen Polizeiapparat, der rund um die Uhr Verbrecher jagte, gab es nicht, und das Aufrechterhalten der öffentlichen Ordnung unterlag den Stadtwachen und der Feuerwehr, wobei die Kompetenzen allerdings nicht klar geregelt waren. Wer jemanden eines Verbrechens überführen wollte, musste das also auf eigene Faust tun – und wer diese Person vor Gericht stellen wollte, hatte sich auch selbst darum zu kümmern, dass sie dort erschien.

Quintus betrachtete den Verschleppten und hatte Mitleid mit ihm. »Lasst uns in Ruhe darüber reden«, schlug er vor. »Euer Gefangener ist sicher ein Ehrenmann und wird nicht feige davonrennen.«

Die vier Männer zögerten kurz, stellten den Blonden dann aber doch auf die Füße und traten ein paar Schritte zurück. Der Germane zog sein weites moosgrünes Wollhemd zurecht und fuhr sich durch seine gepflegten, aber nun zerzausten schulterlangen Haare, um sie zu glätten. Überhaupt war er keine wilde Erscheinung, seine Kleidung war sauber, und er trug kniehohe Stiefel aus Wildleder, wie sie bei den Brukterern beliebt waren.

»Wie heißt du?«, verlangte Quintus zu wissen.

»Fridolf«, sagte der Blonde mürrisch. Dass er keinen latinisierten Namen hatte, war ein deutlicher Hinweis darauf, dass er kein römischer Staatsbürger war. »Ich habe nichts Unrechtes getan!«

Der letzte Satz löste abschätziges Murren bei den vier Männern aus, die ihn hergeschafft hatten.

»Und ob! Deshalb haben wir ihn ja festgenommen«, sagte der, der den rechten Arm des Gefangenen gehalten hatte.

»Solange ihr keine Klage eingereicht habt und es keine entsprechende richterliche Genehmigung gibt, habt ihr dazu keine Befugnis – so handelt es sich um eine Entführung«, rutschte es Lucretia heraus.

Mit einem Mal herrschte Stille, und alle sahen sie verblüfft an. Dass die junge Frau, die brav neben ihrem Vater stand, plötzlich das Wort ergriff und dazu noch Fundiertes zu sagen hatte, war höchst irritierend. Auch Quintus, dem Lucretia bisher gar nicht aufgefallen war, war überrascht.

»Da hat die Dame völlig recht«, pflichtete er ihr schließlich bei.

Für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Unwillkürlich lächelte Lucretia, und Quintus nickte ihr anerkennend zu.

»Was mischt ihr euch hier überhaupt ein?«, hatte nun der Kräftige seine Stimme wiedergefunden.

»Ich arbeite hier. Ich bin Rechtsanwalt.«

»Und deswegen glaubst du, alles zu wissen?«

»Ich kenne das Zwölftafelgesetz auswendig. Du etwa nicht?«, konterte Quintus.

Er wollte die Sache schnell zu einem Ende zu bringen, da sein zweiter Gerichtstermin an diesem Tag unmittelbar bevorstand.

»Was wird ihm vorgeworfen?«, fragte er die Männer.

»Er ist Teil der Bande, die seit Wochen im Umland die Höfe ausplündert«, erklärte der Kräftige.

Quintus ging ein Licht auf. Wahrscheinlich hatte Pola mit ihrer Truppe einen dieser Überfälle nachspielen müssen.

»Ein Dieb! Einer, der vor nichts zurückschreckt!«, echauffierte sich der Verschwitzte.

»Ihr habt ihn also auf frischer Tat ertappt? Das ist mutig, ihr verdient meine Bewunderung«, sagte Quintus.

Lucretia unterdrückte ein Grinsen. Sie begriff, in welche Falle er die Männer schickte.

»Äh, nein, ganz so war es nicht«, lenkte einer von ihnen etwas kleinlauter ein.

»Also wisst ihr es nur vom Hörensagen?«, fragte Quintus mit gespielter Verwunderung.

»Es gibt einen Zeugen, den Färber Marius!«, insistierte ein anderer der vier, der nicht bereit war, sich so schnell geschlagen zu geben.

»Wenn ihr Fridolf wirklich vor Gericht stellen wollt, muss einer von euch offizielle Anklage erheben, sonst kommt kein Prozess in Gang. Derjenige trägt dann die Verantwortung für alles, was sich daraus ergibt«, erklärte Quintus und hoffte, dass diese unangenehme Aussicht reichen würde, um die Sache hier und jetzt zu beenden.

Die vier Männer sahen sich fragend an. Einer von ihnen zuckte mit den Achseln, ein anderer kratzte sich am Kopf und starrte an die Decke. Doch der Kräftige, ein sonnengegerbter Mann, den Quintus aufgrund seiner hohen Wangenknochen und leicht mandelförmigen Augen als Sarmaten erkannte, trat schließlich vor und sagte mit um Festigkeit bemühter Stimme: »Ich, Publius Hostilius, klage diesen Mann an.«

»Du Hund, du blöder!«, fauchte Fridolf und wollte sich wütend auf ihn stürzen, aber Quintus, der, wenngleich nicht trainiert, doch durch sein Körpergewicht mit einiger Kraft ausgestattet war, hielt ihn zurück.

»Ruhe jetzt«, forderte er mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. »Geht nach Hause, ein Gerichtsdiener wird euch informieren, sobald ein Verhandlungstermin feststeht.«

Den Männern fiel keine weitere Frage oder Provokation ein, und sie blickten sich betreten um. Nur Hostilius, der kräftige, wagte einen Schritt nach vorn.

»Wer garantiert mir, dass der da auch wirklich vor Gericht erscheint, und nicht einfach verschwindet?«, blaffte er und machte eine verächtliche Kopfbewegung in Richtung des mutmaßlichen Verbrechers.

Fridolf brauste auf: »Ich bin ein Ehrenmann, ich würde niemals …«

Doch Quintus brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Als Anklageführer ist es deine Aufgabe, für sein Erscheinen zu sorgen, wusstest du das nicht?«, wandte er sich an Hostilius. Der wirkte überrumpelt.

»Ich gehe davon aus, dass du über einen sicheren Ort verfügst, an dem du den Angeklagten bewachen und versorgen kannst«, setzte Quintus nach.

»Versorgen?« Hostilius kratzte sich unsicher am Ohr.

»Natürlich. Rechte und Pflichten gehen Hand in Hand. Ich kann dir nur raten, den Angeklagten wohlgenährt und bei bester Gesundheit zur Verhandlung zu führen. Bis zur Verkündung des Urteilsspruchs gilt er als unschuldig. Und einen Unschuldigen zu misshandeln würde ein unschönes Licht auf deinen Charakter werfen, meinst du nicht auch?«

Hostilius wurde sichtlich nervös. Diesen Aufwand hatte er offenbar nicht erwartet. Hilfesuchend blickte er zu seinen Kumpanen, doch die zuckten nur ratlos mit den Schultern. »Wenn es euch zu viel ist, steht es euch natürlich frei, die Anklage zurückzuziehen«, sagte Quintus und schaute Hostilius abwartend an, der rot anlief und offensichtlich mit sich rang.

Lucretia war beeindruckt davon, wie gut sich Quintus allein nur mit Worten durchsetzen konnte – und stolz darauf, selbst ein wenig zur Sache beigetragen zu haben. Vom siebten bis zum zwölften Lebensjahr hatte sie einen Hauslehrer gehabt, den Griechen Menelaos, einen wortkargen, äußerst gebildeten Thebaner. Er hatte ihr nicht nur das Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht – was die meisten Frauen nicht beherrschten, da man meinte, dass sie derlei Fähigkeiten nicht benötigten –, sondern in seinen Unterricht auch Exkurse über Astronomie und das Rechtssystem eingeflochten. Letzteres hielt Menelaos, der die Römer allgemein als unflätige Emporkömmlinge verachtete, für die beste, nein, die einzig gute Erfindung des Imperiums. Lucretia war ihrem Vater bis heute dankbar, dass er, ihrem Wunsch entsprechend, diese Investition in ihre Ausbildung getätigt hatte. Aber vielleicht war das auch nicht ganz ohne Hintergedanken geschehen, denn Magnus hatte keine männlichen Nachkommen, und Claudia war nicht geeignet, eines Tages das Unternehmen zu führen. Vielleicht hoffte er, dass seine jüngere Tochter das übernehmen könnte. Frauen hatten kaum Möglichkeiten, etwas anderes zu werden als Gattin und Mutter, doch Geschäfte leiten durften sie.

»Ja gut, dann nehm’ ich ihn halt mit«, brummte Hostilius, dessen Gesicht die Farbe eines gekochten Hummers angenommen hatte. Trotzig packte er Fridolf wieder am Arm. Quintus seufzte innerlich, doch den Versuch war es wert gewesen.

Der Zorn des Bezichtigten schlug in Verzweiflung um. Schweigend und tief atmend stand er da. Es schien, als wisse der Mann gar nicht, wie ihm geschah, und Quintus stufte seine Gefühlsregungen als ehrlich ein.

»Wie soll ich einen Prozess überstehen? Ich habe keinen Anwalt«, sagte der Germane, als Hostilius begann, ihn wegzuzerren.

»Vielleicht doch«, erwiderte Quintus und schloss zu ihnen auf. »Ich habe gleich noch eine Verhandlung, aber danach würde ich gern mit Fridolf sprechen«, eröffnete er Hostilius. »Bitte wartet draußen auf mich.«

»Wie, warten?«, patzte Hostilius sichtlich genervt. »Ich hab keine Zeit, ich muss noch …«

»Rechte und Pflichten, Publius Hostilius, Rechte und Pflichten«, mahnte Quintus.

Hostilius starrte ihn einen Moment an, nickte dann zähneknirschend und stapfte mit Fridolf im Schlepptau in Richtung Forum. Seine Freunde folgten ihm mit einer gewissen Erleichterung, selbst nicht in der Verantwortung zu stehen.

Quintus blickte ihnen einen Moment nachdenklich hinterher und eilte dann zum Gerichtssaal. Sein nächster Mandant wartete bestimmt schon auf ihn.

Die Traube der Dekurionen löste sich langsam auf, und auch Magnus Veturius wandte sich zum Gehen, doch Lucretia konnte sich nur schwer losreißen. Die denkwürdige Szene, die sie eben miterlebt hatte, warf in ihrem Kopf tausend Fragen auf.

Aber sie wusste auch, dass die Toleranz ihres Vaters gegenüber ihrer Neugier, so großzügig sie sonst auch bemessen war, Grenzen hatte, und folgte ihm schnell.

»Ein überaus interessanter Tag«, stellte Magnus mit einem Hauch Ironie fest.

»Und er ist noch nicht mal vorbei«, ergänzte Lucretia, die den trockenen Humor ihres Vaters schätzte. Sie beschloss, die Sache im Auge zu behalten und in Erfahrung zu bringen, wann der Prozess gegen diesen Fridolf beginnen würde. Den wollte sie sich auf keinen Fall entgehen lassen.

»Schauen wir, dass wir deine Mutter finden. Wollen wir wetten, dass sie am Parfümstand ist?«

»Wo sonst.«