Quintus packte seine Sachen zusammen. Die zweite Gerichtsverhandlung des Tages war nicht zu seiner vollen Zufriedenheit verlaufen, doch auch die Gegenseite hatte am Ende Zugeständnisse machen müssen, also ließ sich das Ergebnis verkraften. Der Gerichtssaal leerte sich schnell. Der Fall hatte nicht im gleichen Maße das öffentliche Interesse geweckt wie der am Morgen, und so waren nur sehr wenige Zuschauer zugegen gewesen. Die Sonne war inzwischen um das Südende des Saals gewandert und schickte nun ihre schwächer werdenden Strahlen durch die Fensteröffnungen in der Westwand. Zwei Sklaven fegten mit Reisigbesen den Boden. Richter Orata, der auch diesen Fall verhandelt hatte, legte Wert auf Sauberkeit. In seiner hochstehenden Rolle als Prätor Urbanus war er der einzige Träger eines Schlüssels für das Tor zum Gerichtssaal.
Quintus beschloss, dem Prätor den neuen Fall, der sich abzeichnete, noch nicht anzutragen. Er wollte erst mehr über die Hintergründe in Erfahrung bringen, bevor er dem Germanen Fridolf seine Hilfe zusagte. Außerdem war er mit seiner Konzentration am Ende und hatte für diesen Tag mehr als genug geredet. Was nicht hieß, dass er Grund zur Klage gehabt hätte – als Selbständiger konnte er sich auf keine regelmäßige Auftragslage verlassen, und manch einer der alteingesessenen Vertreter genoss mehr Vertrauen als er. Zwar sprach sich sein Talent mittlerweile herum, aber noch stand er nicht in der ersten Reihe. Zwei Fälle an einem Tag abwickeln zu dürfen, die zudem überdurchschnittlich bezahlt waren, stellte ein seltenes Glück dar. Quintus verabschiedete sich von Orata und verließ den Saal. Er nickte auch den zwei Wachen höflich zu, die sicher froh waren, endlich Feierabend machen zu können, nachdem die Verhandlung sich länger hingezogen hatte als erwartet.
Als Quintus das Prätorium verließ, ergoss sich die Abendsonne immer noch warm über die umliegenden dreistöckigen Wohnblöcke. In der Straße, die vor dem Prätorium verlief, herrschte ausgelassenes Treiben. Die Türen und Fenster der Häuser waren mit Blumengirlanden geschmückt. Eine bunt gewandete Gruppe junger Frauen und Männer, schon merklich angetrunken, schob sich lachend an ihm vorbei. Dass dies der erste Abend der Floralien war, konnte man nicht nur sehen, sondern auch hören – die schiefen Gesänge Betrunkener schallten ebenso durch die Straßen wie das rhythmische Schlagen der Trommeln, zu denen viele Menschen ausgelassen tanzten. Überhaupt wurde auf allem getrommelt, was Töne machte.
Hostilius hatte tatsächlich auf Quintus gewartet. Mit missmutigem Gesicht stand er neben seinem Gefangenen Fridolf, der auf der Bordsteinkante hockte und dem Treiben auf dem Cardo Maximus, der zwanzig Fuß breiten Nord-Süd-Achse der Stadt, zuschaute. Als Hostilius Quintus erblickte, setzte er sofort genervt an, etwas zu sagen, doch der Anwalt ließ ihn nicht zu Wort kommen.
»Danke, dass du so lange gewartet hast, Hostilius. Ich wusste, du bist ein Mann von Ehre. Darf ich?« Er deutete auf Fridolf, und Hostilius nickte leicht verwirrt.
Fridolf erhob sich zögerlich und machte einen Schritt auf Quintus zu.
»Danke für deine Hilfe vorhin«, sagte er.
»Du brauchst mir nicht zu danken. Ich bin Rechtsanwalt. Quintus Tibur mein Name.«
Sie schüttelten sich die Hand.
»Ich bin Brukterer. Von welchem Stamm bist du?«, fragte Fridolf neugierig.
Quintus hatte sich also nicht getäuscht.
»Meine Mutter ist Usipeterin«, erklärte Quintus. »Wir sprechen also einen sehr ähnlichen Dialekt und können gerne unsere Muttersprache nutzen, wenn es dir leichter fällt.«
»Nein, nein, ich muss Latein üben«, erklärte Fridolf, »sonst nimmt mich hier nie jemand ernst.«
Quintus wusste genau, wovon Fridolf redete. Die lateinische Sprache war der Schlüssel zur Integration. Wer sie beherrschte, konnte hier seinen Platz finden. Auch dem bloßen Versuch, sie zu sprechen, wurde Respekt gezollt. Quintus setzte sich in Bewegung und schlenderte die Straße hinab, Fridolf folgte ihm zaghaft, fast so, als schüchtere ihn die Stadt ein. Hostilius blieb an Fridolfs Seite. Er würde die beiden nicht aus den Augen lassen.
»Du wohnst nicht in der Colonia«, stellte Quintus fest. »Woher weißt du das?«
»Dann hättest du einen anderen Namen.«
»Du meinst, ich muss irgendwann meinen Namen ändern?«, fragte Fridolf mit spürbarem Unbehagen.
Hostilius stöhnte genervt auf. Quintus warf ihm einem mahnenden Blick zu, und er verstummte.
»Das wäre so, wenn du einen Wohnsitz in der Stadt ergattern könntest und damit das Bürgerrecht bekämst«, sagte Quintus zu Fridolf und wunderte sich über die Unwissenheit des Germanen, der offenbar noch nicht lange in Kontakt mit der römischen Welt stand.
Sie bogen um eine Straßenecke und stießen auf eine große Gruppe von Feiernden. Ein hübscher Bursche mit hell gepudertem Gesicht saß mit geschlossenen Augen auf dem Boden und schüttelte mit beiden Händen eine Rassel. Junge Frauen mit Blüten im Haar tanzten zu dem schnellen Rhythmus um ihn herum und wirkten dabei ganz verzückt.
»Darf ich mir den neuen Namen selbst aussuchen?«
»In der Regel bekommst du den Namen von der Person, die dich einbürgert, vom Statthalter oder vom Kaiser. Und deinen jetzigen Namen würdest du als Nachnamen behalten.«
»Aha«, sagte Fridolf. Ihm schien klarzuwerden, wie viel er noch zu lernen hatte. »Nun, vorerst muss ich wohl in meiner kleinen Hütte bleiben. Eine Meile nördlich der Stadt am Ufer.«
»Dann lebst du nicht bei deinem Stamm?«
Quintus musste an die Zeit zurückdenken, als er selbst seine Heimat verlassen hatte, um in einer Straßensiedlung vor den Toren der Colonia zu leben, angespornt von dem Traum, eines Tages Teil dieser Stadt zu sein.
»Nein, ich war es leid, immer nur auf Bäume zu starren«, lachte Fridolf.
Er wirkte wie ein einfacher Mann ohne Hintergedanken, auf eine Weise unverdorben, um die ihn Quintus fast beneidete. War ich damals auch so unbedarft? , fragte er sich.
»Es gibt in meinem Stamm einen alten Brauch«, wurde Fridolf nun ernst.
»Wie lange soll das hier noch gehen?«, mischte Hostilius sich ein.
»Mit jeder Unterbrechung länger«, wandte sich Quintus an ihn und blieb stehen. »Warum wartest du nicht in der Taverne, bis wir fertig sind?«
»Aber du hast selbst gesagt, ich muss ihn im Auge behalten«, sträubte sich Hostilius.
Quintus holte tief Luft. »Nun, im Moment bin ich ja da, um ihn an der Flucht zu hindern. Und es wäre mir sehr wichtig, einen Moment allein mit meinem potenziellen Klienten zu haben. Anwaltsgeheimnis. Das verstehst du sicher.«
Der Bauer zögerte.
»Hostilius, Rechte und –«
»Jaaaa, Rechte und Pflichten!« Genervt warf Hostilius die Hände in die Luft, dann ging er außer Hörweite, lehnte sich an eine Hauswand und starrte finster zu Fridolf herüber.
»So ist es besser, nicht wahr?«, schmunzelte Quintus.
Fridolf atmete auf. Sie setzten sich wieder in Bewegung, und Hostilius trottete ihnen von nun an in einigem Abstand hinterher.
»Du wolltest eben etwas über deinen Stamm sagen, über einen Brauch«, erinnerte Quintus.
»Richtig …« Fridolf sammelte sich. »Wenn ein Junge zum Mann wird, muss er eine Prüfung bestehen. Er wird von den Ältesten mit verbundenen Augen und barfuß tief in den finsteren Wald geführt und muss dann ohne Hilfe zurück ins Dorf finden. Wenn er das schafft, bekommt er einen Armreif, der ihn als Krieger ausweist.«
»Bei den Usipetern ist das ähnlich«, sagte Quintus.
»Als ich an der Reihe war, habe ich mich verlaufen«, erklärte Fridolf. »Das war nicht ungefährlich. So manchen Burschen holen sich die Wölfe oder Bären. Meinen besten Freund, der das ein halbes Jahr vor mir durchmachen musste, habe ich nie wieder gesehen. Ich bin also zwei Tage lang durch das Dickicht gestapft, bis meine Arme und Beine zerkratzt und meine Fersen blutig waren«, fuhr er fort.
»Am dritten Tag kam ich an den Rhein. Oder Rhenus, wie sie hier sagen. Die machen es sich leicht, die Römer, hängen einfach an alles ein us und behaupten dann, es gehöre ihnen.« Der Mann lachte auf, wurde aber schnell wieder ernst und fuhr mit seiner Geschichte fort: »Ich hatte noch nie so einen breiten Fluss gesehen, nein, überhaupt noch nie so viel Wasser auf einmal. Aber was mich noch mehr beeindruckt hat, war, was ich auf der anderen Seite erblickte. Da war eine Stadt, die tausendmal größer war als mein Dorf, umgeben von einem meilenlangen hölzernen Zaun und großen Türmen. Und dahinter Häuser, Häuser aus Stein! Und so viele! In meinen kühnsten Träumen hätte ich mir so etwas nicht ausmalen können. Dass Menschen so leben! Und so viele auf einem Fleck. Als ich da zum ersten Mal die Colonia gesehen habe, war mir sofort klar, dass ich eines Tages selbst dort leben wollte.«
Quintus verstand. Fridolf hatte einen Traum, und den konnte er nur zu gut nachvollziehen. Die Schilderung des Germanen berührte ihn, weil er vor langer Zeit eine ganz ähnliche Erfahrung gemacht hatte. Er selbst war damals noch ein Kind gewesen. Besonders der Anblick des gewaltigen weißen Altars hatte sich ihm eingeprägt. Er stand auf einem erhöhten Platz und man konnte ihn, ja sollte ihn über den Fluss und die hölzerne Stadtmauer hinweg sehen. Eine Verlockung für die Barbaren auf der anderen Seite des Stroms. So war es von Kaiser Augustus angeordnet und den Architekten geplant gewesen, und ganz offensichtlich funktionierte es. Bei ihm war es auf jeden Fall so gewesen.
»Ich fühle mich geehrt, dass du mir helfen willst«, unterbrach Fridolf seine Gedanken.
»Bevor ich das tue, habe ich allerdings noch einige Fragen«, war Quintus nun wieder ganz bei der Sache.
»Ich gebe dir jede Antwort, die du brauchst.«
»Bist du einer der Räuber, die die Landgüter überfallen, wie der Ankläger behauptet?«, fragte Quintus ihn streng und geradeheraus. Eine solche Direktheit provozierte oft Reaktionen, an denen sich viel ablesen ließ.
»Auf keinen Fall, ich nehme nichts, was mir nicht gehört!«, empörte sich Fridolf.
Quintus ließ das erst einmal so stehen. Ob der Mann schuldig war oder nicht, spielte im Prinzip keine Rolle. Es ging eigentlich nur darum herauszufinden, ob hier ein Fall vorlag, der sich gewinnen ließ. Quintus war Anwalt, kein Richter, und eine gewisse Neutralität zu wahren, schärfte den Verstand. Dazu gehörte auch, die mögliche Schuld des Klienten in Kauf zu nehmen.
»He, was guckt ihr denn so ernst drein? Flora muss ja weinen, wenn sie euch trübe Tassen so sieht!«, lallte da ein junger Mann, Nase und Wangen rot vom Wein, er drängte sich zwischen sie und hakte sich bei ihnen unter. »Ihr müsst saufen, Männer, saufen!«, rief er, und einige Männer und Frauen, die gerade dabei waren, sich ihre Holzbecher aus einer Amphore großzügig nachzufüllen, grölten bestätigend ein paar kaum verständliche Worte zurück.
»Vielen Dank«, lehnte Fridolf höflich ab.
Der junge Mann zuckte mit den Schultern und tanzte, ein Lied auf den gespitzten Lippen, wieder von dannen.
Hinter ihnen hustete Hostilius jetzt hörbar, wohl um an seine Anwesenheit zu erinnern und Quintus zur Eile zu mahnen.
»Aber du hast von den Vorfällen gehört?«, nahm der den Faden wieder auf.
»Na ja, was so geredet wird«, erklärte Fridolf. »Man sagt, es sei eine Gruppe von zehn oder zwanzig Mann. Germanische Krieger. Auf Pferden. Schwer bewaffnet. Die nehmen ganz schöne Strapazen auf sich.«
»Wie meinst du das?«, fragte Quintus.
»Na, sie müssen doch irgendwie über das Wasser. Da brauchen sie mehrere Flöße, und zwar große, wenn sie mit Pferden unterwegs sind. Und das Ganze immer bei Dunkelheit. Und bei der Strömung, stell dir das nur mal vor!«
Quintus nickte. Ein interessanter Gedanke. Der Rhenus war von Wachtürmen aus gut zu überblicken, und wenn der Mond schien, auch nachts. Die Räuber mussten also ein ganzes Stück weiter weg übersetzen, um nicht sofort bemerkt zu werden. Zumal sie angreifbar waren, solange sie im mächtigen Strom trieben. Für jeden Raubzug den riesigen Fluss zu überqueren, stellte schon ein immenses Risiko dar. Aber offenbar schien sich der Aufwand für die Halunken zu lohnen. Gier konnte einem Menschen Flügel verleihen und ihn jede Vorsicht vergessen lassen. Das wusste Quintus, der schon mehr als einmal Morde mit solchem Motiv vor Gericht verhandelt hatte, nur zu gut.
Er musste daran denken, mit welcher Vehemenz die vier Männer Fridolf ins Prätorium geschleppt hatten. Hatten sie etwa ein persönliches Motiv?
»Sag mal, diese Kerle«, setzte Quintus an, »bist du denen irgendwie krummgekommen? Hast du einem von ihnen geschäftlich geschadet oder bist du einer von ihren Frauen nachgestiegen?«
»Nein!«, rief Fridolf aus. »Deshalb war ich ja so überrumpelt. Ich habe die Kerle noch nie zuvor gesehen. Plötzlich sind sie da gewesen und haben mich gepackt. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah.«
Quintus wägte ab. Wenn Fridolf die Wahrheit sagte, war an der Sache etwas faul. Aber vielleicht log er auch, und es war ihm zu peinlich, eine persönliche Verfehlung vor Quintus zuzugeben.
Fridolf wollte noch etwas hinzufügen, verstummte aber, weil ohrenbetäubende, schräge Trompetentöne hinter ihm erschallten. Ein splitternackter Greis überholte sie im Laufschritt, seine welke Männlichkeit schwang bei jedem Schritt hin und her. Um den Oberkörper trug er eine Bucina, eine schwere, zu einem Kreis gebogene Tuba von bestimmt drei Fuß Durchmesser, wie sie bei der Armee üblich war, um Befehle über weite Distanzen zu übermitteln. Wie zu hören war, beherrschte der Alte das Instrument in keiner Weise, war aber hingerissen von dem blechernen Dröhnen, das sich damit erzeugen ließ. Wo er die wohl herhatte? Er nahm Fridolf und Quintus kaum wahr, seine Augen waren rot unterlaufen und die Pupillen geweitet. Nur Bacchus wusste, was und wie viel der Kerl getrunken hatte.
»Geht es hier immer so hoch her?«, wunderte sich Fridolf, der schon viel von der Feierlust der Römer gehört hatte.
»Nein, nein. Nur zu den Floralien. Ein Frühlingsfest, das fast eine Woche dauert. Es ist selbst für unsere Gewohnheiten extrem«, erklärte Quintus.
»Eine ganze Woche? O weh, das gibt einen Kater«, sagte Fridolf. »Was den Fluss angeht, weiß ich, wovon ich rede«, kam der Germane zum eigentlichen Thema zurück, »ich lebe von der Jagd. An einem kleinen Stand auf dem Markt biete ich mein Fleisch an. Links des Rheins habt ihr ja alles abgeholzt, und es sind überall Äcker, da erwische ich mit Bogen und Speer nur ein paar Hasen und höchstens mal ein Reh. Einmal in der Woche lasse ich mich aber von einem Fährmann auf die andere Seite bringen. Dabei fürchte ich mich jedes Mal ein wenig, weil ich nicht gut schwimmen kann. Und rüberzukommen dauert fast eine halbe Stunde. Im Wald drüben findet sich da aber viel mehr, mal ein prächtiger Hirsch, mal sogar ein junger Bär. Die Römer zahlen viel für Bärenfleisch.«
»Frau und Kinder hast du keine?«, wollte Quintus wissen. Fridolf schüttelte den Kopf. »Und deine Geschwister oder ein paar Freunde sind dir auch nicht hierher gefolgt?«
»Nein, ich bin allein«, bestätigte Fridolf.
Quintus grübelte. Wenn das stimmte, war Fridolf auf sich gestellt und hatte von niemandem Hilfe zu erwarten. Er war der perfekte Sündenbock. Dass er mit Speer und Bogen umgehen und ohne zu zögern töten konnte – auch, wenn es nur Tiere waren –, kam erschwerend hinzu. Quintus konnte sich schon denken, was die Geschworenen von Fridolf halten würden. Und genau das machte ihn stutzig. Es wirkte fast so, als hätte jemand den Blonden genau zu diesem Zweck ausgewählt.
»Hallo, ihr zwei, trinkt mit uns!«, rief ihnen ein zarter Knabe mit Blumenkranz in den braunen Locken zu, löste sich aus seiner Gruppe und wirbelte kichernd um sie herum. Fridolf winkte höflich ab. Der Junge hielt inne, musterte Quintus angetan und meinte: »Du kannst von mir noch was ganz anderes haben.«
»Verheiratet!«, wehrte Quintus das Angebot ab.
Der Gelockte lachte schrill auf. »Der beste Grund, mal etwas anderes zu probieren. Du weißt ja gar nicht, was gut ist, Großer!«, rief er und hüpfte mit neckisch schwingenden Hüften davon.
»Ich bin bereit, alles zu tun, um meine Unschuld zu beweisen«, eröffnete Fridolf, »ich würde sogar ein glühendes Eisen in Händen halten und nicht fallen lassen, damit Wodan mir glaubt.«
»Sehr löblich«, meinte Quintus, »aber das wird nicht nötig sein. Wir erledigen diese Dinge hier auf andere Weise. Und die Götter bleiben dabei außen vor.« Er dachte kurz nach und verkündete dann den Entschluss, der in ihm gereift war: »Ich finde deinen Fall sehr interessant und werde dich vertreten.«
Fridolf war merklich erfreut. »Ich bekomme nicht viel Geld zusammen, aber du kannst alles haben, was ich besitze«, sagte er, »und notfalls stottere ich es nach und nach ab.«
»Danke für dein ehrenhaftes Angebot«, erwiderte Quintus, »aber ich werde dich pro bono vertreten.«
»Was heißt das?«
»Ohne Bezahlung«, erklärte Quintus. »Als Anwalt geht es mir um die Sache, nicht ums Geld.« Das stimmte nur halb, denn auch Quintus musste von etwas leben. Aber er hatte heute in wenigen Stunden so viel verdient wie sonst im ganzen letzten Jahr nicht, und das wertete er als Zeichen. Womöglich war das eine Aufforderung Merkurs, dem Schicksal seinen Tribut zu zollen.
»Das kann ich nicht annehmen«, sagte Fridolf, gekränkt in seinem germanischen Stolz.
»Einigen wir uns darauf: Wenn wir vor Gericht gewinnen, bringst du mir ein Jahr lang jede Woche einen Hasen vorbei, gehäutet und ausgenommen«, schlug Quintus vor.
»So soll es sein!«, willigte Fridolf erfreut ein, nur um kurz darauf nachdenklich hinzuzufügen: »Und was, wenn wir verlieren?«
Eine berechtigte Frage. Quintus räusperte sich. Er wusste, dass dem Jäger die Antwort nicht gefallen würde.
»Dann wirst du sterben.«
Fridolf blieb stehen und war für einen Augenblick still. Erst jetzt wurde ihm bewusst, welche Tragweite die Anklage hatte, die man gegen ihn erhob. Über seine Schulter warf er einen nervösen Blick auf seinen Bewacher Hostilius, der ihn weiterhin aus der Entfernung fixierte. Die Musik und die freudigen Rufe der blumengeschmückten Feiernden um sie herum bildeten jetzt einen fast spöttischen Kontrast zu Fridolfs aufkommender Furcht.
»Und es gibt keine mildere Strafe?«, fragte er leise.
»Nicht bei Raub, das ist ein schweres Vergehen«, erklärte Quintus. »Und erst recht nicht für dich, als Peregrin aus Germania Magna. Vor Gericht bist du hier ein Niemand«, eröffnete der Anwalt seinem neuen Mandanten ehrlich.
»Aber das ist doch nicht gerecht!«, empörte sich Fridolf. »Ich dachte, euer System sei so ausgefeilt.«
»Ist es auch. Es ist verflucht kompliziert und wird ständig von Rechtsgelehrten und dem Senat mit neuen Beschlüssen und Erweiterungen noch komplizierter gemacht …«, sagte Quintus, »und es ist bei weitem nicht perfekt. Aber lass dir gesagt sein, Fridolf, es ist besser als nichts.«
Der Brukterer nickte.
»Ich glaube, ich nehme jetzt doch einen Becher. Oder zwei«, rief Fridolf dem gelockten Knaben nach und steuerte auf die Gruppe zu. Unter lobendem Gejohle wurde ihm ein Becher gereicht.
Quintus folgte ihm. Er gab Hostilius ein Zeichen, der sich zögerlich zu ihnen gesellte, und drückte auch ihm einen Becher in die Hand. »Danke, das war sehr hilfreich. Fridolf wird dir keine Probleme bereiten, richtig?«
Der Brukterer nickte bestätigend.
Hostilius rang einen Moment mit sich, akzeptierte mit einem Nicken schließlich die versöhnliche Geste und nahm einen großen Schluck. Auch Quintus widmete sich nun seinem Wein. Am nächsten Tag würde er genug Probleme haben. Denn obwohl er an Fridolfs Unschuld glaubte, hatte er noch keine Ahnung, wie er sie beweisen sollte. Zu viel stand auf dem Spiel.