8

Kurz vor Sonnenuntergang näherten sich Lucretia und Nephele Claudias Landgut. Lucretias Vater hielt es für Geldverschwendung, eigene Sänftenträger zu beschäftigen, deren Dienste man nicht jeden Tag brauchte. Aber wenn es nicht anders ging, so wie an diesem Abend, konnte er sich für ein paar Sesterze die Träger eines Nachbarn ausleihen. Und die vier starken Burschen kamen gehörig ins Schwitzen, nicht nur, weil die Distanz bis zur westlich der Stadt gelegenen Villa Rustica ein paar Meilen betrug, sondern weil in der Sänfte, die sie schleppten, gleich zwei Frauen saßen – denn für die Sklavin eine eigene Sänfte zu mieten, wäre aus Magnus’ Sicht bei aller Wertschätzung für Nephele dann doch zu viel des Guten gewesen. Was er aber nicht wusste, war, dass Lucretia es nicht zuließ, dass ihre Ornatrix zu Fuß ging.

Das Gut lag auf einer kleinen Anhöhe, die ringsum von Äckern umgeben war. Das Land war hier ansonsten flach, und man konnte meilenweit sehen. Es gab nur wenige Bäume, und die gehörten zu den Obstgärten. Lucretia lugte durch den Vorhang der Sänfte und blickte auf braunen Matsch, so weit das Auge reichte. Im Sommer würden die Felder voller Weizen sein, der wie ein gelbes Meer sanft im Wind wogte, doch Ende April boten die Äcker noch einen trostlosen Anblick.

Die gesamte Umgebung der Colonia wurde landwirtschaftlich genutzt, meist von ehemaligen Armeeangehörigen. So war auch Plautus, Claudias Ehemann, an die Villa gekommen. Sein Vater, ein vielfach ausgezeichneter Offizier, hatte sie auf der Parzelle errichten lassen, die die Verwaltung ihm nach dem Ende seines Militärdienstes zugedacht hatte. Der war nun schon vor einigen Jahren gestorben, und so hatte Plautus das Haus geerbt. Er hatte es modernisiert und um einige Anbauten erweitert, allen voran um einen eigenen Badetrakt, da Claudia die Thermen der Stadt so sehr vermisste.

Jetzt wurde die Sänfte abgesetzt.

»Wir sind da, edle Dame«, sagte einer der Träger.

Der Platz vor der Villa war mit Kies bedeckt, so dass man trockenen Fußes zum Hauptgebäude gelangen konnte. Zu beiden Seiten des Vorplatzes standen dicht an dicht zahlreiche weitere Sänften, die meisten kunstvoll in ihrer Ausführung. Es war Geld anwesend. Die Erscheinung der dazugehörigen Träger, die prächtig gekleidet waren und sich das Warten mit Würfelspiel und Unterhaltung vertrieben, unterstrich diesen Eindruck noch.

Nephele folgte Lucretia, die auf das Haupthaus zuging. Es war der mittlere und größte Teil des u-förmigen Gebäudekomplexes. Der linke Trakt war der landwirtschaftlichen Nutzung vorbehalten und im rechten, dem neuesten Anbau, waren Küche und Bad untergebracht. Überdachte Gänge, von Holzpfeilern gestützt, waren den Gebäuden vorgelagert und verbanden die drei Teile miteinander. Wie die Häuser in der Stadt waren die des Landgutes ebenfalls weiß getüncht und mit den typischen hellroten tönernen Dachziegeln gedeckt.

Lucretia hielt auf den Haupteingang zu, dessen große dunkelbraune Torflügel weit offen standen. Musik schallte heraus. Lucretia hörte das Schlagen einer Trommel und das ekstatische Spiel einer Flöte, das sich mit dem Stimmengewirr und Gelächter der Gäste mischte.

»Tu nichts, was ich nicht auch tun würde«, riet Nephele ihrer Herrin scherzhaft.

»Du tust immer so brav, dabei ist dir sicher einiges zuzutrauen«, konterte Lucretia.

Sie war aufgeregt. Mit vielen Menschen in einem Raum zu sein, behagte ihr nicht. Ganz im Gegensatz zur Gastgeberin. Als Claudia ihre kleine Schwester erblickte, steuerte sie gleich auf sie zu, wobei sie sich elegant durch die zahlreichen Besucher manövrierte.

»Lucretia! Wie schön, dass du gekommen bist«, flötete Claudia und drückte Lucretia an sich. Nephele beachtete sie hingegen gar nicht. Die war es gewohnt, unsichtbar zu sein, und sah sich nach einer ruhigen Ecke um, von der aus sie alles beobachten und ihrer Herrin schnell zu Diensten sein könnte.

»Wein! Plautus! Bring Wein für mein Schwesterherz!«, rief Claudia in die Halle. Dabei verrutschten ihr ein paar Silben. Offenbar hatte sie selbst dem Rebensaft schon ausgiebig zugesprochen. »Umwerfend siehst du aus!« Sie musterte Lucretia mit großen Augen und tippte ihr spielerisch gegen das Brustbein. Claudia sah aus wie eine jüngere Ausgabe ihrer Mutter. Sie wirkte sehr italienisch, die dunkle Haut des Vaters schlug bei ihr weniger durch. Seit sie verheiratet war, hatte sie ein paar Pfund zugenommen, die ihr aber gut standen. Sie war barfuß und trug eine luxuriöse rote Stola. Um den Hals baumelte eine goldene Kette, deren Protzigkeit ihrer Mutter die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte. Allzu großes Ausstellen von Luxus war unter Römern der besseren Gesellschaft verpönt, das offizielle Ideal der Kultur war immer noch ein asketisches, soldatisches. Doch die Zeiten änderten sich. Claudia tat, was ihr gefiel. Hier konnte sie es – und das war auch ein Grund, warum sie hierher zu Plautus gezogen war, weit weg von Cäcilia und ihren Regeln.

»Wein kommt sofort«, sagte eine Stimme, und die Frauen drehten sich um.

Plautus, Claudias Ehemann, stand vor ihnen. Abgesehen von einem Lorbeerkranz auf dem Kopf trug er nichts. Lucretia erschrak kurz, was Plautus gefiel. Er liebte es zu provozieren. Er war als komischer Kauz bekannt. Obwohl sein Körper mit den dünnen Armen und dem runden Bäuchlein keineswegs dem Ideal einer griechischen Statue entsprach, fühlte er sich pudelwohl. Ihn scherte nicht, was andere über ihn dachten. Er war ein Freigeist, was Claudia für ihn eingenommen hatte. An der Seite jedes anderen Mannes wäre sie wahrscheinlich vor Langeweile eingegangen, aber in ihm hatte sie den Richtigen gefunden.

»Ich habe bei einem Trinkspiel verloren«, erklärte Plautus grinsend. In der rechten Hand hielt er ein Holztablett mit drei Bechern darauf. Einen frisch gefüllten reichte er Lucretia.

»Wenn ich da mitmachen muss, trinke ich lieber nichts«, sagte Lucretia skeptisch.

»Natürlich machst du mit! Wenn du den Becher nicht in einem Zug austrinken kannst, musst du dich ausziehen.«

»Was?«, entfuhr es Lucretia entsetzt.

»Meine Güte, Schwesterchen, er macht doch nur Spaß. Nimm ihn nicht zu ernst«, lachte Claudia.

Während Plautus davontänzelte, nippte Lucretia an dem Becher.

»Schmeckt irgendwie komisch«, sagte sie und kräuselte die Lippen.

»Ist mit Kräutern angereichert. Die werden dir guttun«, erklärte Claudia. »Und keine Sorge. Du musst heute nicht mehr zurück in die Colonia, du kannst bei uns übernachten, wir haben genug Platz.«

Lucretia nickte dankbar. Claudia drückte ihr einen Kuss auf die Wange, schenkte ihr einen liebevollen Blick und schwebte dann weiter zu anderen Gästen, die um ihre Aufmerksamkeit buhlten.

Lucretia sah sich um. Es war für die frühe Uhrzeit schon viel los, die Mehrzahl der Gäste schien bereits anwesend zu sein. In Grüppchen bevölkerten sie das gesamte Atrium, eine große Halle mit fünfzehn Fuß hohen Wänden. Diese waren in der unteren Hälfte olivgrün und mit orangefarbenen Rankenornamenten verziert, und in der oberen Hälfte blassgelb mit weißen dorischen Säulen bemalt, was den Raum nach oben hin heller wirken ließ. Die drei halbkreisförmigen verglasten Fenster, die in der oberen Hälfte genau über der Pforte angebracht waren und durch die das Licht der untergehenden Sonne fiel, verstärkten diesen Eindruck noch. Der Boden war aus grauem Marmor und im Zentrum des Raumes sprudelte ein kleiner, von einem achteckigen Becken eingefasster Springbrunnen, bei dem das Wasser aus dem Mund einer Forelle kam.

Überall im Raum waren Liegen aufgestellt, die mit Tierfellen und Wolldecken zum Verweilen einluden. Dazwischen standen niedrige Tische, die sich unter der Last der dargebotenen Leckereien fast bogen – bronzene und silberne Schalen und Teller voller gegrillter Fleischspieße, gebratener Fische und exotischer Früchte, die mühsam importiert werden und Claudia ein Vermögen gekostet haben mussten. Aber Plautus, ihr Mann, musste sich um Geld nicht sorgen, er hatte genug davon – wichtig war ihm nur der Genuss. Wärme und zusätzliches Licht spendeten zwei große Schalen, gefüllt mit rot glühender Holzkohle, die in eisernen Gestellen hingen. Deckel aus engmaschigem Stahlnetz, die darübergestülpt waren, hegten die Feuer ein.

Aus der Generation ihrer Eltern schien niemand anwesend zu sein, was Lucretia erfrischend fand. Junge Erwachsene, alle fein herausgeputzt, fläzten sich auf den Liegen oder prosteten sich im Stehen mit ihren Bechern zu. Auf der anderen Seite des Atriums erblickte Lucretia die beiden Musiker, die sie bereits gehört hatte. Eine Frau mit bronzefarbener Haut, kahl geschorenem Kopf und großer Nase, in der sie einen kleinen juwelenbesetzten Ring trug, schlug eine mit Ziegenleder bespannte Trommel. Vielleicht eine Perserin , dachte Lucretia. Neben ihr ein bärtiger Mann, der mit beiden Händen einen Aulos, eine doppelläufige Flöte, spielte und dazu tanzte. Er war ein Südländer, hatte aber helles Haar. Lucretia hielt ihn für einen Mazedonier. Obwohl er schon älter war, zog er mit seinem definierten, biegsamen Körper, den er geschickt zu bewegen verstand, auch verlangende Blicke manch junger Frau auf sich.

Da bemerkte Lucretia, wie Titus Bulbo auf sie zusteuerte. Reflexhaft sah sie sich nach einer Fluchtmöglichkeit um, doch es war zu spät, der junge Mann hatte sie schon erreicht.

»Lucretia, du auch hier?«, eröffnete er etwas ungeschickt das Gespräch. Er war sichtlich nervös.

Lucretia kannte Titus schon seit der Kindheit, sie waren im selben Viertel aufgewachsen. Er war der jüngste Spross einer der reichsten Familien der Stadt. Früher hatten sie miteinander gespielt und waren unschuldige Gefährten gewesen. Aber das Heranwachsen, nebst den körperlichen Veränderungen, die es mit sich brachte, hatte etwas zwischen ihnen verändert.

»Salve, Titus«, erwiderte Lucretia freundlich. »Ein Hoch auf Flora!«

»Das kannst du laut sagen«, fand Titus, und beide hoben ihre Becher.

Lucretia nahm einen großen Schluck. Sie mochte Titus, aber er war ihr in letzter Zeit zu aufdringlich geworden. Damals, als er einfach nur ihr bester Freund gewesen war, war alles viel einfacher gewesen.

»Ich habe gehofft, dass du kommst«, gab Titus zu und grinste Lucretia linkisch an.

Sie wusste nicht so recht, was sie darauf erwidern sollte und schwieg.

»Hier, ich habe ein Geschenk für dich«, sagte er und zog unter seinem Gewand einen metallenen Anhänger hervor, der an einer dünnen Lederschlaufe befestigt war. Er reichte ihn Lucretia.

»Danke, wie schön«, sagte sie höflich, während sie das silberne Schmuckstück betrachtete – es war ein erigierter Phallus, ja, zweifellos. Mit Flügeln an den Seiten. Zu den Floralien war es üblich, seinem Schwarm erotische Talismane zu schenken. Lucretia fühlte sich zwar geehrt, hätte aber lieber auf das Geschenk verzichtet. Titus war ein herzensguter Junge, aber sie konnte beim besten Willen nichts anderes in ihm sehen als ihren tollpatschigen Spielgefährten. Erst recht keinen Ehemann. Falls sie überhaupt Interesse für derlei Dinge gehegt hätte. Statt sich den Anhänger vor Titus’ Augen umzuhängen, was ihm womöglich falsche Hoffnungen gemacht hätte, behielt sie ihn in der Hand.

»Ich bereite im Badehaus gerade eine skythische Sauna vor«, raunte Titus und zwinkerte ihr zu.

»Was ist das? So eine Art Dampfbad?«

»Mit ganz besonderen Dämpfen. Die wilden Pferdemenschen aus Asia entspannen sich darin nach ihren langen Ritten. Es heißt, man kann vor Lachen sterben, wenn man sie einatmet.«

»Immerhin ein schöner Tod. Wie kommst du nur auf so was?«, fragte Lucretia.

»Klassische Bildung«, grinste Titus, »der gute alte Herodot hat vor vierhundert Jahren schon darüber geschrieben.«

Titus war ein Bücherwurm, was ihr sympathisch war, denn sie las selbst gerne. Er träumte davon, Arzt zu werden, und saugte alles über Medizin auf, was er in der Bibliothek, die oberhalb des Forums lag, in die Finger bekommen konnte. In Sachen Frauen jedoch hielt sich seine Bildung wie auch seine praktische Erfahrung noch sehr in Grenzen.

»Entschuldige mich kurz, ich muss austreten«, sagte Lucretia, die dringend nach einem Grund suchte, das Gespräch zu beenden. Die anderen Gäste beobachteten sie bereits, und sie wollte nicht, dass ein falscher Eindruck entstand. Ein guter Ruf war schnell ruiniert, und im Gegensatz zu Claudia war Lucretia das nicht völlig egal. Sie wandte sich zum Gehen. Nephele bemerkte es und folgte ihr.

»Verpass es nicht!«, rief Titus ihr hoffnungsvoll nach.

 

Lucretia wickelte den Anhänger, den Titus ihr geschenkt hatte, um ihren Gürtel und trat zusammen mit Nephele hinaus in die frische Luft der anbrechenden Nacht. Da sie den neuen Gebäudeteil mit Küche und Bad, auf den Claudia und Plautus so stolz waren, noch nicht gesehen hatte, war das eine gute Gelegenheit, ihn sich anzuschauen.

Als sie die Küche betrat, sahen die Sklaven, die dort Dienst taten, Lucretia verwirrt an. Der Älteste, der Oberkoch, kam mit fragender Miene auf sie zu, während er sich die Hände an einem Lappen sauber wischte.

»Herrin! Stimmt etwas nicht?«, wollte er besorgt wissen.

»Im Gegenteil«, beruhigte Lucretia den Mann, »es ist alles wunderbar, und ich wollte euch nur persönlich für dieses großartige Mahl danken.«

Die Gesichter der Sklaven hellten sich auf, viele nickten erleichtert. Claudia pflegte nicht viel Lob zu verteilen, das wusste Lucretia. Umso erfreuter waren sie über ihres.

»Meine Ornatrix würde gerne auch etwas essen«, sagte Lucretia mit einem Seitenblick auf Nephele.

»Setzt euch doch«, sagte der Oberkoch und schob die frisch gespülten Teller und Löffel beiseite, die sich am Kopfende des fünfzehn Fuß langen Küchentisches befanden.

Am anderen Ende waren zwei Sklavinnen damit beschäftigt, Gemüse für eine mit viel Meersalz gewürzte Brühe zu schneiden, die den Gästen zu fortgeschrittener Stunde den Kater vertreiben sollte. Eine der beiden lief sofort los und brachte einen Holzteller mit einem noch dampfenden Stück frischen Brotes und einer halben Hartwurst. Lucretia und Nephele labten sich beide daran. Sie fanden es hier in der Küche, bei den brodelnden Töpfen, die über Holzfeuern in mehreren Herden hingen, viel gemütlicher als im Atrium. Hier musste niemand mit seinem Schmuck prahlen oder den anderen mit seinen Sprüchen übertreffen. Der Geruch von Knoblauch und Zwiebeln hing in der Luft, und das Lachen der Sklaven war weitaus ehrlicher als das der Gecken in Claudias treuer Schar.

Lucretia fragte sich, wer all das Essen, das hier zubereitet wurde, vertilgen sollte. Allein das, was sich in der Halle befand, war mehr als genug.

»Deine Schwester hat wieder viel zu viel besorgt«, bemerkte auch Nephele.

»Ihre Augen waren schon immer größer als ihr Magen«, stöhnte Lucretia. »Aber Hauptsache, sie kann das halbe Forum leer kaufen und ist damit Tagesgespräch.«

»Nun, was die Gäste nicht essen, verdrücken die Sklaven schon im Lauf der Woche«, meinte Nephele.

Lucretia kaute nachdenklich an einem Stück Brot, als ihr plötzlich etwas einfiel. »Kennst du die Familie Cleitomachus? Die Nachbarn von Claudia?«

Nephele nickte. »Sehr nette Leute. Schon älter, oder?«

»Ja, seit dem letzten Winter fällt ihnen das Gehen schwer«, erklärte Lucretia und fügte etwas beschämt hinzu: »Deshalb hat Claudia sie natürlich nicht eingeladen. Glaubst du, sie würden sich über ein paar Leckereien freuen?«

»Sicher! Und darüber, dass jemand während der Floralien an sie denkt«, pflichtete Nephele ihr bei und schnitt sich ein weiteres Stück von der würzigen Wurst ab, die ihr sehr schmeckte.

»Gut«, sagte Lucretia. »Wir packen ein paar Sachen zusammen, die fehlen hier doch keinem, und bringen sie rüber. Zu Fuß sind es nur zehn Minuten.«

Nephele sah Lucretia gerührt an.

»Das ist eine liebe Idee«, sagte sie, »aber bleib du hier und lass dich drinnen mal wieder blicken. Ich bin gerne die Botin.«

Lucretia, die ganz froh war, dem Fest bisher weitgehend entkommen zu sein, seufzte: »Du hast ja recht. Wie immer.« Sie wandte sich an den Oberkoch: »Habt ihr vielleicht einen Korb für uns?«

 

Nachdem Nephele mit dem Essen aufgebrochen war, begab sich Lucretia zurück ins Atrium. Die Sonne war mittlerweile hinter dem Horizont verschwunden, und die Feier hatte Fahrt aufgenommen. Stimmen und Gelächter erfüllten den Raum. Vor allem Claudias unverkennbares, mitreißendes Lachen hallte von den Wänden wider. Sie und Plautus waren mit einigen Gästen ins Gespräch vertieft, und dem Bekleidungsgrad nach zu urteilen, war das nächste Trinkspiel in vollem Gang.

Die Musik war schneller und rhythmischer geworden, und einige Gäste wirbelten wild durch den Raum. Ein sichtlich betrunkener Mann hatte sich zu den Musikern gesellt und versuchte sich als Sänger. Leider hatte Apollo ihn nicht mit Talent bedacht. Sklaven mit Amphoren voller Wein bewegten sich geschickt durch die Menge und sorgten dafür, dass alle Becher stets gefüllt waren.

Im Springbrunnen entdeckte Lucretia eine nackte junge Frau, die verzückt das Wasser durch ihre Finger rinnen ließ. Die Forellenfigur im Brunnen trug nun einen Lorbeerkranz. Nur Titus konnte Lucretia nirgendwo entdecken und vermutete ihn in der Sauna. Unvermittelt packte einer der Tanzenden sie an den Hüften und versuchte, sie mit sich zu ziehen. Charmant lächelnd entwand sich Lucretia seinem Griff und schob sich schnell durch die Menge, bis sie zu einem kleinen Tisch mit allerlei bunten Früchten kam. Sie inspizierte die Auswahl und pflückte sich schließlich ein paar Weintrauben, belud einen Teller mit Obst und machte es sich auf einer freien Liege mit Ziegenfell bequem. Während sie an einem großen Melonenstück nagte, betrachtete sie das Treiben.

Die Musik schien noch einmal schneller und lauter geworden zu sein, wenn das überhaupt möglich war. Während einige Gäste sich wie sie am übervollen Buffet bedienten, vergnügten sich andere miteinander auf den Liegen. Zwei junge Männer tanzten langsam und eng umschlungen, unbeeindruckt vom Trubel um sie herum, in ihrer eigenen Welt versunken.

Die große Schwester hatte Lucretia schon oft damit aufgezogen, dass sie eine Spießerin wäre, dabei gönnte sie doch jedem seinen Spaß. Aber dabei mitzumachen und auf diese Art die Kontrolle zu verlieren, entsprach einfach nicht ihrer Natur. Jetzt verlor einer der wirbelnden Tänzer das Gleichgewicht und plumpste in den Springbrunnen, wo er die nackte Badende aufschreckte. Lucretia musste lachen und hätte sich fast an ein paar Melonenkernen verschluckt.

Plötzlich gab es ein lautes Scheppern, und ein markerschütternder Schrei bereitete dem Frohsinn ein jähes Ende. Die Musik verstummte, die Gäste hielten erschrocken inne und schauten sich irritiert um. Eine junge Frau mit aufwendiger blonder Perücke stand mit schreckgeweiteten Augen am Brunnen. Zu ihren Füßen lagen die Scherben eines Tellers, Fleischstücke, Obst und Brot. Lucretia folgte ihrem Blick.

Im Eingangstor stand zitternd eine alte Frau. Ihr graues Haar stand wirr ab. Aus einer Wunde am Kopf lief ihr Blut über Gesicht und Kleidung. Ihre Füße und Hände waren mit Schlamm bedeckt.

Lucretia war die Erste, die sich aus der Schockstarre löste. »Bei allen Göttern!«, rief sie und eilte auf die Frau zu.

»Hilfe. Wir brauchen … Hilfe«, stammelte Ariadna Cleitomachus mit ihrem leichten griechischen Akzent, den sie nie ganz abgelegt hatte.

Gerade noch rechtzeitig erreichte Lucretia die Nachbarin, bevor deren Beine nachgaben und sie in ihren Armen zusammensackte.

»Was ist passiert?«, fragte Lucretia alarmiert.

Die alte Dame rang nach Luft. Sie schien den unwegsamen Pfad über die Felder gerannt zu sein, so schnell es ihre schwachen Beine zugelassen hatten.

»Überfall«, flüsterte sie. »Männer. Barbaren … sie waren plötzlich … überall.«

Im Atrium war es so still geworden, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören.

Ein Überfall, verbreitete sich nun flüsternd die Kunde. Schon wieder …

»Die Germanen sind hier!«, rief plötzlich ein Mann.

»Was, wenn die als Nächstes hierher kommen?«, kreischte die Badende.

Auf einmal kam Bewegung in die eben noch erstarrte Festgesellschaft. Alle liefen aufgeregt durcheinander, schoben und schubsten sich gegenseitig. Weitere Teller fielen scheppernd zu Boden. Nackte und Halbnackte suchten panisch ihre Kleidung. Alle drängten zum Ausgang, sie wollten so schnell wie möglich zurück in die gut bewachte Stadt.

»Wartet, bleibt doch hier! Das Fest ist doch noch nicht vorbei!«, rief Claudia flehend und verlor beinahe das Gleichgewicht, als ein Mann den Saum seiner Toga unter ihren Füßen wegriss.

Die Einzige, die sich um die blutende Frau kümmerte, war Lucretia. Als sie ihr half, ein paar Schlucke Wasser zu trinken, fiel ihr plötzlich siedendheiß ein: »Was ist mit Nephele? War sie bei euch?«

Ariadna Cleitomachus nickte, und Tränen stiegen ihr in die Augen, doch sie konnte nichts sagen.

Lucretia stockte der Atem. Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt.

 

So schnell sie konnte rannte Lucretia über den Feldweg. Die zierlichen Sandalen und ihre bauschige Kleidung waren dabei eher hinderlich, doch die Angst trieb sie weiter. Über ihr spannte sich der funkelnde Sternenhimmel, der ihr in dieser klaren Nacht den Weg wies. Schon von weitem erblickte sie schließlich den Feuerschein des brennenden Gehöftes der Cleitomachus. Mit jedem Schritt, den Lucretia näher kam, wurden die Flammen höher und ihr Tosen lauter. Nun mischten sich auch verzweifelte Stimmen in das Knistern und Grollen – Sklaven, die weinten oder um Hilfe riefen.

Lucretia starrte fassungslos auf das Inferno. Sklaven hatten eine Eimerkette zum Brunnen gebildet, der sich vor dem Gebäude befand, und schütteten Wasser in die Flammen, so schnell und so viel sie nur konnten, aber das Feuer ließ sich nicht mehr bändigen.

»Was ist passiert?«, fragte Lucretia einen der Sklaven atemlos.

»Es waren bestimmt zehn Kerle. Oder mehr. Germanen, würde ich sagen. Beritten und schwer bewaffnet«, antwortete der Mann und fuhr sich mit dem Handrücken über die rußverschmierte Stirn.

»Haben sie das Haus angezündet?«, fragte Lucretia.

»Sie haben ein Becken mit Kohlen umgestoßen, als sie im Haus nach Wertsachen gesucht haben. Aber das war wohl keine Absicht. Sie haben geflucht, weil sie den Überfall abbrechen mussten.«

»Ich hatte meine Sklavin zu euch geschickt. Nephele. Weißt du, wo sie ist?«, wollte Lucretia jetzt wissen.

Der Mann zögerte einen Moment, nickte dann wortlos.

»Wo?«, schrie Lucretia ihn an und packte ihn an den Schultern.

Der Mann deutete zaghaft zum Hauseingang. Lucretia rannte los. Vor der offen stehenden Tür erkannte sie eine reglose schwarze Silhouette auf dem Boden. Nephele! Sie eilte zu ihr – und erstarrte. Es war tatsächlich ihre Sklavin, die da vor ihr lag, auf dem Rücken, die Arme von sich gestreckt. In ihrem Bauch klaffte eine blutende Wunde, die ihr Kleid rot färbte. Auf dem Boden erkannte Lucretia eine Blutspur, die über die Schwelle aus dem Inneren des Hauses nach draußen führte. Nephele musste sich mit letzter Kraft ins Freie geschleppt haben.

»Nephele«, flüsterte Lucretia fassungslos und kniete sich neben ihre Freundin.

Nepheles Augen standen offen. Sie blinzelte nicht, sie atmete nicht, ihr Brustkorb stand still.

Plötzlich ein Stöhnen, rasselnd von Blut, das in die Luftröhre gelangt war. Nepheles Körper bäumte sich auf. Lucretia war so erschrocken, dass sie zurückzuckte. Doch sofort beugte sie sich wieder vor und nahm Nepheles rechte Hand in ihre. Ihre Freundin lebte! Die Blicke der Frauen trafen sich – und in beiden lag Angst.

Nephele wollte etwas sagen, aber statt Worten quoll nur Blut zwischen ihren Lippen hervor.

»Psst, nicht sprechen. Du musst nichts sagen«, wisperte Lucretia tränenerstickt. »Was machst du nur für Sachen? Frau Cleitomachus hat mir erzählt, wie du dich schützend vor sie gestellt und dem Germanen die Stirn geboten hast. Ich dachte, du wärest nur bei mir so eigensinnig.«

Lucretia glaubte, bei Nephele den Anflug eines Lächelns zu erkennen.

»Ich hole Hilfe. Ich hole sofort Hilfe. Es wird alles gut.«

Lucretia wollte aufstehen, doch Nepheles Griff schloss sich plötzlich fest um ihre Finger. Ihre Augenlider flatterten, ihr Körper zuckte. Nephele zog Lucretia zu sich und fuhr mit ihrem blutigen Zeigefinger zitternd über Lucretias Unterarm. Lucretia ließ es verwirrt zu und erkannte bald, dass Nephele ein Zeichen malte – ein Symbol, das an eine Gabel erinnerte.

»Was ist das? Was hat es zu bedeuten?«, fragte sie verwirrt, während die Hitze der nahen Flammen ihr Gesicht zum Glühen brachte. Doch das spürte sie in der Aufregung kaum.

Nephele hob die linke Hand. Sie versuchte erneut zu sprechen, doch wieder kam nur Blut. Keuchend legte sie die geschlossene Hand in Lucretias Schoß. Jetzt verstand Lucretia – ihre Sklavin wollte ihr etwas geben. Vorsichtig bog sie Nepheles Finger auseinander und fand einen Stofffetzen. Sicher hatte Nephele ihn einem der Angreifer vom Umhang abgerissen. Schnell stopfte Lucretia den Stoff in ihren Gürtel und wandte sich wieder ihrer Freundin zu, der das Atmen mit jedem Zug schwerer fiel. Ihre Augen flackerten.

»Nein, bitte nicht. Geh nicht! Ich habe dich so lieb, du darfst nicht gehen«, flehte Lucretia. »Du stirbst nicht, du bleibst bei mir, Nephele! Hörst du, ich befehle es dir, ich bin deine Herrin!« Sie drückte ihre Freundin an sich. Es gab kein Entrinnen, das wusste sie. Mit einem Mal wurde Nepheles Körper schlaff, aus den Muskeln wich jede Spannung. Aus ihren Augen jedes Leben. Lucretia spürte, wie Nephele den letzten Atem aushauchte, und es war das Schrecklichste, das sie bis dahin erlebt hatte.

»Es tut mir so leid«, wimmerte Lucretia.

Die Flammen loderten immer höher um das Haus, und ihr gelber Schein tanzte zuckend über Nepheles Gesicht. Doch Lucretia wollte, konnte ihre Freundin nicht loslassen, und als zwei Sklaven sie und Nephele packten und vom brennenden Gebäude wegzerrten, nahm sie das nur wie durch einen Schleier wahr. An einen Baum gelehnt und mit der Freundin im Schoß beobachtete sie verstört, wie die Flammen alles vor ihr verzehrten, was es zu verzehren gab.