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Lucretia blinzelte verschlafen. Noch halb in Somnus’ Reich, fragte sie sich, ob sie die schrecklichen Geschehnisse der letzten Nacht vielleicht bloß geträumt hatte. Die Sonne erhellte bisher nur schwach die grünen Wände ihres Zimmers. Lucretia fröstelte und zog die Wolldecke näher zum Kinn. Dabei stellte sie fest, dass sie noch ihre komplette Kleidung trug. Inklusive der Sandalen an den Füßen … Sie drehte den Kopf und spürte einen stechenden Schmerz. Griff in ihre Haare – und zog eine der Haarnadeln heraus. Ihr Blick fiel auf ihren Unterarm, auf das seltsame Symbol, das Nephele dort gezeichnet hatte. Sie starrte es an.

Mit einem Schlag war die Müdigkeit verschwunden, und Lucretia schwang sich aus dem Bett. Dabei zerfiel auf ihrem Kopf, was von Nepheles Haarkunstwerk noch übrig war. Sie blickte an sich hinab. Und dann sah sie die dunklen, fast schwarzen Flecken. An ihrer linken Sandale. An ihrem Knie. Ein dumpfes Grauen durchfuhr sie. Blut. Das war Blut! Und es war auch an ihrer Brust. Vielleicht sogar an ihrem Gesicht, aber das konnte sie nicht sehen. An den Händen war jedenfalls welches. Lucretia wimmerte. Es war wirklich passiert! Nephele. Der Überfall. Nephele. Der brennende Bauernhof. Nephele. Es war Realität.

Sie spürte Übelkeit in sich aufsteigen. Das Blut, das sie bedeckte, war das ihrer besten Freundin – die in ihren Armen gestorben war. Nephele. Hektisch streifte Lucretia ihre Palla ab und wand sich aus ihrer Tunika, ihrem Brustband und ihrer Unterhose, bis sie nackt in ihrem Zimmer stand. Die kalte Morgenluft überzog ihren Körper mit Gänsehaut, doch in diesem Moment spürte sie es nicht. Sie wollte einfach nur das Blut loswerden. Glücklicherweise stand auf der Kommode eine Waschschale mit Wasser, die Lucretias Mutter dort in weiser Voraussicht für die Heimkehrerin positioniert hatte. Und daneben ein kleines Schälchen gesalzener Oliven – sie halfen gegen Kater. Typisch Cäcilia.

Lucretia griff beherzt in das eiskalte Wasser, biss die Zähne zusammen und begann, sich zu waschen. Aber das Blut ging nicht so leicht ab. Sie griff nach einem kleinen Schwamm, befeuchtete ihn und rieb damit so fest über ihr Gesicht, ihre Hände und das merkwürdige Symbol auf ihrem Unterarm, bis die Stellen rot wurden. Immer schneller, immer hektischer wurden ihre Bewegungen, während die Bilder der gestrigen Nacht auf sie einprasselten. Ihr Zimmer begann sich um sie zu drehen, schneller, immer schneller – bis sie schließlich jede Kraft aus ihrem Körper weichen spürte, sie zu Boden stürzte und ein Weinkrampf sie überkam. Sie würde Nephele niemals wiedersehen. Und Nephele würde Zypern niemals wiedersehen. Keinen Mann haben. Keine Kinder. Warum waren die drei Schicksalsgöttinnen, die Parzen, nur so verdammte, unerbittliche Biester?

Irgendwann fand Lucretia die Kraft, sich wieder aufzurappeln und anzuziehen. Sie entfernte den Haarschmuck, schlüpfte in eine frische bodenlange Tunika und ging zu ihren Eltern. Sie saßen beim Frühstück am Küchentisch, der zu diesem Zweck jeden Morgen von Sklaven in den hinteren Bereich des Peristyls geschleppt wurde, ans Kopfende der kleinen Zisterne im Zentrum des Hauses. Lucretias Vater aß gern draußen, der Speisesaal in der rechten hinteren Ecke des Hauses war ihm zu eng und dunkel. Er war bereits seiner allmorgendlichen Pflicht nachgekommen, kurz seine Klienten zu begrüßen, die ihm ihre Aufwartung gemacht hatten. Als wohlhabender Römer von Stand und Ansehen füllte Magnus Veturius die Rolle eines Patronus aus – eines einflussreichen Bürgers, der sozial niedriger Stehende unterstützte. Im Gegenzug mussten ihn diese Clientes etwa bei den Wahlen zum Stadtrat unterstützen, Botengänge für ihn erledigen oder manchmal sogar als Leibwächter fungieren.

»Da bist du ja endlich. Komm, setz dich, Schatz«, forderte ihre Mutter sie auf, die an einem Stück Käse kaute. Es stammte aus einem großen gelben Laib, der auf einem Brett in der Mitte des Tisches lag. Ihr Vater hingegen schwieg und musterte seine Tochter mitleidvoll. Ihre Blässe und ihre Augenringe blieben ihm nicht verborgen, und er glaubte nicht, dass sie von zu viel Alkohol stammten. Aus seiner Dienstzeit als Soldat wusste er, wie Menschen aussahen, die Schlimmes erlebt hatten und es nun verdauen mussten.

Er schob ihr einen Holzbecher hin und griff nach dem Milchkrug. Doch bevor er ihn heben konnte, sagte Lucretia: »Nein. Posca.«

Ihr Vater schaute verwundert, doch nickte dann, setzte den Krug ab und griff einen zweiten, kleineren, der danebenstand.

»Aber das magst du doch gar nicht, du trinkst doch immer Milch«, stellte die Mutter verblüfft fest.

»Heute nicht«, meinte Lucretia, nahm den Becher, den ihr Vater gerade mit der klaren Flüssigkeit gefüllt hatte, und trank. Sofort brannte die Säure auf ihrer Zunge. Es war furchtbar. Aber ihr Vater schwor auf das Getränk, das er Legionärs-Limonade nannte. Es bestand halb aus Wasser, halb aus Weinessig. Schmeckt schlecht, aber macht gut wach , pflegte er immer zu sagen. Kein Legionär hielt ohne Posca eine Nachtwache durch. Es war das Schmieröl der römischen Armee.

»So schlimm?«, fragte der Vater leise.

Lucretia antwortete nicht und holte nur tief Luft. Ihre Mutter legte ihr mit besorgtem Blick ein Stück ofenfrisches Fladenbrot auf den flachen Terrakottateller. Sie hatte es liebevoll mit Moretum bestrichen, einem Frischkäse mit Kräutern, den ihre Jüngste sehr mochte. Aber heute fasste Lucretia das Brot nicht an.

»Ich habe gehört, was passiert ist. Beim Bäcker haben sie geredet«, sagte der Vater. »Aber ich frage mich, warum du in diesem Zustand bist.«

»Und wo verflixt nochmal ist Nephele? Sie ist doch sonst so zuverlässig. Hat dich allein durch die Nacht heimlaufen lassen, so weit. Und das in diesen Zeiten. Das gibt ein Donnerwetter!«, schimpfte ihre Mutter.

Lucretia sagte nichts und starrte auf das lange Wasserbecken, auf dessen spiegelglatter Oberfläche durch die große Dachöffnung das warme Morgenlicht fiel. Cäcilia hob an weiterzusprechen, doch ihr Mann warf ihr einen Blick zu, der sie verstummen ließ. Er merkte, dass etwas ganz und gar nicht stimmte und Lucretia Zeit brauchte. Nach einer Weile hatte Lucretia sich schließlich gefasst.

»Das Fest war … schön«, begann sie. »Ich wollte, dass auch die Nachbarn etwas davon haben. Sie sind doch so alt und … Und es war so viel Essen übrig.«

»Hatte Claudia wirklich frische Weintrauben? Wo kann sie die zu der Jahreszeit denn …« Magnus legte seine Hand auf die seiner Frau, und sie verstummte.

Lucretia fuhr mechanisch fort: »Ich hab einen kleinen Korb gepackt, voll mit Essen, und hab Nephele gebeten …« Sie stockte.

»Worum hast du sie gebeten?«, fragte ihr Vater ruhig.

»Ich habe ihr aufgetragen, ihn zu den Nachbarn zu bringen. Und es war …«, schluckte sie, »dieses Haus, Papa. Das Haus, wo es passiert ist. Eine Stunde früher oder eine Stunde später, und sie wäre nicht … Sie hätte überlebt. Es ist meine …«

Lucretias Unterlippe begann zu beben. Sie kämpfte wieder mit den Tränen. Ihr Vater nahm ihre rechte Hand in seine. Ihre Mutter blickte betreten zu Boden.

»Wegen mir ist sie tot, Papa.«

»Es tut mir so leid, Schatz.«

»Es war nicht deine Schuld«, schloss sich ihre Mutter eilig an, »es war einfach Pech.«

»Ich hab sie in den Tod geschickt«, wimmerte Lucretia, die die Worte ihrer Eltern gar nicht zu hören schien.

»So kurz vor ihrer Manumission, wie grauenhaft«, sagte ihr Vater. »Hätte ich sie doch nur einen Monat früher freigelassen, zu ihrem Geburtstag, wie sie es wünschte. Aber nein, ich habe auf den Tag der Bona Dea bestanden, weil es ihr besonderes Glück bringen sollte.« Mit jedem Wort war auch er trauriger geworden. Aber dann räusperte er sich, bemüht, der schlechten Botschaft etwas entgegenzusetzen: »Immerhin scheinen sie einen von den Räubern gekriegt zu haben. Er soll in den nächsten Tagen vor Gericht gestellt werden.«

Lucretia erinnerte sich an den Mann, den die Kläger in die Vorhalle des Prätoriums gezerrt hatten, und spürte, dass sich neben der Trauer noch etwas anderes in ihr regte: Wut. Wenn er tatsächlich mit Nepheles Mördern unter einer Decke steckte, würde er dafür zahlen müssen. Und auch wenn er am Vorabend nicht dabei gewesen sein konnte, hatte er als Mitglied der Bande immer noch indirekt Schuld am Tod ihrer Freundin. Mitgefangen, mitgehangen , dachte Lucretia bitter.

»Wir werden Nephele die letzte Ehre erweisen, wie sie es verdient hat. Und wir werden sie nie vergessen. Es ist schwer, eines unserer Familienmitglieder zu verlieren, und als solche erachte ich unsere Sklaven. Aber noch schwerer ist es, eine liebe Freundin zu verlieren«, sagte Magnus und streichelte die Hand seiner Tochter.

Lucretia taten sein Verständnis und die tröstenden Worte gut. Dankbar lächelte sie ihren Vater an.

Einzig Cäcilia konnte mit diesem Ausbruch von Trauer nicht umgehen und wählte, im Versuch zu trösten, genau die falschen Worte: »Gräme dich nicht, liebste Tochter. Jeder ist ersetzbar. Wir kaufen dir eine neue Sklavin.«

Lucretia und ihr Vater starrten die Mutter entgeistert an.

»Stimmt doch, Magnus, oder etwa nicht?«, sagte sie bemüht heiter. »Lucretia bekommt eine neue Zofe, noch besser als die alte.«

Ein lauter Rumms ließ den Tisch erbeben. Lucretia hatte beide Fäuste auf die Tischplatte geschlagen und war aufgesprungen. Ihr Gesicht lief rot an, und Cäcilia erschrak. So zornig hatte sie ihr Kind noch nie gesehen.

»Eine neue kaufen?«, schrie Lucretia. »Das ist es, was dir dazu einfällt? Jeder ist ersetzbar, Mutter?« Sie schob ihr hochrotes Gesicht genau vor das ihrer Mutter und zischte nun leise, aber bestimmt: »Nephele nicht.« Und damit stürzte sie davon, zurück in ihr Schlafgemach.

 

Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, lief sie in ihrem Zimmer auf und ab, bis sie sich langsam beruhigte und sich schließlich erschöpft auf die Kante ihres Bettes sinken ließ. Ihr Blick fiel auf ihre Tunika und die Palla, die sie darüber getragen hatte. Beide hatte sie über den Korbstuhl neben ihrem Bett geworfen, und an beiden klebten noch Spuren von Nepheles Blut. Aber das war es nicht, was sie beschäftigte. Da war noch etwas anders. Etwas, das sie vergessen hatte … Sie schob die Palla zur Seite, zog ihre Tunika hervor und drehte sie suchend in den Händen. Da war eine Idee, ein Funke Hoffnung. Sie fand den Lederriemen, den sie am Vortag um die Taille getragen hatte, und tastete ihn ab. Tatsächlich. Das Stück Stoff, das Nephele ihr gegeben hatte und das wahrscheinlich von einem der Angreifer stammte, war noch da. Sie drehte sich zum Fenster, um es im Licht besser sehen zu können. Der Stofffetzen, kleiner als ihre Handfläche, leuchtete rot im Morgenlicht. In Lucretia keimte ein Gedanke. Zuerst zaghaft, dann immer entschlossener. Nephele verdiente Gerechtigkeit! Und da sich niemand sonst für ihr Schicksal interessierte, musste sich Lucretia darum kümmern, dass sie sie bekam. Sie würde Nepheles Mörder finden und zur Strecke bringen, das schwor sie sich. Und der Stofffetzen war ihre erste Spur.