10

Quintus hatte an diesem Morgen ausschlafen können, er musste nicht ins Gericht. Er spürte den Wein vom Vorabend, dennoch fühlte er sich zuversichtlich. Er würde den Tag mit einer Tätigkeit verbringen, die er als eine anregende Facette seines Berufes empfand, dem Ermitteln. Es galt einige Sachverhalte zu klären, um Fridolfs Verteidigung optimal aufzustellen. In diesem Fall gab es eine Menge leerer Stellen, die ausgefüllt werden wollten. Eine Behörde, die Nachforschungen kriminalistischer Natur anstellte, existierte nicht. Wenn man Informationen über den Verlauf eines Verbrechens bekommen wollte, musste man als Kläger oder Anwalt selbst tätig werden, und Quintus empfand diese Aufgabe als willkommene Abwechslung zu den formalisierten Auftritten vor Gericht. Als Ausgangspunkt für seine Recherche konnte er sich nur auf die Aussagen stützen, die er gehört hatte, als die vier Männer den Jäger in die Halle des Prätoriums geschleppt hatten. Da war von einem Färber namens Marius die Rede gewesen, der etwas Belastendes gesehen haben wollte. Quintus hütete sich davor, Hostilius oder einen seiner Kumpane aufzusuchen, um ihnen weitere Fragen zu stellen. Zum einen konnte er sich ohnehin nicht sicher sein, dass die Ankläger die Wahrheit sagten, zum anderen wollte er eine gewisse Heimlichkeit wahren, von der er sich einen strategischen Vorteil gegenüber der Anklage erhoffte.

Quintus fröstelte leicht, als er auf die Straße trat. Die für die Jahreszeit typische Frische in der Frühe hing in den Straßen der Colonia, und der grau verhangene Himmel verhieß einen Tag, der sich mehr zum Arbeiten als zum Tanzen eignete – was freilich manche Bürger nicht davon abhielt, Flora auch schon zu frühester Stunde zu huldigen. Zwei Betrunkene, die sich gegenseitig stützen mussten, torkelten an ihm vorbei, einer davon nur noch mit einer Sandale, und sangen schief ein Lied, von dessen Text sie jedes zweite Wort vergaßen. Ob es noch Nacht war oder schon wieder Tag, schien ihnen einerlei.

Das Zwitschern von Schwalben, die auf der Suche nach ein paar Krümeln zum Lenticulum umherschwirrten, erfüllte die Luft, und das Volk nahm die Arbeit auf. Die breiten überdachten Bürgersteige füllten sich langsam. Sie dienten zugleich als Verkaufsfläche für die Handwerker und Händler, die ihre Geschäfte in den Erdgeschossen der Insulae hatten. Ein verkaterter Schuster schloss das zweiflügelige Tor zu seiner Werkstatt auf. In der Imbissstube daneben, deren Torrahmen einladend mit einer bunten Blumengirlande verziert war, blies die junge Besitzerin ein frisches Holzkohlefeuer unter dem Grill an, während ihr klapperdürrer Gatte keuchend einen riesigen Sack Linsen auf den schmalen Schultern hereinschleppte.

Alle waren froh, dass der Winter vorbei war. Zum Glück war er mild gewesen. Nur an den Saturnalien, den kürzesten Tagen des Jahres, hatte die Kälte die Oberhand gewonnen und Schnee die hellroten Dachziegel weiß gefärbt, die wie die Schuppen eines Tieres die Dächer der Colonia bedeckten. Harmlos im Vergleich zum Vorjahr, als die Stadt mehr als einen Monat lang eingeschneit gewesen und Quintus, wie jeder andere männliche Bewohner seines Häuserblocks auch, zum Schneeschippen abkommandiert worden war. Er hasste es, sich in der Dunkelheit vor dem ersten Hahnenschrei mit zwei übereinandergezogenen Wolltuniken auf dem Bürgersteig mit der großen Holzschaufel zu quälen, bis er Finger und Nase kaum noch spürte. Als Kind hatte ihm der Frost nichts ausgemacht. Im rechtsrheinischen Germanien, wo er aufgewachsen war, gehörte diese Witterung zum Alltag. Aber seit er den Luxus beheizter öffentlicher Thermen kannte, kam ihm der Schnee rauer und das Eis glatter vor. War er durch den Aufenthalt in der Colonia etwa verweichlicht? Quintus wollte nicht länger darüber nachdenken, auch weil die naheliegende andere Erklärung, nämlich, dass er allmählich in ein gewisses Alter kam, ihn noch weniger tröstete. Sosehr er den ewigen Kreislauf der Dinge und den Charakter der Jahreszeiten schätzte, umso deutlicher machte ihm dieser Wandel, dass die Zeit verflog. Mit fünfundzwanzig Jahren hatte er den Zenit seines Lebens fast erreicht. Er kannte nur wenige seines Standes, die viel älter als fünfzig geworden waren. »Jedes Jahr nimmt dir ein Stück Leben und gibt dir dafür eine Handvoll Falten«, hatte Camilla Lupertus, seine erste Mandantin, amüsiert zu ihm gesagt, die er einst in einem Erbstreit vertreten hatte. Damals gerade erst zwanzig geworden, hatte er nur gelacht. Die gute Dame, die ihm seine Redegewandtheit vor Gericht großzügig vergolten hatte, war mittlerweile verstorben. Quintus dachte oft an die reiche Witwe, wenn er sich zu Bett legte oder auf einen Stuhl setzte, denn ihr Honorar hatte die Einrichtung seiner Wohnung bezahlt. Obwohl er damals als Anwalt noch völlig unerfahren gewesen war, hatte die gute Lupertus ihm eine Chance und damit den entscheidenden Anschub für sein neues Leben gegeben – das würde er ihr nie vergessen. Er war weit gekommen in den letzten fünf Jahren. Er hatte allen Grund, stolz auf sich zu sein.

Quintus hatte sich vorgenommen, die Stoffhandlungen der Stadt abzuklappern, bis er einen Angestellten namens Marius finden würde. Die meisten Stoffhändler färbten ihre Textilien selbst, nur die erfolgreichsten und damit größten Betriebe konnten sich Angestellte leisten, die ihnen dabei zur Hand gingen, was bereits die in Frage kommenden Läden begrenzte. Die Seidenhändler brauchte er nicht aufzusuchen, denn der extrem teure Stoff, der auf langem Wege ins Imperium gelangte, wurde bereits am Herstellungsort, dem fernen Land Sina, gefärbt.

Bei seiner ersten Station, dem Laden des Tuchhändlers Manlius Gallienus nahe dem Theater, wurde Quintus nicht fündig. Zehn Männer arbeiteten für den Syrer, aber ein Marius war nicht darunter.

 

Am anderen Ende der Stadt begann auch Lucretia mit ihren Nachforschungen. Unter dem Vorwand, sich mit der Suche nach Stoff für ein neues Kleid von ihrem Kummer ablenken zu wollen, hatten die Eltern ihr erlaubt, das Haus zu verlassen. Jetzt steuerte sie entschlossen auf die Stammstoffhandlung ihrer Familie zu, Nepheles mysteriösen Stofffetzen fest umklammert. Der Schrecken der letzten Nacht saß tief, doch ihre Mission ließ sie ihre Unrast sinnvoll nutzen. Sie gab ihr einen Sinn, einen Fokus.

Das Geschäft hatte keine Fenster, aber durch die breite Pforte fiel genug Licht hinein. Zusätzlich wurde es von Öllampen erhellt, die an dünnen schwarzen Ketten von der Decke hingen. In Regalen befanden sich, akkurat gefaltet und säuberlich gestapelt, Stoffe in allen Farben. Der Laden hatte sich auf Leinen spezialisiert, eine in Ägypten entwickelte leichte Stoffsorte, die zur Herstellung von Sommerkleidung und Bettwäsche verwendet wurde. Neben den bereits vorgeschnittenen Formaten gab es auch auf runde Holzrollen gespannte Stoffbahnen, von denen sich die Kunden ganz nach Wunsch Stücke abschneiden lassen konnten.

»Ich weiß, es ist ein bisschen wie im Trüben zu fischen«, eröffnete Lucretia dem Ladenbesitzer, »aber ich kenne niemanden, der so viel Ahnung von Stoffbearbeitung hat, wie du, also bin ich hier.«

Maxentius, ein kräftiger, stark behaarter Mann um die vierzig mit zusammengewachsenen Augenbrauen, fühlte sich geschmeichelt. Er trug goldene Ohrringe und hatte seine Augen mit reichlich Kajal betont.

»Wenn ich dir helfen kann, will ich das gerne tun, Schätzchen. Das ist doch selbstverständlich«, sagte er. In der Tat hatte Lucretias Mutter in diesem Geschäft bereits ein Vermögen gelassen. Maxentius kannte Lucretia von klein auf, sie war für ihn mehr als nur die Tochter einer Stammkundin.

Lucretia hielt dem Händler den Stofffetzen hin.

»Kannst du mir sagen, was das für ein Stoff ist?«

Maxentius nahm den Fetzen und trat einen Schritt zur Seite, näher an eine der Öllampen heran. Seine Sehkraft war nicht mehr die beste. Er kniff die Augen zusammen und strich vorsichtig mit dem Daumen über das Gewebe. Lucretia blickte auf. Unter die Decke des Ladens waren, kaum sichtbar, Fäden gespannt, an denen kleine Zweige von frischen Kräutern, vor allem Salbei und Rosmarin, befestigt waren. Sie parfümierten die Luft auf angenehme Weise und übertünchten dabei auch halbwegs erfolgreich den strengen Geruch von Urin, der in solchen Betrieben allgegenwärtig war.

»Das ist auf jeden Fall Schafswolle«, begann Maxentius seine Analyse. »Gute Qualität.«

»Glaubst du, der Stoff wurde in Germanien hergestellt?«

»Eher nicht«, entgegnete Maxentius. »Die Wolle ist sehr gut gesäubert, die Germanen sind da meist nicht so genau. Und die Farbe, dieses Rot, spricht auch nicht dafür. Blau und rot sind teure Farben und sehr selten drüben. Die Wilden färben mehr grün und braun, das ist einfacher.«

Lucretia starrte auf das kleine Stück Stoff. Einen Moment war sie wie in Trance, Bilder zogen vor ihrem geistigen Auge vorbei, und sie schien noch einmal zu durchleben, wie Nephele ihr den Fetzen mit letzter Kraft gegeben hatte.

»Alles in Ordnung?«, fragte Maxentius.

Lucretia riss sich zusammen, zwang sich zu einem Lächeln.

»Ja, alles bestens. Also stammt der Fetzen eher vom Kleidungsstück eines Römers?«

»Nicht unbedingt, viele Germanen kaufen ja auch Stoffe auf der linken Seite des Rhenus, weil sie deren Qualität zu schätzen wissen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Römer den Stoff hergestellt haben. Doch wer die Kleidung letztlich getragen hat, lässt sich nicht feststellen«, schloss Maxentius.

Lucretia schluckte ihre Enttäuschung herunter, während sie dem Stoffhändler höflich dankte. Sie hatte so sehr gehofft, dass diese Spur sie weiterbringen, sie zu Nepheles Mördern führen würde. Erneut spürte sie hilflose Verzweiflung in sich aufsteigen. Sie hatte das Gefühl, Nephele im Stich zu lassen – schon wieder.

 

Quintus ging eine enge, düstere Gasse entlang. Die Gegend im Schatten der hoch aufragenden Arena war berüchtigt. Die drei Stockwerke hohen Wohnblocks in der nordwestlichen Ecke der Stadt waren in keinem guten Zustand. Es handelte sich um alte Gebäude aus einer frühen Bauphase der Stadt in den Dreißigerjahren, die noch aus Fachwerk, nicht aus Stein errichtet worden waren, was man vor allem daran sah, dass Türen und Fenster sich verzogen hatten und alles an den Fassaden schief wirkte. Anders als im sonnigen Mittelmeerraum sorgten in Germanien Wind und Wetter dafür, dass Gebäude schneller verfielen und mehr Pflege benötigten. Außerdem fehlten den Häusern die typischen umgebenden Säulengänge, ihre Türen führten unmittelbar auf die Straße hinaus, wodurch alles insgesamt enger wirkte. Quintus eilte an einem der zahlreichen Bordelle vorbei und nickte höflich einer älteren Prostituierten zu, die, noch ungeschminkt, den Eingangsbereich fegte, in dem Scherben lagen. Die Frau verscheuchte fluchend eine Möwe, die sich an getrocknetem Erbrochenem labte und nun mit einem Krächzen gen Himmel flatterte. Quintus bog in die nächste, schon viel modernere Straße ein und steuerte auf die offen stehende Pforte des nächsten Stoffladens auf seiner Liste zu. Gerade, als er ihn betreten wollte, erschien Lucretia im Türrahmen. Beide hielten abrupt inne, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Lucretia erkannte Quintus sofort, war jedoch so in ihren Gedanken versunken, dass sie sich nichts dabei dachte.

»Bitte, die Dame zuerst«, insistierte Quintus, und ließ Lucretia höflich vorbei. War das nicht die junge Frau aus dem Prätorium? Sie sah nun aber ganz anders aus. Ungeschminkt. Und aufgewühlt. Warum wohl? Doch diesen Gedanken verfolgte er nicht weiter, denn in seinem Kopf gärten viel dringendere Fragen und trieben ihn ins Innere des Ladens, sobald Lucretia an ihm vorbeigehuscht war.

Vor dem Laden holte sie tief Luft. Sie spürte, wie Panik von ihr Besitz ergreifen wollte, und versuchte mit aller Macht, sie niederzuringen. Sie würde sich nicht kampflos ihren Gefühlen ergeben, sie würde nicht die Kontrolle verlieren! Leicht zitternd lehnte sie sich neben der Tür gegen die Wand und versuchte, ihre Atmung zu kontrollieren. Zu jedem anderen Zeitpunkt wären ihr unangenehme Blicke der Passanten gewiss gewesen, doch während der Floralien wunderte zum Glück niemanden etwas. Langsam entspannte Lucretia sich, als sie Stimmen aus dem Inneren des Ladens hörte. Der Anwalt! Was er wohl hier wollte? Ihre Neugier flammte auf und ließ sie ihren Kummer für einen Moment vergessen. Sie schob sich näher zur Tür, um zu lauschen.

»Guten Tag!«, rief Maxentius theatralisch aus, als er aus seinem Lager kam und Quintus in seinem Laden bemerkte. Ihm schien zu gefallen, was er sah. Der Händler warf sich hinter der Verkaufstheke in Pose. »Schöne Tage bringen schöne Kunden«, schmeichelte er. Seine zarte Stimme wollte so gar nicht zu seinem grobschlächtigen Körper passen. »Maxentius, zu Diensten. Was darf es denn sein?«

»Leider bin ich nicht gekommen, um etwas zu kaufen«, eröffnete ihm Quintus. »Vielmehr suche ich jemanden. Einen gewissen Marius. Er soll hier arbeiten. Ich bin Rechtsanwalt und habe ein paar Fragen an ihn.«

»Marius«, wiederholte Maxentius und seine Augen weiteten sich für einen Moment. »Ja, es gibt hier jemanden mit diesem Namen, der mir zur Hand geht. Ich hoffe, er steckt nicht wieder in Schwierigkeiten?«

Lucretia schob ihren Kopf etwas vor. Gleich neben der Tür konnte sie die Stimmen der Männer gut verstehen. Irgendetwas an dem Namen Marius ließ sie aufhorchen. Sie spürte, dass es hier um etwas ging, das auch sie betraf.

»Ich möchte ihm nur ein paar Fragen stellen, wenn du ihm gestattest, mir ein paar Minuten seiner Arbeitszeit zu opfern, geehrter Maxentius.«

Der Händler dachte kurz nach, schien dann zu beschließen, diese Begegnung interessant zu finden, drehte sich um und bedeutete Quintus mit einem kurzen Winken, ihm zu folgen. Er schob einen aschgrauen Vorhang beiseite, hinter dem sich eine schwere Holztür befand. Maxentius drückte sie auf und ließ Quintus den Vortritt.

Sie fanden sich in einem gepflasterten Hinterhof wieder, wo die eigentliche Arbeit, das Färben, verrichtet wurde. Der Uringestank hier war grauenvoll, und Quintus musste sich kurz Mund und Nase zuhalten, um den Würgereiz zu unterdrücken. Der Geruch rührte von den flachen Steinbecken her, in denen sich die Farbe für die Stoffe befand. Grundlage dafür waren menschliche Exkremente, gemischt mit Mineralien und Pflanzensäften, die je nach Zusammenstellung alle möglichen Schattierungen ergaben. Einige Angestellte, sowohl Männer als auch Frauen, standen barfuß in den Becken und traten geduldig auf den darin befindlichen Stoffstücken herum, hier gelb, dort rot. Das Einstampfen der Farbe dauerte Stunden.

»Marius, komm doch mal her«, verlangte Maxentius. »Hier ist ein edler Herr, der dich sprechen will.«

Ein schlanker Mann Mitte zwanzig mit grünen Augen drehte sich in einem der Becken zu seinem Chef um. Er stand knietief in stinkender tiefblauer Suppe. Kinn und Lippen waren glattrasiert, aber vor den Ohren trug er einen buschigen braunen Backenbart. Skeptisch musterte er Quintus.

»Muss das ausgerechnet jetzt sein?«, fragte er mürrisch.

»Ja, sofort«, insistierte Maxentius.

Marius stieg aus dem Farbtrog in ein kleines Wasserbecken, das davor stand und zum Waschen der Füße diente. Kurz blieb er darin stehen, schlenkerte mit den Beinen, bis sich das Gröbste von seiner Haut gelöst hatte, und stapfte dann auf Quintus zu, wobei seine Füße dunkle Spuren auf den Pflastersteinen hinterließen.

»Ich bin Quintus Tibur, Rechtsanwalt.«

Marius war überrascht, wirkte vielleicht sogar einen Moment ertappt, wie Quintus zu bemerken meinte. Manchmal erfuhr man in den ersten Sekunden einer Begegnung am meisten über einen Menschen.

»Marius Thrax«, erwiderte der Färber kurz angebunden. »Was willst du von mir?« Sein Name wies darauf hin, dass seine Vorfahren aus einer Gegend nördlich von Griechenland stammten, aber sein Latein war so gut, dass es seine Muttersprache zu sein schien. Er war wohl innerhalb der Reichsgrenzen aufgewachsen.

»Na, na, so sprechen wir hier nicht mit Kunden«, ermahnte Maxentius den Färber mit strengem Blick und wandte sich an Quintus. »Ist es in Ordnung, wenn ich dich allein lasse? Das Geschäft …«

Quintus nickte verständnisvoll, und Maxentius ging wieder hinein.

 

Lucretia hatte innerlich geflucht, als die Stimmen der Männer sich entfernten. Dann hatte sie durch die Ladentür gelugt und war hineingehuscht. Dort versteckte sie sich nun hinter einem Stapel Stoffballen.

Als Maxentius vom Hinterhof zurückgekommen war und sich wieder an der Ladentheke platziert hatte, gab sich Lucretia einen Ruck. So leise sie konnte, schob sie sich in Richtung Hoftür, den Stoffhändler immer im Blick, und spähte durch den grauen Vorhang. Zum Glück hatte Maxentius die schwere Holztür offen stehen lassen, sonst hätte sie Lucretia sicher mit einem lauten Knarren verraten. Lucretia entdeckte den Anwalt, der mit einem hageren Mann auf eine Sitzecke zusteuerte, und schlüpfte unbemerkt in den Innenhof. Sofort schlug ihr ein scharfer Gestank entgegen, doch sie biss die Zähne zusammen. Von ihrer Schminke war sie ohnehin an einiges gewöhnt. Leichtfüßig huschte sie von Amphore zu Stoffballen zu Säule, bis sie ein Versteck in Hörweite der Männer gefunden hatte.

Hier abseits der Färbetröge eröffnete Quintus Marius nun, worum es ihm ging: »Ich bereite einen Gerichtsprozess vor. Es geht um die Überfälle der Germanen auf die Landgüter in der Umgebung.«

»Ah, ja. Schlimme Sache, ganz schlimm, da soll ja viel geraubt worden sein«, murmelte Marius, und Quintus merkte, dass es in seinem Gegenüber zu arbeiten begann.

»Nicht nur das, es gab auch schon ein Todesopfer. Und Publius Hostilius hat mir gesagt, dass du etwas gesehen hast«, erklärte er. Der Färber räusperte sich. Die Begegnung war ihm unangenehm, das spürte Quintus.

Lucretia fiel es wie Schuppen von den Augen. Marius! Färber! Natürlich! Dieser Name war doch im Prätorium gefallen, der Ankläger des Germanen hatte ihn erwähnt. Ihr Gefühl war richtig gewesen. Hier ging es um sie – und Nephele. Lucretia schluckte, als der Anwalt sie als Todesopfer bezeichnete. Das klang so kalt, so unpersönlich. Doch immerhin interessierte er sich für das Schicksal ihrer Freundin. Allein für diese Erkenntnis waren ihre Nachforschungen nicht umsonst gewesen.

»Wir wollen doch alle Gerechtigkeit und ziehen am selben Strang, oder?«, stachelte Quintus seinen Gesprächspartner an.

»Ja, also, es war folgendermaßen«, setzte Marius an, »vorgestern Nacht in der sechsten Stunde war ich in der Stadt unterwegs. Beruflich, meine ich.«

»Beruflich? Um Mitternacht?«, wunderte sich Quintus.

»Ja, ich war an der Reihe, die Pinkeltöpfe auszuleeren. Jeder Angestellte muss das mal machen.«

Quintus verstand. Um wildes öffentliches Urinieren zu unterbinden, hatte die Stadtverwaltung an fast jeder Straßenecke Amphoren in kleinen Eisenständern aufstellen lassen, in die sich erleichtern sollte, wer entsprechenden Druck verspürte. Das war nicht nur für die Hygiene in den Straßen ein Segen, sondern auch für das Textilgewerbe, das in den Töpfen stetigen Nachschub an wichtigem Rohstoff fand. Es hatte einen großen Aufschrei gegeben, als Kaiser Vespasian vor zehn Jahren den Tuchhändlern eine Steuer auf den eingesammelten Urin aufgebrummt hatte. In diesem Staat musste man für alles zahlen. Geld stank eben nicht.

»Ich war ein bisschen spät dran, die Konkurrenz hatte schon die meisten Amphoren geleert. Aber dann fand ich noch eine und füllte den Inhalt in den großen Bottich auf meiner Schubkarre um. Das war unmittelbar am Südtor. Nein, was rede ich, am Nordtor natürlich. Ich schaute kurz nach draußen. Und da sah ich ihn. Im Mondlicht. Er kam von Westen und ging Richtung Fluss.«

»Wer?«

»Na, dieser Germane.«

»Wie sah er denn aus?«

»Er trug einen Jagdbogen über der Schulter. Er hatte gepflegtes langes, glattes Haar. Ach ja, und Stiefel. Hohe. Aus Leder. Wildleder.«

»Und das hast du aus der Entfernung erkannt? Bei Dunkelheit?«

»Wie gesagt, der Mond schien. Und es war keine Wolke am Himmel«, erklärte Marius. Das war auf jeden Fall nicht gelogen, Quintus konnte sich an die sternenklare Nacht erinnern. Es fiel ihm zunehmend schwer, sich zu konzentrieren. Der Uringestank war so penetrant, dass er ihm die Sinne vernebelte. Wie hielten die Angestellten das nur aus? Der Mensch gewöhnte sich offenbar an alles.

»Und was machte der Germane?«, fragte Quintus und hielt die Luft an, um den Gestank nicht riechen zu müssen.

»Er trug einen Sack. Der klapperte recht laut. Weil Metall drin war, denke ich. Und er hatte noch eine Glaskaraffe in der Hand. Die sah sehr teuer aus.«

Quintus fiel es schwer, dem Färber zu glauben. Die Art, wie er das vermeintlich Gesehene vortrug, wirkte hölzern, ergab kein richtiges Bild. Und die Tatsache, dass Marius es die ganze Zeit vermied, Quintus in die Augen zu schauen, machte ihn noch zusätzlich verdächtig.

»Er hat die Karaffe wohl nicht in den Sack gesteckt, weil er Angst hatte, dass sie kaputtgeht. Ich hab mich gefragt, wie sich ein einfacher Mann so ein edles Ding leisten kann und was er nachts damit will, aber ich hab ja zu arbeiten gehabt und nicht weiter drüber nachgedacht«, führte Marius langatmig aus.

»Das war alles? Hat er sonst noch was gemacht?«

»Nein, das war alles. Dann war er weg und ich hab die Sache erst mal vergessen.«

Nachdem sie beim Frühstück bei der bloßen Erwähnung des Angeklagten noch brennenden Hass verspürt hatte, war Lucretia sich nun plötzlich unschlüssig, ob sie wirklich an die Schuld des Germanen, über den die beiden Männer redeten, glauben sollte. Die Situation im Prätorium war ihr seltsam vorgekommen, und der Ankläger hatte linkisch gewirkt. Doch die Aussage des Färbers klang plausibel. Warum sollte es nicht so gewesen sein, wie er es schilderte? Zwar konnte der Angeklagte nichts mit Nepheles Tod zu tun haben, da er in der betreffenden Nacht schon in Gewahrsam gewesen war, doch was, wenn er wirklich zu der Bande gehörte? Dann würde er sie zumindest zu Nepheles Mördern führen können.

»Und wie kam der Kontakt zu Hostilius zustande?«

»Ich kenne ihn schon länger. Er hat einen Hektar Land gepachtet, unmittelbar nordwestlich der Stadt, hinter dem Gräberfeld. Als er am nächsten Morgen auf den Acker kam, fand er die frisch gekeimte Saat seines Getreides niedergetrampelt vor. Es waren Fußspuren darin, aber auch ein paar Hufspuren von Pferden.«

»Wurde in der Nacht nicht der Gutshof der Witwe Mercatus überfallen, der nur eine halbe Meile westlich liegt?«

»Richtig. Und die Spuren mussten von den Räubern sein, die dafür verantwortlich waren. Hostilius war empört, weil er jetzt einen Teil seines Feldes neu säen musste. Er hat in der Taverne darüber geschimpft.«

»Und dann habt ihr zwei und zwei zusammengezählt«, stellte Quintus fest und schnappte wieder nach Luft. Der Trick mit dem sporadischen Atmen funktionierte tatsächlich ganz gut.

»Hostilius wollte seinen Frust in Wein ertränken. Dabei kamen wir ins Gespräch. Ich habe ihm erzählt, was ich gesehen hatte. Das passte zusammen.«

»Und dann kamt ihr unweigerlich zu dem Schluss, dass der Brukterer, den du gesehen hast, einer von den Kerlen gewesen sein musste, die gerade vom Raubzug heimgekehrt waren«, fasste Quintus zusammen.

Marius nickte bestätigend. »So ist es. Der wollte wohl gerade mit seiner Beute nach Hause.«

»Vielen Dank, das sind sehr interessante Ausführungen«, sagte Quintus.

»Wenn ich Hostilius helfen kann, tue ich das natürlich gerne«, sagte der Färber jetzt gönnerhaft.

Wenn du wüsstest, dass ich nicht der Anwalt von Hostilius bin, sondern die Gegenseite vertrete, würdest du dich schwarzärgern , dachte sich Quintus. Aber diese Offenbarung würde er sich noch bis zum Prozess aufheben. Sollte der Befragte nur weiterhin denken, dass sie beide auf der gleichen Seite standen.

»Und du würdest das alles vor Gericht wiederholen?«, fragte er den Färber. »Als einziger Zeuge ist deine Aussage viel wert.«

»Ja natürlich, wenn es sein muss«, bestätigte Marius. Quintus dankte, verabschiedete sich und trat wieder in den Laden.

Vorsichtig kam Lucretia aus ihrem Versteck. Ihr schwirrte der Kopf. Sie wusste, dass sie etwas Verbotenes getan hatte. Aber sie war auch seltsam aufgekratzt. Die Frage, was wirklich geschehen war, beflügelte ihre Phantasie und steigerte zugleich ihre Neugier ins Unermessliche. Das war ein ganz neues Gefühl – und es gefiel ihr. Eine Regung, die vielleicht auch ein Jäger empfand, wenn er die Spur seiner Beute aufnahm, vermutete sie. Sie schlich zurück zur Hoftür und duckte sich wieder hinter einige Stoffballen, den Ausgang im Blick. Zu ihrer Überraschung hatte der Anwalt den Laden noch nicht verlassen. Sie hielt in ihrem Versteck inne.

»Du hast eben gefragt, ob Marius schon wieder in Schwierigkeiten ist«, erinnerte sich Quintus, der bei Maxentius an der Ladentheke stand. »Ist er denn früher schon mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten?«

»Mit dem Gesetz nicht, soweit ich weiß. Aber er würfelt gern.«

»Und er verliert meistens?«, vermutete der Anwalt. Die Problematik war ihm vertraut. Glücksspiel war ein Problem epidemischen Ausmaßes, es schien fast so, als würde das halbe Imperium das sauer verdiente Geld verzocken. Schon vor langer Zeit war ein Glücksspielverbot erlassen worden, aber niemand hielt sich daran, weil es keine Instanz gab, die es ernsthaft durchsetzen konnte.

»Ich glaube, er hat Schulden«, sagte der Ladeninhaber und zuckte mit den Schultern.

»Hat er eine Stammkneipe?«, wollte Quintus wissen.

»Den Gallischen Eber . Aber das ist alles, was ich weiß«, entgegnete Maxentius und verschränkte jetzt die Arme vor der Brust. Er hatte wohl das Gefühl, schon mehr als genug gesagt zu haben, und Quintus wollte den Bogen nicht überspannen. Also fragte er nicht weiter, bedankte sich und verließ das Geschäft.

 

Einen Moment später schlüpfte auch Lucretia wieder ins Freie. Sie atmete auf. Es war alles gutgegangen. Nicht nur war das belauschte Gespräch hochinteressant, sie war auch fasziniert davon gewesen, Quintus bei dieser Art von Arbeit zu erleben. Die Tätigkeit als Anwalt erforderte offenbar viel mehr, als nur vor Gericht große Reden zu schwingen. Wäre er nicht nur Männern vorbehalten, hätte Lucretia sich gut vorstellen können, auch diesen Beruf zu wählen. Was ihre Mutter allerdings dazu zu sagen gehabt hätte, konnte sie sich lebhaft vorstellen. Doch Lucretia verdrängte den Gedanken. Es war jetzt nicht die Zeit, um Luftschlösser zu bauen. Vielmehr ging es darum, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. In ihrem Kopf rumorte es. All das, was sie in den belauschten Gesprächen erfahren hatte, warf viele neue Fragen auf, und Lucretia war fest entschlossen, die Antworten zu finden. Im Zweifel auf eigene Faust.