Quintus freute sich, wieder frischere Luft zu atmen. Tief in Gedanken versunken, bog er um die Ecke und wäre fast in eine Greisin hineingelaufen.
»Pass doch auf, Tölpel!«, schimpfte die Alte. Er murmelte eine Entschuldigung und eilte weiter. Für einen Moment hatte er tatsächlich alles um sich herum vergessen. »Du denkst zu viel«, hatte ihm seine Mutter früher oft gesagt und behauptet, dass er das nicht von ihr, sondern von seinem Vater hätte. Quintus konnte nicht anders, als ihr zu glauben – seinen Vater hatte er nie kennengelernt. Allerdings ertappte sich Quintus auch heute noch oft dabei, wie er versuchte, sich vor seinem geistigen Auge ein Bild von ihm zu machen. Das fiel ihm nicht leicht, weil er kaum etwas über ihn wusste. Nur wenig hatte er als Jugendlicher seiner Mutter über diesen römischen Centurio aus der Nase ziehen können, und über die meisten seiner Eigenschaften – gute wie schlechte – hatte sie sich ausgeschwiegen. Quintus ahnte, dass er die große Liebe ihres Lebens gewesen war, doch jede seiner Fragen dazu war unbeantwortet geblieben.
Auf den Straßen war jetzt viel los, und er musste achtsam sein, wollte er nicht wieder mit jemandem zusammenstoßen. Doch seine Gedanken kreisten weiter um seinen neuen Fall. Er wurde den Verdacht nicht los, dass der Färber ihn angelogen hatte. Seine Geschichte klang schlüssig, aber die Art, wie er sie erzählt hatte, machte Quintus misstrauisch. Sie enthielt zu viele Details, die ausgedacht klangen. Konnte Marius wirklich erkannt haben, welchen Glasgegenstand der Bezichtigte bei sich trug, aus achtzig, vielleicht hundert Fuß Entfernung, durch einen Torbogen hindurch, Mondlicht hin oder her? Quintus beschloss, das zu überprüfen, und schlug den Weg zum Nordtor ein, das nicht weit entfernt war.
Dort angekommen, machte er die Probe aufs Exempel. Er suchte nach der nächstgelegenen Amphore, positionierte sich daneben und versuchte, sich in die Situation zu versetzen, in der sich Marius angeblich in jener Nacht befunden hatte. Quintus wandte sich nach Norden und schaute zum Tor. Pferdekarren fuhren hinein und hinaus, Stadtwachen winkten sie durch. Und obwohl Quintus sein Sehvermögen als überdurchschnittlich wertete, konnte er kaum etwas, das sich jenseits des Tores befand, klar erkennen. Es war offensichtlich, dass Marius schlicht und ergreifend nicht das gesehen haben konnte, was er behauptet hatte.
Ein plätscherndes Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Neben ihm erleichterte sich ein älterer, kahlköpfiger Mann in einer einfachen Tunika in die Amphore. Quintus sah ihm abwesend zu, während sich in seinem Kopf eine Theorie formte.
»He, was glotzt du so?«, fuhr ihn der Kahle an.
»Oh, tut mir leid«, erwiderte Quintus aus seinen Gedanken gerissen, er wich zurück und wandte die Augen ab. Doch was er gesehen hatte, genügte, um seine Vermutung zur Gewissheit werden zu lassen: Die Amphore war fast bis zum Rand voll. Und das konnte bei ihrer Größe eigentlich nicht sein, wenn Marius sie, wie angegeben, in der Nacht des Überfalls ausgeleert hätte. Der Färber hatte die nächtliche Runde also in Wahrheit nie gedreht. Er war gar nicht hier gewesen! Marius hatte gelogen – aber warum?
Quintus beschloss, als Nächstes Marius’ Stammkneipe aufzusuchen. Maxentius, der Tuchhändler, hatte doch den Gallischen Eber erwähnt. Er lag nicht weit von den Thermen im Südwesten der Stadt. Die Wände des Gebäudes waren über und über mit Graffiti bedeckt. Da prangten Sprüche wie »Gaius hat hier gesoffen« oder »Drusilla trinkt alle unter den Tisch« und dazwischen zahlreiche Zeichnungen von religiösen Symbolen, Tieren und Geschlechtsteilen. Die meisten Hausbesitzer übermalten diese allgegenwärtigen Schmierereien irgendwann, aber hier hatte man sich offenbar dafür entschieden, das anrüchige Dekor zum Markenzeichen zu machen. Der Eingang war nicht beschriftet. Es gab kein Schild, das auf die Kneipe hinwies, aber über der Eingangstür thronte in neun Fuß Höhe auf einem eisernen Balken ein struppiger Eber mit großen Stoßzähnen aus Ton.
Quintus trat ein, und seine Augen mussten sich erst einmal an die Dunkelheit gewöhnen, denn es waren noch keine Öllampen entzündet. Lediglich zwei schmale unverglaste Fensteröffnungen rechts und links der Tür ließen etwas Tageslicht hinein, was aber nicht ausreichte, um den Raum zu erhellen.
»Wir haben noch geschlossen!«, hörte Quintus eine barsche Frauenstimme.
Er lief dennoch weiter, entlang der hölzernen Bänke und Tische, die dringend einmal abgewischt werden mussten, der Stimme entgegen. Aus den Augenwinkeln sah er eine Maus, die frech auf einem Tisch hockte und an einem Stück Brot knabberte. Bestimmt war sie hier nicht die einzige!
»Ich bin nicht gekommen, um Flora zu preisen«, erwiderte Quintus, »ich suche nur jemanden, der mir hilft.«
»Helfen? Wobei?«, fragte die Besitzerin der Taverne, trat aus dem Halbdunkel vor Quintus und stemmte ihre Hände in die breiten Hüften. Sie war klein, Mitte vierzig und hatte nicht mehr viele Zähne im Mund. Sie hatte das ungewaschene, grau melierte Haar hochgesteckt, und ihre braune Tunika war mit Fettspritzern besudelt.
»Ich habe einem Mann Geld geliehen und möchte nun meine Schulden eintreiben. Er ist hier Stammgast, wie ich hörte«, gab Quintus vor. Der Frau war anzusehen, dass sie keine Obrigkeiten mochte. Wenn er ihr eröffnete, dass er Anwalt war, würde sie gleich dichtmachen. Ihre Stammkunden waren ihr sicher näher als Recht und Gesetz.
»Ist doch nicht mein Problem«, schnarrte die Wirtin, wie zu erwarten war. »Komm später wieder, wenn es voller ist, vielleicht findest du den Kerl dann. Ich kann dir nicht helfen.«
»Vielleicht doch«, sagte Quintus. »Der Mann heißt Marius.« »Sagt mir nichts.«
»Schade, ich dachte, du wüsstest vielleicht, wo er arbeitet.« »Keinen Schimmer.«
»So einer mit grünen Augen und einem Backenbart.« »Kenn ich nicht.«
Die Wirtin war eisern. Quintus griff in seine Toga, ertastete seinen Geldbeutel und zog ihn hervor. Er öffnete ihn, ließ ihn dabei absichtlich laut klimpern und zog einen Sesterz heraus, den er der Frau reichte: »Ich will dich nicht weiter belästigen. Vielen Dank für deine Mühe.«
Er machte Anstalten, den Geldbeutel wieder wegzustecken, wobei er sich absichtlich Zeit ließ. Jetzt hatte er die Wirtin am Haken.
»Wie sah der noch mal aus?«
»Ein junger Bursche. Ich glaube, er leert ab und zu die Amphoren an den Ecken.«
»Ach ja, der mit der Pisse!«, fiel es ihr plötzlich ein.
»Genau der. War er vorgestern Nacht hier?«
»Vorgestern? Hm. Das ist lange her. Ich weiß nicht genau«, murmelte sie und kratzte sich am Kopf, wobei sie auf Quintus’ Geldbeutel schielte.
Mit stoischer Miene fischte er einen weiteren Sesterz hervor und reichte in ihr. Informationen zu erkaufen, war eigentlich nicht seine Art, und er vermied es, wenn irgend möglich.
Aber manchmal ging es halt nicht anders.
»Ach ja, jetzt fällt es mir wieder ein«, sagte die Wirtin. »Der war vorgestern hier. Und gestern auch.«
»Es geht mir erst mal um die vorletzte Nacht. Wie lang ist er denn hier gewesen?«
»Oh, lange! Sehr lange!«, betonte die Wirtin, hielt inne und grinste Quintus frech an. Ohne lange zu fackeln, drückte er ihr einen Silberling in die Hand. Sie schaute erfreut drein. »Er ist so zur dritten Abendstunde gekommen. Hat zwei, drei Becher Weinschorle getrunken. Aber das Zeug ist nicht sein Problem. Die Würfel sind es. Aber das weißt du als sein Gläubiger ja nur zu gut«, sprudelte es nun aus ihr heraus. »Du bist nicht der Einzige, bei dem er Schulden hat. Hier lässt er auch immer anschreiben. Ich hab’ ihm Hausverbot angedroht, wenn er nicht endlich mal zahlt. Und am Abend darauf hat er dann tatsächlich seine ganze Zeche der letzten Wochen bezahlt, und das war keine kleine Summe, sag ich dir. Irgendwie ist er über Nacht zu Geld gekommen, aber hat das meiste dann gleich wieder beim Würfeln verloren.«
»Für mich zählt vor allem, wann er vorgestern wieder gegangen ist«, merkte Quintus ruhig an, während er darüber nachdachte, woher der plötzliche Reichtum des Färbers wohl rührte. Der Monat war fast zu Ende, da hatten die meisten doch kaum noch etwas in der Tasche.
»Er war einer der Letzten, die gingen, ich hab’ ihn kurz vor Morgengrauen rausgeschmissen, den Taugenichts.«
»Also war er die ganze Nacht hier?«, wunderte sich Quintus. »Und ist nicht zum Arbeiten rausgegangen, dieser faule Hund?«
»Nein, er wollte die Runde mit seiner Schubkarre, die draußen stand, erst auf dem Heimweg machen, aber so kaputt und müde, wie der war, ist er sicher lieber schnell ins Bett, statt sich noch lange zu placken.«
Quintus durchströmte ein erhebendes Gefühl. Ein Prickeln vom Kopf bis zu den Zehenspitzen, das er immer dann spürte, wenn er einer Sache auf die Spur kam. Es war wie ein Knoten, der sich in seinem Inneren löste. Das waren für Quintus die besten Momente bei seinen Ermittlungen. Momente, die ihn näher zur Wahrheit führten.
Die Sache war klar: Marius hatte ihm ein Märchen aufgetischt. Vermutlich nicht ganz freiwillig. Ein persönliches Motiv schloss Quintus so gut wie aus. Er glaubte nicht, dass sich sein Mandant und der Färber, der ihn eines Verbrechens bezichtigte, kannten. Sie waren sich höchstwahrscheinlich nie begegnet. Der Jäger Fridolf war das arglose Opfer einer Intrige, und auch Marius, den möglicherweise jemand zu einer Falschaussage angestiftet hatte, war in diesem Spiel nur eine ahnungslose Randfigur. Bloß – was war das für ein Spiel, wer machte die Regeln und was gab es zu gewinnen? Quintus war überfragt und euphorisch zugleich. So war das, wenn man die Antwort auf eine dringende Frage erhielt, aber diese Antwort zugleich unzählige neue Fragen aufwarf. Aber das spornte ihn nur umso mehr an.
»Und da bist du dir ganz sicher?«, hakte er nach.
»Ja, ich hatte die Gruppe die ganze Zeit im Blick. Habe denen gesagt, dass sie mit dem Glücksspiel aufhören sollen, weil das natürlich strikt untersagt ist, aber sie wollten nicht auf mich hören«, erklärte die Wirtin scheinheilig, als ob sie jemals einem Stammgast etwas verbieten würde.
Quintus hatte genug in Erfahrung gebracht. Seine wahre Identität preiszugeben und die Wirtin zu bitten, vor Gericht auszusagen, sparte er sich. Diese Indiskretion wäre ihr nicht zuzumuten gewesen. Denn was in ihrer Taverne geschah, blieb auch dort und wurde nicht nach außen getragen – darauf vertraute ihre Kundschaft. Es gab die Gesetze des Staates und die Gesetze der Straße, und die Wirtin gehorchte nur Letzteren. Quintus machte ihr daraus keinen Vorwurf. Auch sie musste ja von etwas leben – und sie hatte ihm mehr geholfen, als sie ahnen konnte. Quintus würde noch einmal zum ersten Tuchhändler zurückgehen, den er vergeblich befragt hatte. In seinem Kopf formte sich ein Plan.