12

Quintus saß an seinem Tisch im Gerichtssaal, neben ihm ein angespannter, frisch gebadeter Fridolf. Nervös schaute er sich im Saal um. Am Tisch ein paar Fuß rechts daneben saß Hostilius mit seinem Anwalt. Denter Aquilius Varro und Quintus waren schon vor dem Erbschaftsprozess oft gegeneinander angetreten, schließlich gab es nicht viele Anwälte in der zwanzigtausend Einwohner zählenden Stadt, und so begegnete man sich regelmäßig im Südflügel des Rathauses, der für Gerichtsprozesse vorgesehen war. Im Gegensatz zu Quintus, der von einem starken Gerechtigkeitssinn angetrieben wurde und den Beruf auch ausübte, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, kam Varro aus reichem Hause und betätigte sich lediglich aus Prestigegründen als Anwalt. Einen Juristen in der Familie zu haben war etwas, worauf sein aus Helvetien stammendes Geschlecht, strebsam und seit fünfzig Jahren dem Ritterstand angehörend, stolz sein konnte. Dass er kein besonders talentierter Redner war und nur selten Prozesse gewann, fiel da kaum ins Gewicht. Was zählte, war die Position. Quintus war sich sicher, dass der arrogante Kollege ihn für einen schrecklichen Emporkömmling hielt, der hier nichts zu suchen hatte. Auch jetzt warf er Quintus abschätzige Blicke zu.

Es war schneller zur Verhandlung gekommen, als er erwartet hatte. Bereits am letzten Apriltag war er durch einen Boten des Prätors Sergius Orata informiert worden, dass der Kläger offiziell einen Antrag bei Gericht gestellt hatte. Orata hatte ihn auch sofort bewilligt. Der Prozess hätte sogar schon tags darauf beginnen können, doch der erste Mai war ein wichtiger Feiertag, an dem das Gericht ausnahmsweise geschlossen blieb, und so hatte sich die Verhandlung verschoben. Quintus hatte sein Mandant leidgetan, der deswegen einen Tag länger in Haft hatte bleiben müssen. Aber zugleich hatte diese Verzögerung Quintus mehr Zeit zur Vorbereitung gegeben. So war er am Feiertag zu Hause geblieben und hatte gegrübelt, während Pola und ihr Trupp den Tag bei einem reichen Gönner verbracht hatten, der sich gerne mit den berühmten, aber auch als verrucht geltenden Schauspielern schmückte.

Quintus stupste Fridolf leicht an der Schulter an, und der Germane wandte seinen Blick nach vorn, wo Prätor Orata auf den mit Bronzeornamenten beschlagenen Richterstuhl kletterte, der weithin sichtbar auf einem Podest aus grünem Marmor an der Stirnseite des Gerichtssaales stand. Der Stuhl war so hoch, dass es etwas Übung erforderte, sich elegant auf ihm niederzulassen. Zeitgleich nahmen die Iudices, die Geschworenen, Platz auf den langen Bänken, die etwas erhöht und von einem niedrigen, rautenförmigen Holzgatter abgetrennt an der Westwand des Gerichtssaals aufgestellt waren. Bei den Iudices handelte sich um siebzehn freie Männer, die vom Los für ein Jahr für diese ehrenvolle Position bestimmt worden waren.

Die Verhandlung war wie immer öffentlich, und sie stieß auf ein Interesse, das Quintus’ Erwartung noch überstieg. Dass die Zuschauerränge auf der Empore im ersten Stock bis auf den letzten Platz besetzt waren, kam jedenfalls selten vor. Aber die Überfälle in der Umgebung beschäftigten die Leute. Man erzählte sich, dass Reisende, die es sich leisten konnten, nun bewaffnete Eskorten anheuerten, wenn sie das Umland durchqueren mussten, und die, die schon eine hatten, vergrößerten ihre. Die Raubzüge der aufmüpfigen Germanen waren eine Gefahr für die Ordnung, und es war Sache der Politik, sich darum zu kümmern. Leute wie Quintus konnten nur die Scherben aufsammeln.

Die beiden Stadtwachen am Tor des Gerichtssaals, die durch ihre blauen ovalen Schilde als Marinesoldaten aus dem südlich der Stadt gelegenen Flottenkastell zu erkennen waren, hatten Mühe, dem Ansturm Herr zu werden. Unter denen, die Einlass begehrten, waren viele blumenbekränzte Zecher vom Floralienfest, die wohl dachten, dass es lustig wäre, sich in trunkenem Zustand an einer Gerichtsverhandlung zu ergötzen. Doch sie wurden von den Soldaten abgewiesen.

Unter denen, die auf der Empore Platz genommen hatten, waren die drei Freunde von Hostilius, die geholfen hatten, Fridolf ins Rathaus zu schleppen, aber auch Lucretia. Schon früh hatte sie als eine der Ersten vor der noch geschlossenen Tür gewartet. Um nichts in der Welt hatte sie diesen Prozess verpassen wollen, bestand doch die Möglichkeit, dass der Angeklagte mit dem Tod Nepheles in Verbindung stand.

Auch wenn man es ihr nicht ansah – für ihre Verhältnisse war sie stark geschminkt –, die jüngsten Ereignisse hatten Lucretia sehr mitgenommen. Am letzten Tag im April, der kalt und neblig gewesen war, hatte sie der Beerdigung ihrer geliebten Freundin beiwohnen müssen. Nepheles in pechgetränkte Tücher gewickelter Leichnam war auf einem Scheiterhaufen auf der Ustrina verbrannt worden, einem für solche Zwecke vorgesehenen Platz außerhalb der Stadt. Es war Lucretia gewesen, die mit der Fackel das Holz entzündet hatte. Das zu tun, hatte sie sich von ihrem Vater erbeten, dessen Aufgabe es als Nepheles Besitzer eigentlich gewesen wäre. Eine Stunde lang hatte Lucretia danach weinend in die Flammen gestarrt. Der beißende Geruch der schwelenden sterblichen Überreste der Frau, die ihr immer zur Seite gestanden hatte, war in ihre Nase gestiegen und hatte sich dort schmerzhaft eingebrannt. Lucretia war wieder bewusst geworden, wie kurz das Leben sein konnte. Es war nicht die erste Beerdigung, der sie beigewohnt hatte. Die wenigsten Menschen in der Colonia erreichten ein hohes Alter. Doch es war die erste Beisetzung eines von ihr geliebten Menschen gewesen. Mit traurigen Gesichtern hatten die anderen Sklaven aus ihrem Haushalt später mit Löffeln Nepheles Asche eingesammelt und in eine Urne gefüllt. Sie war beliebt gewesen. Ihre Hilfsbereitschaft und Güte würden im Hause Veturius fehlen. Die Urne aus unglasierter rauer Terrakotta wurde schließlich in einem Loch in der vierten Reihe an der Via Belgica vergraben. Üblicherweise wurden Sklavengräber höchstens mit einer Holztafel markiert, die schnell verwitterte. Aber weil ihr Vater wusste, wie wichtig die Verstorbene für seine Tochter gewesen war, hatte Magnus Veturius eigens einen, wenn auch sehr kleinen, Grabstein aus einfachem Vulkangestein anfertigen lassen, in den immerhin der Name der Toten und eine knappe Auflistung ihrer Qualitäten als Haussklavin eingemeißelt worden war. Lucretia war ihrem Vater dankbar dafür.

Tags darauf hatte sie zuerst an der öffentlichen Feier zu Ehren der Bona Dea teilgenommen und dann zu Hause bei den Festvorbereitungen mithelfen müssen. Zu Ehren der Göttin waren auf dem riesigen Altar im Kultbezirk nahe des Rhenus zwölf weibliche Kälber geschlachtet worden. Das Blut der jungfräulichen Tiere sollte die Götter gnädig stimmen und den kommenden Sommer fruchtbar sein lassen. Die Kälber waren von Bauern und von reichen Bürgern gespendet worden, die sich auch aus persönlichen Gründen besonders um die Gunst der Göttin bemühten. Allein drei Tiere waren in diesem Jahr von Claudia gestiftet worden, die sich davon erhoffte, endlich schwanger zu werden. Bereits im letzten Jahr hatte sie ein Kalb für das Ritual zur Verfügung gestellt, geholfen hatte es nichts. Daher versuchte Lucretias Schwester nun, Bona Dea mit einer noch größeren Gabe für sich zu gewinnen. Das Fleisch der Tiere wurde danach an die Armen verteilt. Bei dieser Feier auf dem Forum waren ausdrücklich nur Frauen zugelassen, und auch die Zeremonie wurde ausschließlich von Priesterinnen durchgeführt. Die Feier war beliebt und immer sehr gut besucht, in ihrer von Männern beherrschten Welt gab sie den Bürgerinnen das seltene Gefühl, einmal etwas ganz Eigenes zu haben.

Beim Trinkgelage am Abend hatten jedoch auch die Männer wieder teilnehmen dürfen. Die wohlhabenden Nachbarn in Lucretias Straße luden sich zu diesem Anlass traditionell gegenseitig reihum ein, und in diesem Jahr war die Familie Veturius dran gewesen. Lucretia hatte mechanisch ihre Pflicht erfüllt. Selbst ihr Ermittlungsdrang war von ihrer Trauer erstickt worden, doch sie konnte ohnehin keinen klaren Gedanken fassen. Auf der Feier am Abend hatte sie dann ein paar höfliche Anstandsgespräche geführt, sich danach aber in ihr Zimmer zurückgezogen. Sie hatte von den gut gemeinten Wünschen in Bezug auf die Fruchtbarkeit ihres Körpers, die sie zugleich als unterschwellige Kritik daran verstand, dass sie noch immer unverheiratet war, ohnehin schnell genug gehabt. Obwohl sie jeden Grund gehabt hätte, sich zu betäuben, wollte Lucretia auch am großen »Zähltrinken«, bei dem man so viele Becher Weinschorle leerte, wie der Name des zu Feiernden Buchstaben enthielt, nicht teilnehmen. Im gegebenen Fall der Göttin Bona Dea waren das nur sieben – enttäuschend wenig, wie die Trinkfesteren unter den Gästen kundtaten. Immerhin hatte Lucretia mit angehört, wie einer der Nachbarn erzählte, dass am nächsten Tag der Prozess stattfinden würde, was sie als Hoffnungsschimmer empfunden hatte. Und jetzt war es endlich so weit.

»Ruhe bitte!«, forderte der Richter mit lauter Stimme, doch das Gewisper oben auf der Empore erstarb nicht gleich. Lucretia beobachtete Quintus, der sich flüsternd mit Fridolf beriet. Dieser war mit seinem Wollpullover, den langen Hosen und Lederstiefeln, die nichts vom Fuß sehen ließen, eindeutig als Germane zu identifizieren. Quintus sah mit seinem blonden Haar nicht weniger germanisch aus, die beiden hätten Brüder sein können, aber die Toga und die vor ihm aufgeklappten Wachstafeln mit Notizen machten unmissverständlich klar, dass er sich der römischen Lebensart verschrieben hatte. Beide kamen sie aus Germania Magna, aber der eine wurde gehasst, der andere bewundert. Kleider machten halt Leute.

»Ruhe!«, forderte Richter Orata etwas lauter, und endlich wurde es still. Er entrollte einen Papyrus und trug den Sachverhalt vor: »Publius Hostilius, frei geboren in Iadera, Dalmatien, als Sohn zweier karpischer Freigelassener, seit zehn Jahren Landpächter und Bauer, seit fünf Jahren wohnhaft in der Colonia Claudia Ara Agrippinensium und seitdem römisches Bürgerrecht besitzend, das ihn zur Klageerhebung berechtigt, bezichtigt Fridolf vom Stamm der Brukterer, den Status eines Peregrinus tragend, des Raubes. Konkret geht es um einen Überfall auf das Landhaus der Witwe Salvia Salina Mercatus vor fünf Nächten, bei der es keine Todesopfer, aber erhebliche Sachbeschädigung gegeben hat, und außerdem Geschirr und Schmuck im Wert von mehr als dreitausend Sesterzen entwendet worden ist. Mercatus ist die Besitzerin des Stückes Land, das Hostilius gepachtet hat. Sie hat nicht selbst Anklage erhoben, da sie nach dem Überfall unter Schock gestanden hat und zu Verwandten nach Augusta Treverorum gefahren ist, um sich zu erholen.«

Orata erklärte das Verfahren für eröffnet und erteilte der Anklage das Wort.

Denter Aquilius Varro erhob sich langsam und schritt in die Mitte des Saals. Ihm schien bewusst zu sein, dass er keine Fehler machen durfte. Wenn er weiterhin Mandanten haben wollte, musste er sich endlich einmal wieder durch einen Sieg empfehlen.

»Geehrter Richter, verehrte Geschworene«, hob Varro an, »die Pax Romana ist ein zentrales Versprechen, das das Imperium seinen Bewohnern gibt. In ihm soll jedem, vom Bürger bis zum Sklaven, vom Einheimischen bis zum Eingewanderten, ein möglichst sorgloses Leben ermöglicht werden. Kriege werden nur an den Außengrenzen des Reiches geführt, während wir uns auf unseren Straßen sicher fühlen. Eine Garantie für ein angstfreies Dasein gibt es trotzdem nicht. Der Friede ist zerbrechlich. Es erfordert Arbeit, ihn zu erhalten. Wer sollte das besser wissen als wir, die stolzen Agrippinenser, die vor zwanzig Jahren fast dem Verrat der Bataver zum Opfer gefallen wären?«

Zustimmendes Gemurmel der Zuschauer, Varro hatte den richtigen Hebel gefunden. Es war klar, dass das passieren würde, Quintus hatte nur darauf gewartet. In der Tat war die Rebellion des an der Mündung des Rhenus beheimateten Reitervolkes nach dem Tod des verhassten Kaisers Nero, der für politische Verwirrung gesorgt hatte, ein traumatisches Erlebnis für die Bewohner der Region gewesen, das bis heute nachwirkte. Die Bataver waren eigentlich schon lange mit den Römern verbündet gewesen und hatten ein Gros der Kavallerie in den Legionen gestellt, sich aber ungerecht behandelt gefühlt und gegen die römische Besatzung aufbegehrt. Dabei hatten sich ihnen weitere linksrheinische Stämme und auch einige aus Germania Magna angeschlossen. Einzig die Ubier, auf deren Gebiet sich die Colonia befand, hatten treu an der Seite des neuen Kaisers Vespasian gestanden und sich den anderen Germanen widersetzt, die im Gegenzug gedroht hatten, die Stadt niederzubrennen. Der Imperator hatte es mit Truppen aus den Lagern Novaesium und Bonna sowie Legionen aus anderen Provinzen, die in Gewaltmärschen zur Colonia geeilt waren, geschafft, die Erhebung niederzuschlagen. Die Stadt war einer Katastrophe entkommen, allerdings nur um Haaresbreite. Nun fürchteten viele, dass sich die Geschichte wiederholen könnte, und der arme Fridolf sollte herhalten, um diese Angst zumindest vorübergehend zu mildern.

»Schon seit zwei Monaten fallen germanische Räuberbanden über unsere Bauernhöfe her. Hart arbeitende Landpächter wie mein Mandant trauen sich kaum noch aufs Feld. Lähmender Schrecken macht sich in unserer Mitte breit wie ein Krebsgeschwür. Einwanderer wie Fridolf der Brukterer sind nicht nur Diebe, nein, sie sind eine Bedrohung des gesamten Zusammenhalts unseres Staates.«

Quintus schüttelte verächtlich den Kopf.

»So ist es!«, schrie ein Zuschauer von der Empore.

»Er soll sterben!«, rief ein anderer, und viele pflichteten ihm applaudierend bei.

Quintus nutzte die Gelegenheit, das Wort zu ergreifen und stand auf. Vom Verteidigertisch aus wandte er sich Varro zu.

»Lieber Kollege, in der Tat ist die Pax Romana ein hohes Gut. Und sie wird nicht nur draußen von tapferen Legionären und Matrosen mit Schwertern verteidigt, sondern auch genau hier, wo wir uns gerade befinden, mit Worten. Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden. Aber Gerechtigkeit gibt es nicht ohne Wahrheit, edler Varro. Dein Mandant behauptet, meiner sei ein Missetäter, und du dichtest ihm sogar noch auf lächerliche Weise an, er wolle eigenhändig das Imperium Romanum zu Fall bringen. Doch solange deine Seite dafür keine Beweise vorlegt, bleibt es reine Behauptung. Also, wo sind eure Beweise, Varro? Ich kann es nicht erwarten, sie zu sehen.«

Er sah aus den Augenwinkeln, dass zwei Geschworene leicht nickten. Sie waren zwar strikt angehalten, keine Regung zu zeigen, aber niemand hatte seinen Körper völlig unter Kontrolle.

»Quintus Tibur soll haben, was er begehrt. Ich bin mir sicher, dass ein Zeuge Licht ins Dunkel bringen kann. Ich beantrage, Marius Thrax im Zeugenstand zu vernehmen.«

»Stattgegeben«, sagte Orata, der alles aufmerksam mit angehört hatte.

Eine kleine Seitentür öffnete sich, und ein Wächter mit Speer und ovalem blauen Schild führte den Färber herein. Er trug eine schöne, saubere Tunika und ansehnliche Sandalen.

Marius nahm auf dem einfachen Holzschemel im Zeugenstand Platz, der sich rechts des Richterpodiums hinter einem kleinen Holzgeländer befand.

»Marius Thrax, Färber. Zwanzig Jahre alt. In der Colonia geboren. Stimmt das?«, fragte Prätor Orata routiniert, den Blick noch auf seine Schriftrolle gerichtet, die entsprechende Informationen enthielt.

»Das ist richtig«, sagte Marius.

»Schwörst du beim Leben des Kaisers, die Wahrheit zu sagen?«, fragte der Richter.

»Ich schwöre.«

Marius wirkte nervös. Quintus wusste, warum. Einen Meineid zu leisten, konnte empfindliche Strafen nach sich ziehen. Innerlich rieb er sich die Hände.

»Nun, Marius Thrax, schildere uns doch bitte, was du in der betreffenden Nacht beobachtet hast«, forderte ihn Varro auf.

Marius legte los und erzählte die Geschichte, fast Wort für Wort so, wie er sie Quintus aufgetischt hatte. Nur etwas weniger unsicher, so als habe er zwischenzeitlich geübt. Aber das sollte ihm nichts nützen – dafür würde Quintus sorgen. Als er seine Erzählung schloss, wirkte der Thraker erleichtert, und Varro und sein Mandant Hostilius siegessicher. Doch wenn der Färber dachte, dass er nun fein raus wäre, hatte er sich gehörig getäuscht.

»Ich würde den Zeugen auch gern befragen«, verkündete Quintus und stand auf.

»Das ist dein gutes Recht«, sagte der Richter.

Quintus schritt langsam auf den Zeugenstand zu. Marius sah den Anwalt beleidigt an, denn er hatte gerade erst verstanden, dass dieser nicht seinen Kumpel Hostilius, sondern den Angeklagten vertrat. Quintus genoss das und hoffte, dass die zusätzliche Verunsicherung, die Marius deswegen empfand, ihn vielleicht dazu verleiten würde, Fehler zu machen.

»Stimmt es, dass du gerne würfelst, Marius?«, fragte er.

»Einspruch!«, entfuhr es Varro sofort. »Das Privatleben des Zeugen hat nichts mit dem Fall zu tun.«

»Das hat es sehr wohl«, sagte Quintus, an den Richter gewandt.

»Fahr fort«, forderte der Prätor Quintus auf. Varro verzog säuerlich das Gesicht.

»Es ist schon richtig, dass ich gerne würfele. Also, hin und wieder«, gab Marius zu. Er senkte seinen Blick. Dass sein Laster hier öffentlich angesprochen wurde, war ihm unangenehm. Und genau das hatte Quintus beabsichtigt.

»Ist das nicht verboten?«, fragte Quintus mit gespielter Verwunderung.

»Ich glaube schon«, antwortete der Zeuge kleinlaut. Er merkte, wie der Anwalt ihn vorführte, und konnte nichts dagegen tun.

»Und du spielst keineswegs nur hin und wieder, sondern regelmäßig. Eigentlich jede Nacht. Ist es nicht so?«

»Das könnte man so sagen«, presste Marius beschämt hervor.

Lucretia verfolgte die Befragung jetzt mit höchster Anspannung. Sie hatte schon einigen Gerichtsverhandlungen als Zuschauerin beigewohnt und kannte inzwischen die Abläufe. Somit durchschaute sie auch Quintus’ Strategie – der Zeuge musste diskreditiert werden, wenn Fridolf dem Tod entrinnen wollte. Doch mittlerweile war sie auf der Seite der Anklage und glaubte fest daran, dass der Germane schuldig wäre. Sie wollte, dass er schuldig war. Er sollte sie doch zu seinen Komplizen, Nepheles Mördern, führen.

»Einspruch! Das ist alles irrelevant!«, rief Varro.

»Abgelehnt«, sagte Orata. »Aber die Verteidigung muss jetzt auf den Punkt kommen.«

»Das will ich gern tun«, sagte Quintus. »Der Zeuge hat uns eben erklärt, wann er angefangen hat zu arbeiten. Wann er sich aufgemacht hat, um den Urin einzusammeln, der in seinem Betrieb gebraucht wird.«

»In der sechsten Stunde, gegen Mitternacht«, wiederholte der Richter.

»Ich frage mich nur, wie er das getan haben will. Wo doch seine Saufkumpane im Gallischen Eber , dem ich einen Besuch abgestattet habe, darauf bestehen, dass er bis zum Morgengrauen mit ihnen gewürfelt hat. Dabei hat er ganz schön viel Geld verspielt. Von dem übrigens keiner weiß, woher es stammte.«

Der Zeuge erstarrte und machte große Augen. Quintus hatte ins Schwarze getroffen. Das merkte sogar Lucretia, die so weit entfernt saß, dass sie Marius’ Gesicht nicht genau erkennen konnte. Und wenn sie es schon merkte, würden es auch die Iudices tun. Jetzt wurde es spannend. Lucretia hielt unwillkürlich die Luft an.

Varros und Hostilius’ Blicke trafen sich. In dem des Glatzkopfs lag Verunsicherung. Dieser Zeuge war alles, was er hatte, und Quintus demontierte ihn. Varro musste fürchten, dass sich das Blatt gegen ihn wendete.

»Erleichtere dein Gewissen, und sage uns die Wahrheit, Marius!«, forderte Quintus jetzt mit donnernder Stimme. Ein bisschen übertrieben, aber womöglich färbte es ab, mit einer Schauspielerin verheiratet zu sein. »Du bist in der fraglichen Nacht gar nicht am Nordtor gewesen. Du bist kein Zeuge, Marius Thrax, sondern ein Lügner. Und du hast keine Skrupel, einen unschuldigen Mann, der von der Hand in den Mund lebt, mit einem Falsum unters Schwert zu bringen!«

Unruhiges Gemurmel erhob sich unter den Zuschauern. Waren sie zu vorschnell mit ihrem Urteil gewesen, sollte der Brukterer am Ende unschuldig sein? Auch Lucretia spürte einen Anflug schlechten Gewissens.

»Kann Quintus Tibur einen Zeugen für diesen Sachverhalt berufen?«, fragte Varro sofort. Ein guter Einwurf, und einer, den Quintus befürchtet hatte. Dass er die Wirtin nicht herzitiert hatte, konnte nun zu einem Problem werden.

»Marius Thrax ist Stammgast im Gallischen Eber , es würden sich leicht hundert Leute finden, die das bestätigen.«

»Aber ich sehe hier niemanden«, höhnte Varro und sah sich demonstrativ um.

Doch der Prätor schien die Sache abschließen zu wollen. »Habt ihr noch Fragen an diesen Zeugen?«, wollte er wissen, und beide Anwälte verneinten.

Marius verließ den Zeugenstand. Man konnte ihm ansehen, wie ihm ein Stein vom Herzen fiel. Der vorwurfsvolle Blick, den Varro ihm zuwarf, als er an ihm vorbei zum Ausgang ging, sprach allerdings Bände. Varro wusste ebenso wie Quintus, dass der Färber gelogen hatte, aber er würde es in Kauf nehmen, solange es seiner Sache nützte.

»Was hast du vorzubringen, Tibur?«, fragte der Richter, zu Quintus gewandt. »Es reicht nicht, einfach zu behaupten, der Zeuge sei zum betreffenden Zeitpunkt nicht vor Ort gewesen.«

»Das ist mir bewusst, verehrter Prätor«, erwiderte Quintus, »darum habe ich einen Zeugen einbestellt, der dasselbe Handwerk verrichtet wie Marius. Wer könnte die Arbeit eines Färbers besser beurteilen als ein Färber? Ich rufe Pertinax in den Zeugenstand.«

Der Richter schaute auf seinen Papyrus. »Der Name ist hier nicht angekündigt.«

»Ich beantrage eine nachträgliche Zulassung«, bat Quintus.

»Ist bewilligt, wenn uns das hier endlich weiterbringt«, nickte Richter Orata, ganz zum Missfallen von Varro.

Ein Raunen ging durch die Menge, dies war eine unerwartete Wendung. Der Wächter führte Pertinax herein, einen kleinen, breitschultrigen Mann mit dichtem braunem Haar und kurz geschnittenem Bart. Er hatte eine wulstige Stirn und bewegte sich träge. Fridolf blickte Quintus fragend an, aber der lächelte aufmunternd zurück. Pertinax nahm im Zeugenstand Platz.

»Stell dich vor«, verlangte der Richter.

»Ich bin Pertinax. Stamme aus Rätien. War zehn Jahre Sklave dort. Auf einem Landgut«, sagte der Mann in abgehacktem, aber weitgehend akzentfreiem Latein. Er sprach so langsam, wie er sich bewegte. »Habe Geld gespart und mir die Freiheit erkauft. Seit vier Jahren in der Colonia. Arbeite als Färber in der Tuchhandlung von Manlius Gallienus.«

»Pertinax, schwörst du beim Leben des Kaisers, die Wahrheit zu sagen?«, fragte der Prätor.

»Ich schwöre«, sagte Pertinax und klang dabei um einiges überzeugender als zuvor Marius.

Lucretia verstand zwar noch nicht, worauf Quintus hinauswollte, wohl aber die grundsätzliche Wahl des Zeugen. Sein Arbeitgeber, Manlius Gallienus, war sehr angesehen in der Stadt, er war sogar Teil des Stadtrates und mit ihrem Vater bekannt. Und er war auch einmal Gast auf einer Feier bei ihnen zu Hause gewesen – ein ziemlich aufgeblasener Unsympath, aber einer, mit dem sich viele gut stellen wollten. Das verlieh dem Zeugen Glaubwürdigkeit.

»Die Verteidigung soll ihren Zeugen befragen«, verlangte der Richter.

»Pertinax, erinnerst du dich an die fragliche Nacht?«, begann Quintus.

»Ich erinnere mich gut. Ich war dran.«

»Du warst dran? Womit?«

»Mit Pisse sammeln.«

»Du hast also in der Nacht die gleiche Tätigkeit verrichtet wie Marius, der vorherige Zeuge. Nur für einen anderen Auftraggeber.«

»Genau. Für meinen Chef, Gallienus«, nickte Pertinax.

»Es sind nachts also viele Färber unterwegs, um, wie du es ausdrückst, Pisse zu sammeln?«

»Ja. Alle Tuchhändler schicken ein, zwei Mann los. Nach Einbruch der Dunkelheit. Da rennen zwanzig, dreißig durch die Colonia. Jede Nacht.«

»Und da begegnet man sich natürlich. So als Kollegen. Und Rivalen«, führte Quintus aus.

»Ja. Man kennt sich. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Jeder will am meisten einsammeln. Keiner will leer ausgehen. Gibt sonst Ärger. Aber seit wir Reviere eingeteilt haben, schlagen wir uns zumindest nicht mehr die Köppe ein.«

»Wie lange warst du unterwegs?«

»Zwei Stunden etwa.«

»Und du hast viel eingesammelt in dieser Nacht.«

»Sehr viel. Es sind vorher offenbar noch nicht viele unterwegs gewesen.«

»Und bist du dabei Marius Thrax begegnet?«

»Nein, den habe ich nicht gesehen.«

»Einspruch!«, rief Varro. »Die Stadt ist groß, es ist nicht zwingend, dass man sich über den Weg läuft.«

»Stattgegeben«, lenkte der Richter ein. »Quintus Tibur, komm auf den Punkt!«

»Sofort«, versprach Quintus und wandte sich wieder Pertinax zu: »Und dir ist auch sonst kein Angestellter von Maxentius begegnet?«

»O doch«, sagte Pertinax. »Ein Kollege von ihm. Ein Syrer. Baktus heißt der. Und der war schlecht gelaunt. Sehr schlecht.«

»Warum denn das?«, fragte Quintus und freute sich innerlich, weil sie auf den großen Knall zusteuerten.

»Weil er die ganze Arbeit allein machen musste. Obwohl sie es doch zu zweit machen sollten. Er beklagte sich. Weil Marius beim Würfeln war. In der Taverne. Statt ihm zu helfen, wie verabredet.«

Varro klappte die Kinnlade herunter. Hostilius schnappte nach Luft und ballte seine Fäuste auf dem Tisch so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Quintus schien es, als sei der Ankläger von der Wendung ehrlich überrascht, als sei auch er den Lügen des Färbers aufgesessen. In dem Moment tat der Mann ihm fast leid.

»Vielen Dank, Pertinax«, sagte Quintus und ging zurück an seinen Platz.

»Das war jetzt gut, oder?«, fragte Fridolf ihn leise, der im Lateinischen noch nicht alles ganz verstand.

»Ich denke schon«, erklärte Quintus bescheiden.

Er war froh, nach der Befragung der Wirtin noch einmal zum ersten Tuchhändler zurückgegangen zu sein. Dass man ihn dort an Pertinax verwiesen hatte, der wiederum mit dieser entscheidenden Information aufwartete, war mehr gewesen, als er sich von seinem zweiten Besuch erhofft hatte.

»Möchte die Anklage den Zeugen ebenfalls befragen?«, wandte sich der Prätor nun Varro zu und hob leicht die Augenbrauen, wie es schien mit einem Anflug von Spott, da er sich die Antwort schon denken konnte.

»Ich habe keine Fragen«, murmelte Varro zerknirscht.

»Wie bitte?«, hakte der Richter nach.

»Keine Fragen!«, sagte der Glatzkopf übertrieben deutlich. Welch eine Demütigung.

»Ich glaube, wir haben genug gehört, um die Iudices zur Abstimmung zu bitten«, stellte der Prätor fest. Für Sergius Orata war die Angelegenheit klar. Er wollte nicht mehr Zeit auf diese Farce verschwenden als nötig. Er hatte heute noch über weitere Fälle zu urteilen, über einen Mordprozess, der ihn Nerven kosten würde, und einen Fall, in dem ein Bauer angeblich den Acker seines Nachbarn verhext hatte, um ihm die Ernte zu vermiesen – in seinen Augen hochtrabender Unsinn, der aber immerhin amüsant zu werden versprach.

Die Geschworenen holten nun Wachstafeln hervor, die ihnen zu Sitzungsbeginn ausgehändigt worden waren. Auf der einen Seite der Tafel war ein »A« für unschuldig eingeritzt, auf der anderen ein »C« für schuldig. Die Iudices entfernten nun mit den stumpfen Enden ihrer Schreibgriffel jeweils einen der Buchstaben, indem sie das Wachs glattstrichen, und gaben dann jeder seine Tafel in einen großen Tontopf, den ein Gerichtsdiener vor sie hielt. Der Diener wiederum reichte das gefüllte Behältnis dem Prätor. Orata griff in den Topf, holte jede Wachstafel einzeln heraus, klappte sie auf, und zählte die Stimmen für A und C. Angespannte Stille lag in der Luft. Es schien ewig zu dauern, bis sich der Richter alle Buchstaben angesehen hatte. Zur Fällung eines Urteils reichte eine einfache Mehrheit. Die Zahl der Geschworenen war bewusst ungerade, damit es zu keiner Pattsituation kommen konnte.

»Die Geschworenen haben mit fünfzehn zu zwei Stimmen entschieden«, verkündete Orata schließlich. »Der Angeklagte, der Germane Fridolf, wird als nicht schuldig im Sinne der Anklage befunden!«

Fridolf atmete auf. Im Überschwang schlang er seine Arme um Quintus und drückte ihn an sich. Die Reaktionen im Publikum waren gemischt. Einige wollten den Brukterer tot sehen, Urteil hin oder her. Nur weil er in dieser einen Sache unschuldig war, hieß das ja noch lange nicht, dass er nicht zur Räuberbande gehörte. Aber die meisten im Saal schienen zufrieden. Es gab sogar vereinzelten Applaus.

»Das Urteil ergeht im Namen des Kaisers, des Senats und Volkes von Rom«, vervollständigte der Prätor seine Verkündung und fügte noch hinzu: »Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass Fridolf der Brukterer eines Verbrechens bezichtigt wurde, das er nicht begangen hat. Er ist Opfer einer Intrige geworden. Zu der hat der Zeuge Marius Thrax durch Falsum beigetragen. Dieser Meineid wird noch ein Nachspiel für ihn haben. Niemand lügt in diesem Gericht ungestraft.«

Bestätigende Rufe und lautes Klatschen brandeten von der Empore auf. Varro und Hostilius sahen sich ratlos an und brachten kein Wort hervor. Fridolf schüttelte unterdessen euphorisch Quintus’ Hand.

»Ich weiß nicht, wie ich dir je danken kann«, sagte der Germane.

»Ich freue mich auf viel Hasenbraten in diesem Jahr«, schmunzelte Quintus.

»Gehäutet«, erinnerte sich Fridolf an ihren Handel. »… und ausgenommen«, ergänzte Quintus.

 

Auf der Empore war Lucretia vom Ausgang des Prozesses verblüfft. Die Anklage war gut gestartet, hatte selbst sie zeitweise überzeugt, nur um dann mit Sang und Klang unterzugehen. Das war zweifelsfrei Quintus’ geschickt konstruierter Verteidigung zu verdanken. Er hatte nur wenige Pfeile im Köcher gehabt, aber die hatten ins Schwarze getroffen. Lucretias Bewunderung für den Anwalt war noch weiter gewachsen, doch zugleich empfand sie eine tiefe Enttäuschung wegen des Ergebnisses. Natürlich gönnte sie dem unschuldigen Germanen seinen Freispruch, doch um wie vieles besser wäre es gewesen, hätte er mit der Bande unter einer Decke gesteckt und sie zu Nepheles Mörder geführt! Diese Hoffnung hatte sich nun leider zerschlagen. Lucretia stand wieder mit leeren Händen da. Ein Teil von ihr wollte nach der Enttäuschung aufgeben, sich in die tröstenden Arme ihres Vaters werfen und einfach vergessen. Doch ein anderer wollte nicht einfach klein beigeben. Denn es gab da eine Sache, die sie nicht losließ. Eine Frage, die der Prozess ihr nicht beantwortet hatte. Und je länger sie darüber nachdachte, desto wichtiger erschien sie ihr.