Lucretia behielt den Eingang zum Gerichtssaal im Auge, während sie in der großen Vorhalle des Prätoriums vor den prunkvollen Wandgemälden auf und ab ging. Das Gemälde vor ihr zeigte eine langhaarige Frau mit Augenbinde, in der einen Hand ein Schwert, in der anderen eine Waage – Justitia. Die Abbildung war von enormer Plastizität, so dass sie fast meinte, die Göttin anfassen zu können.
Lucretias Vater hatte ihr erzählt, dass Apuleius aus Narbonensis, einer der besten Maler des Reiches, wochenlang an den Kunstwerken hier gearbeitet hatte, nachdem der Stadtrat durch Spenden reicher Bürger dessen saftiges Honorar aufgebracht hatte. Berühmt geworden war er vor allem durch seine Fresken in den teuersten Villen Pompejis, und durch eine tragische Fügung war er vor acht Jahren ebendort beim Ausbruch des Vesuvs ums Leben gekommen – dessen Asche nun nicht nur Apuleius’ Leichnam, sondern auch seine größten Kunstwerke für immer vor den Augen der Welt verbergen sollte. Wie schnell es manchmal zu Ende sein konnte … Lucretia spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg und die Tränen in die Augen, doch sie kämpfte das Gefühl nieder. Das Letzte, was sie wollte, war, hier in der Öffentlichkeit loszuheulen.
Da erblickte sie aus den Augenwinkeln Quintus, der gut gelaunt und mit großen Schritten den Gerichtssaal verließ. Jetzt oder nie. Auch wenn ihre Knie leicht zitterten, steuerte Lucretia mutig auf ihn zu. Würde der Anwalt überhaupt mit ihr reden? Und wenn ja, würde er sie ernst nehmen? Doch sie hatte keine andere Wahl. Ihr Verlangen nach Vergeltung war stärker als ihre Schüchternheit.
»Quintus Tibur?«, sprach sie ihn an.
Er blieb stehen. Er erkannte sie sofort wieder als die junge Frau, die sich bei Fridolfs Festnahme durch unerwartete Rechtskenntnisse hervorgetan und die er dann auch beim Stoffhändler gesehen hatte. Kurz wanderte sein Blick über ihre adrette Erscheinung.
»Mit wem habe ich das Vergnügen?«
»Lucretia Veturius.«
Mit ihrer natürlichen Eleganz wäre sie in Quintus’ Augen glatt als Adelige durchgegangen. Und da war noch etwas anderes, das ihm auffiel. Ihre Augen strahlten eine Intelligenz und Wissbegierigkeit aus, die er nur selten bei Menschen sah.
»Veturius«, wiederholte Quintus nachdenklich. »Ist dein Vater nicht Teil der Kurie?«
»Er ist einer der hundert Gewählten«, antwortete Lucretia stolz und fuhr fort: »Entschuldige, dass ich dich hier anspreche. Ich habe gerade den Prozess beobachtet. Du musst noch einmal mit dem Färber sprechen!«
Der letzte Satz war energischer herausgekommen, als sie es beabsichtigt hatte, und Quintus schaute sie irritiert an.
»Entschuldige«, setzte sie nach, »es ist nur … seine Aussage lässt mir keine Ruhe.«
»Da sind wir schon zu zweit«, sagte Quintus, denn auch ihm kam einiges an dem Fall merkwürdig vor. Obwohl eine Klärung in der Sache stattgefunden hatte, blieben die Hintergründe doch verborgen. »Was beschäftigt dich denn?«
Lucretias Herz schlug schneller. Der Anwalt interessierte sich dafür, was sie zu sagen hatte! »Ich muss etwas weiter ausholen«, kündigte sie an. Sie berichtete Quintus alles, was ihr widerfahren war. Von der Feier bei ihrer Schwester, der blutverschmierten Nachbarin, ihrer Sklavin und Freundin, die sie unwissend in den Tod geschickt hatte. Quintus hörte aufmerksam zu. Die junge Frau konnte sich gut ausdrücken, schweifte nicht ab, gab alles in präzisen Sätzen wieder. Offenbar hatte sie eine gute Bildung genossen, wahrscheinlich durch einen griechischen Hauslehrer. Dazu hatte sie eine schöne, warme Stimme, die von mehr Reife und Tiefe zeugte, als ihr Äußeres vermuten ließ.
»Es tut mir leid, dass du so etwas durchmachen musstest«, sagte Quintus mitfühlend. Er konnte sich vorstellen, wie schrecklich es für Lucretia sein musste, mit dem Tod eines so nahestehenden Menschen konfrontiert zu sein, und dann auch noch auf eine solche Weise. Doch gleichzeitig war er fasziniert davon, den Bericht von jemandem zu hören, der fast unmittelbar einen solchen germanischen Raubzug miterlebt hatte. Lucretia war die einzige Person, die ihm bisher begegnet war, die das von sich behaupten konnte. »Aber ich weiß nicht genau, wie ich dir helfen kann.«
»Die Frage ist wohl eher, wie ich dir helfen kann«, antwortete Lucretia.
»Wobei?«, fragte Quintus, der nicht auf Anhieb verstand, worauf sie hinauswollte.
»Die Überfälle aufzuklären. Ich will wissen, wer Nephele getötet hat. Und ich will, dass derjenige vor Gericht kommt!«
Quintus schaute sie verdutzt an. Trotz seiner Zweifel hatte er nicht vorgehabt, der Sache weiter nachzugehen. Natürlich – er war so besorgt über die Räuberbanden wie die meisten in der Colonia, aber eigentlich schienen die mehr ein Problem des Umlandes zu sein, und er fühlte sich in der Stadt mit ihrer hohen doppelwandigen, mit Erde gefüllten Holzmauer sicher. Hier ging ja alles seinen gewohnten Gang. Außerdem hatte er bezüglich anstehender Prozesse, bei denen sich abzeichnete, dass sie nicht so leicht zu gewinnen waren wie der heutige, ganz andere Sorgen.
»Die Banditen zur Strecke zu bringen, fällt nicht in meine Zuständigkeit. Tut mir leid«, erklärte Quintus.
»Wer wird es denn dann tun?«, fragte Lucretia zweifelnd.
»Das müssen die Betroffenen organisieren. Die Inhaber der Villae Rusticae müssen Vorkehrungen treffen, um sich, ihre Familien und ihre Sklaven zu schützen. Und wenn es völlig aus dem Ruder läuft, wird sich vielleicht das Militär der Sache annehmen. Aber solange es nur einfache Plündereien –«
»Diese einfachen Plündereien haben meine Ornatrix unmittelbar vor ihrer Freilassung das Leben gekostet«, fiel Lucretia ihm ins Wort.
»Und das ist sehr bedauerlich«, griff Quintus den Satz auf und fuhr fort: »Es ist schön, dass das Feuer der Gerechtigkeit in dir glüht, aber ich fürchte, ich kann dir nicht helfen.«
»Was, wenn Nephele nicht die Einzige bleibt? Wenn sie nur die Erste war? Ich würde mich schämen und mir vorwerfen, nichts getan zu haben. Und du?«, entgegnete Lucretia.
Das schien Quintus ein bisschen frech. Römische Frauen hatten nicht so mit Männern zu reden, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Einige Passanten, die gerade die Halle durchquerten, warfen ihnen auch schon skeptische Blicke zu. Dieses Auftreten erinnerte ihn eher an die Frauen seiner germanischen Heimat. Andererseits war er mit Pola verheiratet und weiß Gott gewohnt, dass auch hier Frauen außerhalb der Norm agierten. Er konnte die forsche junge Dame mit den großen braunen Augen nicht richtig einschätzen. Aber sie stand hinter dem, was sie sagte, so viel war klar.
Lucretia spürte, dass Quintus überzeugt werden musste, und sah sich gezwungen, stärkere Geschütze aufzufahren.
»Es stehen doch viel zu viele offene Fragen im Raum. Warum sollte Fridolf zum Sündenbock gemacht werden? War er einfach zur falschen Zeit am falschen Ort, ein zufällig ausgewähltes Opfer, das ins Raster passte? Oder sagt er nicht die ganze Wahrheit, hat vielleicht eine Vorgeschichte, die wir nicht kennen, und wurde ganz gezielt Opfer einer Intrige?«, sprudelte es aus ihr heraus.
Quintus war überrascht. Er hatte sich dieselben Fragen gestellt, und dieses Mädchen brachte sie haargenau auf den Punkt.
»Das spielt für die Urteilsfindung keine Rolle«, wehrte er dennoch ab.
Lucretia war der Verzweiflung nah. Warum wollte dieser Mann nicht sehen, wie wichtig die Sache für sie war? Wie wichtig sie für die Colonia sein konnte?
»Und dann ist da noch der Zeuge, Marius, wegen dem du bei Maxentius warst«, bearbeitete sie ihn weiter.
Quintus horchte auf. »Moment mal, woher weißt du, was ich mit Maxentius besprochen habe?«, fragte er. Er konnte sich selbst die Antwort geben: »Hast du uns etwa belauscht?«
»Ihr habt so laut geredet, ich konnte euch nicht überhören. Außerdem bin ich öfter mal dort, um … Stoffe zu kaufen, ich bin ja schließlich eine Frau«, sagte Lucretia und setzte eine unschuldige Miene auf.
»Du solltest deine Nase nicht in Angelegenheiten stecken, die dich nichts angehen«, wies Quintus sie zurecht. Er wollte tadelnd klingen, aber es lag auch ein Hauch Anerkennung in dieser Ermahnung.
»Dieser Marius hat jedenfalls falsch ausgesagt. Aber ich verstehe nicht, warum«, fuhr Lucretia ungerührt fort. So leicht ließ sie sich nicht zum Schweigen bringen. »Hatte er persönlich etwas gegen Fridolf? Oder hat ihn jemand angestiftet? Wenn ja, wer? Und warum? Du hast in deinem Plädoyer selbst erwähnt, dass er offenbar plötzlich viel Geld hatte, aber woher?«
Sie war jetzt richtig in Fahrt. Quintus fühlte sich etwas unwohl in seiner Haut. Er war es als Anwalt durchaus gewohnt, auch einmal in die Ecke gedrängt zu werden, aber nicht so, nicht hier, und vor allem nicht von einer Frau. Die allerdings mit jedem Satz recht hatte.
»Das … sind berechtigte Fragen …«, war alles, was er herausbrachte.
Lucretia stellte zufrieden fest, dass sie ihn ein wenig weichgeklopft hatte.
»Und deshalb musst du noch einmal mit ihm reden«, schloss sie ihren Vortrag.
Quintus wurde die Sache langsam zu bunt. »Ich muss gar nichts. Und ich glaube nicht, dass er nach heute noch einmal mit mir reden würde. Geschweige denn, mir seine dunkelsten Geheimnisse verraten.«
»Dann schlage ich vor, ich komme mit. Und dann finden wir die Räuber. Gemeinsam«, sagte Lucretia, verschränkte die Arme vor der Brust und sah Quintus herausfordernd an. Er konnte sich nicht helfen, ein Lachen platzte aus ihm heraus. Lucretia holte empört Luft, aber es war ein Reflex, den er nicht unterdrücken konnte. Er sah, wie gekränkt sie war.
»Entschuldige, ich wollte dich nicht beleidigen«, versuchte er, sich zu fangen. »Aber wie stellst du dir das vor? Und was sagt dein Mann dazu?«
»Mann? Welcher Mann?«, fragte Lucretia verächtlich. Für einen Moment war Quintus überrascht. Er schätzte sie auf siebzehn, vielleicht älter, da musste sie doch schon verheiratet sein, vor allem in den Kreisen, in denen sie sich offensichtlich bewegte. Dazu war sie noch sehr attraktiv, unmöglich, dass die Freier bei ihr nicht Schlange standen.
»Hör zu, Lucretia Veturius«, sagte er ernst. »Du begibst dich auf gefährliches Terrain. Dein Anliegen ist ehrenhaft, und du magst viele Bücher gelesen haben, aber das wahre Leben ist oft anders als das, was geschrieben steht.«
Lucretia fühlte, wie es in ihrem Bauch zu brodeln begann. Ihr Temperament stand kurz davor, mit ihr durchzugehen. »Ich bin kein kleines Mädchen mehr«, presste sie zähneknirschend hervor. Es war ihr peinlich, sich nicht vollends unter Kontrolle zu haben. Ein richtiger Anwalt, so wie Quintus, blieb immer gelassen, warum konnte sie das nicht?
»Das habe ich auch nicht behauptet«, ruderte Quintus zurück, der wahrnahm, dass ein Unwetter aufzog. »Aber du bist auch kein Anwalt. Warum belastest du dich mit Dingen, an denen du ohnehin nichts ändern kannst? Und, wie gesagt, der Fall ist abgeschlossen.«
»Das ist … sehr enttäuschend«, zischte Lucretia und ärgerte sich, dass ihr keine bessere Erwiderung einfiel, obwohl sie im Hinterkopf fieberhaft nach etwas Bissigerem suchte. »Schöne Floralien noch!«
Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging mit zornigen Schritten davon, die Hände zu Fäusten geballt. Diesem Fatzke würde sie es zeigen.
Quintus sah ihr beeindruckt, aber auch ein wenig belustigt nach. Juno schütze den armen Mann, den sie eines Tages ehelichen sollte, falls sie sich doch noch dazu durchringen konnte.
Erst jetzt hatte er Muße, sich über seinen Sieg zu freuen, der zugleich Fridolfs war – ja, einer der Gerechtigkeit schlechthin. Die Colonia hatte Quintus viel gegeben, heute hatte er das Gefühl, ihr etwas zurückgegeben zu haben. Deutlicher denn je war ihm bewusst, dass die Entscheidung, sein Dorf zu verlassen und auf der anderen Seite des Flusses sein Glück zu suchen, die beste Wahl gewesen war, die er im Leben getroffen hatte. Auch wenn ihm der Abschied damals schwergefallen war. Seine Mutter Gelsa hatte ihn ermutigt aufzubrechen, denn sie hatte in jungen Jahren selbst Sehnsucht nach den Segnungen der römischen Lebensart verspürt. Ihr Versuch, sich mit einem schönen italienischen Centurio, mit seinen sechsundzwanzig Jahren damals deutlich älter als sie, ein anderes Leben aufzubauen und nicht mit einem germanischen Ehemann die Traditionen des Stammes fortzuführen, war allerdings gescheitert, als er – die Liebe ihres Lebens – vorzeitig verstorben war. Es war riskant gewesen, sich mit einem Soldaten einzulassen. Für Rom zu kämpfen, konnte bedeuten, Ruhm und Reichtum, ein Stück Land nach der Entlassung, die Erlaubnis, zu heiraten und das begehrte römische Bürgerrecht zu erhalten, aber nicht alle Männer konnten diese Früchte ernten. Viele erlebten das Ende ihrer fünfundzwanzigjährigen Dienstzeit nicht. Als die schwangere Gelsa die Nachricht erhielt, dass ihr Geliebter im Kampf nahe Camulodunum gefallen war, wusste sie, dass sie alles auf eine Karte gesetzt und verloren hatte. Sie trauerte Jahre um ihn. Ihr stattlicher Offizier war ein Meister mit dem Schwert gewesen, aber bei der Niederschlagung der Rebellion der britannischen Stammesfürstin Boudicca hatte es einen Barbaren gegeben, der seine Axt noch etwas geschickter einzusetzen verstand.
Gelsa war klug, hatte Weitblick und war hoffnungslos unterfordert mit Tätigkeiten wie dem Spinnen von Wolle und dem Füttern von Schweinen, die ihren Alltag als Frau von niedrigem Rang in der germanischen Gesellschaft bestimmten. Dieses eintönige Leben, vor dem sie geflohen war, hatte sie nach ihrer reuigen Rückkehr wieder führen müssen. Doch sie hatte es mit Fassung getragen und sich nie beklagt, sondern war froh gewesen, dass ihr Stamm sie überhaupt wieder aufgenommen hatte. Eine großzügige Geste, wenn man bedachte, dass sie mit einem Kind im Bauch zurückgekehrt war – mit dem Jungen, der später Quintus heißen sollte. Sie war schwanger vom Feind gewesen. Das war mehr als Schande, es war Verrat, doch zum Glück hatten sich einige hochgestellte Verwandte im Dorf für sie eingesetzt.
Die Römer sind anders als wir, hatte Gelsa ihrem kleinen Quintus eingebläut. Aber es war nicht als eine Warnung gemeint gewesen, so wie sie die alten Häuptlinge raunten, die die gepanzerten Kämpfer mit den eckigen roten Schilden aus dem Süden ebenso fürchteten wie hassten, sondern als Ermunterung. Sie könnten lesen und schreiben, hatte Gelsa erzählt. Sie machten sich das Land mit den größten Bauwerken untertan und schafften zugleich die filigransten Kunstwerke aus einer Handvoll geschmolzenem Sand, hatte sie erzählt. Die Römer seien die Zukunft. Quintus hatte ihr geglaubt. Und heute, viele Jahre später, wusste er, dass seine Mutter recht gehabt hatte, was seinen Respekt vor ihr, die noch immer tief im Wald auf der anderen Rheinseite hauste, vergrößerte. Noch ahnte er nicht, dass das Schicksal ihn schon in wenigen Tagen wieder mit ihr zusammenführen würde. Die Bedrohung, die bereits ihre Schatten vorauswarf und die Menschen links wie rechts des Flusses gleichermaßen betreffen sollte, rückte unaufhaltsam näher.