Die Schlange vor dem Thermopolium im Erdgeschoss von Quintus’ Haus war an diesem Abend besonders lang. Es war Mittwoch, und da wurde in der Garküche eine rare Köstlichkeit serviert: gegrillter Siebenschläfer. Die kleinen Tiere, die in ihrer Erscheinung an Eichhörnchen erinnerten, waren eine Spezialität, die ihren Preis hatte, und in der Colonia nur in wenigen Imbissstuben erhältlich war. Für ihr zartes, würziges Fleisch beliebt, wurden die Nager in eigens dafür konstruierten Zuchtkästen gemästet. Die Familie, die den Imbiss betrieb, hatte zwei der Kästen im Hinterzimmer. Der jüngste Sohn, dessen Aufgabe es war, sich um die Tiere zu kümmern, war offenbar geschickt im Umgang mit ihnen. Reiche Kunden, die die Tierchen von ihren Küchensklaven zu Hause schlachten und zubereiten ließen, schickten oft nach lebenden Exemplaren. Quintus wollte sich mit dem teuren Spaß für die erfolgreiche Woche belohnen, aber auch Pola überraschen, die heute zur Cena zu Hause sein würde.
Geduldig wartete er mit dem Tonteller in der Hand, den er zuvor aus seiner Wohnung geholt hatte, bis er an der Reihe war. Vor ihm standen noch zwei weitere Kunden, auch sie hatten ihr eigenes Geschirr mitgebracht. Essen gab es hier nur zum Mitnehmen, der Imbiss war klein und hatte keine Sitzplätze. Quintus genoss es, hier zu stehen, die Luft war angenehm warm und klar, ganz anders als die mückenverseuchte Schwüle im Sommer, die durch die Nähe zu dem großen Gewässer erdrückend werden konnte. In der Straße vor ihm waren die Floralien in vollem Gange. Blumengeschmückte Männer und Frauen tanzten ekstatisch zum Schlag einer Trommel im Schein der sich senkenden Sonne vorbei, und unter einer Arkade in der angrenzenden Seitenstraße fielen gerade ein junger Mann und eine junge Frau lustvoll übereinander her. Dass sie beobachtet wurden, schien sie nur noch mehr anzuspornen, statt Scham hervorzurufen, aber niemand störte sich daran. Beim Frühlingsfest war so gut wie alles erlaubt, und eine schnelle Nummer zu schieben, hieß die Göttin zu ehren.
Quintus bestellte sechs Siebenschläfer – man brauchte ein paar davon, um satt zu werden –, und drückte dem Betreiber einen Silberdenar in die ölige Hand. Davon hätte er sich zwar ein Dutzend Brotlaibe kaufen können, doch diese Köstlichkeit wollte er sich heute gönnen, er hatte es sich verdient. Als Pola und er in die Wohnung gezogen waren, wussten sie kaum, wie sie die Miete aufbringen sollten, und kauften im Imbiss nur Puls, das billigste Gericht, die Speise der Armen und der Soldaten. Der lasche Getreidebrei aus Emmer enthielt ein bisschen Gemüse und, wenn man Glück hatte, ausgekochte Knochen oder Spuren von billigem Speck, doch selbst dann musste man mit viel Garum oder ein paar Kräutern nachhelfen, damit er genießbar wurde. Doch die mageren Zeiten waren für sie beide nun vorbei, es hatte sich viel getan in den letzten fünf Jahren.
Als der Imbissbesitzer die dampfende Köstlichkeit auf seinen Teller gelegt hatte und Quintus sich voller Vorfreude zum Treppenhaus umwandte, stand plötzlich Lucretia vor ihm.
»Du schon wieder«, entfuhr es ihm, und es kam unhöflicher heraus, als es gedacht gewesen war.
»So schnell wirst du mich nicht los«, entgegnete Lucretia. »Woher weißt du überhaupt, wo ich wohne?«
»Ich bin dir gefolgt.«
»Warum denn das?«
»Es könnte einmal nützlich sein, das zu wissen, dachte ich. Hast du etwa nicht gemerkt, dass ich dir nachgegangen bin?«
Er schüttelte den Kopf und musterte die Händlerstochter, wobei er die Augen leicht zukniff. Sie wurde ihm langsam ein bisschen unheimlich. War sie vielleicht eine liebestolle Verrückte, die ihm nachstellte? Gleichzeitig nahm er eine Gewitztheit bei der jungen Frau wahr, die er als ungewöhnlich empfand und die seine Neugier weckte.
»Ich muss mit dir reden«, sagte Lucretia.
Er wurde ungeduldig. Die gegrillten Siebenschläfer auf dem Teller, den er vor sich hielt, dufteten verführerisch. Sie waren innen offenbar mit Thymian und Knoblauch ausgerieben worden, und ihm lief schon das Wasser im Mund zusammen.
»Es geht um die Überfälle. Ich habe etwas herausgefunden«, lockte die junge Frau.
Quintus war hin und her gerissen. Einerseits hatte er jetzt keine Lust auf das Gespräch, andererseits wollte er schon wissen, was Lucretia in Erfahrung gebracht hatte, da der Fall ihn insgeheim auch noch immer beschäftigte.
»Fasse dich kurz«, forderte er sie auf.
Sie mochte seinen Ton nicht, ließ sich aber nicht beirren. Diesem störrischen germanischen Esel würde sie schon beikommen.
»Kurz bevor sie starb, hat mir Nephele einen Stofffetzen in die Hand gedrückt. Ich bin mir sicher, dass er vom Gewand ihres Mörders stammt. Und wir beide sind uns beim Tuchhändler begegnet, weil ich ihm den Stoff gezeigt und ihn um seine Einschätzung gebeten habe. Aber das hat mich nicht weitergebracht. Also dachte ich mir, ich knöpfe mir mal Marius vor.«
Quintus’ Unruhe verstärkte sich. Der Duft der Siebenschläfer war etwas schwächer geworden, sie waren im Begriff, kalt zu werden. Und wenn sie kalt waren, schmeckten sie nicht mehr so gut und hatten ihre butterweiche Konsistenz verloren. Das ärgerte ihn, zumal sie doch so teuer gewesen waren. Und sein Magen knurrte. Er musste die Kleine loswerden. Aber das war leichter gedacht als getan.
»Du hast aus dem verlogenen Färber ja nichts herausgekriegt. Ich hingegen schon«, stichelte Lucretia, »nachdem ich ihn in der Taverne umgarnt habe.«
Schlau , dachte sich Quintus. Etwas naiv. Aber mutig.
»Die sehen lecker aus«, bemerkte Lucretia und unterbrach ihre Schilderung, als sie des Gegrillten auf Quintus’ Teller gewahr wurde, das sie in ihrem Eifer bisher gar nicht bemerkt hatte.
»Komm zum Punkt«, entgegnete er.
»Ich wollte wissen, warum Marius vor Gericht gelogen hat. Irgendwann rückte er raus mit der Sprache. Er bestätigte, was wir beide schon vermutet hatten. Es hat mit dem vielen Geld zu tun, zu dem er so plötzlich gekommen war.«
»Das Falsum?«, riet Quintus.
»Ja, man hat ihn für eine Falschaussage bestochen. Und Marius hat mir auch gesagt, wer es getan hat«, verkündete Lucretia stolz.
Quintus’ Blick war zu den Feiernden abgeschweift, die an einer Straßenecke lauthals Flora priesen und ein Trinkspiel veranstalteten, bei dem der eine dem anderen Wein direkt aus der Amphore in die Kehle schüttete. Aber nun hatte seine Gesprächspartnerin wieder seine ganze Aufmerksamkeit.
»Wer denn?«, ließ sich Lucretia von ihm fragen.
»Den Namen wusste er nicht. Er war dem Mann noch nie zuvor begegnet. Aber er hat etwas, das ihn unverwechselbar macht: Eine Tätowierung auf dem Arm.«
»Eine was?«
»Eine Verzierung der Haut, die für immer bleibt. Bei uns ist das noch nicht verbreitet, das ist wohl eine Sitte aus den östlichen Provinzen.«
Quintus wunderte sich. Was es alles gab! Aber die Bewohner des Orients waren berüchtigt für ihre ungewöhnlichen Ideen.
»Was steht ihr hier im Weg rum?«, blaffte ein Kunde sie an, der gerade mit einer dampfenden Schüssel Linseneintopf an ihnen vorbei wollte.
Quintus und Lucretia machten dem älteren Herrn Platz und traten ein paar Schritte zur Seite, um den Betrieb der Imbissstube nicht weiter zu behindern.
»Und wie sah diese … Tätowierung aus?«
»Eine lange Linie mit drei kurzen, fächerartigen Strichen an ihrem Ende. So ähnlich wie diese Gabeln, mit denen Bauern Heu wenden«, sagte Lucretia. »Ich kann es dir aufmalen.«
»Jetzt nicht, ich kann es mir ungefähr vorstellen. Solche Mutmaßungen führen auch zu nichts«, sagte Quintus.
»Wahre Vorstellung ist zur Richtigkeit des Handelns keine schlechtere Führerin als wahre Einsicht«, erwiderte Lucretia.
»Hast du dir das gerade ausgedacht?«, fragte Quintus mit einem Anflug von Bewunderung.
»Das ist von Sokrates. Einem Philosophen«, erklärte Lucretia.
Quintus hatte keine Ahnung, wer das war. Seine gesamte Bildung, die er sich im Rahmen seiner Ausbildung zum Anwalt angelesen hatte, bezog sich auf das Rechtswesen.
»Wo hast du das denn aufgeschnappt?«, fragte er.
»Bei meinem Hauslehrer«, erwiderte sie trocken.
Quintus nickte. Ein Hauslehrer. Er hatte also richtig vermutet. Ihm war klar, dass er selbst noch große Wissenslücken hatte, die es zu schließen galt, vor allem, wenn er mit Leuten aus höheren Kreisen erfolgreich umgehen wollte. Hier machte sich bemerkbar, dass er in Germanien aufgewachsen und erst als Erwachsener in der Colonia Lesen und Schreiben gelernt hatte.
»Das ist ja alles interessant, aber wie bringt uns das weiter?«, fragte er.
Lucretia registrierte mit heimlicher Freude das »uns«, das dem Anwalt entfahren war.
»Nephele … Das Letzte, was sie getan hat, war, mir ein Symbol auf die Innenseite des Unterarms zu malen. Mit ihrem Blut. In dem Moment habe ich nicht verstanden, warum, aber als Marius mir seinen Auftraggeber beschrieben hat, hat sich alles zusammengefügt. Das ist der Mann, auf den mich auch Nephele hinweisen wollte. Sie hat ihn aus nächster Nähe gesehen und dabei auch seine Tätowierung – ich gehe davon aus, dass er es war, der sie ermordet hat. Und ich will, dass er dafür bezahlt.«
Quintus stutzte. Sein Hunger rückte in den Hintergrund. Was Lucretia herausgefunden hatte, konnte sich sehen lassen. Und wenn sie sich diese Informationen allein erarbeitet hatte, sprach das für ein großes Ermittlungstalent. Er musste sich eingestehen, dass er beeindruckt war. Das Bild, das er sich von der jungen Römerin gemacht hatte, wandelte sich. Eine solche Verbündete zu haben, konnte unter Umständen doch wertvoll sein.
»Du meinst«, sortierte er seine Gedanken, »der Mann, der Marius korrumpiert hat, ist identisch mit dem, den Nephele dir beschrieben hat. Der Färber ist also von einem der Räuber, vielleicht sogar von ihrem Mörder bestochen worden.«
»Richtig. Dieser Unbekannte ist der Schlüssel zu allem. Und er hat ein Merkmal, an dem wir ihn leicht identifizieren können. Er wird sich finden, wenn wir nur genug suchen.«
»Wie stellst du dir das vor? In der Stadt leben zwanzigtausend Menschen, im Umland noch einmal halb so viele«, wehrte Quintus ab.
»Dann müssen wir uns eben anstrengen. Schulden wir es unseren Mitmenschen nicht, diese elenden Latrones zur Strecke zu bringen?«, drängte Lucretia.
Quintus zögerte einen Moment, dann nickte er langsam.
»Ich frage mich – warum besticht ein Räuber einen Färber, um vor Gericht einen völlig unschuldigen und vor allem unbekannten Mann zu bezichtigen?«, sinnierte er mit ins Leere gerichtetem Blick.
»Um von sich selbst abzulenken?«, spekulierte Lucretia.
»Ja. Um eine falsche Fährte zu legen – so nennt man das«, erklärte Quintus.
»Aha. Aber ist das nicht sehr umständlich für einen Barbaren, der nur schnell etwas stehlen will und dann wieder weg ist? Warum betreibt er solch einen Aufwand, nimmt Kontakt mit jemandem in der Stadt auf? Ein normaler Räuber würde doch nicht auf so eine Idee kommen«, befand sie.
Quintus war beeindruckt. Das waren Schlussfolgerungen, die er selbst nicht hätte besser ziehen können. Sein Interesse galt jetzt wieder der Tätowierung, von der sie gesprochen hatte. Vielleicht war sie eine gute Spur.
»Kannst du mir dieses Symbol auf dem Unterarm vielleicht doch aufzeichnen?«, bat er Lucretia. »In meinem Beutel ist eine Wachstafel.«
Sie ließ sich nicht lange bitten und griff beherzt in den Beutel, den Quintus an einem Gurt um die Schulter trug, während er mit beiden Händen sein Abendessen festhielt. Lucretia zog die Tafel hervor, an der mit einer Schlaufe ein Stylus befestigt war, klappte sie auf und zeichnete mit dem Griffel das Bild so nach, wie Marius es in die Tischplatte geschnitzt hatte. Dabei zeigte das lange Ende, das wie ein Stiel aussah, nach oben. Sie reichte Quintus die Tafel, der sie mit der rechten Hand annahm, während er mit der Linken den Teller mit den Siebenschläfern balancierte.
»Interessant. Sieht tatsächlich ein bisschen aus wie eine Heugabel«, stellte Quintus fest, als er die Ritzung begutachtete. »Aber es könnte auch …«, fügte er hinzu und verstummte dann nachdenklich.
»Könnte auch was?«, hakte Lucretia nach.
»Es könnte eine germanische Rune sein«, spekulierte Quintus.
»Eine Rune? Was ist das?«
Quintus lächelte. »Du bist in Germanien aufgewachsen und weißt nicht, was eine Rune ist? Es ist ein Buchstabe.«
»Die Germanen haben eine Schrift? Mir wurde immer gesagt, das sei nicht der Fall.«
»Man darf auch nicht jede Propaganda ernst nehmen, die die Römer über andere Völker verbreiten. Die meisten Männer, die in Rom die Geschichte festschreiben, haben Italien noch nie verlassen, und man sollte ihnen nicht zu viel Glauben schenken.«
»Und welcher Buchstabe ist das?«
»Das weiß ich nicht genau. In meinem Stamm werden Runen nur zu religiösen Zwecken benutzt. Schrift ist für die Germanen heilig, nichts, was man im Alltag benutzt. Nur Priester kennen alle Zeichen und deren Bedeutung. Die einzige Schrift, die ich bisher erlernt habe, ist Latein.«
Gemeinsam kamen sie gut voran, das ließ sich nicht bestreiten. Ein zweites Paar Augen konnte dieser Ermittlung guttun. Lucretia hatte bewiesen, dass sie das Zeug dazu hatte, ihm zu helfen.
»Vielleicht ist es doch sinnvoll, wenn wir zusammenarbeiten«, dachte Quintus laut nach.
Das war der Satz, auf den Lucretia gewartet hatte, und sie musste sich Mühe geben, ihre Freude nicht zu offensichtlich zu zeigen.
»Ich weiß nicht, ob ich Zeit dafür habe«, erwiderte sie gespielt gelangweilt, als ginge sie das alles plötzlich gar nichts mehr an. Doch ihr Einwand kam viel zu schnell, um nicht einstudiert zu wirken.
»Sicher hast du die. Du bist doch nicht der Typ, der näht und strickt«, provozierte Quintus sie grinsend.
»Na gut, wenn du es wünschst, bin ich dabei«, sagte Lucretia gönnerhaft, grinste zurück und ging ihres Weges.
Quintus blickte ihr verblüfft nach, bis sein Magen sich mit einem lauten Grummeln meldete. Mittlerweile war er hungrig wie ein Wolf, griff noch im Stehen nach einem Siebenschläfer und biss schnell hinein. Endlich! Während er genussvoll kaute, hoffte er, dass er seine Entscheidung nicht bereuen würde. Doch er wollte das Geheimnis des Zeichens, das Lucretia gesehen hatte, unbedingt ergründen.