Die ganze Stadt war auf den Beinen und strömte Richtung Forum. Die Floralien neigten sich inzwischen ihrem Ende zu, und obwohl immer noch gefeiert wurde, hatte sich die Aufmerksamkeit spürbar auf das große Ereignis verlagert, das unmittelbar bevorstand: Die Ankunft des Statthalters, der die frisch eingerichtete Provinz Germania Inferior künftig von der Colonia aus regieren würde. Entsprechend groß war der Andrang bei der Willkommensfeier. Die Sonne schien, und nur sporadisch warfen bauchige Wolken, die unter dem Blau des Himmels träge vorbeizogen, einen Schatten auf das Straßenpflaster. Ein Bote, der dem Tross vorausgeeilt war, hatte das pünktliche Eintreffen des Statthalters zur vierten Tagesstunde nach Sonnenaufgang bestätigt.
»Bin gespannt, was das für ein Typ ist«, sagte Pola. »Glaubst du, er sieht gut aus?«
»Mach dir nicht zu viele Hoffnungen.«
Quintus und Pola gingen Hand in Hand, um sich im Getümmel nicht zu verlieren. Sie waren Teil des Menschenstroms, der sich über den Decumanus, die dreißig Fuß breite Hauptstraße, die die Stadt von Westen nach Osten durchschnitt, zur Stadtmitte bewegte. Manch einer hatte es besonders eilig und überholte die beiden, um sich einen Platz vorn an der Treppe zum Kryptoportikus zu sichern, dem halbkreisförmigen, von Säulen umgebenen westlichen Abschluss des riesigen Platzes, von wo der neue Prokonsul seine Antrittsrede halten würde. Quintus war entspannter. Er war sich sicher, dass sich seine Wege mit dem Statthalter früher oder später ohnehin kreuzen würden, da dieser – neben zahlreichen anderen Aufgaben – auch der oberste Richter der Provinz sein und es sich bestimmt nicht nehmen lassen würde, einigen Prozessen in dieser Funktion vorzusitzen. Prätor Orata würde somit in Zukunft etwas weniger zu tun haben, aber das war ihm sicherlich recht, da er sich so wieder mehr mit seinem Lieblingsthema, der Wasserversorgung der Colonia, beschäftigen konnte.
Pola freute sich auf den Anlass, sie liebte große Menschenmengen und große Ereignisse. Quintus betrachtete sie aus den Augenwinkeln und war stolz, der Mann an ihrer Seite zu sein. Sie trug eine grüne Palla, die ihre helle Haut und ihre roten Haare bestens zur Geltung brachte – ein intensiver, aber nicht zu aufdringlicher Farbton. Dazu trug sie die schmalen Sandalen mit den feinen Riemchen aus dunklem Wildschweinleder, die ihr so gut standen und deren Anblick Quintus immer ein wenig erregte. Quintus bemerkte aber auch die Reaktionen anderer Passanten. Viele beäugten sie. Sie waren ein auffälliges Paar – er, der große blonde Germane, der die Toga so selbstverständlich trug, als wäre er damit geboren worden, und sie, die populäre Schauspielerin, die viele Bürger aus dem Theater kannten und an der sich die Geister schieden. Denn wie Wagenlenker und Gladiatoren waren Schauspieler einerseits Geächtete am Rande der Gesellschaft, mit denen man sich in höheren Kreisen auf keinen Fall abgeben wollte, andererseits wurden sie verehrt und waren Objekt erotischer Begierden. Pola war gleichgültig, was andere über sie dachten, und sie genoss jeden Blick, ob bewundernd oder abschätzig.
»Du bist doch immer bestens informiert, mein Liebster. Was hast du über unseren neuen Statthalter herausfinden können?«, wollte sie wissen.
»Dass er zumindest kein blutiger Anfänger ist«, sagte Quintus. »Er hat schon mal eine Provinz verwaltet, Bithynia und Pontus. Mit den grundsätzlichen Abläufen müsste er also gut vertraut sein.«
»Bithy … was? Wo soll das denn sein?«, wunderte sich Pola.
»Ich weiß es nicht genau«, gab Quintus zu. Er hatte, wie die meisten Menschen, noch nie eine Landkarte des gesamten Imperiums gesehen und daher keine genaue Vorstellung von seiner Größe und dem Verlauf seiner Grenzen. Solches Material war dem Militär vorbehalten. »Aber ich glaube, es ist kleiner als Germanien und liegt weit im Süden. Dort, wo das Land trocken und warm ist und man auch im Winter eine Ernte einfahren kann.«
»Na, mal sehen, wie ihm unsere Winter gefallen!«, lachte Pola, die sich daran erinnerte, wie schwer es ihr selbst gefallen war, sich an das hiesige Klima zu gewöhnen, nachdem sie von der Sonne Italiens verwöhnt aufgewachsen war, so wie der neue Statthalter auch.
Familie Veturius war bereits auf dem Forum angekommen. Die Menschen standen dichtgedrängt, es war eine gewaltige Menge. Keiner wollte sich das Spektakel entgehen lassen. Das Stimmengewirr, das hier herrschte, war von enormer Lautstärke. Vigiles, Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr, die bei Großveranstaltungen dieser Art als Ordner herangezogen wurden und an ihren roten Armbinden zu erkennen waren, versuchten, die Besucherströme zu lenken, damit jeder Platz fand.
Für Lucretias Vater war die Anwesenheit Pflicht, da er Teil des Stadtrates war. Er trug zu diesem Anlass eine leuchtend weiße Toga, und Cäcilia, die in ihre beste roséfarbene Stola und eine graue Palla gehüllt war, hatte sich bei ihm untergehakt und blickte stolz um sich. Wie die anderen Männer des Kollegiums konnte er seine Familie mit in den speziell für sie bestimmten Bereich bringen. Claudia hatte nicht mitkommen wollen, Politik langweilte sie. Umso mehr freute sich Magnus, dass seine Jüngste dabei war. Die lief, überwältigt von der riesigen Menschenmasse, hinter ihren Eltern und trug eine auffällige, strahlend gelbe Palla, die ihre Mutter ihr sicher nicht ohne Hintergedanken herausgelegt hatte. Lucretia hatte ergeben beschlossen, etwaige Verkupplungsversuche mit Würde zu ertragen und das Beste aus diesem Pflichttermin zu machen. Denn einen Vorteil hatte es, wenn man fast die gesamte Bevölkerung der Stadt auf einem Fleck versammelt sah: Man konnte die Augen nach einem Mann mit einer gabelförmigen Tätowierung auf dem Unterarm offenhalten.
Die Familie schritt auf einen Streifen unmittelbar zu Füßen des Portikus zu, von wo es den besten Blick auf das leicht erhöhte steinerne Rednerpodest, das Rostrum, gab. Dort hatten die Vigiles die Plätze für die Ratsherrenfamilien reserviert. Stadtwachen mit blauen Schilden, jeweils im Abstand von sechs Fuß postiert, hielten eine etwa fünfzehn Fuß breite Gasse quer über das Forum frei. Das gewöhnliche Volk hatte hinter dieser Begrenzung zu bleiben. Nur der Statthalter mit seinem Gefolge und eben die Mitglieder des Kollegiums, die ihre Plätze ganz vorn erreichen mussten, durften diesen Weg beschreiten. Lucretia musterte unauffällig die Besucher, die den Weg säumten. Und deren Arme. Vielleicht hatte sich Nepheles Mörder ja auch hier eingefunden? Es war wie eine Stecknadel im Heuhaufen zu suchen, aber immerhin war der ganze Heuhaufen heute beisammen. Lucretia beäugte auch die Wachen, die Kettenhemden, ovale blaue Schilde und lange Speere trugen. Ihre Gesichter konnte man kaum erkennen, da der Wangenschutz ihrer schmucklosen Bronzehelme viel davon verbarg. Nur Nase und Augen waren zu sehen.
Quintus und Pola fanden sich weit hinten in der Menge wieder. Für ihn war das in Ordnung, er war ohnehin größer als die meisten und hatte somit von überall beste Sicht. Aber Pola war unzufrieden.
»Hier kann man doch gar nichts hören«, empörte sie sich.
»Doch, doch, man hört überall gleich gut, das Forum ist extra so konstruiert«, versuchte Quintus, sie zu beruhigen.
»Ich will aber auch wissen, wie der Kerl aussieht«, hatte sie sich in den Kopf gesetzt.
»Lass gut sein.«
»Nein, Quintus, wir gehen jetzt nach vorn!«, sagte sie, nahm seine Hand, stapfte los und zog ihn mit sich. Zielstrebig schob sie sich durch die Menge. »Darf ich mal? Danke!« Es war nicht fein, sich vorzudrängeln, aber Pola legte keinen Wert darauf, eine feine Dame zu sein. Sie wollte eine Dame mit guter Sicht sein. »Kann ich bitte mal durch?« Andere Schaulustige wichen zur Seite, manche erstaunt, einige verärgert.
Quintus, dem die Sache sichtlich peinlich war, ließ sich geduldig mitziehen, bis sie schließlich an einem Platz weiter vorn, gar nicht weit von den Dekurionen und deren Familien, zum Stehen kamen.
»Viel besser!«, konstatierte Pola.
Diese Ansicht teilten jedoch ein Bäcker hinter ihnen, dem noch Mehl im Bart klebte, und seine Frau ganz und gar nicht.
»Geh mir aus der Sonne, Großer!«, keifte der Mann, denn Quintus nahm ihm nun die Sicht.
»Tut mir leid, irgendwo muss ich ja stehen«, sagte Quintus.
»Aber nicht genau vor uns!«, protestierte die Bäckerin und fügte hinzu: »Bück dich doch ein wenig.«
Quintus lächelte entschuldigend und tauschte mit Pola den Platz, was das Bäckerpaar zu besänftigen schien.
Fanfaren ertönten, und das große Spektakel begann. Tausende aufgeregte Stimmen, die bis dahin das Forum mit einem Rauschen überzogen hatten, verstummten, und alle Blicke richteten sich auf die künstlich geschaffene Gasse in der Menschenmenge.
»Habt acht!«, schallte eine durchdringende, tiefe Männerstimme über das Forum. Mit einem Ruck, der von einem lauten metallischen Klingen begleitet wurde, nahmen die Soldaten, die die Gasse frei hielten und bisher in lockerer Pose dagestanden hatten, Haltung an und verschränkten ihre Speere mit dem des jeweiligen Nebenmannes. So entstand eine Art Zaun, der die beginnende Parade von den Zuschauern abschirmte.
Die Stimme gehörte Hostus Gordianus, dem Praefectus Classis, dem Oberkommandierenden der römischen Rheinflotte. Er stand neben Prätor Orata, dem bisher höchsten zivilen Würdenträger der Colonia, am Ende der Gasse, am Fuß der Treppe zum Portikus – nicht weit von der Stelle, an dem sich Familie Veturius in Position gebracht hatte. Er trug einen blank polierten Brustpanzer, einen Prunkhelm mit buntem Federschmuck und wirkte ausgeglichen und zufrieden. Der vierzigjährige Mann strahlte das Selbstvertrauen eines geborenen Anführers aus. Mit seiner gebräunten Haut, den muskulösen Armen, dem breiten, kantigen Kinn und seinen strahlend weißen Zähnen war er zudem sehr attraktiv und zog viele Blicke aus der Menge auf sich. Lucretia hatte den Mann noch nie zuvor gesehen, wahrscheinlich, weil er im Flottenkastell residierte, das eine eigene, in sich geschlossene kleine Welt darstellte. Gordianus’ Auftreten beeindruckte auch sie, doch sie hatte andere Prioritäten. Während aller Augen auf Gordianus gerichtet waren, schweifte ihr Blick wieder über die nackten Arme der Bürger. Doch keine Tätowierung weit und breit.
Nun betraten Musiker den frei gehaltenen Weg und marschierten in langsamem Gleichschritt in Richtung Portikus. Vorneweg sechs Bläser mit langen schmalen Posaunen. Ihr Ton war heller und melodischer als der der großen kreisrunden Militärtuben. Dahinter vier kräftige Trommler, die ihre Instrumente an breiten Ledergurten über den Schultern vor sich hertrugen und in perfektem Gleichklang einen Marschrhythmus schlugen, der laut und hart von den Säulengängen widerhallte, die das Forum an drei Seiten einrahmten.
Lucretia wippte unwillkürlich im Takt mit, bis sie die ersten Vertreter der neu installierten Provinzverwaltung erspähte und erstaunt innehielt: Hinter den Musikern schritten elf ältere Männer, viele von ihnen bestimmt über fünfzig. Sie trugen schlichte Togen aus beigem Leinen, deren Säume jedoch mit einem markanten wellenförmigen Muster in Rot verziert waren. Die stolzen Männer mit den harten Gesichtern, deren Narben und Falten die Geschichten langer Reisen und vieler Schlachten erzählten, waren allein schon ein beeindruckender Anblick. Doch besonders auffällig war, was sie jeder über die rechte Schulter gelegt trugen: ein fest verschnürtes Bündel aus dünnen Ruten, aus dem unten ein längerer Stab und oben die Klinge eines Beils ragte.
»Liktoren«, erklärte Magnus, der den fragenden Blick seiner Tochter bemerkt hatte. »Alle hochdekorierte ehemalige Centurionen. Sie sind die Leibwächter des Statthalters und seine engsten Vertrauten. Je höher der Rang, desto mehr Liktoren.«
»Was tragen sie da mit sich herum?«, fragte Lucretia.
»Das sind Fasces. Die haben eine lange Tradition. Schon vor vielen hundert Jahren waren sie bei den Etruskern ein Symbol der Macht, jetzt sind sie es auch bei uns. Wie unser Adler.«
Lucretia staunte. Gerade als sie zu einer weiteren Frage ansetzen wollte, brandete Applaus auf. Und endlich näherte sich der Mann, um den es heute eigentlich ging – Aulus Bucius Lappius Maximus. Er fuhr in einem weißen Streitwagen mit prächtiger goldener Bemalung, der von vier grauen Schimmeln gezogen wurde. Das machte Eindruck, wie Lucretia an den vielen ehrfürchtigen Gesichtern um sich feststellte, und auch sie selbst konnte nicht anders als zu staunen.
Quintus stach besonders ins Auge, dass der neue Prokonsul auf einen Fahrer verzichtet hatte und den Wagen selbst lenkte. Ein geschickter Zug. Dadurch wirkte er wie einer, der die Dinge anpackte, der die Zügel im wahrsten Sinne in der Hand hatte. Außerdem offenbarte es enorme Geschicklichkeit und Erfahrung im Umgang mit Pferden. Ein Vierergespann zu führen war schwierig und erforderte viel Übung, nur professionelle Wagenlenker beherrschten es perfekt, und Lappius gab eine gute Figur ab.
Der Streitwagen rollte durch die Menge hindurch über das Forum. Quintus betrachtete den neuen Statthalter genauer. Er war kein alter Hase, sondern vielmehr ein aufstrebender junger Politiker Anfang dreißig. Sein Haar war dunkel, dicht, sehr kurz geschnitten. Er hatte weiche Gesichtszüge, die im Kontrast zu den durchaus starken Armen standen, die wohl vom Wagenlenken herrührten. Er ließ ganz offenbar lieber die Pferde laufen, anstatt sich selbst zu bewegen und sprach bestimmt dem guten Essen und dem Wein zu, wie der deutliche Ansatz eines Doppelkinns zeigte. Unter seiner Toga aus bescheidenem Stoff, deren Falten aber perfekt fielen, versteckte sich wahrscheinlich ein runder Bauch. Auch die Wahl der Kleidung wusste Quintus zu interpretieren: Lappius trug keinen Harnisch, gab sich bodenständig, wollte nicht als etwas Besseres dastehen. Ein zivilisierter Mann in ziviler Kleidung, dessen Waffe das Wort, nicht das Schwert war. Das war geschickt. Lappius schien zu wissen, was er tat.
Der neue Statthalter lächelte breit und winkte der Menge nach rechts und links von seinem Wagen aus zu. Nicht zu anbiedernd, aber auch nicht hochnäsig, sondern absolut souverän, registrierte Quintus. Applaus brandete auf.
Lappius war am Fuß der Treppe angekommen, stoppte den Wagen und stieg ab. Zwei Sklaven standen bereit, um die Pferde zu übernehmen. Gordianus nahm aus Respekt seinen Helm ab, klemmte ihn unter den linken Arm und streckte die rechte Hand zum Gruß vor sich.
»Salve Maximus, Legatus Augusti Pro Praetore. Willkommen in der Colonia Claudia Ara Agrippinensium«, sagte Prätor Orata.
»Die Truppen des Marinekastells öffnen dir in tiefster Ergebenheit die Tore«, fügte Gordianus hinzu.
»Danke für eure herzlichen Worte. Ihr glaubt nicht, wie froh ich bin, nach langer, beschwerlicher Reise endlich in eurer schönen Stadt zu sein«, erwiderte Lappius.
Er hatte keine tiefe, dafür aber eine gut ausgebildete Stimme, was sich an der Deutlichkeit seiner Aussprache und der bemerkenswerten Lautstärke zeigte. Nur Männer, die eine rhetorische Schulung genossen hatten und häufig öffentlich sprachen, klangen so.
Lappius stieg die breiten Stufen auf den terrassenartigen Halbkreis vor dem Säulengang hinauf und steuerte auf die Marmorstatue von Kaiser Domitian zu, die mitten auf dem Abschluss des Forums stand. Seine Liktoren folgten ihm für ein paar Schritte, hielten dann aber auf der zweiten Stufe inne, stellten sich nebeneinander auf und drehten sich Richtung Volk.
Lappius betrachtete wohlwollend die Statue. Mit Sockel war sie fast zwölf Fuß hoch und zeigte den Imperator mit huldvoll erhobenem rechten Arm, während über dem linken sein in kunstvollen Falten gemeißelter Umhang drapiert war. Die Statue war aufwendig bemalt, der Umhang leuchtete rot, und auf dem metallisch schimmernden Brustharnisch zeichneten sich bunte Fabelwesen ab. Die Hautpartien waren jedoch ausgespart worden, um den Blick auf die Qualität des sündhaft teuren, bräunlich geäderten Parischen Marmors zu lenken. »Eine großartige Arbeit. Unserem Princeps wie aus dem Gesicht geschnitten!«, lobte er. Dann kniete er nieder und senkte den Kopf. Orata und Gordianus hatten nicht mit der Geste gerechnet, taten es ihm aber sofort gleich. Quintus verstand: Lappius wollte seine Kaisertreue unter Beweis stellen und sich als loyalen Diener inszenieren. Nach ein paar Sekunden stiller Andacht erhob er sich wieder.
Nun war der Moment gekommen, die Götter ins Spiel zu bringen. Mit einer theatralischen Geste deutete Lappius auf die ihm gegenüberliegende Seite des Forums, an das sich im Osten der Tempelbezirk anschloss, der kultischen Zwecken vorbehalten war. Sein Platz hatte dieselbe Breite wie das Forum, war aber etwas kürzer, und reichte fast bis zum Rhenus. Dazu lag er bewusst so erhöht, dass man ihn von der anderen Flussseite über die östliche Stadtmauer hinweg erspähen konnte.
Auch die Zuschauer, die Lappius’ Geste mit ihren Blicken folgten und sich gespannt umdrehten, hatten dadurch eine perfekte Sicht auf den gewaltigen Altar in seinem Zentrum: die Ara, die so große Bedeutung hatte, dass sie Eingang in den Namen der Stadt erhalten hatte. Denn die Colonia war von Anfang an auch als ein spirituelles Zentrum konzipiert worden, und auf dem weißen, kunstvoll gemeißelten Marmorblock wurden regelmäßig Opferzeremonien abgehalten.
Auf den erhöhten Platz traten nun fünf ältere Männer und schritten betont langsam zur Ara. Den Saum ihrer leuchtend weißen Togen trugen sie andachtsvoll über die Köpfe gelegt. Es waren die höchsten Priester der Stadt, deren Aufgabe es sein würde, dem ganzen Spektakel den Segen der Götter zu bescheren. Der Älteste, ein knöchriger asketischer Mann, trug einen kleinen Käfig, in dem eine weiße Taube gurrte. An einem schmalen Lederriemen, der um seine Robe gewunden war, baumelte ein Ritualdolch in einer vergoldeten Scheide. Er war ein Haruspex, der aus den Eingeweiden von Tieren die Zukunft vorhersagen konnte. Seine blasse, von Altersflecken überzogene Haut wirkte brüchig wie altes Pergament. Die Priester positionierten sich würdevoll um die Ara. Der Haruspex öffnete nun den Käfig und zog den Vogel heraus. Ohne viel Federlesens brach er dem Tier das Genick und legte es mit dem Bauch nach oben auf die fast sechs Fuß breite Marmorfläche der Ara. Er zückte seinen Dolch und schnitt mit einem Ruck den Rumpf der Taube auf. Die Menschenmenge beobachtete ihn gespannt. Der Haruspex schob seine Finger in die Wunde, aus der dunkles Blut quoll. Schließlich zog er mit einem Ruck das winzige Herz aus dem Vogelkörper heraus und hielt es mit beiden Händen feierlich über seinen Kopf.
»Das Herz der Taube ist so groß wie das eines Adlers«, verkündete der Seher so laut, wie es ihm seine vom Alter raue Stimme noch gestattete. »Unser neuer Statthalter hat den Segen der Götter.«
Erleichterter Applaus brandete auf, während das Blut des Tieres auf die weiße Altaroberfläche sickerte und sich ausbreitete. Die Römer gaben viel auf die Bedeutung von Omen. Kein Amtsantritt eines hohen Würdenträgers wäre ohne ein solches Ritual vollständig gewesen. Dass die neue Verwaltung angeblich unter einem guten Stern stand, beruhigte die Menge, die sich nun wieder gespannt zu dem neuen Statthalter umwandte. Annähernd zwanzigtausend Frauen und Männer wollten wissen, was er zu verkünden hatte, und es wurde wieder still.
»Ich grüße euch, Bürger dieser wundervollen Stadt!«, rief Lappius und riss die Arme hoch wie ein Athlet nach einem großen Sieg bei den olympischen Spielen. Jubel brandete auf. Mit diesem Kompliment für die Colonia hatte er die Mehrheit ihrer Einwohner sofort auf seiner Seite.
»Ich hatte jemand Älteres erwartet«, wunderte sich Lucretias Mutter.
»Je einflussreicher die Familie, desto schneller der Aufstieg. Aber er soll sich auf früheren Posten durchaus verdient gemacht haben«, erklärte ihr Vater.
Das rief Lucretia in Erinnerung, dass das Ansehen eines Mannes in der römischen Welt eben nicht nur von Ausstrahlung und Leistung, sondern vor allem auch von seiner Herkunft abhing. Nur wenn man dem alten Adel, den Patriziern, angehörte – was bei Lappius der Fall war –, konnte man ganz nach oben kommen.
»Und was für eine Stadt das ist!«, hob Lappius wieder an und deutete auf die Gebäude um ihn herum, wobei er seinen Körper leicht drehte. »Seht diese starken Mauern, die heute dort stehen, wo vor hundert Jahren nichts war außer Wildnis! Seht dieses Wunder, dass ihr tapferen Menschen selbst mit vereinten Kräften geschaffen habt! Seht, wie weit ihr gekommen seid!«
Die Menge war begeistert und rief zustimmende Worte. Lappius wusste genau, was er sagen musste. Die elf Liktoren, die wie ein menschlicher Schutzwall vor ihrem Herrn standen, verzogen keine Miene und blickten nur streng über das Forum hinweg.
»Heute überbringe ich demütig ein Geschenk unseres Kaisers, Imperator Caesar divi Vespasiani filius Domitianus Augustus Germanicus, Pontifex maximus, Tribuniciae potestatis XVI , Imperator XXIII , Consul XVII , Censor perpetuus, Pater patriae. Vor auf den Tag genau siebenunddreißig Jahren wurde euer gewöhnliches Oppidum in den Rang einer Colonia erhoben, eine Ehre, die nur wenigen Städten von den Säulen des Herkules bis zu den Wüsten Arabiens zuteilwird. Ist vielleicht jemand unter euch, der sich an diesen Tag erinnert?«
Etwa ein Dutzend älterer Männer und Frauen hob die Hand. Er bezieht die Menge mit ein , dachte Quintus, das ist klug . Lappius deutete auf einen zahnlosen Alten, der seine Hand gehoben hatte, und nun kurz in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit geriet, was er sichtlich genoss.
»Ah! Dann wirst du, treuer Bürger, zum zweiten Mal erleben, wie in deiner Heimat Geschichte geschrieben wird. Denn heute steigt die Colonia zur Hauptstadt einer neuen Provinz auf. Ihr Name ist: Germania Inferior.«
Die Zuschauer klatschten begeistert. Die Neuigkeiten hatten sich zwar längst herumgesprochen, aber es war etwas anderes, sie aus dem Mund eines römischen Senators zu hören.
»Eure Stadt ist ein Juwel. Die Welt, liebe Agrippinenser, die ihr an der Grenze zwischen dem Lichte Roms und der barbarischen Dunkelheit lebt, arbeitet, kämpft – die Welt blickt auf euch!«
Erneut brandete Jubel auf.
»Er trägt ein bisschen dick auf, findest du nicht?«, fragte Pola.
»Das sagst ausgerechnet du?«, entgegnete Quintus neckend. »Du hast recht, er macht es gut«, sagte sie.
Während Lucretia dem neuen Statthalter genau zuhörte, sah sich ihre Mutter neugierig um, nickte und winkte unauffällig Freunden und Bekannten zu. Für sie war das Ereignis ein Anlass, ihre sozialen Kontakte aufzufrischen, die politischen Zusammenhänge interessierten sie nicht.
»Der Sohn des Bibulus ist ja zu einem stattlichen jungen Mann herangereift«, raunte Cäcilia ihrer Tochter zu und drehte ihren Kopf mit aufforderndem Lächeln bewusst in dessen Richtung, hoffend, dass Lucretia es ihr nachtun und einen Blick auf den Jüngling werfen würde, aber den Gefallen tat Lucretia ihr nicht.
»Ich könnte ein Treffen arrangieren«, flüsterte Cäcilia.
»Mutter, bitte!«, raunte Lucretia.
»Zu heiraten und Nachkommen zu zeugen, ist die heilige Pflicht jeder Römerin«, belehrte Cäcilia ihre Jüngste, wahrscheinlich zum tausendsten Mal. Sie wusste, dass solche Sprüche bei Lucretia auf taube Ohren stießen. Allerdings wusste sie auch, dass steter Tropfen den Stein höhlte – sie selbst hatte ihren Magnus eine Weile bearbeiten müssen, bis er sich auf sie eingelassen hatte –, und würde in dieser Sache nicht lockerlassen.
»Pssst!«, zischte ein Mann hinter den beiden, der gekommen war, um die Rede des Statthalters und nicht einen familiären Zank zu hören. Cäcilia reckte beleidigt das Kinn und legte den Kopf leicht schief, schwieg aber. Dankbar atmete Lucretia auf.
»Mir wird nun die große Ehre zuteil, für vorerst zwölf Monate euer Statthalter zu sein. Ich verspreche euch, nach bestem Wissen und Gewissen mein Amt zu bekleiden. Ich bete dafür, dass Apollo mir Weisheit gibt, Fortuna Glück und Mars Kraft!«
Lappius kam nun erst richtig in Fahrt: »Ich verspreche euch neue Bauprojekte. Steuersenkungen. Ich verspreche Frieden und Wohlstand für alle!«
Zustimmender Applaus und vereinzelter Jubel ertönten aus der Menge. Lucretia spähte weiter um sich, immer noch hoffend, den Mann mit der markanten Körperbemalung zu finden. Aber vielleicht war das vergeblich, ging es ihr durch den Kopf. Vielleicht war der Kerl gar nicht aus der Colonia und längst irgendwo anders hingereist oder in sein Dorf rechts des Rheins zurückgekehrt. Trotzdem wollte sie wachsam bleiben.
»Jetzt kommt der Teil mit den Versprechungen – typisch Politiker«, höhnte ein Mann neben Pola, und Quintus musste schmunzeln. Er war selbst neugierig, was Lappius von dem, was er ankündigte, umsetzen würde. In einem Jahr konnte man viel bewegen, wenn man die nötige Energie aufbrachte, andererseits verging die Zeit wie im Flug. Längere Amtszeiten für Prokonsuln wurden im Senat immer wieder diskutiert und in Ausnahmefällen auch bewilligt, aber die Angst vor Verfilzung oder gar Umstürzen war zu groß. Rom hatte schlechte Erfahrungen mit Verschwörern und Usurpatoren gemacht, und so wurde peinlich darauf geachtet, dass kein hoher Beamter zu viel Macht anhäufen konnte. Das war auch der Grund, warum hohe städtische Ämter, etwa der Bürgermeister, der Duovir, oder ein wichtiger Verwaltungsbeamter, der Ädil, immer doppelt besetzt wurden – die beiden Amtsträger des Tandems sollten sich gegenseitig kontrollieren und so auch der Korruption entgegenwirken.
»Landsleute, Römer, Freunde, Bewohner der stolzen Colonia. Ich will euch nicht länger aufhalten. Genießt den letzten Abend der Festlichkeiten zu Ehren Floras. Bekränzt euch, tanzt, trinkt! Als persönliches Geschenk habe ich euch fünfzig Fässer besten Moselweins mitgebracht, die auf alle Tavernen der Stadt verteilt und gratis ausgeschenkt werden. Ich werde meinen Becher heute Abend auf euch alle erheben und hoffe, ihr werdet es auch auf mich tun!«
Erneut brandete Jubel auf, diesmal frenetisch, fast donnernd. Lappius hatte sich die größte und in den Augen der Bürger wohl beste Überraschung bis zuletzt aufgehoben. Quintus konnte sich nicht beherrschen und musste laut lachen. So waren sie, die Römer. Man konnte ihnen die Welt zu Füßen legen, aber wirklich begeistern ließen sie sich nur vom Wein. Der schmeckte ihnen noch besser als jede Steuersenkung. Lappius hatte den Zeitpunkt für seinen Amtsantritt perfekt gewählt, indem er den allgemeinen Optimismus, bedingt durch die Feierlichkeiten, für sich arbeiten ließ – das musste man ihm lassen. Genau diese Schläue im Umgang mit den Massen war es, die man als Senatorenkind schon mit der Muttermilch einsaugte.
»Der Schleimer kann drauf wetten, dass ich mindestens eins seiner Fässer allein leer trinke«, rief Pola und löste damit Gelächter bei den Umstehenden aus. In solchen Momenten liebte Quintus sie ganz besonders.
Plötzlich ertönten aus den hintersten Reihen der Menge Schreie. Unruhe breitete sich aus. Die, die weiter vorn standen, drehten sich neugierig um. Quintus, der aufgrund seiner Größe über die Köpfe hinweg sehen konnte, bemerkte einen Mann in einer ockerfarbenen Tunika, der mit den Armen wedelte und auf die Leute um ihn herum einredete. Offenbar war er der Grund für die Aufregung. Eine Welle der Angst, geradezu sicht- und greifbar, rollte nach vorn in Richtung Portikus, bis auch Quintus und schließlich Lucretia und ihre Familie das Wort verstanden, das aus allen Kehlen drang: »Überfall!« Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Information unter den Tausenden von Menschen.
»Was ist hier los?«, fragte Lappius.
Admiral Gordianus und Prätor Orata sahen sich besorgt an, auch sie wussten es nicht.
»Die Germanen sind hier!«, schrie ein Mann aus der Menge angsterfüllt.
»Bei Jupiter!«, entfuhr es Gordianus. Er winkte den nächsten Soldaten der Stadtwache zu sich und begann, ihm hektisch Anweisungen zu erteilen.
Weitere Rufe ertönten: »Wir werden überfallen!«, »Die Barbaren greifen uns an!«
Entsetzensschreie waren die Antwort. Stimmen riefen mit zunehmender Lautstärke wild durcheinander. Und mit einem Ruck kam Bewegung in die Menge. Zwanzigtausend Menschen wollten jetzt nur noch eines – so schnell wie möglich herunter vom Forum.
»Das ist ja schrecklich! Wir müssen sofort hier weg!«, wurde auch Cäcilia von Furcht gepackt.
Lucretia war nicht minder beunruhigt. Sie mochte ohnehin keine großen Menschenmengen und bereute es jetzt umso mehr, mitgekommen zu sein. »Aber wie kommen wir hier raus?«, fragte sie.
»Erst einmal müssen wir zusammenbleiben«, sagte ihr Vater, um Besonnenheit bemüht, und griff nach ihrer Hand und nach der ihrer Mutter.
Wie auf Kommando eilten die elf Liktoren, die bisher unterhalb des Rostrums nebeneinander aufgereiht gestanden hatten, jetzt zu ihrem Herrn und kreisten ihn schützend ein, breitbeinig standen sie da, Schulter an Schulter, ihre Rutenbündel, die Fasces, nach außen gerichtet. Ihre Blicke suchten mit höchster Aufmerksamkeit die Umgebung nach möglichen Feinden ab. Es war offensichtlich, dass sie das nicht zum ersten Mal taten. Die Veteranen hatten ein ausgeprägtes Gespür für gefährliche Situationen, jeder von ihnen hatte in seiner Dienstzeit wahrscheinlich Hunderte Feinde getötet – bessere Beschützer konnte man sich nicht wünschen.
Lappius schloss seinen Mund, nachdem er bemerkt hatte, dass seine Kinnlade heruntergeklappt war, und betrachtete entgeistert das Chaos. Bisher war alles perfekt gelaufen, was geschah hier auf einmal?
»Wir müssen Ordnung herstellen, sonst trampeln sich die Leute gegenseitig tot«, erfasste Prätor Orata sofort die Lage. In diesem Moment war es gut, Männer der Tat um sich zu haben.
»Ich kümmere mich darum«, antwortete der Admiral und winkte ein paar der in den Säulengängen wartenden Feuerwehrleute zu sich, die merklich nervös waren, aber erst zu handeln vermochten, wenn sie genaue Anweisungen bekamen. Zusammen mit den Vigiles begab sich der Flottenpräfekt in die Menge und versuchte, durch lautes Rufen und energische Gesten die Fliehenden in Richtung Säulengänge zu steuern. Denn die Arkaden, die das Forum säumten, hatten viele Tore, die nach außen führten, was einer schnellen Evakuierung dienlich war. Die meisten Zuschauer, von Panik erfasst, strömten jedoch wie eine blinde Herde in eine Richtung – ans breite offene Ende im Osten des Forums. Auch Quintus und Pola waren darunter. Sie hielten sich an den Händen, um sich im Gewühl nicht zu verlieren. Beide waren sie Menschen, die klaren Kopf behielten und nicht leicht in Panik verfielen, wenngleich Quintus jetzt Angst in den Augen seiner Frau sehen konnte. Es kam, wie es kommen musste, Menschen stolperten und fielen zu Boden. Wenn sie Glück hatten, half ihnen ein Freund oder Verwandter auf die Füße, hatten sie Pech, wurden sie überrannt. Kinder wurden von ihren Eltern getrennt und im Chaos mitgerissen. Der Freudentag hatte sich auf einmal in einen Albtraum verwandelt.
»Die Wilden! Die Wilden kommen!«, ertönten immer wieder Rufe.
»Hier lang«, rief Quintus hektisch atmend, änderte die Richtung und zog Pola mit sich. Er hatte gesehen, dass die Offiziere mit den Feuerwehrleuten Menschen zu den Arkaden leiteten. Das war die richtige Entscheidung. Vor ihnen drängten sich zwar viele Leute durch den etwa fünfzehn Fuß breiten Portikus hin zu den zahlreichen torlosen Öffnungen, die durch das einströmende Licht wie himmlische, rettende Portale wirkten, aber die Menge dünnte sich hier viel schneller aus und kam besser voran. Quintus hatte mit Pola fast einen dieser Ausgänge erreicht, als er neben sich ein bekanntes Gesicht entdeckte. Er räusperte sich laut.
Trotz der herrschenden Panik musste Lucretia fast loslachen, als sie Quintus erkannte, so absurd fühlte sich die ganze Situation an, fast wie ein Traum.
»Und, wie hat dir die Rede gefallen?«, rief sie ihm zu.
»Bis vor einer Minute ganz gut«, entgegnete Quintus gehetzt.
Pola sah irritiert zwischen den beiden hin und her. Quintus nickte Lucretias Vater höflich zu, den er vom Sehen aus dem Prätorium kannte, und entschloss kurzerhand, Familie Veturius den Vortritt zu lassen. Magnus, Cäcilia und Lucretia eilten durch die Öffnung auf den rettenden Decumanus, der dahinter verlief und viel Platz bot, dann drängten Quintus und Pola nach. Sie atmeten auf, erleichtert darüber, dem Gewühl entkommen zu sein.
»Woher kennst du dieses Mädchen?«, fragte Pola.
Quintus wollte schon zu einer Antwort ansetzen, da fiel sein Blick auf den Mann mit der ockerfarbenen Tunika, der von einem Menschenpulk umringt neben dem Ausgang stand – der Überbringer der Botschaft, die diesen Tumult hier ausgelöst hatte. Das war Quintus’ Chance herauszufinden, was geschehen war. Er zögerte nur kurz, seine Neugier war stärker als seine Furcht.
»Wir sehen uns zu Hause«, sagte er zu seiner Frau und wandte sich ab.
»Wo willst du hin?«, rief sie ihm entgeistert nach.
Doch er hörte sie schon nicht mehr und bahnte sich gegen den Strom einen Weg auf den Mann zu.
Lucretia sah ihm nach. Eine Mischung aus Neid und Abenteuerlust packte sie, und bevor sie sich versah, setzten sich ihre Füße in Bewegung und sie eilte Quintus hinterher. Genau wie er, wollte sie erfahren, was hier eigentlich vor sich ging.
»Lucretia!«, rief ihr Vater erschrocken.
»Bleib hier, Kind! Was tust du?«, stimmte ihre Mutter besorgt ein, die nicht verstand, warum ihre Jüngste inmitten des Tumults verschwand.
Die Zurückgelassenen sahen sich ratlos an. Jetzt erst bemerkte Magnus Pola.
»Irgendwo habe ich dich schon einmal gesehen«, sagte er zu ihr. Sie schien ihn sichtlich zu faszinieren.
»Das kann sein, ich spiele am Theater«, antwortete Pola, die die Bewunderung des mauretanischen Händlers spürte. Er konnte seine Augen kaum von ihr abwenden.
Cäcilia machte ein grimmiges Gesicht und zog ihren Mann mit sich.
»Zu Hause sind wir sicherer«, sagte sie spitz und bedachte Pola zum Abschied mit einem aufgesetzten Lächeln. »Einen schönen Tag noch.« Dann ging sie im Marschtempo die Straße hinab.
»Was ist denn los?«, wollte Magnus wissen.
»Je schneller ich dich aus dem Bannkreis dieser Dirne bekomme, desto besser«, entgegnete seine Frau scharf. Nicht nur Polas Erscheinung, sondern auch ihr Status waren ihr ein Dorn im Auge, denn Schauspielerinnen, so war die verbreitete Meinung, waren allesamt Prostituierte. In der Tat wurden die meisten Künstler so schlecht bezahlt, dass viele von ihnen auf einen solchen Nebenverdienst angewiesen waren. Pola wäre es niemals in den Sinn gekommen, sie hatte ein gutes Auskommen. Sie hatte sich daran gewöhnt, dass sie durch ihre Berufswahl in eine bestimmte Schublade geraten war, und konnte damit leben.
Lucretia schloss zu Quintus auf. Der war mit einem betrunkenen jungen Mann zusammengestoßen, der ihn anpöbelte und offenbar auf Streit aus war. Quintus’ germanisches Aussehen schien ihn noch mehr zu reizen. Der Anwalt entschuldigte sich und beschwichtigte den Raufbold mit sanften Worten. Dann setzte er seinen Weg durch die panische Menge fort und guckte erstaunt, als er plötzlich Lucretia neben sich bemerkte. Die beiden sprachen nicht. Quintus wusste es auch so: In dieser jungen Frau brannte dasselbe Feuer wie in ihm. »Da ist er!«, rief Quintus, schon ziemlich außer Atem. Er war froh, dass er sich nur selten in Laufschritt setzen musste, da er nicht besonders sportlich war.
»Die Germanen sind hier! Sie plündern uns aus!«, riefen angstverzerrte Stimmen um sie herum, und vor und hinter ihnen rannten Hunderte Menschen um ihr Leben.
Endlich erreichten sie den Mann mit der ockerfarbenen Tunika, der von Menschen umringt war, darunter nicht nur einfache Bürger, sondern auch Stadtwachen und Feuerwehrleute, die ihn mit Fragen bedrängten. Der schlanke, schüchtern wirkende dunkelhäutige Mann, den eine kleine Metallplakette, die er an einem dünnen Kettchen um den Hals trug, als Haussklaven auswies, hielt schützend die Arme vor seinen Kopf.
»Ist dir klar, was du getan hast? Das ganze Durcheinander hier ist dein Verdienst!«, fuhr ein wütender Feuerwehrmann, dessen Kollegen gerade Verletzte vom Forum aufsammelten, den eingeschüchterten Sklaven an.
»Hätte er’s verschwiegen, wär’s auch nicht recht gewesen! So etwas muss man doch sofort melden«, nahm ein Marinesoldat den Überbringer der schlechten Nachricht in Schutz.
»Was ist denn los?«, rief eine Bürgerin, »sind wir in Gefahr?«
»Verliert nicht den Kopf, es wird sich schon alles aufklären! Lasst uns durch!«, rief Quintus mit seiner donnernden Anwaltsstimme, und die Meute machte ihm Platz. Lucretia hielt sich einfach dicht hinter ihm und nutzte die entstehende Gasse. Die beiden standen nun unmittelbar vor dem verängstigten Sklaven in der ockerfarbenen Tunika.
»Ich bin Quintus Tibur. Ich arbeite bei Gericht. Was ist passiert?«, fragte er mit ruhiger, fester Stimme.
Der Mann beruhigte sich etwas und senkte die Arme. Der Anwalt schien ihm wohl ein vertrauenswürdiger Vertreter der Obrigkeit zu sein.
»Sie … sie haben das Haus unserer Nachbarn überfallen! Ge… Germanen! Ihre Gesichter … schrecklich! Gleich nebenan!«, stotterte der Sklave.
»Wo ist das? Kannst du uns hinführen?«, fragte Lucretia.
Sie war alarmiert, denn sie kannte den Mann vom Sehen. Der Überfall war also in dem Viertel geschehen, in dem auch ihre eigene Familie wohnte. Bei Jupiter, hoffentlich war es nicht ihr Haus, schoss es Lucretia durch den Kopf!
»Natürlich, Herrin, sofort«, sagte der Sklave und setzte sich in Bewegung, froh, den Vorwürfen zu entkommen.
Quintus und Lucretia eilten ihm nach. Einige Vigiles und Stadtwachen schlossen sich an.
Gemeinsam schoben sie sich durch die aufgebrachte Menge. Die meisten Menschen hatten das Forum mittlerweile verlassen, drängten sich nun aber in den umliegenden Straßen und traten sich gegenseitig auf die Füße. Der erste Schrecken war verflogen und hatte der eifrigen Verbreitung von Gerüchten Raum gegeben, die sich nun rasch hochschaukelten.
»Ich denke, ihr könnt euch wieder rühren«, sagte zur gleichen Zeit Lappius zu seinen Liktoren im Halbrund des Kryptoportikus, die daraufhin von ihm wegtraten. Verlassen stand der frischgebackene Statthalter vor der riesigen Kaiserstatue und blickte bestürzt auf das leere Forum vor sich.