Lucretia konnte eine gewisse Erleichterung nicht verhehlen, als sie mit dem Sklaven an der betroffenen Stadtvilla ankamen. Es war nicht ihre, sie lag aber nur einen Steinwurf von der der Familie Veturius entfernt – also nah genug, um für die Zukunft besorgt zu sein.
Die Männer der Stadtwache schritten sofort zur Tat, brüllten Anweisungen, und Feuerwehrmänner stürmten mit noch leeren Eimern ins Haus, um sich einen Eindruck von der Lage zu verschaffen. Vor dem Eingang bildete sich schnell eine Menschentraube. Passanten und Nachbarn standen dichtgedrängt. Auch einige Clientes der Familie Bulbo versammelten sich, um ihrem Patron Hilfe anzubieten, und alle diskutierten heftig miteinander. Aus den Gesprächsfetzen, die Quintus aufschnappte, während er sich durch die Menge schob, konnte er immer wieder Feindseligkeit gegen Germanen heraushören. Die meisten seien schmutzig und ungebildet, und viele seien Diebe. Das waren neue Töne in einer Gesellschaft, die bisher immer zusammengehalten hatte. Aber auch Stimmen der Vernunft waren auszumachen, die daran erinnerten, dass noch gar nicht feststand, wer die Täter waren.
»Das ist das Haus der Bulbos. Die kenne ich. Vielleicht kann ich uns hineinbringen«, überlegte Lucretia laut.
»Es wäre sicher hilfreich, sich an einem frischen Tatort umsehen zu können«, stimmte Quintus zu.
Jetzt war dafür aber noch kein guter Zeitpunkt, wimmelte es im Haus nur so von Ordnungshütern, denen die beiden im Weg gestanden hätten. Doch schon kurze Zeit später kamen die Vigiles wieder heraus. Sie wirkten beruhigt, offenbar war zumindest kein Feuer ausgebrochen.
Quintus und Lucretia eilten zur noch offen stehenden Eingangstür. Doch gerade, als sie eintreten wollten, schob die Hausherrin, Hersilia Bulbo, sich ihnen in den Weg. Sie war die Mutter von Titus, dem Burschen, der Lucretia auf Claudias Fest umworben hatte. Ihr Gesicht war nass von Tränen und zugleich vor Wut verzerrt.
»Lasst uns in Ruhe! Haut ab, ihr Geier, geht woanders gaffen!«, fuhr sie Quintus und die nachdrängenden Schaulustigen an.
»Hersilia Bulbo, ich bin es nur«, rief Lucretia und drückte sich an Quintus vorbei. »Das hier ist Rechtsanwalt Tibur. Ein Freund von mir. Ich habe mir Sorgen gemacht und wollte einfach nach euch sehen. Fragen, ob ihr etwas braucht.«
Jetzt sind wir also schon Freunde , wunderte sich Quintus. Hersilias Miene hellte sich auf.
»Lucretia! Das ist lieb von dir. Ach, du bist so ein gutes Mädchen«, sagte die Hausherrin erleichtert.
Stadtwachen kamen die Straße heruntergelaufen und hielten auf das Haus zu. Sie wollten die Menge auflösen, die sich auf bestimmt über hundert Schaulustige erhöht hatte.
»Ihr stört hier nur. Geht nach Hause. Alle. Los!«, rief ein Offizier, und die Stadtwachen begannen etwas unsanft, Passanten beiseitezuschubsen, als diese sich nicht in Bewegung setzten.
»Wir helfen gern beim Aufräumen«, versicherte Lucretia, hoffend, so Zugang zum Haus zu erhalten.
»Kommt herein«, bat sie die Hausherrin, die vom Tumult vor ihrer Haustür genug hatte.
Lucretia trat über die Schwelle in den kurzen Gang, der ins Atrium führte. Quintus folgte ihr schweigend. Das Erste, was ihm auffiel, waren die hohen Decken. Fühlte er sich in seiner Wohnung in der Insula immer etwas beengt, so konnte er hier frei atmen. Sie stiegen über einen schweren, mannshohen bronzenen Kerzenständer, der quer im Flur lag und beim Aufprall auch einige Bodenfliesen beschädigt hatte.
»Es ist so schrecklich«, klagte Hersilia. »Warum wir? Wir haben doch niemandem etwas getan.«
Das stimmte wohl. Die Bulbos waren eine der reichsten Familien der Stadt und genossen einen ausgezeichneten Ruf. Wie Lucretias Vater war das Familienoberhaupt, Aemilius Bulbo, Soldat gewesen und hatte nach Ende seiner Dienstzeit das Haus in der Colonia erworben. Anders als Magnus Veturius, der sich dem Handel verschrieben hatte, hatte sich Bulbo auf Immobilien verlegt und mit der Vermietung von Speicherräumen im Hafen ein Vermögen gemacht. Und er liebte es, seinen Erfolg zu zeigen. Quintus fiel der Reichtum, der hier herrschte, schon beim Betreten des Hauses auf. Überall hingen Blumengirlanden zu Ehren der Göttin Flora. Die kleinen Öllampen, die alle paar Fuß an Ketten von der Decke baumelten, waren vergoldet. Quintus wunderte sich, dass die Einbrecher sie übersehen hatten. Alle Wände waren mit sehr gelungenen Wandmalereien verziert, die meisten stellten Fabelwesen wie lüsterne Satyrn und Nymphen dar. Auch Lucretia fiel auf, dass das Wasserbecken im Zentrum des Baus mindestens dreimal so groß war wie das in ihrem Haus. Die Wände des Peristyls, dessen Säulenkapitelle besonders detailreich gearbeitet waren, schmückten sehr realistische Abbildungen von Rebstöcken, Bäumen und Grashalmen, so dass es wirkte, als wäre das Zentrum des Hauses ein riesiger Garten. Alle Böden waren mit Marmor ausgelegt, teilweise mit rotem – dem teuersten.
»Wo warst du, als es passierte, Hersilia Bulbo?«, fragte Quintus die Hausherrin.
»Auf dem Forum, wie alle anderen. Eine meiner Sklavinnen hat mich dort gefunden, und ich lief nach Hause, so schnell es meine morschen Knochen erlaubten«, erklärte Hersilia. Sie war um die fünfzig, und für eine Italienerin sehr hoch gewachsen. Die starke Schminke konnte die tiefer werdenden Falten kaum noch überdecken. Ihr strenger Blick war ebenso markant wie ihre große Oberweite, die sich unter der locker fallenden Seidenstola abzeichnete, die sagenhaft teuer gewesen sein musste.
»Und dann musste ich das hier sehen«, rief sie mit zitternder Stimme und führte Lucretia und Quintus in ihr Schlafgemach. Das Bett war umgekippt, die Matratze lag auf dem Boden. Alle Schubladen der Kommode waren herausgerissen, deren Inhalt lag überall verstreut. Dazwischen eine kleine Schatulle, mit goldenen Nieten verziert, offenbar ein Schmuckkästchen. Leer.
»Hat jemand den Überfall unmittelbar miterlebt?«, wollte Quintus wissen.
»Ja, ein paar Sklaven. Sie sind in der Küche.«
Quintus beugte sich zu Lucretia und raunte ihr zu: »Lass mich mit ihnen reden. Lenk du die Domina ab, verschaff uns Zeit, sie soll uns wohlgesonnen bleiben.«
Lucretia nickte. Sie entdeckte einen intakten Korbsessel, richtete ihn auf und bugsierte die Hausherrin hinein, während sie tröstend auf sie einredete. Hersilia lächelte dankbar.
Quintus ging zur Küche. Sie war leicht zu finden, denn römische Stadtvillen waren im ganzen Imperium recht ähnlich gebaut. Es gab zwar Luxusvarianten wie diese hier, aber die grundlegende Aufteilung war immer die gleiche.
In der Küche, die wie der Rest des Hauses mit üppigen Blumengirlanden dekoriert war, kümmerten sich zwei junge Sklavinnen um einen älteren Sklaven, der auf dem Boden kauerte. Er hatte eine Platzwunde am Kopf, aus der Blut floss. Quintus bemerkte die feine Blutspur, die über den Boden des Peristyls in die Küche führte. Offenbar war der Sklave in der Nähe der Eingangstür niedergeschlagen worden und hatte dann versucht, sich in der Küche in Sicherheit zu bringen.
»Ich bin Quintus Tibur, Anwalt«, stellte er sich den Sklaven vor, die den großen Germanen etwas ängstlich anschauten. Offenbar steckte der Küchenbesatzung der Schreck noch in den Gliedern. »Ich versuche herauszufinden, was hier geschehen ist.«
»Er hat alles gesehen«, sagte eine der Sklavinnen zögerlich und mit starkem thrakischen Akzent, dabei strich sie dem blutenden Sklaven zärtlich über die Schulter.
»Was genau ist passiert?«, wollte Quintus wissen.
»Sie kamen ohne Vorwarnung. Haben nicht geklopft. Waren plötzlich einfach da«, sagte der Mann. Seine Worte kamen abgehackt aus seinem Mund, er stand noch unter Schock. Quintus musste geduldig sein. Ihm fielen das helle Haar und die grünen Augen des Sklaven auf. Quintus vermutete, dass auch er ein Germane war.
»Du bist sehr tapfer. Wie heißt du?«
»Ragin«, antwortete der Sklave, was Quintus’ Annahme bestätigte. »Ich habe versucht, sie aufzuhalten. Aber ich hatte nur einen Knüppel, und sie Schwerter.«
»Die anderen sind feige weggerannt, aber Ragin war so tapfer«, sagte die andere Sklavin anerkennend.
Zum Glück hatte er seinen Heldenmut nicht mit dem Leben bezahlt, dachte sich Quintus. Verwunderlich, dass diese rücksichtslosen Räuber nicht einfach jeden mit der Klinge durchbohrten, der sich ihnen in den Weg stellte.
»Dann hast du sie aus der Nähe gesehen, nehme ich an.«
Ragin nickte.
»Nach dem Schlag auf den Kopf war ich bewusstlos. Als ich wieder zu mir kam, waren die Kerle schon weg. Und mit ihnen alle Wertsachen im Haus. Aber ihre Gesichter … die sehe ich noch vor mir. Bei Wodan, die werde ich nie vergessen.«
Quintus horchte auf: »Du hast ihre Gesichter gesehen? Das ist gut. Würdest du sie bei einer Gegenüberstellung wiedererkennen?«
»Nein«, erklärte Ragin beschämt. »Sie waren ja bemalt. Da waren sie nicht wirklich zu erkennen.«
»Du meinst eine Kriegsbemalung?«, hakte Quintus nach. Er wunderte sich. Etwas passte nicht richtig zusammen, aber er konnte noch nicht sagen, was. Ragin nickte.
»Welche Farbe hatten ihre Gesichter? Rot, grün, blau? Das könnte uns sehr helfen herauszufinden, welcher Stamm hinter den Überfällen steckt«, bohrte Quintus nach.
»Alle Farben, alle Muster waren dabei … alles, was man sich denken kann«, sagte der Mann hastig, nachdem er kurz gezögert und in seinen Gedanken gekramt hatte.
»Also waren sie nicht alle vom selben Stamm«, stellte Quintus fest.
»Ich bin selbst Suebe, daher habe ich eine der Bemalungen erkannt. Ein anderer Mann könnte Brukterer gewesen sein«, erklärte der Zeuge.
Suebe? Jetzt verstand Quintus gar nichts mehr. Der Großteil der Sueben war im Südosten Galliens ansässig, in einer Gegend, die schon seit Jahrzehnten romanisiert war und in der Frieden herrschte. Ein solcher Räuber wäre sehr weit weg von zu Hause – so weit, dass sich der lange Weg kaum lohnen würde.
Offenbar hatten hier Vertreter verschiedener Stämme zusammengearbeitet, was an sich schon ungewöhnlich schien, da die meisten miteinander verfeindet waren. Aber was wusste Quintus schon? Seit er in der Colonia lebte, hatte er keinen Kontakt mehr zu seinem Stamm und war über dessen Politik nicht auf dem Laufenden. Und vielleicht hatte die Aussicht auf fette Beute die Feinde ja miteinander versöhnt, Gier konnte bekanntlich Berge versetzen.
»Gab es noch weitere Auffälligkeiten? Wie Bemalungen an anderen Stellen des Körpers?«, fragte Quintus, der sich an Lucretias Beschreibung der Tätowierung erinnerte.
»Nein, zumindest habe ich nichts gesehen. Aber darauf habe ich in dem Moment auch nicht geachtet.«
»Wie sind die Kerle vorgegangen?«, fragte Quintus.
»Sie schienen alles gut geplant zu haben. Sie verteilten sich, jeder ging in ein anderes Zimmer. Sie lachten laut, als sie die Möbel umwarfen und das Geschirr zerschlugen. Da hatten sie ihre Freude dran. Aber eigentlich hatten sie es nur auf die Wertsachen abgesehen.«
»Haben sie miteinander gesprochen? Etwas gesagt, das uns zu ihnen führen könnte?«, bohrte Quintus weiter.
»Nein, kein Wort«, sagte Ragin, und es schien ihn nun, da ihm die Frage gestellt worden war, selbst zu verwundern. »Sie haben kein Wort geredet. Aber geheult … wie Tiere.«
»Wie Wölfe«, sagte die ältere Sklavin und nickte ängstlich.
»Jupiter sei Dank, dass diese Monstren uns nichts angetan haben«, fügte die andere hinzu.
Ragin kam Quintus etwas näher, als wolle er ihm etwas mitteilen, das nur für seine Ohren bestimmt war.
»Sie haben sogar das Geheimfach gefunden, obwohl es so gut versteckt war«, raunte Ragin.
Das ließ Quintus hellhörig werden. »Kannst du mich dorthin führen?«, bat er den Sklaven.
Lucretia kümmerte sich unterdessen um die Hausherrin. Deren Mann und Sohn konnten ihr keinen Beistand leisten, sie besuchten den Bruder ihres Mannes auf dessen Landgut nahe Bonna und würden erst morgen zurückkehren.
»Und wir dachten, die Colonia sei sicher«, schluchzte Hersilia. Und fügte verärgert hinzu: »Wozu zahlen wir denn überhaupt Steuern, wenn uns keiner schützt?«
Die Stimmen vor der Haustür wurden lauter. Draußen teilte sich die verbliebene Menschenmenge, und die Stadtwachen machten einen Schritt zur Seite, als zwei prominente Besucher im Domizil der Bulbos Einlass begehrten: Admiral Gordianus und niemand anderer als der eben erst angekommene neue Statthalter Lappius.
Hersilia machte große Augen, als sie den unerwarteten Besuch sah, wischte sich die Tränen von den Wangen und zupfte sich schnell die Haare zurecht. Dann eilte sie am Wasserbassin entlang auf die Männer zu, die in das Licht des Peristyls getreten waren und sich umsahen.
»Statthalter Lappius, Exzellenz! Hersilia Bulbo heißt dich willkommen. Und auch dich, edler Gordianus. Zwei so wichtige Männer in unserem bescheidenen Haus. Welch Ehre.«
»Danke, dass du uns empfängst, werte Hersilia Bulbo«, erwiderte Lappius höflich. »Bescheiden ist wohl nicht ganz das richtige Wort für eure prächtige Villa. Die Wandmalereien zählen zu den schönsten, die ich jemals gesehen habe.«
Das entlockte Hersilia ein stolzes Strahlen. Der Berufspolitiker wusste, wie man sich Freunde machte.
Lappius fuhr fort: »Der Admiral hat deine Familie in den höchsten Tönen gepriesen und mir geraten, so bald als möglich eure Bekanntschaft zu machen. Es tut mir leid, dass unsere erste Begegnung nicht unter günstigeren Vorzeichen stattfindet.«
Hersilia nickte traurig.
»Wir haben von dem Überfall gehört und wollten uns sofort persönlich ein Bild machen«, erklärte Gordianus.
»Das ehrt mich, lieber Gordianus«, sagte Hersilia Bulbo, »aber es bringt mir meinen Schmuck und meine goldenen Becher nicht wieder zurück.« Sie versuchte, den Vorwurf heiterer klingen zu lassen, als er gemeint war, denn indirekt gab sie Gordianus die Schuld an ihrer Misere, was dieser offenbar spürte.
»Es tut mir unendlich leid. Ich weiß nicht, wie so etwas passieren konnte«, sagte der Admiral. »Meine Männer haben strikte Order, keine bewaffneten Germanen in die Stadt zu lassen. Durch die Tore können diese Kerle nicht gekommen sein. Sie müssen sich auf andere Weise Zutritt verschafft haben.«
Lucretia hörte aufmerksam zu. Sie stand hinter der Hausherrin, aber die Männer hatten sie noch nicht richtig wahrgenommen.
»Deine Tochter? Wie reizend«, bemerkte Lappius nun und nickte Lucretia höflich zu.
»Nein«, lachte Hersilia Bulbo, »schön wäre es. Das ist Lucretia Veturius, eine Nachbarin.«
»Sehr erfreut«, sagte Lucretia. »Willkommen in der Colonia, Statthalter Lappius.«
»Danke, Lucretia Veturius.«
»Ich verspreche dir eine lückenlose Aufklärung«, sagte Gordianus nun an die Hausherrin gewandt. »Wir werden diese germanischen Unholde jagen! Und wer weiß, vielleicht finden wir sogar die Beute. Dann bekommst du zurück, was dir gehört, Hersilia Bulbo.«
»Das würde mich sehr freuen«, erwiderte die Geschädigte und bemühte sich um ein Lächeln, auch wenn sie nicht glaubte, ihr entwendetes Hab und Gut jemals wiederzusehen. Es war sicher schon tief im germanischen Urwald verschwunden. Den materiellen Schaden empfand sie als gar nicht so schlimm, vielmehr setzte ihr die Verletzung der häuslichen Sicherheit zu.
»Wir werden die Wachen verdoppeln«, sagte Lappius mit Blick auf Gordianus. »So etwas darf unter keinen Umständen noch einmal passieren. Ausgerechnet am Tag meiner Ankunft – eine Katastrophe. Es überschattet all die Freude.«
»In der Tat ein dummer Zufall. Sehr bedauerlich«, pflichtete der Admiral ihm bei.
»Bleib stark, Hersilia Bulbo. Und grüße deinen Mann. Ich freue mich darauf, bald einmal mit euch zu speisen. Es war mir eine Ehre, eine so tapfere Frau kennenzulernen«, sagte Lappius.
Du kannst wohl nur dick auftragen , dachte Lucretia und verdrehte innerlich die Augen.
»Lucretia Veturius, danke, dass du deinen Nachbarn beistehst. Auch dir noch einen schönen Tag«, verabschiedete sich der Statthalter nun auch von ihr und wandte sich zum Gehen.
Der Admiral folgte ihm, und bei jedem Schritt wippten die Federn auf seinem glänzenden Helm.
»Guter Mann«, entschied Hersilia für sich. »Der wird ein ordentlicher Statthalter. Hast du seine Hände gesehen? Er hat sehr gepflegte Nägel. Das lässt auf einen guten Charakter schließen.«
Lucretia lächelte ihr freundlich zu, auch wenn sie das Geplapper nicht ernst nahm. Sie wusste leider nur zu gut, wie sich ein solcher Schreck aufs Gemüt auswirken konnte.
»Weißt du, was du jetzt brauchst? Einen großen Becher Wein.«
»O ja«, rief die Hausherrin, »da hast du völlig recht. Ich hoffe, die Schurken haben noch eine Amphore ganz gelassen. Dann trinkst du aber einen Becher mit.«
Quintus hatte sich unterdessen mit dem Sklaven Ragin ins Tablinum begeben, das durch einen breiten Durchgang am Fußende des Peristyls zu erreichen war. Es war der größte Raum des Hauses, hier empfing der Pater Familias morgens seine Klienten. Tagsüber diente er als Arbeitszimmer. Das konnte man auch an den zahlreichen Regalen erkennen, die mit Schriftrollen gefüllt waren. Auf einem großen Schreibtisch lagen Wachstafeln und andere Schreibutensilien. Durch ein großes verglastes Deckenfenster fiel Licht in den Raum. Ein teurer Luxus, den sich nur wenige leisten konnten. Das Tageslicht brachte allerdings die prächtigen Wandmalereien bestens zur Geltung, die in allen Farben leuchteten. Auch hier dominierten Naturmotive und geheimnisvolle Wesen. An eine der Wände war ein Drache mit mehreren Köpfen gemalt. Quintus kannte die dazugehörige Geschichte nicht, er war bisher kaum mit den Mythen aus dem Mittelmeerraum in Berührung gekommen. Diese Wissenslücke zu schließen, hatte er sich jedoch fest vorgenommen. Rom und das römische Wesen würde er nur zur Gänze verstehen können, wenn er die Wurzeln begriff. Doch es war gar nicht so leicht, an diese Erzählungen heranzukommen, denn sie wurden meist nur mündlich überliefert.
»Das ist die Hydra«, erklärte Ragin. »Wenn man ihr einen Kopf abschlägt, wachsen zwei weitere nach. Eine alte griechische Legende. Der Dominus hat sie mir erzählt.«
Ragin führte Quintus tiefer in den Raum, zur hinteren linken Ecke. Quintus war beeindruckt – eine solche Umgebung hätte er sich auch zum Arbeiten gewünscht. Erst im Kontrast zu diesem Prunk wurde ihm klar, wie bescheiden sein eigenes Heim war. Zugleich spornte ihn diese Erkenntnis an, nach mehr zu streben – Bulbo hatte seinen Wohlstand durch harte Arbeit aus dem Nichts erschaffen, und wenn er es vermocht hatte, konnte auch Quintus selbst es eines Tages schaffen.
»Da ist das Versteck«, sagte Ragin jetzt und zeigte vor sich auf den Boden.
Quintus kniete sich hin und inspizierte die Stelle, auf die Ragin gedeutet hatte. Aber da waren nur bunte Mosaiksteine. Auch der prächtige Boden leuchtete bei Tageslicht eindrucksvoll. Er war mit hellgrünen Rankenmustern verziert, die verschiedene in Germanien beheimatete Tiere einrahmten. Das gewaltige Kunstwerk musste aus Zehntausenden von Steinchen bestehen.
»Ich sehe nichts«, gab Quintus zu.
»Vielleicht irgendwo drücken?«, spekulierte Ragin.
Quintus tastete die Steinchen ab, bis er ein unscheinbares graues fand, das etwas locker wirkte. Er presste den Zeigefinger darauf. Und tatsächlich: Ein Klicken ertönte, und inmitten des Mosaiks öffnete sich eine unterarmlange, quadratische Luke.
»Eine listige Vorrichtung«, sagte Quintus anerkennend und schaute ins Innere des verborgenen Bodentresors. Er war leer.
»Wirklich nicht leicht zu finden. Keiner von uns wusste von dem Geheimfach. Ich habe es auch vorhin erst gesehen, weil es nach dem Überfall offen stand.«
»Und doch haben die Räuber es entdeckt«, wunderte sich Quintus.
Das war tatsächlich merkwürdig. Den Germanen waren solche Vorrichtungen fremd, wie hätten sie also auf die Idee kommen können, danach zu suchen? Doch wenn hier erfahrene Diebe am Werk gewesen waren, die schon mehrere römische Häuser ausgeraubt hatten – und danach sah es aus –, dann hatten sie die Kultur der Menschen, die sie ausplünderten, mittlerweile verinnerlicht.
»Was war denn in dem Geheimfach?«, fragte Quintus.
»Das weiß ich nicht«, sagte Ragin. »Aber ich fürchte, der Dominus hat dort sein ganzes Bargeld aufbewahrt.«
Und jetzt war das Geld auf einen Schlag weg und er kein steinreicher Mann mehr, dachte Quintus. So schnell konnte es gehen. Unheimlich, dass so etwas mitten in der Stadt geschah.
Lucretia und Quintus verabschiedeten sich von Hersilia, die sich für den Beistand bedankte, und traten aus dem Haus. Außer zwei Stadtwachen war dort niemand mehr, die Schaulustigen hatten sich zerstreut.
»Eine merkwürdige Geschichte«, sagte Lucretia nachdenklich. »Es ist, als hätten die Räuber darauf spekuliert, dass fast die ganze Stadt bei der Antrittsrede des Prokonsuls auf dem Forum sein würde.«
Lucretia und Quintus liefen die Straße entlang. Obwohl Lucretia sich gerade von ihrem eigenen Haus entfernte, tat die Bewegung gut, um die Gedanken zu ordnen. Der Himmel war grau verhangen, und leichter Nieselregen benetzte die großen, flachen Pflastersteine und machte sie glitschig. Der Tag, der mit der Ankunft des neuen Statthalters so strahlend begonnen hatte, wirkte nun trist. Auch die Feiernden hatten sich in die Tavernen zurückgezogen, die Gassen waren praktisch leer. Lucretia zog die gelbe Palla, die sie um die Schultern getragen hatte, über ihren Kopf, um ihre Haare vor der Nässe zu schützen.
»Ja, mir stößt auch so einiges sauer auf«, gab Quintus zu. Es arbeitete in ihm. »Diese Germanen könnten die gesamte Provinz ausplündern, sie könnten überall zuschlagen … Und überall wäre es leichter als hier. Aber ein Raub mitten in der Stadt und dann noch am helllichten Tag? Das ist geschickt – und gefährlich, sehr gefährlich.«
»So ein Risiko geht man nur ein, wenn man es auf etwas besonders Wertvolles abgesehen hat.«
»Oder wenn man ein Zeichen setzen will«, entgegnete Quintus. Er kniff die Augen zusammen und ergänzte: »Im Haus der Bulbos war sicher viel zu holen. Aber eigentlich ist nicht die Frage, was die Räuber mitgenommen haben. Interessant ist, was sie dagelassen haben.«
»Dagelassen?«, fragte Lucretia, die nicht verstand, worauf der Anwalt hinauswollte.
»Angst«, erklärte Quintus. »Genug für die ganze Stadt.«
»Aber wenn sie eine Botschaft senden wollten, wenn es ihnen darum ging, ihre Verachtung für Rom auszudrücken – warum haben die Wilden dann niemanden umgebracht? Oder das Haus angezündet, oder gleich die ganze Stadt? Das hätte doch noch viel mehr Panik ausgelöst.«
»Das stimmt«, gab Quintus zu. »Bei keinem Überfall wurde bisher Blut vergossen. Einzig deine Freundin musste bisher ihr Leben lassen. Aber vielleicht war das gar nicht beabsichtigt gewesen, denn auf Mord und Totschlag scheinen sie eigentlich nicht aus zu sein.«
»Nicht beabsichtigt?«, presste Lucretia hervor. »Da hat Nephele ja Glück gehabt.« Sie hatte es bisher gut geschafft, ihre Wut über Nepheles Tod in ihren Ermittlungseifer zu kanalisieren, doch jetzt spürte sie sie wieder aufflackern. Sie verstand selbst nicht, warum, aber die Vorstellung, dass Nepheles Tod keinem Plan, sondern womöglich dem Zufall geschuldet war, machte es noch schlimmer. Noch sinnloser. Als wäre Nephele gar kein Mensch, sondern ein Käfer, auf den man unabsichtlich trat und achtlos weiterging.
Quintus erwiderte nichts. Er konnte ihren Schmerz nachfühlen und wusste, dass sich ihre Wut nicht gegen ihn richtete. Während sich Lucretia langsam wieder beruhigte, ging ihm immer wieder die Schilderung der Gesichtsbemalungen durch den Kopf. Etwas daran irritierte ihn. Aber er kam einfach nicht darauf, was es war. Gedankenverloren ging er die nasse Straße entlang und merkte nicht, dass Lucretia an einer Kreuzung stehen geblieben war, weil sie dort umkehren wollte, um wieder nach Hause zu gelangen.
»Bitte, gern geschehen!«, rief sie ihm nach.
Quintus stutzte und drehte sich um. Ja, es war sehr hilfreich von Lucretia gewesen, dass sie ihm Zutritt zur Villa der Bulbos verschafft hatte. Sie kannte viele Leute in besseren Kreisen, das könnte sie nützlicher machen, als der Anwalt es ihr bisher zugestanden hatte.
»Vielen Dank«, murmelte Quintus, lächelte ihr kurz aufmunternd zu, und schon hatten ihn die immer schneller kreisenden Gedanken in seinem Kopf wieder eingenommen.