18

»Tut mir leid, Liebste, irgendwie will es heute nicht recht klappen.« Quintus rollte sich von Pola herunter, die enttäuscht seufzte. Sie hatte sich auf den Abend gefreut und war gerade richtig in Fahrt gekommen. Quintus zog sie an sich und streichelte zärtlich ihren Kopf, während sie die Bettdecke hochzog, als müsste sie ihren Körper, der mit einem Mal verwundbar geworden war, schützen. Ihr Mann war nicht richtig bei der Sache, das spürte sie.

»Vielleicht morgen«, sagte er.

»Morgen ist es wieder gefährlich«, erinnerte Pola ihn.

Sie waren sich einig, dass sie erst Kinder bekommen wollten, wenn sie finanziell besser dastanden. Wenn Quintus’ Karriere endlich richtig in Schwung kam, sie sich eine größere Wohnung und vielleicht sogar eine Sklavin als Kindermädchen leisten konnten. Denn mit dem Gedanken, für den Nachwuchs das Theater aufgeben zu müssen, hatte Pola sich noch nicht angefreundet. Bisher hatten die mit Ingwer getränkten Schwämmchen und der strikte Zeitplan, an den sich Pola und Quintus hielten, gewirkt.

»Vielleicht bist du mit deinen Gedanken ja bei der kleinen Brünetten«, neckte Pola, die noch schwer atmete und nur langsam abkühlte.

»Bei wem?«, wunderte Quintus sich und wusste in dem Moment tatsächlich nicht, auf wen seine Frau anspielte.

»Jetzt tu nicht so. Die im gelben Gewand, die mit den Sommersprossen, mit der du heute morgen einfach durchgebrannt bist.«

»Ach, Lucretia?«

»Oh, Lucreeeetia«, wiederholte Pola.

»Sie ist die Tochter von Veturius, dem Stadtrat.«

»Reich ist sie auch. Wie praktisch«, stellte Pola trocken fest.

Quintus war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob Pola ihn wie sonst üblich aufzog oder ob in ihrer Stimme diesmal wirklich ein Hauch Eifersucht mitschwang. Seine Frau war sich ihrer Schönheit ebenso bewusst, wie sie sich seines Begehrens sicher sein konnte, auch wenn es, wie in dieser Nacht, einmal nicht rund lief. Normalerweise stand Pola über solchen Dingen, doch in dem Fall schien es anders zu sein.

»Was unterstellst du mir hier?«, fragte Quintus verunsichert. Er fühlte sich wie vor ein Tribunal gestellt, und unwillkürlich war der Anwalt in ihm auf dem Posten. Sicher, Lucretia war eine junge Frau, deren Reize nicht zu übersehen waren, aber aus seiner Sicht noch ein halbes Kind. Die Vorstellung, dass er eine Liebschaft mit ihr haben könnte, kam ihm absurd vor. Diese Idee hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal seine Gedanken berührt.

»Ich hab doch gesehen, wie sie dir schöne Augen gemacht hat«, schmollte Pola.

»Ich glaube, sie hatte in dem Moment mehr damit zu tun, nicht von der Herde zertrampelt zu werden«, konterte er.

»Woher kennst du sie denn?«

»Wir haben beruflich miteinander zu tun. Wegen des Überfalls heute in der Stadt.«

»Ah, dann ist sie eine neue Mandantin?«, fragte Pola versöhnt.

»Nicht ganz«, gab Quintus zu, was Pola gleich wieder aufhorchen ließ, »sie geht mir nur bei einer Ermittlung zur Hand.«

»Oho – zur Hand. Wie denn zur Hand? Etwa so?«, stichelte sie und ließ ihre Hand unter die Decke gleiten.

»Hör auf, Pola, es ist nicht das, was du denkst«, protestierte er. »Sie ist gut darin, Informationen zu sammeln, das ist alles«, schob er ihre Anschuldigungen beiseite und ihre Hand unter der Decke gleich mit.

»Also, dem Publikum im Theater gestern Abend habe ich gefallen«, sagte sie etwas ernster. »Wir sind ja splitternackt aufgetreten.«

»Wie bitte?«, entfuhr es Quintus. Er hatte nichts gegen Nacktheit, aber das kam ihm doch merkwürdig vor.

»Eine Sitte an den Floralien«, berichtete Pola. »Wenn das Publikum will, dass wir uns für die Aufführung ausziehen, dann machen wir das. Aber nur an diesen Festtagen.«

Quintus ließ sich nicht provozieren und antwortete: »Deine Schönheit ist so groß, warum sollte ich sie nicht mit anderen Menschen teilen?«

»Aha!«, entfuhr es Pola, »Du würdest mich also ohne zu zögern hergeben. So viel bin ich dir wert, ja?«

Er stöhnte innerlich. Es gab diese Momente, in denen er einfach nicht das Richtige sagen konnte, Schweigen aber ebenso falsch gewesen wäre. Er hatte gelernt, sie zu ertragen.

Pola ließ von ihm ab, drehte ihm den Rücken zu und zog ihm dabei einen Teil der Decke weg. Dann war sie ganz still. Das war auch kein gutes Zeichen, wusste er, doch er genoss den Augenblick der Ruhe.

Durch die Wand hinter ihnen ertönte gedämpft lustvolles Stöhnen und das rhythmische Quietschen eines hölzernen Bettgestells.

»Hört das denn nie auf?«, seufzte er.

»Nimm dir lieber mal ein Beispiel«, erwiderte Pola pampig.

»Vielleicht vögeln die gar nicht. Vielleicht kommt das Quietschen von einer Töpferscheibe oder so was. Ich meine, so perfekt getaktet, wie das ist«, spekulierte Quintus grinsend.

»Um Mitternacht?«

»Sie sind halt ehrgeizig. Und sie haben vier Kinder, die müssen ernährt werden.«

»Klingt eher so, als ob sie dabei sind, ein fünftes zu machen, und der Mann ein gutes Rhythmusgefühl hat. Ist wahrscheinlich auch ein guter Tänzer«, gab Pola zurück.

Er hörte das Schmunzeln in ihrer Stimme, das ihm klarmachte, dass sie sich gefangen hatte und ihre Laune langsam wieder besser wurde. Mit Humor konnte man sie besänftigen. Zum Glück hatte Quintus davon genug. Sonst hätte er die Frau seiner Träume damals vielleicht nie erobern können.

»Psst!«, sagte er und zeigte in die Dunkelheit. Stille.

»Es hat aufgehört«, stellte Pola gespielt erschrocken fest.

»Genug gearbeitet«, scherzte Quintus, »morgen ist der Becher im Ofen.«

»Du meinst wohl eher, der Braten in der Röhre«, prustete sie, und er stimmte mit ein. Sie konnten noch zusammen lachen. Also war alles gut. Pola konnte sehr vulgär sein, aber das schätzte er an ihr, weil sie sich um keine Konventionen scherte. Dadurch wirkte sie frei. Vielleicht war es eben das, was ihn an ihr so reizte: Sie war die Freiheit in Person.

»Woran ich tatsächlich gedacht habe«, hob Quintus an, »sind diese Überfälle. Und noch mehr an das, was sie für unsere Stadt bedeuten.« Er spürte, dass sich Pola tatsächlich Sorgen wegen seiner Libido machte, und wollte sie nicht im Ungewissen darüber lassen, was ihn umtrieb. »Hast du nicht auch das Gefühl, dass die Stimmung kippt?«, fragte er.

Pola drehte sich wieder zu ihm um und legte nachdenklich die Stirn in Falten. »Wie meinst du das?«

»Ich bin es ja gewohnt, dass mich die Leute anschauen«, erklärte Quintus. »Aber heute Nachmittag war es anders. Als ich von der Villa der Bulbos nach Hause ging, lag da etwas Neues in den Blicken. Angst. Und Verachtung. Leute, die ich schon lange kenne, guckten mich irgendwie skeptisch an. Nur, weil ich Germane bin. Oder ein halber.« Obwohl sich kein echter »Germane« als ein solcher bezeichnet hätte – dies war ein römischer Sammelbegriff für die ihnen fremden waldbewohnenden Stämme in diesen Breitengraden –, hatte sich Quintus daran gewöhnt und benutzte das Wort mittlerweile selbst. Denn mit Gerede von Brukterern, Sugambrern und Usipetern verwirrte man die Menschen diesseits des Rhenus nur.

»Das ist doch Unfug, das bildest du dir ein«, wischte Pola seine Bedenken beiseite. »Alle schätzen dich. Es gibt hier eben nicht viele gut aussehende Germanen in Toga, die eine gewisse Bildung ausstrahlen. Da schaut man gern hin, und einige sind vielleicht auch ein bisschen neidisch.«

»Das mag sein«, griff er ihre Worte auf, »aber ich habe das Gefühl, dass die Vorfälle einen Keil zwischen Römer und Germanen treiben, wo wir doch seit Jahrzehnten in Frieden Seite an Seite in der Colonia leben. Genau zu dem Zweck wurde die Stadt ja errichtet.«

»Die einheimischen Ubier und die Zugewanderten sind immer respektvoll miteinander umgegangen, solange ich hier lebe«, bestätigte Pola.

»Aber ich spüre, dass sich das ändert. Ich wünschte, man würde härter gegen diese Räuber vorgehen. Aber es scheint sich aus irgendeinem Grund, niemand zuständig zu fühlen. Es ist ein Spiel mit dem Feuer. Denn dieser gierige Trupp von zehn, zwanzig räudigen Dieben bringt Zehntausende von Unschuldigen in Verruf. Wo soll das hinführen?«

Quintus merkte nicht, dass er während seiner Ausführungen immer lauter geworden war. Plötzlich ertönte gedämpft eine vorwurfsvolle Frauenstimme durch die Wand, durch die eben noch für alle Nachbarn gut hörbare Zeugnisse lustvollen Treibens gedrungen waren: »Redet nicht so laut! Hier wollen Leute schlafen!«

Quintus und Pola mussten lachen. Welch eine Ironie.

»Das wird nicht passieren. Du denkst zu viel«, beruhigte ihn Pola flüsternd. Dann gähnte sie. Ihr war das alles zu kompliziert zu so später Stunde.

»Du klingst wie meine Mutter«, seufzte Quintus leise. Dabei kam ihm eine Idee. Warum sollte er seine Verbindungen in die alte Heimat nicht nutzen? Vielleicht halfen die ja, Klarheit in die Sache zu bringen.

»Pola?«, fragte er leise.

»Was ist denn noch?«

»Ich glaube, ich sollte mein Dorf besuchen. Hast du nicht Lust, einmal mitzukommen?«

»Über den Rhenus? In den Urwald? Bist du verrückt?«

»Nun ja, es ist meine Heimat«, sagte er etwas gekränkt, »und meine Mutter würde sich sicher freuen, dich endlich kennenzulernen.«

»Das würde ich doch auch«, seufzte Pola. Sie versprach schon seit Jahren, ihn dorthin zu begleiten. »Aber ich kann nicht weg, mein Süßer. Nein, nein. Ich habe doch Auftritte. Ein anderes Mal.«

Quintus wusste, dass es keinen Zweck hatte zu insistieren. Er war enttäuscht, aber das änderte nichts an seinem Plan. Er schloss die Augen und fiel fast gleichzeitig mit seiner Frau in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

 

»Das ist eine großartige Idee, ich komme mit«, rief Lucretia. »Wie bitte? Ganz bestimmt nicht!«, entgegnete Quintus überrumpelt. Im Wohlstand aufgewachsene junge Römerinnen zog in der Regel wenig auf matschige Wanderwege durch Barbarengebiet. Doch in diesem Fall hatte er sich gründlich geirrt.

Der Morgen war frisch und leicht bewölkt, Quintus trug eine schlichte Tunika und feste Sandalen mit Nägeln darunter, wie Legionäre sie besaßen. Um seine Schultern hatte er einen Proviantbeutel gelegt. Ohne Toga hätte Lucretia ihn fast nicht erkannt. Sie hatte zweimal hinschauen müssen. Lucretia war zu dieser frühen Stunde mit einer älteren Sklavin zum Wasserholen gegangen, um den Vorträgen ihrer Mutter zu entkommen.

Nun stand sie zusammen mit Quintus in der Nähe des Brunnens, in den durch den stilisierten Mund eines bronzenen Delfins Wasser plätscherte.

»Was würde dein Vater dazu sagen?«, fuhr Quintus sofort schwere Geschütze auf.

»Der weiß nicht, dass wir zusammenarbeiten. Und das soll auch so bleiben.«

Hätte er doch bloß den Mund gehalten! Aber Quintus hatte es sich einfach nicht verkneifen können, sie in seinen Plan einzuweihen. Vielleicht auch, um sie ruhigzustellen, weil sie ihn so hartnäckig ausgefragt hatte: »Wozu denn diese Schuhe, Quintus? Und Proviant? Wo geht es denn hin? Über den Fluss etwa? Warum denn? Hat es mit den Überfällen zu tun? Was hoffst du da herauszufinden?«

Gnade, Jupiter, Gnade! Er war weich geworden und hatte Lucretia, die ihm von Satz zu Satz faszinierter zugehört hatte, in seine Theorie eingeweiht: Wer immer diese Überfälle rund um die Colonia und jüngst auch innerhalb der Stadtgrenzen beging, spielte ein gefährliches Spiel und riskierte im schlimmsten Fall einen Krieg. Etwas, das weder Germanen noch Römer wollen konnten. Oder etwa doch? Was, wenn die Raubzüge nur ein Vorbote einer handfesten Invasion waren? Was, wenn die rechtsrheinischen Stämme sich vereint hatten und nun gegen die römischen Nachbarn aufbegehrten? Das war schon einmal passiert, vor fast achtzig Jahren, als die Römer drei Legionen im Wald einen Tagesmarsch nördlich des Militärlagers Aliso an den verräterischen Offizier Arminius und seine Aufständischen verloren hatten – ein traumatisches Ereignis mit fünfzehntausend toten Römern, über das auch heute noch geredet wurde –, und das nicht nur in Germanien. Und erst vor siebzehn Jahren hatte man mühsam den Aufstand der Bataver, die eigentlich mit den Römern verbündet gewesen waren, niederschlagen müssen. Das Vertrauen in diesem nördlichen Grenzgebiet des Reiches war brüchig, und mit ihm auch der Frieden. Es galt, weiteres Blutvergießen zu verhindern, und Quintus kannte nur einen Ort, an dem er die nötigen Informationen bekommen konnte, um eine solche Katastrophe zu verhindern: sein Heimatdorf.

»Aber ist es nicht gefährlich, so allein dort hinüberzugehen – ohne Schutz, bei den ganzen Wilden?«, wandte Lucretia ein.

»Ich sehe selbst aus wie ein Wilder«, entgegnete Quintus.

Sie wollte ihm helfen. Das sprach für sie. Und sie wollte ein Abenteuer erleben, auch das war verständlich. Aber Germania Magna war nichts für junge Römerinnen, das stand fest. Und so hilfreich Lucretia bisher auch gewesen war, wollte und konnte er die Verantwortung nicht übernehmen, eine unverheiratete junge Frau aus gutem Hause auf eine solch gefährliche Reise mitzunehmen. Es würde zu viele Probleme hervorrufen, für sie beide, selbst wenn tatsächlich niemand davon erfahren sollte.

Quintus setzte sich in Bewegung und ging mit festen Schritten in Richtung nördliches Stadttor. »Tut mir leid, ich muss los, wenn ich den Weg vor Sonnenuntergang schaffen will«, verabschiedete er sich.

»Ich bin eine freie römische Bürgerin und kann gehen, wohin ich will. Und gerade im Moment will ich dorthin, wo du hinwillst«, sagte sie, während sie neben ihm her eilte.

»Geh lieber nach Hause. Es ist viel zu gefährlich drüben.«

»Ach, du kannst doch die Sprache der Einheimischen, und als Anwalt drückst du dich hervorragend aus. Du würdest uns aus jeder brenzligen Situation herausreden«, schmeichelte Lucretia ihm.

»Nicht, wenn Wölfe und Bären die Gesprächspartner sind«, konterte Quintus trocken. »Die haben dich nämlich schon gefressen, bevor du überhaupt den ersten Barbaren zu Gesicht kriegst.« Er hoffte, ihr damit genug Angst gemacht zu haben.

Aber weit gefehlt. »Ich wollte diese stolzen Tiere schon immer in freier Wildbahn beobachten«, verkündete Lucretia. »Bisher habe ich sie nur einmal bei einer Tierhatz in der Arena gesehen. Wie sie sich gegenseitig zerfleischt haben, das war grausam. Seitdem gehe ich nicht mehr hin. Vor allem die Bären sind so schön, und sie haben so prächtiges Fell.«

»Du kannst ja versuchen, einen zu streicheln, falls er die Hand lange genug an deinem Arm lässt«, spottete Quintus. »Junge Römerinnen mögen sie besonders gern, roh und in der kalten Luft dampfend. Und es gibt drüben auch Kobolde. Und Geister. Und Drachen.«

Lucretia lachte. Als ob sie an so etwas glauben würde! Ein weiterer Abschreckungsversuch war ins Leere gelaufen.

Sie waren am Nordtor angekommen, und er sah sich um. Der wuchtige Torbau war komplett aus Tannenholz gezimmert, etwa dreißig Fuß breit und in der Mitte zwölf Fuß hoch, flankiert von zwei fast doppelt so hohen Wachtürmen mit spitz zulaufenden, mit Pech imprägnierten Dächern. Auf den Türmen stand jeweils ein Marinesoldat mit blauem Schild, der den Verkehr unter sich genau im Auge behielt. Der Torbau wies zwei große Pforten auf: Durch die rechte bewegte man sich aus der Colonia hinaus, durch den linken Durchgang hinein. An diesen Portalen standen weitere Wachen, drei auf jeder Seite. Es waren mehr als sonst, fiel Quintus auf. Die Angst ging um. Fremde wurden misstrauisch beäugt. Die Weltoffenheit der Colonia bekam Risse. Der neue Statthalter wollte wohl durch die Verstärkung der Wachen ein Gefühl der Sicherheit vermitteln – nachvollziehbar, so wäre er an seiner Stelle auch vorgegangen, dachte Quintus.

Während der Verkehr nach draußen ungehindert floss, hatten die Wachen die Ankommenden genau im Blick. Wer südländisch aussah, wurde unbehelligt durchgewunken. Wessen Erscheinung jedoch auf eine germanische Herkunft schließen ließ, der wurde argwöhnisch beäugt und musste sich gegebenenfalls einer Durchsuchung unterziehen. Gerade hatten die Wachen einen großen Germanen abgetastet und ihm einen Dolch abgenommen, wogegen er heftig protestierte. Sie erklärten ihm, dass er die Waffe zurückhaben könnte, wenn er die Stadt wieder verließe. Nun wandten sich die Wachen einem Karren zu, der von zwei alten Ochsen gezogen wurde. Der Besitzer, ein dicker Ubier mit verfilztem Haar, hatte Heu geladen, das laut seiner in perfektem Latein vorgetragenen Erklärung über den Winter getrocknet war und nun als Pferdefutter in die Colonia geliefert würde. Die Wachen stachen mit ihren Lanzen ins Heu. Vielleicht hofften sie, einen versteckten Räuber aufzuscheuchen, was aber nicht der Fall war, und so wurde der Ubier durchgewunken.

Im Strom der Menschen und Wagen, die zur Stadt hinaus wollten, entdeckte Quintus einen Händler aus der Innenstadt, den er an seinem Armreif als Tenkterer identifizierte. Dieser Stamm war dem seinen, den Usipetern, im Norden benachbart. Und häufig mit ihm verfeindet – zurzeit aber nicht, was der Sache half.

»Salve!«, rief Quintus und sagte dann in seiner Muttersprache: »Ich heiße Folkward, ich bin auf dem Weg zu meinem Stamm.«

Der Händler war nicht in Eile, er stoppte den Karren, auf dessen Kutschbock er saß, zwei kleine, stämmige Pferdchen an den Zügeln.

»Für zehn Sesterze nehme ich dich mit«, antwortete der Mann auf Germanisch.

Lucretia sah zwischen beiden hin und her. Sie hatte zwar schon öfter Germanen im Gespräch gehört, aber Quintus bisher nur Latein sprechend erlebt. Er kam ihr plötzlich fremd vor.

»Gut, das machen wir so, danke!«, willigte Quintus ein und kletterte neben den Händler auf den Kutschbock. Die Ladefläche des kleinen Wagens war mit einer Plane abgedeckt, um Räubern keine allzu offene Einladung auszusprechen, aber dem hellen Klappern und Klimpern nach, das Quintus vernommen hatte, als der Karren herangerollt war, hatte der Tenkterer Amphoren geladen, wahrscheinlich gefüllt mit Olivenöl oder Wein. Beides war drüben sehr begehrt.

Er drehte sich noch einmal kurz um, um sich von Lucretia zu verabschieden und sie aufzufordern, in der Stadt die Stellung zu halten und weitere Erkundigungen einzuholen, aber sie war schon verschwunden. Wahrscheinlich war sie beleidigt, doch es war fraglos besser für sie beide, wenn er allein fuhr.

Der Händler schnalzte mit der Zunge, und der Wagen rollte auf das Tor zu. Quintus trat die Reise mit gemischten Gefühlen an. Er war schon lange nicht mehr in seinem Dorf gewesen. Es gab zwar dort manches, was er vermisste, aber noch mehr, was er gern für immer hinter sich gelassen hätte.