Die Fahrt mit dem Pferdewagen war keine komfortable Angelegenheit, aber sie ging zügig voran. Das unangenehme Holpern, wie man es von den Römerstraßen mit ihrem unregelmäßigen Kopfsteinpflaster kannte und das von lautem Rattern begleitet wurde, fehlte. Die Räder liefen weich und ruhig, dafür sackte der Wagen auf dem unebenen Weg immer wieder nach rechts oder links ab, und Quintus musste sich am eisernen Haltebügel festklammern, um nicht vom Kutschbock zu rutschen. Auf Dauer war das sehr kräftezehrend.
Wiglaf, der Händler, dem der Karren gehörte, schaffte es dagegen immer, gerade sitzen zu bleiben. Reine Übungssache, wie er erklärte. Er war Mitte dreißig, hatte sein langes Haar zu einem dicken Zopf geflochten, der ihm zwischen den Schulterblättern baumelte, und trug Jacke und Hosen aus kariertem Stoff, wie er bei den Galliern üblich war. Nicht einfach zu beschaffen und recht teuer. Dazu trug er Ohrringe, filigran, wie man sie eher im östlichen Mittelmeerraum kannte. In seinem Dorf war der Tenkterer sicherlich ein Blickfang. Wie sich herausstellte, handelte Wiglaf mit blondem Frauenhaar. In Italien, wo fast alle dunkles Haar hatten, war man ganz versessen darauf und fertigte in speziellen Werkstätten Perücken daraus. Die fanden vor allem in der Hauptstadt Rom reißenden Absatz bei denen, die sie sich leisten konnten. Im Gegenzug importierte Wiglaf Waren, die bei den Germanen begehrt waren. Dazu gehörten so einfache Dinge wie Salz, das sie erst seit kurzem kannten, sofern sie nicht von einem Stamm waren, der direkt an der Nord- oder Ostseeküste lebte. In letzter Zeit war auch Garum, die Fischsoße, mit der die Römer so gut wie alle Gerichte würzten, in Mode gekommen – ein kleines Fläschchen minderer Qualität konnte man schon gegen ein Pfund Frauenhaar eintauschen, was eine enorme Gewinnspanne versprach. Geld war den Germanen bisher unbekannt gewesen, es setzte sich nur langsam durch. Sie erkannten den Vorteil davon einfach nicht, wie von so vielem nicht, was die römische Kultur hier im Norden eingeführt hatte. Für die Verlockungen römischer Luxusgüter waren sie trotzdem anfällig.
Quintus war lange nicht mehr auf der rechten Flussseite gewesen. Umso deutlicher stachen ihm jetzt die Unterschiede zur linken ins Auge. In Germania Magna gab es keine Straßen, nur ein planloses Netz an unbefestigten Handelswegen, die selten breiter als zehn Fuß, meist jedoch viel schmaler als das waren und den Umgang mit dem Gegenverkehr zu einer Herausforderung werden ließen. Gekreuzt wurden sie von Trampelpfaden, die von Fußgängern und Reitern benutzt wurden. Beschildert war nichts davon, man musste sich auskennen, sonst war man verloren. Und wenn man sich umschaute, sah man nur Bäume, nichts als Bäume, und dazwischen ein schier undurchdringliches Dickicht aus verrottendem Holz und dornigen Sträuchern. Der Blick reichte nicht weiter als fünfzehn oder dreißig Fuß, einen Horizont gab es nicht. Auf einen Römer, der die Weite einer harmonisch gestalteten Agrarlandschaft gewohnt war, musste diese Umgebung unwillkürlich bedrückend wirken. Vor achtzig Jahren waren die drei Legionen des Feldherrn Varus genau diesen Weg entlang in den Tod marschiert, erinnerte sich Quintus. Die Legionen des Tiberius hatten später grausame Rache an den Germanen genommen und Tausende von ihnen getötet und versklavt. Diese Region hatte viel Blutvergießen gesehen, aber das war nun schon lange her.
Die Baumkronen spendeten Schatten, nur hier und da streichelte die Sonne den Boden, so dass das Gelände immer ein wenig klamm war und die Wege sich schon nach kurzen Schauern schnell in matschige Pisten verwandelten, auf denen ein Fortkommen mit einem Wagen fast unmöglich wurde. Die allgegenwärtige Feuchtigkeit kroch in die Knochen, und es war kein Wunder, dass die meisten älteren Germanen unter Rheuma litten. Im Sommer, wenn die Natur ihre ganze Pracht entfaltete, war es noch schlimmer, dann wurde der germanische Wald zum heißen, feuchten Dschungel, aus dem die Laute wilder Tiere drangen und in dessen schwüler Luft Myriaden von Mücken tanzten. In seiner ungezügelten Wildheit strahlte das Land aber auch enorme Kraft und Unbeugsamkeit aus. Es war ein Symbol des Widerstandswillens seiner Bewohner, die fest mit dieser Umgebung verwachsen waren – eine riesige Barriere aus Holz und Blättern, Matsch und Moder, die jedem Eindringling die klare Botschaft vermittelte, dass die Menschen dort sich niemals unterjochen lassen würden.
Für Quintus war das nichts Neues, er stammte von hier, und mit jeder Meile, die Wiglafs Karren zurücklegte, wurde ihm die Umgebung vertrauter und er fühlte sich heimischer. Für einen Fremden mochte das wirre Dickicht überall gleich aussehen. Wer jedoch hier aufgewachsen war und die Spuren des Waldes zu lesen wusste, konnte sich gut orientieren. Markante Bäume, Hügel, Felsen und Gewässer bildeten eine Topographie, die erkennbar wurde, wenn man sich auf sie einließ, und nach ein paar Stunden kam Quintus vieles wieder bekannt vor.
Plötzlich ließ Wiglaf die Zügel fallen, griff rasch unter den Kutschbock und zog einen kleinen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen hervor. Bevor Quintus begriff, was geschah, hatte der Germane mit wenigen Handgriffen den Bogen gespannt, legte kurz auf etwas links des Wagens an und ließ die Sehne schnellen. Der Pfeil zischte los, und eine Sekunde später hörte man einen hellen Schrei, den Wiglaf zufrieden wahrnahm. Er sprang vom Wagen und eilte einige Fuß ins Dickicht.
»Auf wen hast du geschossen?«, fragte Quintus und vermutete schon einen Räuber im Gebüsch.
Doch Wiglaf hielt zur Antwort breit grinsend einen Auerhahn in die Höhe, ein dickes, prächtiges Tier. Er zog den Pfeil aus dem schwarzen Gefieder und stieg zurück auf den Kutschbock. Die Beute verstaute er mit der Waffe darunter.
»Du hast gute Augen. Er hat direkt vor uns gesessen, und ich habe ihn nicht gesehen«, gab Quintus zu.
»Meine Augen sind nicht mehr halb so gut wie früher«, lachte Wiglaf heiser, »wahrscheinlich warst du einfach zu lange in der Stadt.«
Vielleicht hatte Wiglaf recht. Es kam Quintus manchmal so vor, als verlöre er seine Instinkte, die als Jugendlicher in Germania Magna noch geschärft worden waren. Aber die Anforderungen an das Leben in einer römischen Stadt waren eben ganz andere als die an ein Leben im tiefen Wald. Quintus war nicht mehr der Junge, der einst mit großen Träumen Richtung Colonia aufgebrochen war, er hatte sich verändert, vielleicht war das auch gut so. Unvermeidbar war es auf jeden Fall gewesen, denn Quintus war damals auf der Suche nach Antworten, die er im Barbarenland nicht gefunden hatte, voller Enthusiasmus losgezogen – aber diese Antworten hatte er auch in der großen Stadt bisher nicht finden können. Seinen Enthusiasmus hatte er eingebüßt, nicht aber seine Neugierde und seinen Optimismus.
Das Übersetzen über den Fluss hatte problemlos funktioniert. Ein Kapitän, ein junger Iberer mit markanter Zahnlücke und einem soliden, fünfzehn mal fünfzehn Fuß großen Floß aus Tannenstämmen, hatte den Wagen und die Passagiere übergesetzt. Am Ufer eine halbe Meile nördlich der Stadt gab es eine Stelle mit vielen kleinen hölzernen Rampen, an denen Flöße anlegten und die mit Karren befahrbar waren. Für den Handel zwischen dem Imperium und dem freien Germanien waren die Flößer unentbehrlich, das merkte man an den Preisen, die sie mittlerweile aufriefen – fünf Sesterze pro Person, zwanzig für einen Pferdekarren. Kein Wunder, dass der Beruf beliebt war. Die Fahrt über den mächtigen Strom dauerte eine halbe Stunde. Vier Arbeiter – große, breitschultrige Männer, die aus allen Winkeln des Reiches stammten – navigierten das Floß mit Rudern und langen Balken, die sie dort, wo das Wasser flach genug war, ins Flussbett stemmten, um gegen die Strömung anzusteuern. Wie stark die war, merkte man erst, wenn man sich auf dem Wasser befand. Vom Ufer aus betrachtet, wirkte der Rhenus wie ein glatter, ruhiger Teich, aber tatsächlich floss er sehr schnell. Während der Überfahrt trieb man unwillkürlich ein, zwei Meilen stromabwärts. Fast jeden Tag kam es zu Unfällen, Flöße kenterten, kostbare Ladung ging unter und Menschen ertranken. Während die meisten Germanen schon als Kinder schwimmen lernten und sich zu retten vermochten, beherrschten viele Fremde es nicht und hatten weniger Glück. So wurden immer wieder Leichen in den Hafen an der Ostseite der Colonia gespült, die dann von Feuerwehrleuten geborgen werden mussten. Doch die vier Männer wussten offensichtlich, was sie taten, und so gelangten Quintus und sein Reisegefährte trockenen Fußes über den Strom.
Im Stadtrat war es immer wieder ein Thema, wie man mit den Flößern umgehen sollte. Denn offiziell war es Germanen verboten, den Rhenus von der rechten Seite her zu überqueren, da man kriegerischen Übergriffen entgegenwirken wollte. Andererseits taten der Handel und der kulturelle Austausch der Colonia gut, man wollte nur ungern darauf verzichten. Die Kapitäne boten also eine Dienstleistung an, die einerseits wichtig, andererseits illegal war, und ihr Geschäft florierte in dieser Grauzone.
Der Rhenus war nicht irgendein Fluss, er war eine Grenze – die Grenze zwischen dem römischen Imperium und der freien Welt oder, andersherum betrachtet, zwischen der Sicherheit der Pax Romana und einem endlosen Sumpf barbarischer Willkür, der von Unwissen und Blutrünstigkeit getränkt war. Eine Brücke gab es keine, zu groß war die Angst der Römer, dass sie von den Barbaren als Einladung verstanden werden könnte. Allerdings schienen die gar keine zu brauchen, um Abstecher in das Reichsgebiet zu machen, wie die aktuelle Überfallserie allen vor Augen führte. Das mehr als tausend Meilen lange Gewässer, das sich von der Alpina durch vier Provinzen bis zum Mare Germanicum schlängelte, konnte einzig per Schiff überquert werden. Bei den Feldzügen der Römer gegen die Stämme der Germania Magna in den letzten Jahrzehnten hatten die Legionen zwar Pontonbrücken errichtet, damit die Armee übersetzen konnte, diese waren jedoch bald wieder abgebaut worden.
Wiglafs Karren rollte auf eine Wegkreuzung zu und kam zum Stehen. Die Pferdchen schnaubten erleichtert, sie freuten sich über die erste Pause seit Stunden. Sie wirkten winzig gegen die Pferde der Gallier links des Rheins und die der Römer, die in den vergangenen Jahrhunderten zur Verwendung in der Kavallerie gezüchtet worden waren und dadurch an Schulterhöhe und Länge gehörig zugelegt hatten. Als Zugtiere auf den engen Pfaden Germaniens waren die kleinen fleißigen Tiere jedoch perfekt geeignet.
Wiglaf und Quintus stiegen vom Kutschbock. Sie standen inmitten eines Nadelwalds, der aus alten Tannen und Fichten bestand, die fast hundertfünfzig Fuß in den Himmel ragten. Die Bäume wiegten sich im Wind, der heute recht stark war, und knarzten dabei leise. Quintus freute sich, dieses Geräusch zu hören, er hatte es fast vergessen. Oft waren es solche Kleinigkeiten, die Heimat bedeuteten. Abgesehen vom energischen Klopfen eines Spechts, das tief aus dem Tann hallte, war es still. Der Händler und er waren die einzigen Menschen weit und breit.
»Danke fürs Mitnehmen«, sagte Quintus.
»Keine Ursache. Du bist ein interessanter Bursche, komm jederzeit vorbei, wenn du mal wieder mitfahren willst«, antwortete Wiglaf, während er die Hose herunterließ und in weitem Strahl in den Wald pinkelte.
»Mögen Freya und Merkur den Rest deiner Reise leicht machen«, wünschte Quintus und winkte zum Abschied, um sich dann dem Trampelpfad zuzuwenden, der von der Kreuzung nach rechts führte. Der mit ausgedörrten braunen Tannennadeln bedeckte Boden fühlte sich weich unter seinen Füßen an. Zum Glück hatte er einen trockenen Tag erwischt.
Er war kaum zwanzig Fuß weit gekommen, da hörte er hinter sich ein dumpfes Geräusch, gefolgt von einem leisen Fluchen. Er drehte sich um.
»He, was machst du hier?«, hörte er Wiglafs überraschte Stimme.
Quintus fuhr herum und sah – Lucretia, die sich gerade einen Zweig aus den Haaren zupfte. Wiglaf starrte die junge Römerin entgeistert an, als würde er einem Fabelwesen gegenüberstehen. In der Tat wirkte sie in ihren feinen Sandalen, der eleganten Kleidung aus edlem blauem Stoff und mit den silbernen Ringen und Ohrringen hier völlig deplaziert.
Lucretia straffte ihre Schultern und blickte sich neugierig um.
»Das ist also das wahre, das wilde Germanien«, stellte sie fest wie eine Vergnügungsreisende, die sich auf dem Weg zu den Pyramiden um ein paar hundert Meilen verlaufen hatte.
Quintus stapfte auf sie zu. »Was soll das?«, fuhr er sie an. »Was tust du hier?«
»Ach, sie gehört zu dir?«, schlussfolgerte Wiglaf.
»Nein«, stellte Quintus klar, »aber wir kennen uns, und jetzt muss ich mich wohl oder übel um sie kümmern.«
»Vor allem musst du für sie bezahlen. Ich nehme keine blinden Passagiere mit«, ereiferte sich der Germane.
»Entschuldigung, wie unhöflich von mir«, sagte Lucretia und drückte Wiglaf mit Gönnermiene einen Silberdenar in die Hand, was dessen Laune schlagartig besserte.
»Na, dann noch viel Spaß im Nirgendwo, euch beiden«, höhnte er, stieg zurück auf den Kutschbock und trieb seine Pferdchen mit lautem Zungenschnalzen an. Kurz darauf war er zwischen den Bäumen verschwunden, und Quintus stand mit Lucretia allein im Barbarenland.
»Was hast du dir dabei gedacht?«, fuhr er sie an.
»Gar nichts, ich bin nur … einem Impuls gefolgt«, rechtfertigte sich Lucretia. »Ich habe so viel über die Germania Magna gelesen und wollte sie mal mit eigenen Augen sehen.«
Quintus schüttelte den Kopf. Hoffentlich konnte sie so gut wandern, wie sie schwarzfuhr. Er wusste nicht, was er sagen sollte und verspürte auch keine Lust, sich zu streiten. Also drehte er sich einfach um und beschritt wieder den Weg, für den er sich entschieden hatte.
Lucretia lief hinterher und holte auf. Der Weg war zu schmal, um nebeneinander zu gehen, also blieb sie hinter ihm.
»Wo wollen wir denn hin? Kennst du dich hier aus? Meinst du das Wetter bleibt so? Was ist, wenn es regnet?«, sprudelte es aus ihr heraus. Mit der Stille des germanischen Waldes war es nun offensichtlich vorbei.
Langsam spürte Lucretia nun doch, wie Angst vor dem eigenen Mut in ihr aufkam, doch sie würde sich nicht die Blöße geben, sich das anmerken zu lassen.
»Kannst du nicht leiser sprechen?«, herrschte Quintus sie in halber Lautstärke an.
»Warum denn? Hier ist doch niemand«, entgegnete Lucretia kein bisschen gedämpfter.
»Ich weiß nicht. Das ist hier so. Der Wald ist leise, und die Menschen reden leise«, versuchte er zu erklären.
»Na gut, ich versuch’s«, sagte sie und gab sich Mühe, ihre Stimme zu senken. Sie schaute sich um und ließ die Umgebung auf sich wirken. Quintus hatte recht. Es fühlte sich so an, als ob der Wald wollte, dass man leise sprach. Schweigend setzten sie ihren Weg fort.
Lucretia war klar, dass sie für einen solchen Ausflug falsch gekleidet war, doch sie beschloss, nicht in die Rolle der verwöhnten Städterin zu verfallen. Also biss sie die Zähne zusammen und marschierte, wobei sie den Saum ihrer langen Tunika mit beiden Händen anhob, damit sie nicht über den Boden schleifte und sich verfing.
»Es ist schmutzig hier.« Diese Bemerkung konnte sie sich nicht verkneifen.
»Das ist Natur. So sieht alles aus, bevor Römer kommen und Mauern bauen«, murrte Quintus.
»Ach, ich finde es schön. So viele Grüntöne habe ich noch nie gesehen. Und es riecht gut!«
Tatsächlich war der Geruch der Tannen etwas, was Lucretia nicht kannte. Das Holz, das Harz und die Nadeln vermischten sich zu einem erfrischenden und belebenden Duft, der dazu einlud, tief inhaliert zu werden.
»Was ist das denn für eine Pflanze?«, fragte sie neugierig und bückte sich.
»Nicht anfassen!«, warnte Quintus, aber zu spät, sie hatte das Gewächs schon berührt und schrie auf. »Ah! Sie hat mich gebissen!«
»Das ist eine Brennnessel«, erklärte Quintus.
»Sogar die Blumen hier sind feindselig«, stellte Lucretia fest. »Uh, das juckt und zwickt.«
»Das wird es auch noch ein paar Stunden. Und je mehr du daran herumreibst, desto schlimmer wird es.«
»Was? Oje!« Lucretia hörte erschrocken auf, sich zu kratzen.
»Es dauert eine Weile, bis es nachlässt, und man kann nichts dagegen tun. Bis dahin empfehle ich dir, nicht einfach jede Pflanze und jedes Tier anzufassen, das dir vor die Finger kommt«, brummte Quintus.
Sie gelangten an eine große Pfütze. Quintus marschierte ungerührt mittendurch, es war ihm egal, dass das schlammige Wasser Sandalen und Tunika beschmutzte. Lucretia war zögerlicher. Am Rand konnte sie nicht entlanggehen, da der von sprießenden Brennnesseln bedeckt war. Also hob sie ihr Gewand noch höher, bis über die Knie, und lief dann durch die Pfütze. Dabei unterdrückte sie jedes Murren und lächelte Quintus, der sie prüfend ansah, selbstbewusst zu.
»Sehr … nett hier«, sagte sie.
Es war ihm klar, dass sie das Gegenteil meinte, aber wusste es zu schätzen, dass sie sich zusammenriss.
Sie folgten dem Pfad weiter. Lucretia war bemüht, nicht zu weit hinter Quintus zurückzufallen, der mit langen Schritten schnell vorankam. Sie hatte noch nie so viele Bäume auf einmal gesehen, und die Undurchdringlichkeit des Dickichts flößte ihr Respekt ein. Und als jemand, der in der Colonia aufgewachsen war, kam es ihr unwirklich vor, so lange keinem einzigen Menschen zu begegnen. Nachts würde sie hier auf keinen Fall allein sein wollen.
»Und was ist das?«, fragte sie und meinte das rhythmische Klopfen aus der Tiefe des Waldes.
»Ein Specht. Ein Vogel, der seinen Schnabel wie einen Hammer benutzt«, erklärte Quintus.
»Tatsächlich? Warum macht er das?«
»Um Würmer aus der Baumrinde hervorzulocken.«
»Recht anstrengend.«
»Willst du mir weismachen, du hättest noch nie einen Specht gehört?«, wunderte sich Quintus.
»Noch nie«, bestätigte Lucretia.
In der Tat hatte sie fast ihr gesamtes Leben innerhalb der Stadtgrenzen der Colonia verbracht. Reisen aufs Land hatten zwar auch dazugehört, aber dabei hatte sie nur Äcker und Felder gesehen. In einem richtigen Wald war sie noch nie gewesen. Darum freute sie sich über die neue Erfahrung, die sie zugleich aber auch einschüchterte. Der Wald hatte etwas Unberechenbares, Undurchschaubares, und alles in ihm war ungebändigt, krumm und schief. Eine Herausforderung für den römischen Verstand, der auf gerade Linien und geordnete Verhältnisse fixiert war. Für Lucretia sah alles gleich aus, und dazu kamen noch die vielen merkwürdigen Geräusche, die sie nicht kannte.
»Vielleicht sehen wir ja einen Elch«, freute sich Lucretia.
»Einen was?«, fragte Quintus verständnislos, der diese Bezeichnung noch nie gehört hatte.
»Ein ziegengroßes Wesen mit Hörnern. Es hat keine Kniegelenke und muss sich daher beim Schlafen an einen Baum lehnen. Das musst du doch kennen, wenn du hier aufgewachsen bist«, erklärte Lucretia.
Quintus lachte schallend.
»Wer denkt sich denn solch einen Quatsch aus?«, fragte er.
»Julius Cäsar schreibt in seinem Bericht über den Gallischen Krieg darüber«, entgegnete Lucretia irritiert.
»Nur weil etwas in einem Buch steht, muss es noch lange nicht wahr sein«, entgegnete Quintus. »Da hat jemand dem großen Julius einen schönen Bären aufgebunden. Selbst gesehen haben kann er das Tier nicht, weil es nicht existiert. So eine Kreatur wäre wohl kaum überlebensfähig. Wie soll es denn laufen und Futter finden, wenn es keine Gelenke hat?«
Das war ein berechtigter Einwand, fand Lucretia. Sie hatte Cäsars Bericht, mit dem ihr alter Hauslehrer ihr das Lesen beigebracht hatte, nie hinterfragt. Schon deswegen nicht, weil der legendäre Feldherr bis heute höchstes Ansehen bei allen Römern genoss.
»Nun«, schloss Lucretia, »vielleicht sehen wir immerhin eins von diesen Einhörnern. Die hat er ja auch beschrieben.«
Quintus schüttelte amüsiert den Kopf und gab es auf zu widersprechen. Sollte Lucretia ruhig die Augen offenhalten und das Unterholz nach Fabelwesen absuchen.
Als sie über eine Stunde marschiert waren – Lucretia hatte jedes Zeitgefühl verloren –, endete vor ihnen plötzlich der Pfad. Sie sahen nur noch Brombeersträucher.
»Es kann doch nicht sein, dass ein Weg einfach aufhört«, empörte sie sich.
»Willkommen in Germania Magna«, kommentierte Quintus. Er sah sich um und stapfte dann zielstrebig schräg rechts ins Dickicht.
»He, Moment, woher weißt du, wohin wir wollen?«, rief ihm Lucretia nach.
»Wir müssen nach Westen.«
»Und woher weißt du, wo Westen ist?«
»Bist du sicher, dass du mit in mein Dorf willst?«, konterte Quintus mit einer Gegenfrage. »Deine Eltern werden doch wahnsinnig vor Sorge, wenn du heute Nacht nicht nach Hause kommst!«
»Keineswegs. Ich habe einer Sklavin aufgetragen, Vater zu sagen, dass ich bei meiner Schwester übernachte.«
»Wann? Ich dachte, deine Entscheidung war so spontan.«
Lucretia lächelte unschuldig. »Wie gut die Luft hier ist, man kann richtig durchatmen.«
»Noch kannst du umkehren.«
»Nein.«
»Überleg’s dir gut …«
»Nein!«
»Na dann«, sagte Quintus. Er konnte sie sich hier nicht selbst überlassen, jetzt hatte er sie am Bein. Er verdrängte das beklemmende Gefühl, das in ihm aufstieg, als ihm klarwurde, dass er seinem Dorf die Begleitung durch eine Römerin würde erklären müssen, und zeigte auf einen Baum. »Die Wetterseite, die bemooste Seite, ist immer im Westen.«
Lucretia sah sich den Baum genauer an und erkannte nun die dünne grüne Schicht, die eine Seite des Stammes überzog.
»Interessant«, murmelte sie und eilte dann Quintus nach, denn aus dem Busch neben ihr vernahm sie etwas, das sich anhörte wie das Knurren eines wilden Tieres. Vielleicht war es auch nur Holz, das im Sonnenlicht arbeitete, aber egal, was es war, es hatte ihr einen Höllenschrecken eingejagt.
Zwischen den Tannen, die am unteren Teil ihres Stammes keine Äste hatten, war viel Platz, und so konnten sie nun nebeneinander gehen. Tannennadeln drückten sich in Lucretias filigrane Sandalen, stachen sie in die Zehen und kitzelten sie, aber sie ließ sich nicht anmerken, wie unangenehm sie es fand. Die Temperatur hier war deutlich niedriger als am Rhenus, im Wald hing noch die Kälte und Feuchtigkeit des Winters. Lucretia fröstelte.
»Die rothaarige Frau vom Forum, bist du mit ihr verheiratet?«, begann sie ihren Reisegefährten auszuhorchen.
»Pola? Ja, seit fünf Jahren.«
»Sie ist sehr schön«, sagte Lucretia bewundernd. »Ihre Haut ist wie Elfenbein.«
»Was ist Elfenbein?«, fragte Quintus, der noch nie von diesem Material gehört hatte.
»Knochen. Von Elefanten. Das sind riesige Tiere aus Afrika. Sie haben gigantische Ohren. Und Stoßzähne.«
»So wie Eber?«
»Noch viel größer. Zehn, zwölf Fuß lang.«
»Du nimmst mich auf den Arm. Dann müsste ein Elefant ja achtzehn Fuß hoch sein, damit er das Gewicht tragen kann. So ein Tier gibt es nicht.«
»Doch, doch. Mein Vater hat mir davon erzählt. Er kommt von dort«, insistierte Lucretia und lenkte das Thema zurück auf Pola: »Warum habt ihr denn keine Kinder?«
Quintus stöhnte. Nach dieser Art von Unterhaltung war ihm nun wirklich nicht. »Es war noch nicht der richtige Zeitpunkt«, antwortete er in einem Ton, der seine Laune durchscheinen ließ.
»Hat man euch gezwungen zu heiraten?«, wollte Lucretia wissen.
Er konnte heraushören, dass ihr die Frage wichtig war. Und er verstand auch, warum. Lucretia würde sich ihren Ehepartner wahrscheinlich nicht selbst aussuchen können. Das tat ihm leid. Sie war eine kluge junge Frau und würde sicher leiden, wenn man sie mit dem Falschen zusammensperrte.
»Nein«, antwortete er, »wir haben aus Liebe geheiratet. Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, wusste ich gar nicht, wer sie war. Es war eine zufällige Begegnung. Aber sie hat etwas in mir ausgelöst. Wie ein Funke, der ein Feuer entfacht. Es ist schwer zu beschreiben.«
»Und in dem Moment wusstest du, dass sie die Richtige ist?«
»Ja. Es ist merkwürdig. Es gab eine Art von Gewissheit.«
Lucretia ließ das ein paar Sekunden sacken. »Das möchte ich auch einmal erleben«, sagte sie leise.
»Warst du denn noch nie verliebt?«
»Nicht wirklich. Meiner Schwester fiel das immer leicht. Sie hat dauernd für Kerle geschwärmt. Jeder war der Tollste. Und wenn es vorbei war, ging jedes Mal die Welt unter. Claudia hat diese intensiven Gefühle. Aber ich nicht«, gab Lucretia zu.
»Jeder Mensch ist anders«, meinte Quintus, »die einen finden die große Liebe früher, die anderen später. Mach dir nicht zu viele Sorgen.«
»Was ist, wenn ich sie niemals finde?«, dachte Lucretia laut.
Quintus fühlte sich etwas unbehaglich. Er hätte auf dieser Reise mit allem gerechnet, nur nicht, solche intimen Gespräche führen zu müssen.
»Es wird passieren«, tröstete er sie. »Man kann es nicht erzwingen. Meist geschieht es, wenn man am wenigsten damit rechnet. Man muss einfach Sinne und Herz offenhalten.« Damit war die Sache für ihn erledigt. Für Lucretia allerdings noch lange nicht.
»Und Pola, war sie auch sofort in dich verliebt?«
Quintus hätte sich ein Rudel Wölfe herbeigewünscht, das aus dem Unterholz brach und Lucretia verschleppte, aber Vidar tat ihm den Gefallen nicht.
»Nein«, erwiderte er so geduldig wie möglich, weil er nicht unhöflich sein wollte. »Sie ist Schauspielerin. Männer umschwirren sie wie Motten eine Öllampe. Anfangs hat sie mich gar nicht wahrgenommen.«
»Aber irgendwann dann doch«, bohrte Lucretia nach. »Weil du Geld hattest wahrscheinlich.«
»Nein, hatte ich nicht. Damals war ich noch in der Ausbildung zum Anwalt. Marcus Appius Tibur hat mir alles beigebracht und mich später sogar adoptiert. Aber reich war er auch nicht, und ich habe in seiner winzigen Wohnung auf dem Boden geschlafen«, erklärte Quintus und fügte in Gedanken hinzu: Und manchmal habe ich auf der Straße gebettelt, um nicht zu verhungern. Aber dafür schämte er sich zu sehr, als dass er es vor ihr zugegeben hätte.
»Dann hat sie sich für dich entschieden, weil du gut aussiehst und eine schöne Stimme hast«, riet Lucretia.
Quintus war ein bisschen überrumpelt. »Äh, denkst du das?«
»Ja, schon«, zwitscherte Lucretia neckend, aber ihr Ton wurde gleich wieder ganz sachlich. »Irgendetwas muss sie ja wohl an dir gefunden haben.«
»Sicher, aber ich weiß bis heute nicht genau was«, gab Quintus zu. »Und wenn du sie fragen würdest, könnte sie es dir vielleicht auch nicht genau erklären. Man kann das alles nicht so leicht in Worte fassen. Mir fehlt zumindest das entsprechende Talent, über das manche Dichter wohl verfügen.«
»Interessant. Also, meine Mutter hat eine Liste gemacht mit Anforderungen, die ein Mann erfüllen muss, wenn er mich heiraten will.«
»Das ist in Ordnung, wenn man ein Geschäft abwickelt, aber mit Liebe hat es nichts zu tun«, sprach Quintus das Offensichtliche aus, wobei ihm klar war, dass die meisten arrangierten Ehen, wie sie unter Adeligen oder – im Fall der Familie Veturius – wohlhabenden Bürgern üblich waren, eben genau das darstellten – eine geplante Transaktion, die die Bande zwischen Familien stärken sollte, wobei strategische und finanzielle Belange von größter Wichtigkeit waren, Gefühle aber eine untergeordnete Rolle spielten.
»Ich bin doch kein Esel und kein Schwein«, murrte Lucretia, und es schwang eine Traurigkeit und Verwundbarkeit in ihrer Stimme mit, wie Quintus sie bei ihr bisher nicht wahrgenommen hatte. Die Fassade der schlagfertigen jungen Römerin, die sie sonst erfolgreich aufrechterhielt, bekam Risse. Vielleicht begann die Umgebung auf sie abzufärben. Die ungezügelte Wildheit Germaniens hatte etwas an sich, das Menschen die Wahrheit entlockte.
»Lass uns nicht über ungelegte Eier reden«, versuchte Quintus, sie aufzumuntern, »jetzt braucht unsere Stadt erst einmal unsere Hilfe. Zusammen werden wir schon herausfinden, wer hinter den Überfällen steckt.«
»Das machen wir!«, sagte Lucretia, und die Aussicht darauf sorgte dafür, dass es ihr gleich etwas besser ging.