20

Erschöpft und verschwitzt traten Quintus und Lucretia nach der langen Wanderung aus dem Wald. Vor ihnen erstreckte sich ein kleines Tal, das von knorrigen Eichen und Linden eingerahmt war. Einige Bäume versperrten die Sicht auf das, was unterhalb lag, aber an den schmalen grauen Rauchsäulen, die dahinter aufstiegen, war ebenso zu erkennen, dass sie ihr Ziel erreicht hatten, wie an Quintus’ erleichterter Miene. Er war seit Jahren nicht hier gewesen, und auf den ersten Blick schien sich nichts verändert zu haben.

»Sind wir da?«, hakte Lucretia sicherheitshalber nach. Ihre Füße schmerzten und sie hätte keine Meile mehr laufen können, aber sie tat Quintus nicht den Gefallen, sich das anmerken zu lassen. Dabei schmerzten dessen Knie nicht weniger. Im Unterschied zu seiner Jugend, als ihn eine solche Tour kaum angestrengt hatte, war auch er jetzt erschöpft.

Er beschritt einen Trampelpfad, der zwischen den Bäumen entlangführte, und Lucretia folgte ihm. Ein Palisadenzaun aus grauem, von der Sonne ausgebleichtem Holz – mit sieben Fuß Höhe winzig im Vergleich zum Zaun, der die Colonia umgab – begann sich zwischen den Baumstämmen abzuzeichnen.

»Wie werden sie im Dorf reagieren, wenn sie mich sehen?«, fragte Lucretia.

»Schlimmstenfalls kriegst du einen Pfeil zwischen die Augen, bevor du das Tor erreicht hast«, warnte Quintus.

Sie erschrak. Er lachte, und sie verstand, dass er sie aufzog, und schlug ihm mit gespieltem Ärger auf den Arm.

Der Pfad kreuzte einen breiteren, auch für Karren geeigneten Weg, der aus einer anderen Richtung herführte. Quintus bog nach links ab, und gemeinsam hielten sie nun direkt auf das Haupttor zu. Die Usipeter lebten schon länger in Frieden mit ihren Nachbarn, was man am schlechten Zustand der Palisaden erkannte. Im Zaun klafften Lücken, in denen Unkraut spross. Lucretia konnte durch sie die Dächer der ersten Häuser ausmachen. Sie waren mit Stroh gedeckt und leicht bemoost. Die Häuser wirkten wie ein Teil der Natur, als seien sie wie kleine Hügel aus dem Boden gewachsen. Die Obstbäume, die vor den Palisaden standen, blühten in Weiß und Rosa. Die Luft duftete süßlich, und der leichte Wind wehte Blütenblätter und Pollen umher. Die Natur war hier so intensiv, so lebendig, wie Lucretia sie noch nie erlebt hatte. Weitab von der Geschäftigkeit der Colonia schien hier die Zeit stillzustehen. Einen Moment lang kam es Lucretia so vor, als befände sie sich in einem Märchen.

Am Haupttor schob ein junger germanischer Krieger Wache, der ungefähr in Lucretias Alter sein musste. Als er die beiden sah, schaute er einen Moment lang ungläubig, hob dann seinen kreisrunden Schild, der krude in verblichenem Gelb mit dem Haupt einer bärtigen Gottheit bemalt war, und legte seinen Speer auf sie an.

»Halt! Wer seid ihr? Was wollt ihr?«, rief der schlaksige Junge.

Sie blieben in ein paar Fuß Abstand stehen.

»Ich bin Folkward. Ich bin in diesem Dorf aufgewachsen. Und das hier ist Lucretia Veturius, eine Römerin aus der Colonia«, erklärte Quintus auf Germanisch. Für Lucretia war es immer noch etwas seltsam, ihn so reden zu hören. Sie setzte vorsorglich ein freundliches Lächeln auf.

»Ist sie deine Gefangene?«, wollte der Bursche wissen, der Quintus gar nicht ansah, sondern nur Lucretia anstarrte.

Quintus verkniff sich ein Schmunzeln. »Nein, meine Begleitung.« Vorsicht, Kleiner , dachte er, gleich fallen dir die Augen aus dem Kopf .

»Ich hab dich hier noch nie gesehen«, wandte sich ihm der Krieger nun schroff zu.

»Du bist noch zu jung, um mich zu kennen. Ich bin vor langer Zeit über den Fluss ausgewandert.«

»In Ordnung«, gab sich der Kerl zufrieden, offenbar hatte er den Eindruck gewonnen, dass keine Gefahr von den beiden ausging. »Zu wem wollt ihr?«

»Zum Haus von Baldwin. Er ist ein alter Freund von mir.«

»Ach ja?«, hakte der Bursche nach. »Dann beschreib mir den Weg zu ihm.«

Quintus kramte kurz in seinen Erinnerungen. Aber das Dorf war so klein, dass man die Wege, die man dort als Kind tausendfach zurückgelegt hatte, nicht vergaß.

»Hinter dem Tor das dritte Haus rechts«, sagte Quintus.

Der Junge ließ die Waffe sinken und machte eine betont lässige Kopfbewegung, die den beiden wohl bedeuten sollte, dass sie passieren durften.

»Du hast schon den ersten Verehrer«, raunte Quintus Lucretia zu.

»Der hat mich nur so angeschaut, weil ich eben anders aussehe«, entgegnete sie.

Sie betraten das Dorf, und Lucretia konnte sich nun ein genaueres Bild machen. Die Germanen wohnten in langen, rechteckigen Häusern. Separate Ställe gab es nicht, die Tiere lebten also mit im Haus – wenn sie nicht gerade auf kleinen eingehegten Grasflächen umherstreiften, die zwischen den Häusern lagen. Jedes Haus hatte einen kleinen Vorgarten, in dem Gemüse und Kräuter wuchsen, und ein niedriger Zaun trennte das Grundstück von dem des Nachbarn. Die Anordnung der Häuser schien keinem Plan zu folgen, und die Türen zeigten in alle Himmelsrichtungen. Geschäfte, Imbissstände oder öffentliche Latrinen schien es nicht zu geben. Lucretia war verwundert. Wie konnten Menschen so leben?

Die Bewohner selbst schienen ihr weniger ungewöhnlich, schließlich war sie den Anblick von Germanen von Kind auf gewöhnt. Sie sah große, stolze Männer und Frauen, viele davon blond und blauäugig – aber, entgegen dem unter Römern verbreiteten Klischee, längst nicht alle. Es waren auch kleinere Menschen mit dunklerer Haut, die Lederriemen um den Hals trugen, unter ihnen. Lucretia vermutete, dass es sich um Kriegsgefangene handelte, die hier als Sklaven dienen mussten. Während die Häuser schmucklos waren und in ihren Braun- und Grauschattierungen eintönig wirkten, waren die Menschen überraschend farbenfroh gekleidet. Die Männer trugen Hosen, die Frauen lange Röcke mit Schürzen darüber, die aus dicker Wolle gefertigt waren und in blauen, roten und grünen Tönen leuchteten. Im Gegensatz zu ihren Händen, die von der Feldarbeit dunkel und schwielig waren, wirkte das Haar der Usipeter sehr gepflegt. Die Frauen trugen aufwendig geflochtene Kunstwerke auf ihren Köpfen, wie Lucretia sie noch nie zuvor gesehen hatte. Viele Männer hatten das Haar seitlich am Kopf zu einem Knoten gebunden, was Lucretia ein wenig seltsam fand, aber zumindest interessanter aussah als die schlichten Kurzhaarschnitte der römischen Männer. Alle Bewohner trugen geschlossene Schuhe oder Stiefel, was nicht verwunderlich war in Anbetracht der ungepflasterten Wege, die sich bei Regen sicher im Handumdrehen in einen See verwandelten.

»Ich dachte, dass es weit mehr Usipeter gibt«, meinte Lucretia irritiert.

»Gibt es auch. Aber die wohnen ja nicht alle an einem Fleck«, erklärte Quintus. »Die einzelnen Stämme leben weit verstreut, jeweils auf Dutzende von kleinen Siedlungen verteilt. Jedes Dorf verwaltet sich selbst. Ein Zentralismus wie in der römischen Welt ist hier unbekannt.«

»Sind alle Dörfer so klein?«

»Das hier ist sogar weit und breit das größte«, lachte Quintus. Natürlich war Lucretia, die nur die Großstadt kannte, ganz andere Dimensionen gewöhnt. »Es ist nämlich der Sitz von Adalbert, dem König der Usipeter. Daher ist es etwas repräsentativer.«

»Aha«, murmelte Lucretia, die rein gar nichts an den kreuz und quer stehenden Häusern repräsentativ fand. Sie hakte nicht weiter nach, um Quintus nicht zu kränken. Andere Länder, andere Sitten. Das wusste sie ja bereits von ihrem mauretanischen Vater, der auch unglaubliche Geschichten über die Gewohnheiten seines Stammes erzählte, der in den heißen, trockenen Weiten der Wüste ansässig war – einer Landschaft, die nicht gegensätzlicher zu der sein konnte, in der sie sich gerade befand. Und eines musste Lucretia zugeben: So ärmlich und rückständig das Dorf auch wirkte, so hatte es doch etwas Verwunschenes an sich. Es kam ihr vor, als würde ihr ein Blick in eine weit zurückliegende, glückliche Vergangenheit gewährt, sie ein Echo des Lebens vernehmen, das die Vorfahren ihrer Mutter vor vielen Hunderten Jahren in Italien auf eine ganz ähnliche Weise geführt hatten.

Es dauerte nicht lang, bis die Dorfbewohner die Besucher bemerkten. Sie riefen sich Worte zu, die Lucretia nicht verstand, und kamen dann neugierig näher.

»He, Folkward!«, rief ein früherer Nachbar erfreut.

»Grüß dich, Tammo, schön, dich wiederzusehen!«, winkte Quintus zurück. Sie hatten als Kinder zusammen gespielt.

Lucretia stellte allerdings die weitaus größere Attraktion dar. Ein schnurrbärtiger Germane, der die Römerin erblickt hatte, stand mit offenem Mund da, die Mistgabel in der Hand. Eine Gruppe junger Mädchen blickte zu Lucretia herüber und tuschelte.

»Ist hier der König so mächtig wie der Kaiser in Rom?«, wollte Lucretia wissen und versuchte, sich von dem Auflauf nicht beirren zu lassen. Es war ihr doch etwas unangenehm, so angegafft zu werden.

»Natürlich nicht. Er herrscht nur über ein paar tausend Menschen. Jeder Stamm hat seinen eigenen König, und es gibt viele Stämme. Nur im Krieg kann ein König seine Herrschaft richtig ausspielen, ins Leben der Leute mischt er sich sonst gar nicht so groß ein. Aber das Königtum hat hier lange Tradition. Der Stamm der Usipeter war angeblich der erste, der es eingeführt hat.«

Lucretia fragte sich, wie das funktionieren sollte. In ihren Ohren klang es nach purem Chaos. Andererseits erklärte es, warum die Germanen untereinander verfeindet waren und kein gemeinsames Reich errichteten.

Lucretia winkte freundlich lächelnd einem kleinen Jungen zu, der sich daraufhin ängstlich hinter dem Rock seiner Mutter versteckte.

»Entschuldigt, die meisten hier haben noch nie eine Römerin gesehen«, ertönte auf Germanisch eine tiefe, angenehme Männerstimme hinter den beiden.

Quintus und Lucretia drehten sich um. Vor ihnen stand Baldwin, ein starker Krieger, der noch einen Kopf größer war als Quintus.

»Komm her, alter Freund, lass dich drücken«, sagte der Riese und packte ihn. Die Umarmung tat gut.

»Du hast mir gefehlt«, sagte Quintus und meinte es ehrlich. Baldwin war sein bester Freund aus Kindertagen, mit dem er viel erlebt und durchgestanden hatte. Baldwin hatte helles, rotblondes Haar, das in seinem Nacken zu einem langen Zopf geflochten war, und freundliche grüne Augen. Den Bart trug er kürzer geschnitten als die übrigen Männer. Quintus deutete auf seine Begleiterin: »Lucretia Veturius aus der Colonia Agrippina.«

»Willkommen in unserem Dorf«, sagte Baldwin, der die junge Frau wohlwollend musterte, in seiner Muttersprache. »Wir hatten selten schönere Gäste.«

Quintus übersetzte das Kompliment, das Lucretia freundlich annahm. Baldwin streckte ihr seine große Hand entgegen. Offenbar machte man das hier so. Lucretia ergriff sie, und Baldwin schüttelte jetzt ihre Hand. Welch ungewöhnliche Geste.

»Vielen Dank, es ist mir eine Ehre«, erwiderte Lucretia, und Quintus übersetzte.

»Wie geht es meiner Mutter?«, wollte er jetzt wissen, wobei er weiter Usipetrisch mit Baldwin sprach.

Lucretia hatte sich mittlerweile daran gewöhnt. Es war ihr etwas peinlich, dass sie dem Gespräch nicht folgen konnte. Sie beherrschte kein einziges germanisches Wort, noch nicht einmal guten Tag oder danke konnte sie sagen.

»Das kannst du sie selbst fragen. Sie ist immer noch in meiner Obhut. Komm mit in mein Haus, meine Familie freut sich auch darauf, dich zu sehen.«

Quintus war beruhigt, spürte zugleich aber auch ein flaues Gefühl im Magen. Wieder meldete sich sein schlechtes Gewissen, weil er glaubte, seine Mutter im Stich gelassen zu haben, als er mit vierzehn das Dorf verlassen hatte. Außer ihm hatte sie sonst niemanden gehabt, ihr Geliebter war tot gewesen und Quintus ihr einziges Kind.

»Wir gehen zu meiner Mutter. Sie wohnt bei Baldwins Familie«, erklärte Quintus Lucretia auf Latein, während sie auf ein gepflegtes Langhaus zuhielten. Ein paar Enten stoben quakend vor ihnen davon zu einem brackigen kleinen Tümpel, der sich hinter dem Gebäude erstreckte. Zwischen den Schilfhalmen, die das Ufer säumten, entdeckte Lucretia zahlreiche braun-gelbe Küken, von denen sie kaum den Blick wenden konnte.

»Gelsa, du wirst nicht glauben, wer hier ist!«, rief Baldwin, als er das Haus betrat. Eine Frau Anfang vierzig streckte neugierig ihren Kopf hinter einer Holzwand hervor, wo sich wohl eine Kochstelle verbarg, wie das Klimpern von Geschirr und der Duft gekochter Zwiebeln verrieten.

»Folkward!«, rief Gelsa ungläubig. Für einen Moment erstarrte sie, dann eilte sie auf ihren Sohn zu.

Folkward? Lucretia war dieses Wort schon öfter aufgefallen. Vielleicht war es eine Begrüßungsformel.

»Mutter«, erwiderte Quintus leise. Er war den Tränen nahe.

Lucretia konnte spüren, wie die Gefühle in ihm aufwallten. Sie hatte Quintus noch nie so emotional erlebt. Mutter und Sohn fielen sich in die Arme und wollten sich gar nicht mehr loslassen.

»Schön, dass du mich nicht vergessen hast«, sagte Gelsa und wischte sich eine Träne aus dem Auge.

»Niemals«, sagte Quintus, befreite sich aus ihrer Umarmung, bevor ihn die Gefühle vollends übermannten, und zog zwei Tonfläschchen aus seinem Proviantbeutel. Gastgeschenke.

»Sieh mal, Olivenöl und Garum. Die beste Qualität!«

»Wie schön!«

»… und natürlich Wein«, fügte Quintus hinzu und zog noch eine kleine Amphore heraus.

Gelsa und Baldwin klatschten begeistert in die Hände. Das germanische Bier war zwar sehr gut, aber der Wein war eine willkommene Abwechslung.

»Du bist ein richtiger Mann geworden«, sagte Gelsa, nachdem sie ihren Sohn ausgiebig beäugt hatte, und schlug ihm mit der Faust gegen die Brust. Lucretia fiel auf, dass der Habitus der germanischen Frauen ganz anders war als der der Römerinnen. Sie bewegten sich eher wie Männer.

»Und du siehst jünger aus als beim letzten Mal, als wir uns gesehen haben, Mutter«, entgegnete Quintus.

Er meinte es ernst. Gelsa hatte viel erlitten, aber offenbar den Weg zurück ins Leben gefunden. Sie hatte langes graues Haar, das einmal blond gewesen war, und große, leuchtend blaugraue Augen. Ihre Haut war leicht gebräunt und sah gesund aus. Kein Vergleich mit der kranken, verhärmten Frau von damals, als Folkward zu Quintus geworden war.

»Und wer ist diese Schönheit?«, wechselte Gelsa jetzt ins Lateinische und wandte sich Lucretia zu. »Lerne ich jetzt endlich einmal deine Frau kennen?«

Lucretia stutzte einen Moment – und lachte los. Quintus hatte sie noch nie aus vollem Hals lachen hören. Sie hatte ein rhythmisches, schnaubendes Lachen, das ansteckend war, und Gelsa stimmte schallend mit ein. Baldwin schaute verwirrt.

»Sie glaubt, dass Lucretia meine Frau sei«, übersetzte Quintus für Baldwin, der daraufhin auch loslachte.

»Was ist denn so lustig daran?«, fragte Quintus auf Usipetrisch. Er fühlte sich etwas beleidigt.

»Sie ist viel zu jung für dich und auch viel zu winzig. War mir schon klar, dass ihr kein Paar seid«, erklärte Baldwin.

»Aber lachen kann sie«, sagte Gelsa.

Eine Frau in Baldwins Alter betrat das Haus, sie hatte lange blonde Zöpfe, stämmige Beine, und unter ihrem Kleid zeichneten sich große Brüste ab. Sie hatte drei Kinder im Schlepptau, keines älter als fünf oder sechs, zwei Jungen und ein Mädchen. Quintus freute sich für Baldwin. Als sie zusammen auf Bäume geklettert waren, waren sie so alt gewesen wie seine Kinder jetzt. Kaum zu glauben, wie die Zeit verging.

»Das ist Margard, meine Frau. Liebling, das ist Folkward. Ich habe dir von ihm erzählt. Und das ist seine Begleiterin Lucretia aus der Colonia.«

»Willkommen«, sagte Margard freundlich und schüttelte beiden die Hand. »Ihr müsst einen anstrengenden Weg hinter euch haben. Fühlt euch wie zu Hause und ruht euch aus.«

Lucretia verstand kein Wort, verneigte sich aber höflich. Sie schaute sich um und wunderte sich, wie fünf Personen, dazu wahrscheinlich noch ein, zwei Sklaven, auf so engem Raum leben konnten. Denn nur der vordere Bereich des Langhauses war für Menschen vorgesehen, der hintere Teil, der weitaus größer wirkte, für Tiere. Zwei kleine Pferde standen dort und machten sich durch Schnauben bemerkbar, das Vieh musste wohl auf der Weide sein. Der Wohnbereich war schlicht eingerichtet, alles war um den Kamin herum gebaut, der im Winter wärmte und auf dem das Essen gekocht wurde. Entlang der Wände befanden sich Strohlager mit Decken, über die Käfer krabbelten, wie Lucretia mit Abscheu feststellte. Die Aussicht, dort nächtigen zu müssen anstatt in ihrem weichen Bett mit Holzgestell, gefiel ihr nicht. Plötzlich bereute sie es, mitgekommen zu sein. Überhaupt kam ihr hier alles fremd vor.

Quintus spürte Lucretias Nervosität. Dies hier war eine andere Welt, es musste ein gewaltiger Kulturschock für sie sein. Doch sie hatte es so gewollt, nun musste sie es auch durchstehen.

»Ich möchte den Rat in einer wichtigen Angelegenheit sprechen«, wandte er sich an Baldwin.

Der spürte, dass seinem alten Freund etwas auf der Seele brannte. »Ich trommele gleich alle zusammen«, bot er an und verließ das Haus.

»Hier, trinkt! Auf unser Wiedersehen!«, rief Gelsa freudig und drückte zuerst Lucretia, dann ihrem Sohn einen hölzernen Bierhumpen in die Hand.

»Was ist das?«, fragte Lucretia und beäugte skeptisch die schaumige Brühe, die darin schwappte.

»Bier. Keine Angst, es ist gesund«, erklärte ihr Quintus auf Latein.

Margard und Gelsa hoben die Humpen hoch und stießen sie gegeneinander. Lucretia, die diese Sitte nicht kannte, berührte schüchtern Gelsas Humpen mit dem ihren, wobei sie ihn mit zwei Händen halten musste. Während die beiden Frauen und Quintus ihre Becher mit wenigen großen Schlucken austranken, nippte Lucretia erst einmal vorsichtig an ihrem. Das Gebräu schmeckte ihr. Es war zwar bitter, aber auch fruchtig. Der Schaum sah aus wie Schnee, fühlte sich aber butterweich an. Lucretia wollte den dreien in nichts nachstehen und versuchte nun auch, den großen Becher zu leeren, ohne abzusetzen. Doch nach ein paar Schlucken musste sie husten, und Bier lief ihr über das Kinn. Quintus, Gelsa und Margard lachten.

»Keiner schafft den Krug beim ersten Mal ganz, Lucretia«, tröstete Quintus sie.

»Du bist in Ordnung, Mädchen«, sagte Margard und schlug Lucretia auf die Schulter. Die verstand die Worte zwar nicht, hörte aber das Lob heraus.

Quintus war froh darüber, dass es seiner Mutter gut ging. Es war die richtige Entscheidung gewesen, sich auf den alten Freund Baldwin und seine Familie zu verlassen, die versprochen hatten, Gelsa respektvoll zu behandeln. Sie hatte viel einstecken müssen, seit sie als Jugendliche über den Rhein getürmt war und sich mit einem Centurio eingelassen hatte. Als sie die Nachricht erhalten hatte, dass er gefallen war, bevor er Gelsa heiraten konnte, musste sie reumütig ins Dorf zurückkehren – mit leeren Händen, aber einem Kind im Bauch. An einem stürmischen Sommertag hatten die Dorfältesten unter der uralten, riesigen Linde oberhalb der Siedlung über die angemessene Ahndung ihrer Verfehlungen beraten. Es war entschieden worden, Gelsa den Status als freier Mensch abzuerkennen und dass sie von nun an als Halbfreie ihr Leben zu fristen hatte. Das war einer Verurteilung zur Leibeigenschaft gleichgekommen. Halbfreie waren entrechtet und standen vom Status her nur knapp über den Sklaven, die sich ausschließlich aus Kriegsgefangenen rekrutierten. Gelsa hatte fortan kein eigenes Haus und keinen Besitz mehr haben dürfen, sondern musste für einen ihrer Nachbarn schuften. Ein solches Leben war zu ertragen, solange man von einer Familie aufgenommen wurde, die einen gut behandelte, doch Gelsa hatte Pech gehabt. Keiner hatte die Verräterin unter seinem Dach haben wollen und dazu noch den Römerbalg, der in ihr heranwuchs. Nur Ulf, ein grobschlächtiger alter Krieger, der zu viel trank und dafür bekannt war, Menschen im Allgemeinen und Frauen im Besonderen zu hassen, hatte sich erbarmt und Gelsa schlechter behandelt als seine Sklaven. Gelsa hatte ihren eigenen Kopf, und wenn sie nicht spurte, hatte Ulf sie an den Haaren zu einem Pfosten in seinem Haus gezerrt, an dem ein eiserner Halsring mit einer Kette befestigt war, und sie damit gefesselt. Er hatte sie gezwungen, auf allen vieren zu kriechen und Knochen abzunagen, die von seinen Mahlzeiten übrig blieben. »Du bist einem Römer nachgestiegen wie eine läufige Hündin, dann lebst du jetzt auch wie ein Hund«, hatte Ulf sie verhöhnt. »Also friss, Hündchen, friss!«

Nachdem Quintus auf der Welt gewesen war, hatte Ulf Gelsa regelmäßig geschlagen und vergewaltigt. Sie war machtlos gegen die brutalen Übergriffe gewesen und hatte mehr als einmal erwogen zu fliehen. Doch wohin? Sie hätte ihren Sohn ja schlecht im Wald aufziehen können, und so beugte sie sich ihrem Schicksal. Vergewaltigung galt als schweres Verbrechen, und hätte Ulf sich an einer freien Frau vergriffen, wäre er kastriert worden. Aber Gelsa war eben nur eine Leibeigene. Tapfer hatte sie viele Jahre Ulfs Misshandlungen ertragen und versucht, ihren Sohn davon nichts merken zu lassen. Doch Kindern lässt sich nur schwer etwas vormachen, und in Quintus war die Wut auf Ulf gewachsen. Statt selbst gewalttätig zu werden, hatte er als Halbwüchsiger, erst dreizehnjährig, schließlich dafür gesorgt, dass seine Mutter einer anderen Familie zugesprochen wurde. Damals hatte er sein Redetalent entdeckt, und es war das erste Mal gewesen, dass er damit Gerechtigkeit hatte durchsetzen können. Er hatte die Dorfältesten so lange bekniet, bis Gelsa aus Ulfs Diensten genommen und stattdessen in die von Baldwins Familie gestellt worden war. Danach hatte sich die Situation für sie beide von Grund auf verbessert. Auch Quintus hatte unter der Brutalität von Ulf sehr gelitten, der als Besitzer seiner Mutter zugleich auch sein Vormund und damit eine Art Stiefvater war. Ulf hatte auch ihn regelmäßig verprügelt und nie eine Gelegenheit ausgelassen, ihn als Bastard und Halbblut zu beschimpfen. Quintus hatte Ulf gehasst. Er hatte sogar ernsthaft darüber nachgedacht, ihn im Schlaf zu erstechen, als er selbst größer und kräftiger geworden war, aber er hatte es nicht über sich gebracht. Noch heute verachtete er sich insgeheim für diese Schwäche: Er hätte sich und seine Mutter befreien können, aber er war nicht zum Mörder geboren, und so hatte er alles weiter ertragen müssen. Eine Ironie des Schicksals. Doch nicht weniger ironisch war später das verdiente Ende Ulfs gewesen: Obwohl sein Stamm an dem Konflikt unbeteiligt gewesen war, hatte er sich mit einer Handvoll anderer Kampflustiger einem Bündnis aus Sugambrern und Chatten angeschlossen und war dabei prompt in römische Kriegsgefangenschaft geraten. Bei einem Ausbruchsversuch hatte er den wachhabenden Legionär erwürgt, war aber wieder eingefangen worden. Die Kameraden des Getöteten hatten Ulf daraufhin von einem Rudel hungriger Wachhunde zerfleischen lassen, ein Spektakel, das dem Römerlager einen heiteren Nachmittag beschert hatte. Friss, Hündchen, friss!

Quintus wurde aus seinen Erinnerungen gerissen, als Baldwin den Kopf zur Tür hereinstreckte und ihm ernst zunickte.

»In einer Stunde beim König.«

Quintus schlug nun doch das Herz schneller.