»Die Frage ist doch, ob wir ihn überhaupt anhören wollen. Ist einer, der sein Dorf verlassen hat, der sich gegen den Stamm gewandt hat, unsere Aufmerksamkeit wert?«
Zustimmendes Gemurmel zeigte, dass Dagwin mit seinen Zweifeln nicht allein dastand. Quintus hatte lange nicht mehr so viele feindselige Blicke auf sich gespürt wie in der Königshalle, in der er sich nun befand. Ein massives Gebäude aus Eichenholz in der Mitte des Dorfes mit einem breiten Eingangsportal und fünfzehn Fuß hohen Decken, deren Balken mit prächtigen Schnitzereien verziert waren. Durch einen Schornstein in der Decke zog Rauch ab, der von einem Feuer im Zentrum der Halle aufstieg. Die roh gezimmerten Wände wurden von Teppichen verdeckt, die dem Saal mit ihrem gediegenen Grünton einen Hauch herrschaftlicher Würde verliehen, aber insgesamt machte das Ganze doch einen recht kargen Eindruck, wozu auch der Boden, der lediglich aus gestampftem Lehm bestand, beitrug. Die Usipeter waren kein besonders mächtiger Stamm und lebten bescheiden.
»Ich meine, wissen wir, ob er die Wahrheit sagt? Ob wir ihm vertrauen können? Schließlich fließt Römerblut in seinen Adern, und jeder weiß, wie falsch und verlogen die Römer sind«, fuhr Dagwin fort und taxierte Quintus herausfordernd.
Doch der ließ sich nicht provozieren. Wenn ein Bauer wie Dagwin ihm eine Falle stellen wollte, musste er schon früher aufstehen.
»Ich bin kein Verräter, großer Dagwin. Ich bin nur meiner Wege gegangen. Und ich habe dem Stamm niemals geschadet. Das wisst Ihr. Meint Ihr wirklich, dass es sich ziemt, jemanden einen Lügner zu nennen, bevor man ihn überhaupt angehört hat? Da erinnere ich mich an bessere Sitten in meiner Heimat.«
Der, der ihn angegriffen hatte, sah ihn nur verächtlich an. Dagwin war einer der anwesenden zehn Ältesten, die die Geschicke des Dorfes lenkten. Er war ein breitschultriger Krieger Ende fünfzig mit einer Narbe unter dem rechten Auge, trug ein beiges Gewand aus Wolle und darüber einen alten grau karierten Umhang.
Quintus kämpfte noch ein wenig mit den Worten. Usipetrisch war zwar seine Muttersprache, aber er hatte sie seit Jahren nicht mehr ausgiebig benutzt. Er ertappte sich dabei, wie er auf Latein die Sätze formte und sie dann ins Germanische übersetzte, so sehr hatte die römische Lebensart ihn schon vereinnahmt.
»Aber als Gelsas Sohn warst du kein freier Mann. Du hast nie einen Armreif getragen. Du hättest Ulf um Erlaubnis fragen müssen wegzugehen, und das hast du nicht getan. Damit hast du Recht gebrochen!«, hielt Dagwin ihm vor, und einige der Ältesten, die zur nachtragenderen Sorte gehörten, stimmten murmelnd zu.
König Adalbert blickte in die Runde, das bärtige Kinn etwas gelangweilt auf seine rechte Hand gestützt, und begann zunehmend ungeduldig, auf seinem hölzernen Thron hin und her zu ruckeln. Der Thron war ein großer Stuhl mit hoher Lehne, der mit Ornamenten aus Messing und Silber verziert war, und stand erhöht auf einem Podest mit drei Stufen. Adalbert war ein verdienter Kämpfer von sechzig Jahren. Sein Gesicht war von Falten zerfurcht, und auf seinem schlohweißen Haupt saß eine Krone in Form eines drei Finger breiten, schmucklosen goldenen Bandes, das ihn als Regenten auswies.
»Das ist lange her. Folkwards Vormund ist schon lange tot, und keiner von uns vermisst ihn«, sprang Baldwin Quintus zur Seite. Dann wandte er sich direkt an seinen Freund: »Du hast hier kein leichtes Leben gehabt. Wir alle wissen, was geschehen ist. Niemand kann dir verdenken, dass du fortwolltest. Du warst nicht der Erste aus unserem Stamm, der ein neues Leben jenseits des Rheins begonnen hat, und du wirst nicht der Letzte bleiben, denn das Rad der Zeit dreht sich immer weiter. Noch dazu bist du als Mann bekannt, der Verstand besitzt, und ich finde, dich anzuhören ist das mindeste, was wir dir gewähren sollten, und sei es auch nur aus der Höflichkeit heraus, die die Gastfreundschaft gebietet.«
Die Mehrzahl der Ratsmitglieder, allesamt Männer über vierzig mit wettergegerbten Gesichtern, die sich auf ihre in bunt bemalten Scheiden verstauten Langschwerter stützten, nickte zustimmend und schwieg. Baldwins Wort galt hier viel. Als halber Römer in einem Germanendorf aufzuwachsen, war kein Zuckerschlecken gewesen, aber Quintus hatte sich stets tadellos verhalten, um denen, die nur darauf gelauert hatten, keine Angriffsfläche zu bieten. Er bewunderte seinen alten Freund für die weise gewählten Worte. Wäre Baldwin damals mit ihm in die Colonia gezogen, hätte er wohl auch einen hervorragenden Anwalt abgegeben. Aber Baldwin war unzertrennlich mit dem Stamm, dem Wald und dem Boden verbunden. Er hasste die Römer nicht, wie die meisten hier, doch ihre Errungenschaften beeindruckten ihn auch nicht. Er hielt es nicht für nötig, auch nur ein Wort Latein zu lernen, wie es manche der örtlichen Händler taten, die ins römisch besetzte Germanien pendelten, weil es ihre Arbeit erleichterte. Er hatte andere Werte und Ziele, und er hätte das Dorf niemals verlassen. Erst recht nicht mehr, wo er nun Familie hatte und zum Dorfsprecher aufgestiegen war. Dieser Posten kam dem eines Häuptlings gleich, das hieß, Baldwin musste niemandes Befehlen außer denen des Königs gehorchen. Bei seinen Nachbarn war er hinter vorgehaltener Hand sogar als potenzieller Nachfolger von Adalbert, um den es gesundheitlich angeblich nicht gut stand, im Gespräch. Dabei hatte Baldwin gar keine Bestrebungen zu herrschen. Er war zufrieden mit seinem Leben, so wie es war.
Die Männer hatten begonnen, miteinander zu tuscheln und zu flüstern, während sie Quintus skeptische Blicke zuwarfen, jetzt ging Adalbert dazwischen.
»Ruhe!«, brauste der König auf. Er hatte eine heisere, etwas brüchige Stimme, die aber immer noch eine enorme Lautstärke erreichen konnte. »Ich will wissen, was Folkward zu sagen hat. Sprich, Bursche!«
»Danke, mein König«, sagte Quintus und deutete eine Verbeugung an. Dann trat er vor. Er spürte, wie plötzlich Nervosität in ihm aufstieg, doch er drängte sie erfolgreich zurück. Hier ging es um viel, und Menschen zu überzeugen war sein Beruf – und die, die ihn hier umgaben, hatten nicht den Hauch einer Ahnung, was er zwischenzeitlich getan und gelernt hatte. Doch er wollte auch nicht, dass die Männer den Eindruck bekamen, einen Römer, einen Feind vor sich zu haben, sie sollten wissen, dass er einer von ihnen war. Mit der Mission, die er hier erfüllte, wollte er nicht nur seiner neuen Heimat, der Colonia, Ärger ersparen, sondern auch seiner alten. Aber er musste vorsichtig sein. Er durfte die Anwesenden nicht kränken, durfte ihnen auf keinen Fall das Gefühl geben, dass sie alle Diebe wären oder nicht wüssten, was in ihrem Stamm los war.
»Und danke euch, den Dorfältesten, dass ihr mich anhört«, begann er seine Ausführungen. »Ich wünschte, es wäre ein freudigerer Anlass, der mich zu euch führt. Aber es ist eine heikle Lage, die mich zur Rückkehr zwingt. Eine, die ernste Folgen haben kann, sowohl für die große Stadt jenseits des Flusses, in der ich seit Jahren lebe, als auch für euch, die ihr in der Freiheit der Wälder lebt.«
Damit hatte er die volle Aufmerksamkeit der usipetrischen Würdenträger. Sie schienen erstaunt, wie gewählt er sich ausdrückte. Er war wahrlich nicht mehr der kleine halbfreie Bastard, den sie kannten. Quintus beschloss, nicht zu übertreiben. Das hier war kein römisches Gericht, zu viel Rhetorik würde die Anwesenden nur überfordern, und auch in der Art der Argumentation musste er sich den örtlichen Sitten und Werten anpassen.
»Seit fast zwei Monaten werden rund um die Colonia Überfälle begangen. Männer auf Pferden haben mehrere Landgüter ausgeraubt und einige der Bewohner verwundet. Es gab auch Todesopfer. Vor kurzem hat diese Bande sogar mitten in der Stadt zugeschlagen, einen Mann verletzt und die Bewohner in Angst und Schrecken versetzt. Ich arbeite für die Gerichtsbarkeit der Colonia, und seit einigen Tagen versuche ich herauszufinden, wer für diese Taten verantwortlich ist.«
»Schön und gut, aber was hat das mit uns zu tun?«, fragte Dagwin ungeduldig und rief seinen Mitstreitern zu: »Ich habe euch doch gesagt, dass er nur unsere Zeit verschwendet.«
»Lasst ihn weitersprechen!«, forderte Adalbert.
Quintus setzte seine Ausführungen fort: »Es hat möglicherweise mehr mit euch zu tun, als euch lieb ist, großer Dagwin. Denn ich habe mit mehreren Augenzeugen gesprochen, die die Schufte aus nächster Nähe gesehen haben. Und alle haben übereinstimmend ausgesagt, dass es sich um ›Germanen‹ gehandelt hat, wie die Römer uns nennen.«
Er machte eine bedeutungsvolle Pause und behielt dabei den Ältestenrat genau im Auge. Um nicht respektlos zu wirken, konnte er die Männer nicht geradeheraus fragen, ob sie etwas mit den Überfällen zu tun hatten. Einige flüsterten miteinander, andere sahen sich nur verdutzt an. Quintus suchte nach Anzeichen von Schuld, von Täuschung, aber er bemerkte, dass Überraschung und Verwirrung vorherrschten, was dafür sprach, dass die Anwesenden nichts mit den Taten zu tun hatten.
»Wie kannst du denn sicher sein, dass auch Usipeter unter diesen Verbrechern waren?«, fragte einer der Ältesten, der sich bisher nicht zu Wort gemeldet hatte.
»Die Räuber hatten Gesichtsbemalungen, wie sie für einige der Stämme typisch sind, wenn sie sich auf dem Kriegspfad befinden. Ein Zeuge, der aus einem weit entfernten Gebiet des römischen Imperiums stammt, unsere Sitten nicht kennt und daher ganz unvoreingenommen ist, hat mir die Farben und Muster genau beschrieben. Danach deutet alles darauf hin, dass die Verbrecher, die im Begriff sind, die ganze Provinz gegen sich aufzubringen, Sugambrer, Usipeter und Marser sind. Was, glaubt ihr, wird die Reaktion der Römer sein, wenn diese Übergriffe nicht bald enden? Auf dem Thron in Rom sitzt immer noch Domitian – ihr kennt seinen Namen und wisst, wozu er fähig ist. Ich will mir gar nicht ausmalen, was dann passiert!«, sagte Quintus mit einem gekonnt dosierten Schaudern, um dann bedeutsam zu schweigen, so dass man für einen Moment nur das Knistern des Feuers hörte.
»Du meinst, es könnte zu einem Krieg kommen«, verstand König Adalbert und lehnte sich nachdenklich in seinem Thron zurück.
»Im schlimmsten Fall. Ich kenne die Römer. Sie lassen sich nicht ungestraft etwas wegnehmen«, bestätigte Quintus. »Aber vielleicht gibt es einen Weg, das zu verhindern.« Er wusste, dass er Gefahr lief, zu fordernd zu klingen, doch er durfte nicht darauf vertrauen, dass Adalbert von allein auf die Idee kam, etwas zu unternehmen.
König Adalbert sah ihn aufmerksam an. Er griff nach seinem Trinkhorn, das in einer geschnitzten Halterung an der rechten Lehne seines Throns hing, und nahm einen großen Schluck Bier daraus. Man merkte, dass es in ihm arbeitete, auch wenn sein Gesicht wie versteinert war und keinen seiner Gedanken verriet.
»Sprich weiter, Folkward, oder wie auch immer du dich nun nennst«, forderte ihn der König mit heiserer Stimme auf.
»Die Überfälle müssen aufhören. Das ist im Interesse der Römer ebenso wie in eurem«, fuhr Quintus fort und kam langsam in Fahrt. Seine Muttersprache ging ihm immer leichter über die Lippen. Und das war gut so, denn es verlieh seinen Argumenten Gewicht. »Noch haben wir Zeit, das drohende Unheil abzuwenden. Mit diesem Vorsatz bin ich zu euch gekommen. Ich mag nach den Sitten der Römer leben, und ich tue es aus voller Überzeugung, aber zugleich schlägt in meiner Brust immer noch das Herz eines Usipeters. Ich will keine Gewalt, kein Feuer, kein Leid. Ich stehe hier und brauche eure Hilfe, um dieses Rätsel zu lösen und Licht ins Dunkel zu bringen, damit wir alle weiter in Frieden leben können«, schloss er.
Die Dorfältesten sahen sich verunsichert an. Der König brauchte jedoch nicht lange, um Stellung zu beziehen. Adalbert straffte sich auf seinem Thron. Er räusperte sich, lehnte sich vor und stemmte seine Hände auf die Knie, die Ellenbogen zur Seite gerichtet. Er hatte etwas Wichtiges zu verkünden, und alle hingen gespannt an seinen Lippen.
»Folkward hat gut gesprochen. Wir sind ihm dankbar für seinen Bericht. Wenn ein paar unserer Männer ohne meine Einwilligung auf der anderen Seite des Flusses plündern, muss ich das wissen. Und wenn es wahr ist, wäre es in unser aller Interesse, es schleunigst zu unterbinden. Keiner hat so etwas hinter meinem Rücken zu tun. Keiner! Mein Vorgänger hat den Fehler gemacht, sich auf der Nase herumtanzen zu lassen. Ich werde das auf keinen Fall wiederholen.«
Mit Vorgänger meinte Adalbert seinen Vetter Berengar, der im Wahlkampf zwar mit Wortgewandtheit und Tatendrang beeindruckte, sich aber gleich nach Beginn seiner Amtszeit als schwächlicher Zauderer erwiesen hatte, woraufhin er bald wieder abgewählt worden war. Seine Frau hatte ihn daraufhin verlassen und war mit einem anderen durchgebrannt. Der Arme würde sein ganzes Leben nicht mehr glücklich werden. Ein germanischer Thron war wacklig, und viele Könige wurden schneller von ihm gestoßen, als sie ihn besteigen konnten. Adalbert hielt sich immerhin schon fünf Jahre, eine ungewöhnlich lange Zeit, und er hatte bei der letzten Wahl zwei ernsthafte Gegenkandidaten weit hinter sich gelassen. Darauf konnte er stolz sein.
Die Ältesten schlugen ihre Waffen aneinander, ein bedeutendes Zeichen der Zustimmung. Quintus war erleichtert. Er hatte den langen Weg wohl nicht vergeblich zurückgelegt. Sein Plan hatte funktioniert.
»Ich danke euch«, richtete er sich an den Ältestenrat und fügte hinzu: »Eines noch: Einer der Täter ist besonders auffällig. Er hat auf dem linken Unterarm eine Bemalung, die man nicht abwaschen kann. Ein Symbol, das an eine Forke erinnert.«
Baldwin ergriff wieder das Wort: »Mein König, ich schlage vor, Boten in die anderen Dörfer zu entsenden, die sich umhören sollen. Auch in die Siedlungen der anderen Stämme können wir welche schicken. Sie sollen uns morgen Bericht erstatten. Eine absolute Verschwiegenheit gibt es nicht. Irgendjemand redet immer. Vielleicht kennt jemand den Mann, den Quintus beschreibt. Wenn unter uns Räuber sein sollten, die sich auf römisches Gebiet wagen, dann werden wir es herausfinden!«
»Recht hast du. Selbst wenn nur Gerüchte kursieren, wäre das schon aufschlussreich. Wir müssen erfahren, was dahintersteckt«, stimmte Adalbert entschieden zu und trank den Rest Bier aus seinem Trinkhorn. Erneut schlugen die Ältesten ihre Waffen aneinander. Der König hob die Hand, machte eine dramatische Pause und rülpste laut. Die Männer lachten schallend, und die Anspannung, die sich im Raum angestaut hatte und die auch Quintus deutlich gespürt hatte, löste sich auf. Damit war das Treffen beendet, und die Männer des Rates strömten eifrig diskutierend zur Pforte hinaus. Dagwin gab nun keinen Mucks mehr von sich und warf dem Mann, den er als Folkward kannte, nur neidische Blicke zu.
Quintus legte freundschaftlich den Arm um Baldwins Schulter, und der erwiderte mit zufriedener Miene die Geste. Für einen Moment waren die beiden wieder die kleinen Jungen, die miteinander im Wald spielten, sich die Welt erschlossen und zusammen durch dick und dünn gingen. Quintus hatte in der Colonia viel erreicht und viel gewonnen, aber wahre Freunde, so wie Baldwin einer war, hatte er dort nie gefunden.