Da es zu spät war, um heute noch die Rückreise zur Colonia anzutreten, und auch Baldwins Boten erst am nächsten Tag zurückerwartet wurden, hatten Quintus und Lucretia beschlossen, die Nacht im Dorf zu verbringen. Baldwin sah es als selbstverständlich an, dass der alte Freund und seine Begleiterin in seinem Haus blieben. Margard gab sich größte Mühe, die Besucher angemessen zu bewirten, und kochte, was die Küche herab. Sie grillte ein Spanferkel über der Feuerstelle und bereitete dazu einen Eintopf aus Sellerie und Löwenzahn zu. Er war mit Bohnenkraut gewürzt, einer Pflanze, deren Geschmack Lucretia noch nicht kannte, aber der ihr zusagte. Das Essen schmeckte gut, es war erdig und gesund, aber etwas fad – Salz und Pfeffer waren hier kaum verbreitet. Dafür war die Stimmung umso besser. Bei einem römischen Mahl, bei dem die Männer auf Liegen ruhten und die Frauen auf Korbsesseln danebensaßen, konnte es natürlich auch sehr ausgelassen zugehen, aber es wirkte doch förmlicher, viel ritualisierter. Hier saßen Männer und Frauen zusammen am Feuer, tranken Bier, lachten und redeten durcheinander. Diese Unbeschwertheit, diese Gemütlichkeit, für die sie in ihrer Muttersprache gar kein richtiges Wort fand, gefiel Lucretia. Überhaupt hatte sie den Eindruck, dass die Sphären der Männer und der Frauen sich bei den Germanen mehr überschnitten und sie Aufgaben häufiger gemeinsam bewältigten. Ein römischer Hausherr hätte seinen Küchensklaven niemals geholfen, aber Baldwin, der neben dem König als der mächtigste Mann im Dorf galt, war sich nicht zu fein, die Möhren für Gelsa zu schälen. Er strahlte eine Bescheidenheit aus, die den römischen Herrschern längst verlorengegangen war. Lucretia erinnerte sich an die Legende von Cincinnatus, die sie von ihrem Lehrer Menelaos einst gehört hatte. Cincinnatus hatte vor fünfhundert Jahren gelebt und war als Bauer zum Konsul Roms gewählt und damit zum mächtigsten Mann des Reichs gemacht worden. Er hatte Rom gut und gerecht verwaltet und vor kriegerischer Bedrohung geschützt. Und nach Ablauf seiner Amtszeit war er unverzüglich zurück auf seinen Hof gegangen, hatte seinen Ochsen vor den Pflug gespannt und wieder so bescheiden wie zuvor gelebt, als sei nichts gewesen. Das hatte ihn zum Musterbeispiel für die Bürgertugend gemacht. Doch das war lange her und so gut wie vergessen. Heute gingen Römer in erster Linie in die Politik, um sich die Taschen vollzustopfen, und sie klammerten sich an die Macht, so lange sie konnten. So war zumindest Lucretias Eindruck.
»Papa, erzähl uns eine Saga!«, rief Baldwins älteste Tochter. »Nun gut, welche wollt ihr hören?«
»Die mit dem Hugr, der den Schatz findet.«
Baldwin sammelte seine Gedanken, während er das Ferkel am Spieß langsam über dem Feuer drehte.
»Was ich euch erzähle, hat sich vor langer, langer Zeit zugetragen. Ein Herzog der Usipeter, Guntram, war eines gar guten, friedliebenden Herzens«, begann Baldwin und legte dabei das Pathos eines geübten Geschichtenerzählers in seine Stimme. Er bemerkte Lucretias unsicheren Blick, die kein Wort verstand. Baldwin fand es wichtig, dass auch sie etwas über das Land lernte, in dem sie sich zu Gast befand, und sah sich hilfesuchend nach Quintus um. Doch der war nach draußen gegangen, und so sprang Gelsa, der Lucretias Blick ebenfalls nicht entgangen war, ein.
»Die Suppe braucht mich gerade nicht, und ich freue mich, mal wieder Latein zu sprechen«, bot sie an. Baldwin nickte. »Einmal war Guntram auf die Jagd gegangen, und seine Diener hatten sich hierhin und dahin zerstreut. Bloß ein einziger, sein liebster und getreuester, war noch bei ihm geblieben. Da befiel den Herzog große Müdigkeit. Er setzte sich unter einen Baum, legte sein Haupt in des Dieners Schoß und schloss die Augenlider zum Schlummer. Als er nun eingeschlafen war, schlich aus des Herzogs Mund ein Tierchen hervor in Schlangenweise, lief fort, bis es zu einem fließenden Bach gelangte. An dessen Rand stand es still und wollte gern hinüber. Guntrams Diener, in dessen Schoß er ruhte, hatte das alles mit angesehen, zog sein Schwert aus der Scheide und legte es über den Bach hin. Auf dem Schwerte begab sich nun das Tierchen hinüber und lief bis zum Loch eines Berges, da hinein schlüpfte es.«
Gelsa übersetzte die Erzählung flüsternd für Lucretia, die gebannt ihren Worten lauschte. Sie liebte es, Geschichten zu hören. Lucretias Eltern hatten ihr nur selten welche erzählt, doch dank ihres Hauslehrers war sie mit den phantasievollen Überlieferungen der Griechen und Römer sehr vertraut. Sie zu kennen, galt als Zeichen von Bildung und Zivilisiertheit. Und auch Nephele hatte ihr die Legenden aus ihrer Heimat Zypern erzählt. Doch diese Geschichte war ganz anders als alle, die sie kannte. Ein schönes, geheimnisvolles Rätsel, wie es sich nur in einem endlosen Meer aus grünen Blättern formen konnte.
»Nach einigen Stunden kehrte das Tierchen zurück und lief über die Schwertbrücke wieder in den Mund des Herzogs«, fuhr Baldwin fort. Das Fleisch des Spanferkels brutzelte über der offenen Flamme, in die zischend der Saft tropfte. »Der Herzog erwachte und sagte zu seinem Diener: ›Ich muss dir meinen Traum erzählen und von dem Wunderbaren, das ich gesehen habe. Ich erblickte einen großen Fluss, darüber war eine eiserne Brücke gebaut. Auf der Brücke gelangte ich hinüber und betrat die Höhle eines hohen Berges. In der Höhle lag ein unsäglicher Schatz der alten Vorfahren.‹ Da berichtete der Diener ihm alles, was er während seines Herren Schlaf gesehen hatte. Darauf ward an jenem Ort gegraben und eine große Menge an Gold und Silber gefunden, das seit Zeiten dort verborgen war. Von da an lebte unser Volk in Wohlstand und Glück. Aus Dank erhob der Stamm Guntram zum ersten König der Usipeter und baute ihm den Thron, den ihr noch heute in Adalberts Halle sehen könnt.«
Alle applaudierten, auch Lucretia. Die Geschichte hatte sie auf merkwürdige Weise berührt. Sie passte in diese Welt, die ihr gar nicht so fremd war, wie sie immer gedacht hatte. Sie war als Römerin geboren, hatte aber Rom noch nie gesehen. Germanien war ihre Heimat, auch wenn die Colonia eine kulturelle Insel inmitten des großen Landes war. Die Luft, das Wasser, die Erde, hatte das alles doch seine Spuren in ihr hinterlassen? War sie am Ende germanischer, als sie sich eingestand? Vielleicht würde sie sich in Italien oder Mauretanien noch viel fremder fühlen.
Nach dem Essen wollte Baldwin mit Margard und den Kindern einen Verdauungsspaziergang machen. Gelsa räumte das benutzte Geschirr weg, und Quintus und Lucretia saßen sich allein am Feuer gegenüber.
Lucretia bemerkte, wie nachdenklich er in die Flammen starrte.
»Ich habe öfter das Wort Folkward gehört, wenn Leute mit dir sprechen«, sagte sie. »Was bedeutet das?«
»Das ist ein Name«, erwiderte Quintus. »Mein Name. Der Name, den mir meine Mutter gegeben hat.« Er seufzte.
»Und seit wann nennst du dich Quintus?«
»Seit meiner Adoption.«
»Ich finde Folkward auch sehr schön«, sagte Lucretia, »es klingt edel und stark.«
»Sag das mal Pola«, lachte Quintus mit leichtem Kopfschütteln. »Sie hasst meinen Geburtsnamen.«
»Wie schade. Jeder sollte dazu stehen dürfen, wer er ist und woher er kommt.«
Quintus betrachtete Lucretia durch das Feuer. In seinem warmen Schein wirkten ihre Gesichtszüge und die gewellten dunklen Haare, die sie einrahmten, faszinierend schön. Diese junge Frau überraschte ihn immer wieder. In ihrem Alter war er nicht halb so aufgeweckt gewesen. Seine Gedanken hatten nur um ihn selbst gekreist, nicht darum, Zusammenhänge zu verstehen und Verbrechen aufzuklären. Lucretia schien über einen besonderen Antrieb zu verfügen und hatte zweifelsfrei auch ein seltenes Talent.
»In der Colonia zu leben, dort angesehen zu sein, ist ein Privileg für jemanden wie mich«, erklärte er. »Du siehst ja, woher ich komme. Und diesen langen Weg legt man nun einmal nicht zurück, ohne Federn zu lassen.« Er nahm einen Stock und stocherte damit in der Glut. Das noch nicht verbrannte Holz sackte zusammen, und die Flammen züngelten wieder höher, wobei knisternde Funken in die Luft flogen.
Lucretia nahm noch einen Schluck Bier aus ihrem Humpen. Es schmeckte ihr immer besser, und sie war schon ein bisschen beschwipst.
»Zu schade, dass sie nicht deine Frau ist! Wenn schon eine Römerin, dann eine wie sie«, rief Gelsa ihrem Sohn auf Germanisch aus der Küchenecke zu.
»Was hat deine Mutter gesagt?«, fragte Lucretia leise. Quintus wollte das nicht vertiefen und antwortete: »Sie sagt, dass sie dich mag. Alle hier würden dich gleich adoptieren.«
Lucretia blickte gerührt zu Boden. Sie fühlte sich geschmeichelt.
»Was hast du eigentlich gemacht, während ich bei den Dorfältesten war?«, wollte er wissen.
»Ich habe gelernt, wie man mit dem Bogen schießt. Von einem Mädchen, Hilda, die so alt ist wie ich, aber viel größer. Meine Güte, sind die Frauen hier groß! Ich glaube, sie hat mir erzählt, dass sie auf die Jagd geht. Auf die Jagd! Stell dir das mal vor!«, sprudelte es aus Lucretia hervor. »Die Pfeile waren schwerer, als ich erwartet habe. Es war ein unglaubliches Gefühl, ich hab mich … stark gefühlt. Wie Diana. Es war toll! Mensch, ich wünschte, Mutter hätte mich so gesehen, ihr wären die Augen aus dem Schädel gesprungen«, prustete sie und zog eine Grimasse, die wohl Cäcilias entsetztes Gesicht darstellen sollte. »Dann kamen noch zwei Freunde von Hilda dazu. Wir haben uns gegenseitig Wörter aus unseren Sprachen erklärt.«
»Lass mich raten«, schmunzelte Quintus, »die schmutzigen zuerst? Schimpfworte sind immer am interessantesten.«
Lucretia lachte, vom guten Bier mittlerweile sehr angeheitert. »Jetzt weiß ich, was culus, cauda, sinus und futuere in deiner Muttersprache heißen! Bringst du mir noch mehr dreckige Worte bei, Quintus?«
»Ich glaube, du hast …«
»Bitte, Quintus, bitte!«
»Morgen vielleicht«, beschwichtigte er. Sie hatte eindeutig zu viel Bier getrunken. Es war beeindruckend, wie viel sie vertrug. »Aber erst mal hauen wir uns aufs Ohr«, schlug er vor und gähnte.
Gelsa hatte ihnen ein paar Wolldecken bereitgelegt, in die sie sich einwickeln und einfach auf den Boden legen konnten. Quintus griff sich zwei und streckte sich ohne zu zögern aus. Lucretia war etwas zurückhaltender. Prüfend hielt sie sich eine Decke an die Nase. Sie war schon lange nicht mehr gewaschen worden und roch nach menschlichen Ausdünstungen. Aber sie wollte vor Gelsa, die sie mütterlich ansah und ein paar germanische Worte von sich gab – höchstwahrscheinlich wünschte sie ihr eine gute Nacht –, nicht zimperlich dastehen. Also setzte sie ein fröhliches Gesicht auf, wickelte sich in die Decken und ließ sich in einer Ecke nieder. Kaum hatte sie den Boden berührt, war sie auch schon in Somnus’ Reich angekommen.
Am nächsten Morgen ging Quintus mit Baldwin zurück zur Königshalle. Die Sonne strahlte von einem makellos blauen Himmel, es würde ein warmer Tag werden. Der Duft von Apfelblüten stieg ihm in die Nase und erinnerte ihn an seine Kindheit. Im nebligen Herbst und gnadenlosen Winter konnte einem diese Landschaft aufs Gemüt schlagen, doch im Frühling war sie an Schönheit kaum zu überbieten, und die Laune der Dorfbewohner hob sich dann zuverlässig.
Adalbert bewohnte für germanische Verhältnisse prächtige, für römische Verhältnisse bescheidene Gemächer, die sich direkt an den Thronsaal anschlossen und nur wenig größer waren als der Wohnbereich der meisten Langhäuser. Verschwendungssucht war den Germanen zuwider, Zierrat erschien ihnen überflüssig. Königin Uta, Adalberts besonnene Gattin, kümmerte sich um den Haushalt, wobei ihr zwei Sklavinnen, die dem Aussehen nach aus anderen germanischen Stämmen kamen, zur Hand gingen. Ihre sieben Kinder waren allesamt erwachsen. Die Töchter waren verheiratet, manche von ihnen lebten in anderen Dörfern, die Söhne waren Krieger und Händler.
Quintus und Baldwin waren erstaunt, den Regenten nackt in einem hölzernen Badezuber vorzufinden, aus dem das heiße Wasser dampfte.
»Kommt herein, tut euch keinen Zwang an!«, rief er den beiden zu, als er sie am Türrahmen erblickte. Sie kamen näher. Auch wenn die Situation unverhofft war, fand Quintus es löblich, dass das Stammesoberhaupt so reinlich war und badete, wie es auch die Römer in ihren Thermen taten.
»Heute ist der erste Donarstag im Monat, Zeit für mein Bad«, sagte der König zufrieden, »erst recht, wo ich es den Monat davor doch wegen der Reise zu den Brukterern ausgelassen habe.«
Nun gut, immerhin badete er überhaupt, da hatte er vielen seiner Untertanen etwas voraus. Die Germanen waren technologisch gar nicht so rückständig, wie die Römer immer glaubten, doch die Vorurteile bezüglich mangelnder Körperhygiene waren leider begründet. Seine Mutter hatte immer gesagt, es sei besser für die Haut, nicht so oft zu baden. Nur eine Ausrede der Menschen, die zu faul waren, sich zu waschen, hatte Quintus erst viel später verstanden. Wo es hier doch Wasser im Überfluss gab! Doch in den hiesigen Gewässern zu schwimmen, die die meiste Zeit des Jahres eiskalt waren, machte keinen Spaß. Quintus konnte es kaum erwarten, nach seiner Rückkehr wieder die Thermen zu besuchen, und er war sich sicher, dass es Lucretia ähnlich ging.
»Was haben deine Boten herausgefunden, Baldwin?«, fragte der König, während er sich dampfendes Wasser in den weißen Bart rieb.
»Leider nicht viel, mein König. Die Boten, die in usipetrischen Dörfern waren, berichten genau das Gleiche wie diejenigen, die bei unseren Nachbarn vorbeigeschaut haben«, erklärte Baldwin. »Alle sagen, dass sie nichts von Überfällen auf römisches Territorium wissen. Auch den Mann mit der Körperbemalung, den Quintus beschrieben hat, kannte niemand. Die Dorfsprecher schwören Stein und Bein, dass keiner ihrer Männer solche Raubzüge unternommen hat. Es habe in letzter Zeit auch niemand dauerhaft den Dörfern den Rücken gekehrt. Die Marser haben sich zudem gewundert, dass einer, der aus ihrer Mitte stammt, sich auf einen Pferderücken gesetzt haben soll, denn der Stamm züchtet Pferde ja nur, um sie zu essen, und die Krieger kämpfen zu Fuß.«
Quintus registrierte dieses Detail aufmerksam.
»Die Sugambrer waren auch erstaunt über den Bericht unserer Boten«, fuhr Baldwin fort. »Wenn von ihnen Männer an der Aktion beteiligt gewesen wären, hätte sich das sicher herumgesprochen. Und ein Trupp von Räubern wächst schnell, wenn sich herausstellt, dass man ungehindert Beute machen kann. Wenn es etwas zu holen und danach darüber zu prahlen gibt, bleibt das unter diesen Raufbolden nie lange geheim.«
Auch das klang für Quintus schlüssig. Die Sugambrer waren als Angeber bekannt, die sich stets – notfalls mit erlogenen Heldengeschichten – über ihre Mitmenschen erheben wollten. Quintus vermutete, dass sie damit die Schmach aufwiegen wollten, dass ihr Stamm vor langer Zeit von den Römern besiegt und teilweise auf die andere Seite des Rhenus zwangsumgesiedelt worden war. Dazu waren vor vier Jahren erneut viele Sugambrer im Krieg gefallen. Sie hatten als Verbündete an der Seite der Chatten gekämpft, die von Kaiser Domitian angegriffen worden waren und große Teile ihres Gebietes an die Römer verloren hatten. Rückblickend bereuten die Sugambrer das Bündnis. Es war viel Blut für nichts vergossen worden, und zu allem Überfluss, so besagten Gerüchte, begannen die Römer, das eroberte Territorium nun mit einem riesigen Zaun zu sichern. Die Chatten würden ihr Land wohl niemals zurückbekommen, und der Stamm der Sugambrer war so dezimiert wie nie zuvor. Gerade deshalb hätten sie sich sicherlich mit ihren Taten gebrüstet.
Baldwin wandte sich nun an Quintus: »Es tut mir leid, dass wir nicht mehr herausfinden konnten, alter Freund.«
Quintus war zwar erleichtert, aber auch ratlos, hatte er doch eine Zusammenrottung von abtrünnigen Kriegern für die plausibelste Erklärung gehalten.
»Es sieht ganz so aus, als wärst du einer falschen Fährte gefolgt, Junge«, stellte König Adalbert fest.
»Mich freut die Unschuld der Usipeter«, sagte Quintus, »und ich danke Euch, großer Adalbert, dass Ihr mir Eure Hilfe gewährt habt. Vielleicht erweisen sich diese Informationen doch noch als wichtiger, als es jetzt aussieht.«
»Ich bin nur froh, dass keiner meiner Männer Ärger macht«, erwiderte der König. »Allerdings ist damit das Problem nicht gelöst. Die Räuber mögen nicht aus unseren Reihen stammen, aber sie treiben nach wie vor ihr Unwesen.«
»Und wenn das so weitergeht, bringen sie unseren Stamm und die anderen in Verruf. Damit besteht nach wie vor die Gefahr eines Krieges«, erfasste Baldwin die Lage.
»So schnell lasse ich nicht locker«, versprach Quintus, »ich werde nicht eher ruhen, bis diese Schufte zur Strecke gebracht sind. Aber vielleicht könnt Ihr auch dazu beitragen, dass sich die Schlinge um die Banditen enger zieht.«
»Du wirst uns sicher gleich deinen schlauen Vorschlag unterbreiten«, ahnte König Adalbert.
»Ob er schlau ist, müsst Ihr entscheiden, mein König«, entgegnete Quintus höflich. »Ihr kennt euch in den Wäldern bestens aus. Viele von euch treiben Handel mit der Colonia oder sind regelmäßig als Jäger in der Umgebung unterwegs. Es würde uns allen sehr helfen, wenn Ihr Euren Leuten empfehlt, die Augen offen zu halten. Vor allem nachts, dann, wenn die Räuber meistens zuschlagen.«
»Ich verstehe, worauf du hinauswillst«, sagte Adalbert, während er sich mit der Heiterkeit eines spielenden Kindes Wasser unter die Achselhöhlen schaufelte. »Du willst wissen, ob die Kerle wirklich von hier drüben kommen, oder ob das Problem nicht doch auf eurer Seite des Rheins beheimatet ist.«
»Eure Weisheit wird nur von Eurer Reinlichkeit übertroffen«, entgegnete Quintus schelmisch, was Adalbert aber offensichtlich einzuschätzen wusste – er lachte dröhnend. Germanen hatten Humor, auch wenn die Römer ihn ihnen ständig abzusprechen versuchten.
»Wir könnten Folgendes tun«, hakte Baldwin ein, der alles mit angehört und sich seine eigenen Gedanken gemacht hatte. »Wir schicken eine Woche lang Patrouillen zum Rheinufer. Zwei, drei Wachen reichen. Junge Schützen mit guten Augen, die nachts sicheren Fußes sind. Es gibt nur wenige Stellen, wo der Wald nicht so dicht und das Wasser nicht so tief ist, dass man dort mit einem Floß übersetzen kann. Nur dort werden sich die Räuber zu Beginn eines Beutezuges zeigen. Das sind zehn, vielleicht fünfzehn Stellen in unserem Stammesgebiet, die wir im Auge behalten müssten, mehr nicht. Wenn unsere Krieger etwas Verdächtiges sehen, werden sie das melden oder die Kerle mit Pfeil und Bogen gleich an Ort und Stelle stoppen.«
Quintus nickte. Er fand die Idee hervorragend. Auf etwas in der Art hatte er gehofft. Er war ein bisschen stolz auf sich, hatte er es doch indirekt geschafft, Feinde Roms dazu zu bringen, eine römische Stadt zu beschützen – das sollte ihm erst einmal einer nachmachen.
»So, wie du es gesagt hast, möge es geschehen, Baldwin«, bestätigte der König ohne Umschweife. »Dann wird sich ja zeigen, ob Diebe unter uns sind. Und nun lasst mich allein. Ich will mich noch etwas vergnügen, solange das Badewasser warm ist.«