Die Rückreise kostete Quintus und Lucretia fast den gesamten restlichen Tag, vor allem da sie viel später aufgebrochen waren, als sie es eigentlich vorgehabt hatten. Gelsa wollte sie kaum gehen lassen und bereitete ihnen ein ausgiebiges Mittagessen. Nach einer herzlichen Verabschiedung von ihr und Quintus’ Freunden hatten sie den unbarmherzigen Fußmarsch zurück nach Westen angetreten. Immerhin regnete es nicht, und der Boden war trocken. Anders als auf dem Hinweg fand sich kein freundlicher Händler, der sie ein Stück des Weges mitnahm. Die Wege waren menschenleer, und es schien, als gehörte das Unterholz der Germania Magna nur ihnen beiden. Etwa alle zwei Stunden legten sie eine Rast ein und aßen etwas von dem harten Brot und dem faden Käse, den sie bei sich trugen, bevor sie ihren beschwerlichen Weg fortsetzten. Zu gerne hätte Lucretia mit Quintus die neugewonnenen Informationen beredet und was sie für ihren Fall bedeuteten, doch der reagierte auf ihre Gesprächsversuche nur mit höflichen, aber einsilbigen Antworten. Zuerst fragte sich Lucretia, ob es an ihr lag, immerhin hatte sie sich ziemlich dreist zu ihm nach Hause eingeladen. Doch zugleich war sie sich sicher, dass sie ihm im Dorf keine Schande gemacht, sondern einen guten Eindruck hinterlassen hatte. Er war wohl tief in Gedanken versunken, und sie beschloss, ihn nicht weiter zu stören. Das erlaubte es ihr, die Umgebung genauer wahrzunehmen. Der Wald schien ihr weniger bedrohlich als auf dem Hinweg. Die Bäume, die anfangs für sie alle gleich ausgesehen hatten, ließen sich zunehmend besser unterscheiden, und auch die Tiere, die sich am Wegesrand zeigten oder tief aus dem Gehölz durch ihre Laute auf sich aufmerksam machten, nahm sie mit Interesse wahr. Fast war es, als hätte der Wald ihre Sinne geschärft. Dann geschah, was geschehen musste: Der Riemen ihrer linken Sandale riss ab. Doch Lucretia beklagte sich nicht. Sie biss die Zähne zusammen und ging den Rest des Weges barfuß. Immerhin war der Boden weich, und es mussten keine scharfen Felsen überwunden werden. Quintus nahm keine Notiz von ihren Schwierigkeiten, was sie als Bestätigung dafür wertete, dass sie sich gut schlug und er mit seinen Gedanken wirklich ganz woanders war.
Dort, wo sie das rechte Flussufer betreten hatten, bezahlten sie denselben Flößer wie am Vortag, um sie wieder zurück in den römisch besetzten Teil Germaniens zu bringen. Als sie etwas nördlich der Colonia über das breite, träge dahinfließende Wasser setzten, ging die Sonne bereits unter. Lucretia schaute stromaufwärts, und die Stadt zeichnete sich als gewaltige schwarze Silhouette aus Dächern und Wachtürmen am Horizont ab. Im Hafen, der sich hinter der langen, schmalen vorgelagerten Insel im Fluss befand, wurden noch Schiffe entladen. Es war das erste Mal, dass sie die Stadt aus dieser Perspektive sah, und der Anblick der lebhaften Metropole im Abendrot, dieses Meisterwerks römischer Baukunst, rief in ihr große Erleichterung hervor. Sie hatte das Abenteuer überstanden und war endlich wieder zu Hause. Bisher hatte sie die Colonia, diesen schützenden Ort, immer als eine Selbstverständlichkeit hingenommen. Nun begriff sie zum ersten Mal, was es wirklich hieß, eine Heimat zu haben. Quintus’ Blick hingegen war die ganze Zeit starr geradeaus aufs westliche Ufer gerichtet, und auch der Flößer, ein geselliger Kerl, der seine Kunden bei der Überfahrt gern mit Scherzen unterhielt, konnte nicht zu ihm durchdringen. Weder er noch Lucretia ahnten, dass Quintus ganz ähnliche Gedanken hegte, der Anblick der Colonia heute aber mehr Schmerz als Freude bei ihm auslöste.
Nach einem kurzen Fußweg über die von Grabsteinen gesäumte Grenzstraße, die parallel zum Fluss verlief, kamen die beiden endlich am Nordtor an. Die Aussicht auf ein Ende der langen, schweren Reise ließ sie kurz vergessen, wie sehr ihre Füße schmerzten, und sie legten einen Schritt zu. Doch als sie sich dem Tor näherten, wurde ihnen klar, dass ihnen die größte Herausforderung des Tages noch bevorstand: Eine riesige Menschenmenge hatte sich vor dem Tor versammelt, die von gut einem Dutzend Stadtwachen in Schach gehalten wurde. Protestierende Schreie drangen laut aus dem Durcheinander.
»Was ist denn hier los?«, wunderte sich Lucretia.
»Ich schätze, sie haben die Kontrollen verschärft«, spekulierte Quintus.
Sie näherten sich dem bunt gemischten Pulk, der aus germanischen Händlern, fremdländischen Sklaven und vernarbten römischen Veteranen bestand. Auch die von bunten Tüchern eingehüllte Sänfte eines reichen Patriziers und ein hölzerner, von zwei Ochsen gezogener Reisewagen befanden sich in der Menge. Nun konnten Quintus und Lucretia auch die verärgerten Rufe verstehen: »Lasst uns hinein!«, erschallte es von der einen Seite. »Ihr könnt uns doch nicht zwingen, hier draußen zu übernachten, wo die Räuber umgehen!« von der anderen.
Quintus wollte Klärung und arbeitete sich durch den Pulk Richtung Tor vor, wobei er mit höflichen Worten die Leute zur Seite schob. Er war erschöpft und wollte nur nach Hause. Lucretia folgte ihm auf dem Fuße. Bis sie schließlich vor einem der Marinesoldaten standen, einem jungen Kerl, dem der Tumult sichtlich nicht geheuer war.
»Soldaten, warum lasst ihr die Leute nicht hinein?«, fragte Quintus.
»Wir haben unsere Anweisungen«, antwortete der junge Soldat.
»Nach Sonnenuntergang dürfen nur noch Bürger der Colonia in die Stadt, alle anderen müssen draußen bleiben«, ergänzte eifrig ein älterer Wachmann, der schützend seinen blauen Schild vor sich hielt, so als erwarte er, jeden Moment mit Steinen beworfen zu werden. In Anbetracht der sich zunehmend verschlechternden Stimmung der Wartenden schien es nicht unwahrscheinlich, dass es dazu kommen könnte.
Lucretia blickte auf. Auf den Wachtürmen, die die hölzerne Wand noch um etliche Fuß überragten, waren Bogenschützen postiert, Spezialisten der Marine, die sich zumeist aus Männern aus dem Nahen Osten rekrutierten. Sie dienten vornehmlich der Abschreckung, würden aber wahrscheinlich ohne zu zögern in die Menge schießen, sobald die Lage außer Kontrolle geriet. Aus ihrer Sicht konnte jeder, der sich da unten drängte, ein potenzieller Räuber sein, der etwas Schlechtes im Schilde führte.
»Wenn dem so ist, dann müsst ihr uns durchlassen«, erklärte Quintus. »Ich bin Quintus Tibur, seit vielen Jahren Bürger.«
Die Soldaten beäugten ihn skeptisch und sahen sich dann unschlüssig an. Mit den blonden Haaren, der Wanderkleidung und dem Schweiß und Staub, die von der Reise an ihm klebten, hätte er eher ins Bild der gesuchten Missetäter gepasst. Andererseits sprach er ein fast perfektes Latein – ein besseres sogar als der junge Marinesoldat, der gegen einen schweren illyrischen Akzent ankämpfte.
Lucretia trat vor und sagte: »Ich bin Lucretia Veturius, mein Vater ist Teil der Kurie.«
Die Soldaten musterten sie. Ihre elegante Kleidung und ihre Ohrringe verrieten ihre gehobene Herkunft – ihre schmutzigen, von Dornen zerstochenen nackten Füße hätten aber auch die einer Bettlerin sein können. Sie konnten sich keinen Reim darauf machen.
»Die Konsequenzen wollt ihr euch nicht ausmalen, wenn dem Stadtrat euer Verhalten zu Ohren kommt. Und genau dafür werde ich sorgen, wenn ihr uns nicht sofort hineinlasst«, setzte Lucretia etwas bestimmter nach.
Quintus lächelte still, er war beeindruckt. Lucretia konnte gut die strenge Hausherrin herauskehren, wenn sie musste. Wenn man in einem Haushalt aufgewachsen war, in dem die Eltern Sklaven herumkommandierten, lernte man das wohl automatisch.
»Was ist los? Warum geht es nicht weiter?«, rief eine Stimme aus dem Pulk.
»Wir sind römische Bürger, lasst uns durch!«, rief eine italienisch gefärbte Stimme von ganz weit hinten.
»Vordrängeln gibt es nicht«, antwortete eine empörte Frauenstimme.
»Du wohnst doch sowieso nicht hier, Weib, du kommst auch nicht rein, also spuck’ keine großen Töne«, erwiderte einer der Wachleute. Die Stimmung drohte zu kippen.
Quintus bemerkte die Unsicherheit der beiden Wächter vor sich. Lucretia hatte sie fast so weit, sie brauchten nur noch einen kleinen Schubs.
»Ich bin Anwalt und arbeite im Prätorium. Der Richter, Sergius Orata, ist ein Bekannter von mir. Gerechtigkeit ist ihm das höchste Gut. Er wäre sehr verärgert, wenn ihr Leuten den Einlass verwehrt, die ihn verdienen«, sagte er betont ruhig.
Der ältere Soldat runzelte die Stirn. Der große Germane schien sich tatsächlich gut auszukennen, kaum jemand von außerhalb würde wohl den Namen des Richters kennen. Der Jüngere räusperte sich und lenkte dann ein: »Na gut, geht hinein, schnell.« Er trat zur Seite und gab die Eingangspforte frei. Quintus packte Lucretias Hand, zog sie mit sich und nickte den Soldaten dankend zu, während er auf die rettende andere Seite trat. Endlich waren sie in der Stadt. Sie hatten es geschafft. So schnell sie konnten, eilten sie den breiten Cardo südwärts zur Stadtmitte hinab, und die Stimmen derer vor dem Tor, die heute keinen Einlass mehr bekommen würden, verhallten bald.
Es waren die letzten Minuten, bevor es finster werden würde, und die Hauswände und das Straßenpflaster waren in tiefes Rot getaucht. Gerade als die zwei Rückkehrer in Lucretias Straße abbiegen wollten, bewegte sich etwas auf beiden Seiten in den Arkaden. Fast ein Dutzend bewaffneter Männer trat links und rechts von ihnen schweigend aus den Schatten und bewegte sich bedrohlich auf sie zu. Quintus konnte einige Gesichter erkennen, es waren einfache Leute, Handwerker, die offenbar, getrieben von der Angst vor den germanischen Räubern, eine Bürgerwehr gegründet hatten.
»Wer seid ihr, was macht ihr hier?«, fragte einer, der Quintus abschätzig musterte.
»Nur Agrippinenser, die nach einer langen Wanderung heimkehren«, erklärte der ruhig.
Die Männer kreisten sie ein. Einige trugen die Werkzeuge, die sie tagsüber in ihrem Beruf verwendeten, nun als Waffen. Hier ein Schnitzmesser, dort eine Axt.
Ein grobschlächtiger Mann mit einem Teigroller in der Hand, wohl ein Bäcker, baute sich bedrohlich vor Quintus auf. »Wer sagt uns, dass du nicht einer von denen bist? So wie du aussiehst?« Mit dem letzten Satz stieß er ihn provozierend gegen die Brust. Quintus stolperte einen Schritt zurück und hob beschwichtigend die Hände.
»Bitte, wir wollen nur nach Hause. Wir sind nicht auf Ärger aus.«
»Soso, ich hab gedacht, ihr Germanen wärt so harte Kerle«, lachte der Bäcker, und einige seiner Kumpane stimmten ein. Böse grinsend machte er einen weiteren Schritt auf Quintus zu.
»Lasst die beiden, das sind ehrenwerte Leute«, sagte da einer der Männer und trat hervor. Es war Maxentius, der Tuchhändler. Er hielt einen Knüppel in der Hand.
»Maxentius«, sagte Lucretia erleichtert. Nun begriffen auch die anderen Männer, dass sie sich kannten und alles in Ordnung war. Manchen war ihr Verhalten nun sichtlich peinlich. Nur der Bäcker beäugte Quintus und Lucretia weiterhin argwöhnisch.
»Verzeiht unser Misstrauen«, sagte der Mann mit dem Schnitzmesser, »wisst ihr nicht, dass eine Ausgangssperre herrscht?«
»Wir haben meine Schwester außerhalb der Stadt besucht und erfahren erst in diesem Moment davon«, erklärte Lucretia schnell.
»Nun, jetzt wisst ihr es«, erwiderte der Bäcker patzig.
Die Bürgerwehr zog schweigend weiter, bog um die Ecke und verschwand in einer Nebenstraße. Die nächtliche Finsternis verschluckte ihre schwarzen Silhouetten wie eine Gespensterkompanie. Lucretia atmete auf.
»Komm, ich begleite dich noch bis zu eurem Haus«, sagte Quintus, der versuchte, sich seine Erschütterung über die Begegnung nicht anmerken zu lassen.
»Ach, das ist nicht nötig«, wehrte Lucretia ab, die nicht wollte, dass ihre Mutter sie vielleicht zusammen sah und falsche Schlüsse zog. »Danke, dass du es mit mir ausgehalten hast. Trotz ihrer Beschwerlichkeit war es eine schöne Reise. Die ich niemals vergessen werde.«
»Das freut mich zu hören. Dann schlaf gut im eigenen Bett«, antwortete er, hob zum Abschied die Hand und ging in die entgegengesetzte Richtung davon, in die die Bürgerwehr verschwunden war.
Plötzlich stand Lucretia ganz allein da. Die Stadt war ungewohnt still und ungewohnt dunkel. Sie fühlte sich nicht mehr wie der Ort an, den Lucretia verlassen hatte. Die Colonia hatte sich verändert, oder war es sie selbst, die sich verändert hatte? Lucretia spürte, wie eine Gänsehaut über ihre Arme kroch und sich ein flaues Gefühl in ihrem Magen ausbreitete. Plötzlich wollte sie nur noch nach Hause, in die schützenden Arme von Vater und Mutter. Sie rannte los, so schnell ihre geschundenen Füße sie trugen.