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Lucretia erwachte mit schmerzenden Gliedern. Ein Preis, den sie gerne zahlte. Doch so spannend das germanische Abenteuer auch gewesen war, war sie doch erleichtert, wieder in der Colonia mit all ihren Annehmlichkeiten zu sein. Zum Glück hatten ihre Eltern keinen Verdacht geschöpft, als sie gestern nach Anbruch der Dunkelheit zu Hause angekommen war. Wie abgesprochen, hatte die Sklavin Cäcilia und Magnus glauben gemacht, Lucretia wäre über Nacht bei ihrer Schwester auf dem Land gewesen. Der Mutter war zwar aufgefallen, dass sie bei der Rückkehr keine Schuhe trug, doch sie hatte Lucretias Ausrede, die Sandalen wären in einem Bach verlorengegangen, nicht angezweifelt. Einzig ihre Schwester würde ihre Täuschung also noch entlarven können, aber die war nur noch selten in der Stadt. Lucretias gefährlicher Ausflug mit Quintus ins Barbarenland würde also weiterhin ein Geheimnis bleiben.

Cäcilia hatte jedoch darauf bestanden, das verlorene Paar Schuhe durch ein neues zu ersetzen. Lucretia durchschaute schnell, dass ihre Mutter nur einen Vorwand suchte, auf das Forum gehen und etwas kaufen zu können, zumal Lucretia noch mindestens ein Dutzend weiterer Sandalen in allen Formen und Farben in der heimischen Truhe hatte. Doch im Moment war sie froh, ihre Mutter – trotz aller Streitigkeiten, die es zwischen ihnen immer wieder gab – an ihrer Seite zu wissen und mit ihr zum Markt zu schlendern.

Als die beiden auf dem Forum ankamen, mussten sie feststellen, dass sich die Atmosphäre gegenüber ihrem letzten gemeinsamen Besuch vor einer Woche verändert hatte. Es war viel stiller als üblich, das sonst laute Stimmengewirr wirkte gedämpft, und auch die Geräusche der Tiere, die sonst aus allen Richtungen an ihre Ohren drangen, waren deutlich leiser. Das Licht der Sonne wurde von dichtem Nebel geschluckt, der vom Rhenus herübergezogen war. Wie ein grauer Schleier hatte er sich über den Marktplatz gelegt, und die Kunden, die an den Ständen vorbeiliefen, tauchten wie geisterhafte Silhouetten aus den Schwaden auf, um kurz darauf wieder in ihnen zu verschwinden. Diese Trübheit passte zur allgemeinen Katerstimmung, die nach dem einwöchigen Exzess der Floralien in der Colonia Einzug gehalten hatte. Es war kühl, und Lucretia zog ihre Palla etwas fester um den Hals. Der Nebel hinterließ Feuchtigkeit auf dem Stoff, und obwohl es nicht regnete, fühlte sich alles klamm an.

»Hier steht doch sonst immer Graecius, der Schuhmacher«, wunderte sich Cäcilia, als sie an einer Lücke zwischen zwei Ständen vorbeikamen.

»Sie haben ihn nicht reingelassen«, erklärte ein Koch, der den kleinen Essensstand links davon betrieb. Auf einem großen Holzkohlegrill brutzelten Spieße mit Gemüse, Fisch oder Fleisch.

»Warum denn nicht? Er ist doch ein anständiger Mann«, wunderte sich Cäcilia.

»Das ist dem Statthalter egal. Nur noch Bürger der Colonia dürfen die Stadt betreten, alle anderen müssen draußen bleiben. Anweisung von ganz oben«, erklärte der Koch und wedelte Luft in die glimmende Kohle, die in der feuchten Umgebung heute nicht richtig auf Temperatur kommen wollte.

Lucretia sah sich um. Tatsächlich war die Anzahl von Marktständen viel geringer als sonst, kaum die Hälfte der Handwerker und Händler, die das Forum sonst bevölkerten, hatte sich versammelt. Erstmals wurde Lucretia bewusst, wie sehr die Lebhaftigkeit der Stadt nicht nur von ihren Bewohnern selbst, sondern auch von den Nichtbürgern, den Pendlern aus dem Umland und den Reisenden aus der Ferne, abhing. Die Germanen, die Frauenhaar und Bernstein feilboten, die Gallier, die ihren Wein anpriesen, die Händler aus Italien, die das beste Olivenöl mit sich führten – sie alle fehlten, waren abgewiesen worden und hatten umkehren und ohne Einnahmen den Heimweg antreten müssen.

Mutter und Tochter gingen weiter. Lucretia fröstelte, sie war zu dünn angezogen. Nach der anstrengenden Reise in die Germania Magna wäre sie heute lieber den ganzen Tag zu Hause am warmen Herdfeuer bei den freundlichen Küchensklaven geblieben und hätte deren Geschichten gelauscht, aber sie wollte der Mutter keinen Anlass für Nachfragen geben und war daher mitgegangen.

Unter den vorbeihuschenden Gestalten entdeckte sie in einiger Entfernung die Damen Kuh und Ziege, doch anstatt wie üblich auf ein Schwätzchen herüberzukommen, grüßten die beiden nur höflich aus der Distanz, um dann mit gesenkten Köpfen weiterzueilen. Wirklich niemand schien Zeit und Muße für ein Gespräch zu haben, statt angeregter Worte wurden eher argwöhnische Blicke getauscht. Lucretia erinnerte sich daran, dass Quintus’ gesagt hatte, die Räuber hätten der Stadt nicht nur etwas genommen, sondern ihr auch etwas gegeben, nämlich Angst und Misstrauen. Er hatte recht. Beides war spürbar und wuchs nun von Tag zu Tag.

»Lass uns zumindest ein paar Forellen mitnehmen, wenn wir schon einmal hier sind«, sagte Cäcilia entschlossen, als ob ein paar Leckerbissen all ihre Sorgen vertreiben könnten. Sie näherten sich dem Fischstand einer alteingesessenen Ubierin, die in einem großen dünnwandigen Becken aus Blech ein Dutzend frisch gefangene Forellen feilbot.

»Guten Morgen, die Damen«, sagte die Verkäuferin, eine stämmige Frau mit kräftigen Armen und roten Wangen, die eine dunkle Schürze trug.

»Guten Morgen, drei Forellen bitte«, sagte Cäcilia.

»Mit Kopf oder ohne?«

»Mit.«

»Entschuppen und direkt ausnehmen?«

»Bitte.«

Die Ubierin packte eine Forelle, zerschlug ihr ungerührt den Schädel am Rand der Wanne, zückte ein dünnes, scharfes Messer und bearbeitete den Fisch mit routinierten Handgriffen.

»Habt ihr gehört? Es gab schon wieder einen Überfall«, stieg die Frau in ein Gespräch ein.

Lucretia blickte überrascht auf.

»Schon wieder? Wie furchtbar!«, entfuhr es Cäcilia. »Warum gebietet denn niemand diesen Barbaren Einhalt?«

»Mitten in der Stadt, stellt euch das vor«, setzte die Frau nach.

»Wo denn genau?«, wollte Lucretia wissen.

»Gleich beim kleinen Südtor. Der Laden eines Schmiedes, wie man hört. Er soll es nicht überlebt haben, angeblich haben ihn die Kerle aufgeschlitzt.«

Entsetzt schnappte Cäcilia nach Luft und blickte sich unsicher um. Die Fischerin hatte die erste Forelle entschuppt und schnitt ihr nun den Bauch auf. Die Gedärme des Tieres quollen heraus. Lucretia war diesen Anblick eigentlich gewöhnt, er machte ihr sonst nichts aus, aber heute war sie davon angewidert. Sie verspürte den Drang, sich zu übergeben, doch kämpfte erfolgreich dagegen an. Sie wollte mehr wissen über den neuesten Vorfall, am liebsten wäre sie gleich zum Tatort geeilt und hätte sich dort umgesehen. Doch es wäre ihr falsch vorgekommen, Quintus nicht einzuweihen. Schließlich arbeiteten sie zusammen, und er war der Erfahrenere von ihnen. Also beschloss sie, ihm so schnell wie möglich zu berichten, was sie gerade erfahren hatte. Sie wandte sich an Cäcilia: »Mutter, bitte entschuldige mich. Ich muss noch etwas erledigen.«

»Gut, aber bleib nicht zu lange weg. Und pass auf dich auf«, ermahnte Cäcilia sie eindringlich.

»Keine Sorge«, beruhigte sie Lucretia und eilte davon.

Der Weg war nicht weit, das Prätorium lag um die Ecke. Der riesige Bau wirkte bei diesem Wetter bedrohlich, und der Nebel war so dicht, dass die Dächer des Rathauses darin verschwanden. Lucretia eilte die Stufen zum Haupteingang hinauf. Es war niemand zu sehen, der sonst so belebte Verwaltungssitz schien wie ausgestorben. Kurz bevor sie die mächtige Pforte erreichte, schaute sie einer Eingebung folgend zur Seite – und blieb stehen. War das etwa Quintus, der da ein paar Fuß entfernt mit dem Rücken an eine Säule gelehnt auf dem Boden saß? Sie trat näher, und ja, er war es. Er wirkte merkwürdig abwesend und kaute auf seiner Lippe.

 

Quintus bemerkte Lucretia nicht, die sich ihm näherte. Zu sehr war er damit beschäftigt, sich selbst zu geißeln. Die Ereignisse der letzten Wochen ließen ihm keine Ruhe, und dazu verspürte er seit dem Besuch in seinem Heimatdorf eine seltsame Rastlosigkeit, ein hohles Gefühl im Magen, das er sich nicht erklären konnte. Die gedrückte Stimmung in der Stadt schien das noch zu verstärken. So sehr, dass er in seinem morgendlichen Prozess dermaßen unkonzentriert gewesen war und ihn verloren hatte. Immer wieder waren seine Gedanken abgeschweift. Zu seiner Mutter. Den brutalen Überfällen. Der Wanderung mit Lucretia. Zu dem lügenden Färber. Dem Auflauf vor dem Stadttor. Der Tätowierung. Zu der Bürgerwehr. Der plötzlichen Feindseligkeit. Dem Misstrauen. Auch wenn sein Mandant ohnehin kaum Beweise gehabt hatte, um seine Klage zu untermauern, war Quintus sich sicher, dass er mehr hätte für ihn tun können.

»Quintus?«, hörte er wie aus weiter Ferne.

Er blickte auf. Vor ihm stand Lucretia.

»Kennst du diese Tage«, hob er mit belegter Stimme an, »wo du schon beim Aufstehen weißt, dass dir nichts gelingen wird?«

»Natürlich«, antwortete Lucretia, »ich glaube, die kennt jeder.«

Er musterte sie, und seine Laune hob sich etwas. Er konnte sich daran erinnern, wie es gewesen war, in Lucretias Alter zu sein. Mit achtzehn konnte man noch viel mehr einstecken und fühlte sich, als könne einen nichts zerstören. Er kam sich vor Lucretia merkwürdig klein vor, außerdem war es unhöflich, sitzen zu bleiben. Also erhob er sich und zupfte die Falten seiner Toga zurecht.

»Ist wohl nicht gut gelaufen da drinnen?«, mutmaßte sie.

Er schüttelte den Kopf und wechselte gleich das Thema. »Hast du Ärger bekommen?«

»Nein, meine Eltern haben die Geschichte geschluckt.«

»Und was machst du hier? Wenn du deinen Vater suchst, der Stadtrat tagt heute nicht, soweit ich weiß.«

»Nein, ich wollte zu dir«, erklärte Lucretia ernst.

Sofort überfiel ihn eine düstere Vorahnung: »Sie haben wieder zugeschlagen, oder?«

Sie nickte. »Wir sollten es uns ansehen, denkst du nicht?«

Quintus wusste im Moment nicht, ob er ein guter Anwalt war. Er wusste überhaupt nicht mehr, wer er war. Aber vielleicht könnten sie diesem tristen Tag doch noch Erkenntnisse abringen. Er schöpfte Hoffnung.