25

Nach einem kurzen zügigen Fußmarsch erreichten sie genau zur Mittagsstunde den Schauplatz des Verbrechens. Der Verkaufsraum des Waffenschmieds Julius Malcho war das mittlere von drei Ladenlokalen im Erdgeschoss eines Wohnblocks am Südrand der Colonia. Quintus war überrascht. Er kannte das Gebäude. Er hatte die abgelegene kleine Ladenzeile entdeckt, als er Pola einmal vom Theater abgeholt hatte, und besorgte sich seitdem seine Schreibutensilien bei Marcus Terzio und seiner Frau Mellonia, deren Laden links an den von Malcho grenzte. Obwohl er bei Malcho noch nie etwas gekauft hatte, kannte Quintus ihn vom Sehen, man hatte sich gegrüßt.

Die Ladenzeile lag ruhig auf der südlichen Seite des Wohnblocks und ging hinaus auf den hölzernen Stadtwall, der die gesamte Colonia umgab.

Das bemerkte auch Lucretia: »Ein guter Ort für einen Überfall. Keine Nachbarn, die von gegenüber etwas beobachten können.«

»Ja, eine Art toter Winkel. Und nah am kleinen Südtor. Gut, wenn man schnell in die Stadt hinein- und wieder hinausmuss«, pflichtete er ihr bei.

Die Räuber hatten dieses Ziel klug gewählt, um das Risiko, erwischt zu werden, möglichst gering zu halten. Quintus wunderte sich, wie planvoll und ortskundig sie vorgingen.

Nichts zeugte davon, dass hier vor kurzem ein Überfall stattgefunden hatte – mit einer Ausnahme: In der geöffneten Schiebetür, die nachts den Laden verschloss, steckte ein Pfeil.

Quintus und Lucretia traten ein. Da der graue Nebel, der durch die Straßen waberte, nur wenig Licht durch den Arkadengang vor dem Haus ließ, war der Laden von zwei Öllampen beleuchtet, die an dünnen Ketten von der Decke baumelten. Das warme Licht ließ den feilgebotenen scharfen Stahl glänzen: die mandelförmigen Spitzen von Jagdspeeren und Lanzen, die in hölzernen Ständern an der Wand lehnten, und die zahllosen Klingen der Jagdmesser und Dolche verschiedenster Größen und Formen, die, von kleinen Drahtgestellen gehalten, in den Regalen ausgestellt waren. Einige besonders kostbare Dolche waren zusammen mit ihren kunstvoll verzierten Scheiden auf bunten Kissen drapiert.

Lucretia fiel neben dem Geruch von Holz ein weiterer auf, der ihr fremd war. Scharf und ölig. Er stammte von der Waffenpolitur, die Malcho verwendete, um seine Klingen blank zu halten.

Quintus bemerkte in einer Ecke des Verkaufsraumes eine junge blonde Germanin, die weinend auf einem Schemel saß. Sie wurde von zwei älteren Frauen getröstet, einer auffallend großen Nubierin, die Quintus als Mellonia, die Gattin des Schreibwarenhändlers, erkannte, und einer Greisin mit langem schlohweißem Haar, wohl ebenfalls eine Nachbarin.

»Entschuldigt, wir wollten nicht stören«, sagte Quintus.

»Es ist geschlossen. Du siehst doch, wie es Aurelia geht. Komm morgen wieder, wenn du was kaufen willst«, erwiderte die Greisin barsch.

Quintus und Lucretia kamen näher. Nun sahen sie, dass Aurelias Bauch sich kugelrund unter ihrer Tunika wölbte. Lucretia erschrak und war sehr betroffen, als sie verstand, dass dieses Kind, das bald das Licht der Welt erblickte, seinen Vater nie kennenlernen würde.

»Lass gut sein, das ist Quintus Tibur, der Anwalt«, sagte Mellonia, die ihren Stammgast erkannt hatte, zu der Alten, die daraufhin etwas freundlicher schaute.

»Salve. Es betrübt mich, dass wir uns unter so schrecklichen Umständen wiedersehen«, grüßte Quintus.

Dann wandte er sich wieder an die Geschädigte: »Ich möchte dir mein Beileid für deinen schrecklichen Verlust ausdrücken. Das hier ist Lucretia Veturius. Wir untersuchen die Überfälle der letzten Zeit«, erklärte Quintus.

»Untersuchen? Warum das denn?«, wunderte sich die Greisin. »Habt ihr nichts Besseres zu tun?«

»Zumindest aus meiner Sicht gibt es kaum etwas Besseres als Gerechtigkeit, gute Frau«, erwiderte Quintus und deutete mit dem Kopf eine höfliche Verneigung an. »Und die ist es, nach der wir hier streben.«

»Das heißt …«, meldete sich erstmals die Schwangere mit tränenerstickter Stimme zu Wort, »das heißt, ihr wollt die Kerle finden, die das hier getan haben?« Dabei deutete sie mit der Hand in den Laden.

Lucretia drehte sich um. Von hier aus konnte man die Folgen des Einbruchs besser sehen: Ein Holzregal voller Wurfspieße, wie sie in den römischen Legionen gebräuchlich waren, war umgestürzt worden, und die Speere lagen kreuz und quer auf dem Boden verteilt. Dazu bemerkte sie einen weiteren Pfeil, ähnlich dem in der Schiebetür, der in einem Regal steckte und von den Angreifern stammen musste.

»Wir setzen alles daran, dass die Täter gefunden werden, Frau Malcho. Auch ein Mitglied meiner Familie haben die Verbrecher auf dem Gewissen«, warf Lucretia ein und erntete dafür mitfühlende Blicke von den Frauen.

»Wenn ihr Rache sucht, habt ihr meine volle Unterstützung«, sagte die Frau des getöteten Schmiedes grimmig. »Zehn Denare für jeden Kopf von den Kerlen, den mir jemand bringt!«

»Wir wollen dafür sorgen, dass die Räuber für ihre Taten bezahlen«, antwortete Quintus diplomatisch, der von Rache und Kopfgeldern nicht viel hielt, aber die Unterstützung der Ladenbesitzerin brauchte.

Die Frauen sahen sich an. Quintus bemerkte eine gewisse Zurückhaltung, vielleicht, weil sie nach allem, was geschehen war, auf große germanische Männer nicht unbedingt gut zu sprechen waren, selbst wenn sie eine Toga trugen. Lucretia hatte es auch gespürt. Sie zupfte Quintus am Gewand und trat vor, um zu zeigen, dass sie die Gesprächsführung übernehmen wollte.

»Was ist denn passiert?«, fragte sie die Ladenbesitzerin einfühlsam.

»Es war kurz vor Sonnenaufgang, wir hatten noch geschlossen«, hob Aurelia an, und man merkte, dass ihr jedes Wort schwerfiel.

Quintus überschlug, dass sich der Überfall demnach vor sechs oder sieben Stunden ereignet haben musste.

Aurelia fuhr fort: »Wir leben in der Wohnung direkt über dem Laden. Julius und ich, wir haben noch geschlafen. Aber dann haben uns Geräusche von unten aus dem Geschäft aufgeweckt. Schritte. Und Metall, das aufeinanderschlug. Julius ist sofort aufgestanden und die Treppe runter, um nachzusehen. Dann habe ich ihn schreien gehört, und es war plötzlich ein Tumult zu hören. Ich hatte solche Angst. Aber schließlich habe ich mir einen Ruck gegeben.« Sie musste eine Pause machen, um tief durchzuatmen. »Und unten«, fuhr sie mit zitternder Stimme fort, »da war alles durcheinander, und dazwischen … lag mein Liebster am Boden. Reglos. Ich dachte, mein Herz bleibt stehen.« Sie starrte ins Leere, und ihr Atem bebte, während sie den schrecklichen Moment noch einmal durchlebte. Dann wimmerte sie: »Sie … sie haben ihn ermordet. Warum tun Menschen so etwas?« Sie zitterte am ganzen Körper. Lucretia legte mitfühlend ihre Hand auf die der Frau. Nach einigen Momenten konnte sie fortfahren: »Die Tür zum Laden stand offen, die hatten sie wohl aufgebrochen. Aber von den Kerlen war nichts mehr zu sehen.«

Lucretia wandte sich an die beiden anderen Frauen: »Habt ihr auch etwas gehört?«

»Ich habe die Kerle zufällig aus dem Fenster gesehen, als sie sich davongemacht haben«, erklärte Mellonia. »Sie waren mit Säcken voller Waffen bepackt und sind den Stadtwall entlang Richtung Stadttor gerannt. Da habe ich losgeschrien: ›Überfall, Überfall!‹«

»Das kann ich bestätigen, Mellonias Rufe waren so laut, dass die halbe Stadt sie gehört haben muss«, sagte die Greisin und ergänzte: »Ich wusste, es musste etwas Schlimmes passiert sein. Da habe ich meinen Enkel losgeschickt, damit er zur Feuerwehr läuft und Hilfe holt. Aber als die Vigiles ankamen, gab es schon keine Spur mehr von diesen Unmenschen.«

»Wie sahen sie aus?«, wollte Lucretia wissen.

»Wie Germanen eben so aussehen. Groß. In Felle gekleidet. Und ihre Gesichter waren mit bunten Mustern bemalt«, sagte Mellonia.

Lucretia erinnerte sich: »Bei früheren Überfällen haben die Räuber großen Radau gemacht und ihre Opfer mit Tierlauten eingeschüchtert.«

Mellonia schüttelte den Kopf. »Nein, sie waren ganz still. Wenn sie miteinander geredet haben, dann haben sie nur geflüstert.«

»Hatten die Räuber Bögen dabei? In der Pforte steckt ein Pfeil«, fragte Lucretia.

»Das weiß ich nicht. Ich habe zumindest keinen gesehen.«

Während Quintus dem Gespräch der Frauen genau zuhörte, sah er sich im Laden um. Ihm fielen merkwürdige, kleine runde Objekte auf, die in einer Ecke zu Dutzenden lagen. Er kniete sich hin und hob eines davon auf. Es war schwer, wahrscheinlich aus Blei, eher elliptisch als kreisrund, keine halbe Handbreit lang, mit zulaufenden Enden. Quintus konnte sich zuerst keinen Reim darauf machen, was es darstellte und warum es in einem Waffenladen verkauft wurde, aber als er aufblickte, wurde es ihm klar. In einem gusseisernen Gestell vor ihm hingen mehrere Lederriemen, etwa drei Fuß lang, mit einer Ausbuchtung in der Mitte. Schleudern. Eine Waffe, die eher im Süden gebräuchlich war – und die olivenförmigen Bleigewichte waren die dazugehörige Munition. Die Einbrecher hatten die Holzkiste, in der sie sich befunden hatte, anscheinend mit Absicht auf dem Boden ausgeleert. Sie hatten an dieser Art von Waffe offenbar kein Interesse gehabt, ebenso wenig wie an den Legionärsspeeren. Vielleicht wollten die Germanen ein Zeichen setzen und ihre Abscheu vor allem Fremdländischen kundtun. Die Räuber waren wählerisch gewesen. Selbst die meisten der kostbaren Dolche, deren Verzierungen mit Gold und Perlen von enormem Wert waren, hatten sie verschmäht, und das wunderte Quintus sehr. Warum hatten sie sich einen solchen Fang entgehen lassen? Etwas stimmte nicht mit diesem Bild, aber er wusste nicht genau, was. Er stand auf und wandte sich den Frauen zu.

»Weißt du, was gestohlen wurde?«, fragte er Aurelia. »Worauf hatten es die Unholde abgesehen?«

»Nicht auf Geld, dann wären sie wohl hoch in unsere Wohnung gestürmt«, wurde sich Aurelia bewusst, und man sah, dass die Erkenntnis sie selbst verwunderte.

»Also wollten sie einzig und allein die Waffen«, ergänzte Quintus.

Die Geschädigte nickte: »Vor allem Schwerter. Die haben sie alle mitgenommen, sowohl die kurzen, wie die Legionäre sie tragen, als auch die längeren für die Kavallerie.«

Lucretia und Quintus sahen sich an. Es arbeitete in ihnen, und sie versuchten, sich einen Reim darauf zu machen.

»Ich weiß, es ist ein ungewöhnlicher Wunsch, und ich kann verstehen, wenn du ihn uns verweigern würdest, aber dürften wir deinen Mann einmal kurz in Augenschein nehmen?«

»Wozu das denn?«, wunderte sich die Greisin.

»Vielleicht haben die Räuber Spuren an seinem Körper hinterlassen, die uns weiterhelfen«, antwortete Quintus.

»Ich glaube, ich muss zurück an die Arbeit«, sagte Mellonia, der es ein bisschen unheimlich wurde. Sie strich ihrer Nachbarin noch einmal tröstend über die Schulter.

»Ich komme mit dir, Mellonia«, sagte die Ältere, und fügte, an Aurelia gewandt, hinzu: »Du bist ja in guten Händen, Liebes. Wenn du etwas brauchst, weißt du, wo du uns findest.«

»Danke«, flüsterte die und wischte sich ein paar Tränen von der Wange. Dann erhob sie sich langsam, und man sah, wie schwer sie an ihrem schwangeren Bauch trug. Sie gab Quintus und Lucretia ein Zeichen und stapfte die enge hölzerne Treppe hinauf. Quintus und Lucretia folgten ihr in respektvollem Abstand.

 

Die Wohnung der Malchos war zwar kaum größer als die von Quintus und Pola, dafür jedoch viel luxuriöser eingerichtet. Die Möbel waren von erlesener Güte, und die Wandmalereien hätten eher in eine Villa der Oberschicht gepasst. Julius Malcho, ein ehemaliger Soldat der Hilfstruppen, hatte es durch ausdauernde, harte Arbeit zu etwas gebracht.

Aurelia führte die beiden ins Schlafzimmer. Dort lag ihr Mann im Ehebett aufgebahrt, bis zum Kinn von einem Laken verdeckt. Es sah beinahe so aus, als würde er schlafen. Aurelia starrte ihn an, als würde ein Teil von ihr immer noch nicht glauben, dass er tot war.

»Ich kann ihn doch nicht einfach auf den Boden legen«, sagte sie. Plötzlich sackte sie in sich zusammen, offenbar hatte sie das Bewusstsein verloren. Quintus reagierte schnell und fing sie auf. Lucretia lief geistesgegenwärtig los, und holte einen Stuhl aus dem Wohnzimmer.

Quintus setzte die Witwe vorsichtig darauf. Langsam kam Aurelia wieder zu sich.

»Was haben sie nur mit meinem Julius gemacht«, flüsterte sie. Lucretia blieb an ihrer Seite und hielt tröstend ihre Hand, während Quintus den Toten betrachtete.

Julius war ein Mann von Mitte vierzig gewesen, gut aussehend, mit gebräunter Haut und schwarzen Locken. Dass der gebürtige Syrer, der das Schmiedehandwerk wie so viele seiner Zunft bei der Armee erlernt hatte, das verdiente Geld zu Lebzeiten nicht nur in teure Möbel, sondern auch in viel Wein und Essen investiert hatte, erkannte man an seiner enormen Leibesfülle. Es musste die Vigiles einiges an Schweiß gekostet haben, den Toten in den ersten Stock zu hieven.

Quintus lugte vorsichtig unter das Laken und stutzte. Nach allem, was ihm zu Ohren gekommen war, hatte er einen furchtbaren Anblick erwartet, doch der Mann schien unversehrt. Vorsichtig entfernte er das Laken und inspizierte den Leichnam. Er begutachtete seinen Schädel, drehte den Körper sogar unter Anstrengung leicht auf die Seite, um seinen Rücken zu sehen, doch nichts. Der Tote wies keinerlei Anzeichen von Gewalteinwirkung auf. Keine klaffende Stichwunde, keine einzige Platzwunde von einem Keulenhieb, kein Blut. Bevor Quintus diese Information verarbeiten konnte, begann Aurelia plötzlich, schwer zu atmen, Schweiß stand ihr auf der Stirn. Lucretia und Quintus blickten sich alarmiert an.

Aurelia stöhnte laut auf und ein Schwall von klarer Flüssigkeit und Blut ergoss sich über den Boden. Lucretia und Quintus hatten beide nicht zum ersten Mal mit einer Schwangeren zu tun und verstanden sofort: Die Wehen hatten eingesetzt. Wahrscheinlich durch die Aufregung.

»Aurelia, dein Kind kommt!«, versuchte Lucretia, so zuversichtlich wie möglich zu klingen, was ihr jedoch nur mäßig gelang. Die werdende Mutter befeuchtete mit ihrer Zunge die trockenen Lippen und stammelte dann: »Zu … früh.«

»Kannst du aufstehen?«

Aurelia nickte. Lucretia half ihr vom Stuhl auf und wollte sie zum Bett führen. Doch schon beim ersten Schritt schrie Aurelia wieder vor Schmerzen auf und sackte zu Boden. Quintus eilte herbei, und zusammen mit Lucretia bugsierte er die stöhnende Frau auf das Bett. Dabei bemerkte er weiteres Blut, das an ihren Beinen herabrann.

Lucretia schob Aurelia ein Kissen unter den Kopf, damit sie es bequemer hatte, und zog dann Quintus beiseite.

»Da stimmt etwas nicht«, flüsterte sie hektisch.

»Was meinst du?« fragte er.

»Es geht zu schnell, die Krämpfe«, erklärte Lucretia, »am Anfang sollten sie … in größeren Abständen kommen. Und das Blut … Wir müssen etwas tun!«

»Ich kenne einen Medicus, der gleich um die Ecke wohnt«, antwortete Quintus und wollte schon zur Treppe eilen, als Aurelia erneut einen markerschütternden Schrei ausstieß.

»Cordia«, stöhnte sie, und versuchte, sich halb aufzurichten. Lucretia und Quintus hielten verwirrt inne.

»Cordia! Die Hebamme!«, presste die junge Frau erneut hervor und schaute die beiden durchdringend an. «Ich vertraue … nur ihr!«

Quintus und Lucretia sahen sich zweifelnd an. Doch etwas mussten sie tun. Und zwar schnell.

»Wo finden wir diese Cordia?«, fragte Lucretia entschlossen.

Der Tag hatte mit dem Verlust des Vaters begonnen, und Lucretia würde alles dafür tun, dass er nicht auch noch mit dem von Mutter und Kind endete.