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Lucretia spürte einen stechenden Schmerz unter ihren Rippen, und zu allem Überfluss hatte es auch noch angefangen zu nieseln. Rennend folgte sie Aurelias Wegbeschreibung: Richtung Theater an der Mauer entlang zum kleinen Südtor, auf der Via Agrippa nach Südwesten Richtung Tolbiacum bis zur großen Eiche, nach rechts über das Gräberfeld, und dahinter würde sie dann einen Trampelpfad finden.

Schwer atmend erreichte sie den alten Baum, der groß und knorrig wie ein mächtiges Monument aus dem Nebel ragte. Lucretia war auf ihrem ganzen Weg keiner Menschenseele begegnet – und das, obwohl die breite gepflasterte Straße eine der Hauptverkehrsadern der Region war. Normalerweise war die Agrippastraße, auf der man nach Südgallien und zum Mittelmeer gelangte, voll mit Wagen, Wanderern und berittenen Boten, aber heute schienen alle zu Hause geblieben zu sein. Lucretia blieb kurz stehen, um zu verschnaufen, und wandte ihren Kopf nach Westen, wohin sie ihr Weg nun führen würde. Das Einzige, was sie sah, waren Grabsteine. Entlang jeder der Überlandstraßen, die jenseits der Stadttore begannen, gab es diese Friedhöfe. In der ersten Reihe, dicht an der Straße, befanden sich die prunkvoll gemeißelten, oft bis zu zehn Fuß hohen Grabmale der Reichen, die Statuen der Verstorbenen und lange Inschriften aufwiesen, die das Leben des Toten nacherzählten. Die Grabmale waren bunt bemalt, wobei die Farben für die Statuen so gewählt war, dass sie dem Aussehen des dargestellten Verstorbenen möglichst nahe kamen. Lucretia zögerte, das Gräberfeld zu durchqueren. Es war ihr unheimlich, und ein beklemmendes Gefühl kroch in ihr hoch.

Doch Aurelia brauchte sie, also gab sie sich einen Ruck und eilte zwischen den Grabmalen hindurch. Böse Geister gingen nur nachts um, sprach sie sich Mut zu, wenn es sie überhaupt gab. Aus dem Nebel vor ihr tauchten nun die Grabsteine der zweiten Reihe auf. Sie gehörten mittelständischen Bürgern und waren etwas kleiner und schlichter gestaltet als die der Reichen. Im oberen Teil befand sich meist ein Relief, an dem man die berufliche Tätigkeit des Verstorbenen ablesen konnte. Auf einem Stein sah Lucretia zwei kämpfende Gladiatoren, auf einem anderen einen Offizier, der an seinem mit Orden verzierten Brustpanzer erkennbar war. Darunter befand sich eine gemeißelte Inschrift, die zur besseren Lesbarkeit mit scharlachroter Farbe nachgezogen war.

Plötzlich ertönte ein gespenstisches Krächzen. Lucretia zuckte zusammen. Doch es kam nur von einem Raubvogel, der auf einem der Grabsteine gesessen hatte und nun davonflog, weil er sich gestört fühlte.

Lucretias Blick streifte hektisch umher, sie suchte nach dem beschriebenen Pfad, der sie an ihr Ziel führen sollte, aber fand ihn nicht. Schnell schritt sie die Gräber ab und gelangte dabei in die hintere Reihe, wo sich die Gräber der Ärmsten befanden. Deren Zahl war sehr viel größer als die der Mächtigen, umso bescheidener jedoch fiel ihre Gestaltung aus. Meist handelte es sich um einfache, glatte Platten aus billigem Sandstein, und die oft schon verblichenen Inschriften waren bloß mit Farbe aufgemalt statt eingraviert.

Da, endlich ein brauner Streifen im grünen Gras. Lucretia ließ das Gräberfeld hinter sich, das einer wilden Wiese Platz machte. Der Trampelpfad schlängelte sich weiter in den Nebel hinein, und Lucretia folgte ihm. Hohe Gräser streiften ihre Beine. Plötzlich tauchte aus dem Nebel vor ihr ein gewaltiger steinerner Bogen auf. Er war Teil des Aquäduktes, jener hoch aufragenden brückenartigen Leitung, die das Wasser für die Stadt über Hunderte Meilen herantransportierte. Der Pfad führte genau zwischen zweien der mächtigen Stützpfeiler hindurch.

Lucretia eilte weiter. Hoffentlich reichte die Zeit noch, es ging um jede Minute. Um sie herum waren nur noch das Grün der Wiese und der Nebel, den sie mit jedem Atemzug einsog. Nieselregen hatte sich in ihrem Haar gesammelt und tropfte ihr in die Stirn, aber das merkte sie kaum. Sie konnte nur an Aurelia und ihr ungeborenes Kind denken.

Plötzlich meinte sie, ein schwaches Licht in der grauen Wand vor sich wahrzunehmen. Tatsächlich, da waren zwei gelbe Punkte, die sie wie die Augen eines wilden Tieres aus der grauen Nässe anstarrten. Das Licht fiel aus den zwei Fensteröffnungen einer windschiefen Holzhütte, die am Rande eines kleinen, von Bäumen gesäumten Sees stand, der sich nun langsam aus dem Nebel schälte. Die Hütte war aus groben Balken gezimmert und mit Schilf gedeckt. Aus dem Schornstein auf der Spitze, einem alten Bleirohr, wie es Handwerker für das Verlegen von Wasserleitungen benutzten, drang Rauch. Das musste Cordias Heimstatt sein.

»Hallo, ist hier jemand?«, rief Lucretia unsicher und noch außer Atem. Vorsichtig umrundete sie die Hütte. Konnte sie der Frau, von der sie bisher nur den Namen kannte, wirklich vertrauen? Hebamme hin oder her, wer lebte schon freiwillig allein in solcher Abgeschiedenheit, wenn die Stadt mit ihren fortschrittlichen Verheißungen doch so nah war?

»Ist jemand zu Hause?«, rief Lucretia, als sie auf ihre erste Frage keine Antwort bekommen hatte. Doch auch jetzt blieb alles totenstill. Nur das ferne Quaken einer Ente, gedämpft durch den Nebel, drang vom See herüber.

Lucretia entdeckte eine aus hellen Brettern gezimmerte Tür auf der Rückseite der Hütte. Sie war halb geöffnet, beinahe wie eine Einladung ragte sie zwischen dem sattgrünen Efeu hervor, der diese Seite der Behausung bedeckte. Lucretia zog die Tür behutsam etwas weiter auf, wobei die rostigen Scharniere ein leises Quietschen von sich gaben. Sie klopfte höflich gegen das Holz, horchte einen Moment, aber eine Reaktion blieb aus.

»Entschuldigung! Cordia? Ich bin Lucretia Veturius. Es ist wichtig«, erklärte sie mit fester Stimme, aus der sie ihre Anspannung jedoch nicht ganz verbannen konnte. Irgendwie war ihr der Ort unheimlich.

Wieder keine Antwort. In Lucretia begann Panik aufzusteigen. Was, wenn Cordia gar nicht hier war? Wenn sie sie nicht finden würde? Das wollte sie sich lieber nicht ausmalen. Sie holte tief Luft und trat ein. Die Hütte war von innen geräumiger, als sie von außen wirkte. Lucretia konnte niemanden sehen. In der Mitte des Raumes befand sich eine von Steinen umgebene Feuerstelle. Drei geschälte Stöcke bildeten darüber einen Ständer, an dem von einer Kette ein verbeulter Bronzekessel hing. Dieser war leer, aber in der Feuerstelle lagen rot schwelende Kohlen. Neben dem Geruch des Feuers nahm Lucretia auch den Duft von Kräutern wahr. Er stammte von dicken Bündeln teils frischer, teils getrockneter Pflanzen, die mit Fäden an den Balken unter der Decke befestigt waren. In einer Ecke befand sich ein schmales Bett, das selbst gezimmert wirkte, daneben ein Tisch, auf dem allerlei Messer, Löffel und merkwürdige metallene Instrumente lagen, die Lucretia nicht einzuordnen wusste. Die Wände waren mit grob gezimmerten Regalen bestückt, deren Böden recht schief waren und deren Holz teilweise noch Reste von Rinde aufwies. Auf Lucretia wirkte es rückständig, jeder römische Möbelbauer hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Doch die Besitzerin wollte es offenbar genau so. In den Regalen standen staubige Fläschchen mit Tinkturen, aber auch kleine Kästen. Diese erweckten Lucretias Neugier. Sie trat an eines der Regale und zog vorsichtig ein Holzkästchen hervor. Als sie hineinspähte, verzog sie angewidert das Gesicht. Dutzende Schädel von kleinen Waldtieren lagen darin, Überreste eines Eichhörnchens, eines Fuchses … Warum sammelte jemand so etwas?

»Wie kann ich dir helfen?«, ertönte eine Stimme, die nur wenig einladend klang.

Lucretia fuhr herum, und vor ihr stand eine Frau. Wo kam sie plötzlich her?

Lucretia machte einen erschrockenen Schritt rückwärts.

»Ich, äh …«, stammelte sie und musste sich erst mal sammeln.

»Irgendeine Hilfe wirst du brauchen. Nur die Verzweifelten klopfen an Cordias Tür«, stellte die Frau fest.

Lucretia konnte sie nun im Schein der glühenden Kohlen genauer betrachten. Cordia war eine großgewachsene Germanin Ende vierzig. Ihr ebenmäßiges Gesicht mit einer feinen Knochenstruktur und einem fast männlich wirkenden kantigen Kinn wurde von langen, silbern glänzenden Haaren eingerahmt, die bis zu den Hüften reichten und gut gepflegt waren. Ihre Haut war gebräunt, sie musste viel Zeit in der Natur verbringen, und doch hatte sie weniger Falten als die meisten Frauen ihres Alters. Eine feine Schicht Talg und Ruß bedeckte ihr Gesicht und verlieh ihm einen fast metallischen Schimmer, ihre trübblauen Augen strahlten eine tiefe Melancholie aus. Cordia trug ein Hemd und eine Hose aus dunkelroter Wolle, recht eng anliegend, was ihren schlanken Körper betonte. Um die Schultern hatte sie einen Pelzumhang gelegt, der fast bis zum Boden reichte und dessen einzelne Teile in Wolfstatzen endeten. An ihren sehnigen Armen, die sie auffordernd in die Hüften gestemmt hatte, klimperten Armringe aus Bronze und Silber, verziert mit fremdartigen Zeichen, und um ihren Hals trug sie eine Kette aus Bernstein. Lucretia spürte sofort, dass diese Frau viel mehr war als eine Hebamme. Sie hatte etwas Kämpferisches, Unerbittliches an sich und strahlte doch große Einfühlsamkeit aus. Lucretia war beeindruckt, Cordias Erscheinung flößte ihr Respekt ein.

Gerade als sie zum Reden ansetzen wollte, machte Cordia eine dramatische Handbewegung.

»Lass mich raten, schönes Blümchen«, sagte sie mit rauer Stimme. »Du bist bei einem hübschen Kerl schwach geworden, er hat seinen Samen in dich gelegt, aber der ist gerade das Letzte, das du gebrauchen kannst.«

»Nein, ich komme aus der Stadt …«, hob Lucretia an. »Woher sonst?«

»… von Aurelia Malcho …«, präzisierte Lucretia.

»Sag nichts!«, unterbrach sie Cordia erneut, machte eine mysteriöse Handbewegung und murmelte: »Sie hat wieder Blasenbeschwerden. Sie braucht meinen Tee.«

»Nein, es ist … Jetzt hör mir zu. Sie stirbt!«, rief Lucretia verzweifelt.

Cordia wurde schlagartig ernst.

»Was ist passiert?«, fragte sie, während sie Lucretia genau musterte. Diese fühlte sich von den Blicken der älteren Frau regelrecht durchbohrt.

»Es ist ihr Ungeborenes. Sie blutet und hat schreckliche Schmerzen.«

»Gut, dass du gekommen bist.« Zum ersten Mal lächelte Cordia Lucretia kurz an – und offenbarte ein lückenhaftes Gebiss, das in einem herben Kontrast zu ihrem schönen Gesicht stand. Dann begann sie, Werkzeuge in eine Ledertasche zu packen. Lucretia sah ihr dabei zu. Sie wusste nicht, wozu sie dienten, und fragte sich, wer Cordia wohl den Umgang damit beigebracht hatte.

»Ich habe alles von meiner Mutter gelernt. Wir wohnten in einem Turm, an einem Fluss«, murmelte Cordia, die kurz in Erinnerungen versunken schien.

Lucretia stockte der Atem. Sie hatte ihre Frage doch nicht laut ausgesprochen! Konnte die Frau etwa Gedanken lesen? Oder war es reiner Zufall, dass sie das gerade jetzt erwähnte?

»Du hast selbst noch keine Kinder«, stellte Cordia fest. Mit schlafwandlerischer Sicherheit fischte sie einige Kräuter und Tinkturen aus den übervollen Regalen und warf sie in die Tasche.

»Woher willst du das wissen?«, fragte Lucretia, etwas pikiert über solch intime Unterstellungen.

»Ich weiß mit einem Blick, ob jemand noch Jungfrau ist. Das ist mein Geschäft, Kindchen«, erklärte Cordia und fügte etwas versöhnlicher hinzu: »Und ich sehe dir an, dass du nichts von dem tust, was andere sagen, ohne es zu hinterfragen. Du hast deinen eigenen Kopf. Und du bist mutig. Die meisten aus der Colonia trauen sich nicht her. Die wenigen, die es tun, schlottern vor Angst. Angst vor den Toten vorn an der Straße, obwohl sie die Lebenden mehr fürchten sollten. Angst vor der Natur hier draußen, die sie nicht beherrschen können und deren Teil sie doch sind. Und Angst vor … mir!«

Mit dem letzten Wort drehte Cordia ruckartig ihren Kopf zu Lucretia und riss bedrohlich ihre Augen auf wie eine Eule. Als sie merkte, dass ihr junger Gast sich von der Grimasse nicht aus dem Konzept bringen ließ, lachte sie kurz, aber laut und herzlich.

»Es braucht schon mehr als einen ausgebleichten Hamsterschädel, um mich das Fürchten zu lehren«, entgegnete Lucretia bemüht forsch. Cordia amüsierte das offenbar, sie lachte erneut. Lucretia wurde nicht schlau aus der Fremden. Sie hatte zugleich etwas Ungehobeltes und Feinfühliges. Irgendwie war sie Lucretia dennoch sympathisch.

Die Hebamme hatte alles, was sie brauchte, eingepackt und warf den Riemen ihrer Tasche über die Schultern. Mit großen Schritten eilte sie zur Tür. Lucretia stand jedoch wie angewurzelt da. Die Frau, diese Hütte, die Umgebung, es kam ihr fast vor, als sei sie in einer anderen Welt oder in einem Traum.

»He, Mädchen. Worauf wartest du?«, rief Cordia und schnippte fordernd mit den Fingern. Da kam Bewegung in Lucretias Körper. Sie eilte aus der Hütte, und Cordia drückte mit einem Ruck die widerspenstige Tür zu.